E-Book, Deutsch, 115 Seiten
Hartmann Die Mystik in Goethes Faust
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7565-5313-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Betrachtung
E-Book, Deutsch, 115 Seiten
ISBN: 978-3-7565-5313-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
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Franz Hartmann (* 22. November 1838 in Donauwörth, Bayern; ? 7. August 1912 in Kempten (Allgäu)) war ein deutscher Theosoph, Freimaurer, Rosenkreuzer und Autor von esoterischen Werken.
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I. Faust
Schon vor Jahrtausenden haben die ario-indischen Weisen gelehrt, die erste Bedingung zur vollkommenen Erkenntnis „Der Wahrheit“ sei die Fähigkeit, das Dauernde vom Nichtdauernden zu unterscheiden. »Nitya Anitya Vastu Viveka!« ruft Shankaracharya, und der deutsche Mystiker Thomas von Kempen spricht das Gleiche aus, wenn er sagt: »O käme der gekreuzigte Jesus in unser Herz, wie schnell und gründlich würde dann die Gelehrsamkeit unser Eigentum werden«. Diese Lehre wird aber nur von den wenigsten verstanden; am allerwenigsten von denen, die bereits gelehrt sind — oder es zu sein glauben —, weil sie das Dauernde, nämlich Jesus den Gottmenschen, der in ihrem Körper gekreuzigt ist, nicht kennen und auch nicht wissen, dass er ihr eigenes wahres und ewiges Selbst ist.
Die ganze Tragödie „Faust“ stellt dieses Ringen des Menschen nach wahrer Erkenntnis dar. Der Mensch sucht im Nichtdauernden und Vergänglichen nach dem, was dauernd oder ewig ist; er kann es nicht finden, weil nur das, was in ihm selber ewig ist, das Ewige erkennen kann; er sucht nach Der Wahrheit in äußeren Dingen und findet sie nicht, weil die Erkenntnis Der Wahrheit nur im eigenen Inneren zu erlangen ist, da alles Äußere nur Schein oder Gleichnis ist. Er sucht nach sich selbst in der Ferne und kann sich doch nur in sich selber finden. Wohl hat er eine Empfindung des Unendlichen in sich, aber er ist sich ihrer nur halb bewusst; er sucht das Unendliche mit seinem himmelstürmenden Intellekte zu fassen, aber es entflieht ihm, weil das Beschränkte die Unendlichkeit nicht in sich fassen kann. Mephistopheles gibt eine vorzügliche Schilderung des Menschen auf Erden, der auf verkehrte Weise nach Wahrheit sucht:
»Ihn treibt die Gärung in die Ferne;
er ist sich seiner Tollheit halb bewusst.
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
und von der Erde jede höchste Lust,
und alle Näh’ und alle Ferne
befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.«
Diese Sehnsucht nach dem Unbekannten, dem Ewigen, die in der Brust eines jeden unverdorbenen d. h. nicht im Sumpfe des Materialismus versunkenen Menschen wohnt, ist aber gerade ein Beweis, dass in ihm selbst dieses Ewige und Unsterbliche wohnt, weil alle Anziehung durch die Einwirkung von Gleichem auf Gleiches entspringt, das Unsterbliche aber ihn nicht anziehen könnte, wenn nicht in ihm selbst Unsterbliches wäre. Intellektuell ist es allerdings nicht zu begreifen, weil der irdische Menschenverstand ebenfalls vergänglich ist.
So finden wir den Menschen in seinem Hirnkasten beschäftigt als „Faust“ in seiner engen Studierkammer, umgeben von Gelehrtenkram, Hirngespinsten und Wissensqualm, vergebens das Eine suchend, das allein des Wissens wert ist: nämlich Die Wahrheit. Nicht dass seine eigene Bildung nicht hinreichend wäre, nicht dass ein anderer, der noch gelehrter ist, es vielleicht besser verstünde; denn er hat den Gipfelpunkt alles irdischen Wissens erreicht, er hat Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie studiert; ihn plagen keine Skrupel noch Zweifel, er ist ja
»gescheiter als alle die Laffen
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfeifen …«
sondern er ist unzufrieden mit sich selber und mit der Welt, weil in dieser Erscheinungswelt alles nur Schein und Täuschung, Die Wahrheit aber nicht zu finden ist, er kann mit all seinem mühevollen Suchen in äußerlichen Dingen nicht erkennen,
»was die Welt
im Innersten zusammenhält.«
Er ermangelt nicht des äußerlichen Wissens, wohl aber der innerlichen Erleuchtung, die kein Menschenwerk ist, sondern nur dann eintreten kann, wenn Die Wahrheit im Inneren des Menschen, der frei vom Wahne des Sonderseins geworden ist, sich in ihrem eigenen Licht offenbart. Man könnte alles irdische Wissen als „Anthroposophie“ bezeichnen, selbst wenn es sich auf Metaphysik und übersinnliche Dinge bezieht; die höhere und wahre Erkenntnis dagegen wird in der Bibel (I. Korinth. II, 7) Theosophia, d. h. Gottes-Erkenntnis genannt und hat nichts mit angelernter Theologie oder spekulativer Philosophie zu schaffen. Sie ist die Offenbarung „Der Wahrheit“, das Endziel des menschlichen Daseins, die Weisheit, von der Tauler sagt: »Wer Gott (Die Wahrheit) zu sehen begehrt, der muss ein (über allen Selbstwahn und Eigendünkel) hocherhabener Stern sein; er muss alle irdischen und vergänglichen Dinge meiden und vom Heiligen Geist (dem Geiste „Der Wahrheit“) erleuchtet sein, sonst kann er zur Anschauung und Betrachtung der himmlischen Dinge nicht gelangen«, und der Ketzer Michael de Molinos drückt sich noch deutlicher aus: »Gebe Gott, dass wir in nichts anderem nach wahrer Weisheit suchen, als in Jesus Christus (in uns), und dass wir in ihm und durch ihn allein zur Vollkommenheit gelangene.1
Die Seele Fäustens ist noch nicht vom Wahn der Eigenheit frei geworden, und deshalb kann er das nicht begreifen. Er hält, gleich Millionen seiner Kollegen, die Persönlichkeit des Menschen für etwas Wesentliches, und deshalb möchte er selbst persönlich wissen, persönlich ergreifen, besitzen und haben. Das Versinken des aus der eigenen Vorstellung entsprungenen Ich im Nichts, sowie die hierdurch bedingte Freiheit des Geistes, ist ihm unfassbar, und da er in der materiellen Welt das, was er sucht, nicht finden, und sich auch nicht in die Welt des Geistes intellektuell erheben kann, so wendet er sich an die Magie mit der Frage,
»ob mir durch Geistes Kraft und Mund
nicht manch Geheimnis würde kund.«
Aber selbst wenn ein Engel vom Himmel herunterstiege und uns verkünden würde, wie es in den höchsten geistigen Regionen aussieht, so würden wir doch nicht wissen, ob das, was er sagt, auch wahr sei, und könnten es auch nicht begreifen, sondern uns höchstens irgendeine Vorstellung davon machen. Alles, was man nur vom Hörensagen weiß, ist die wahre Erkenntnis; denn die erlangt man nur dadurch, dass man des zu Erkennenden selber innewird, es selbst erfährt, erlebt und erkennt. Wer himmlische Dinge erkennen will, der muss in seinem eigenen Herzen dem Himmel Eingang verschaffen. Dann erst erkennt er, was der Weise spricht:
»Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf! bade Schüler, unverdrossen
die ird’sche Brust im Morgenrot.«
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen, aber durch ihre objektive Betrachtung gelangt man noch nicht zum Ziel. Wir können uns vielleicht eine Vorstellung davon machen, wie es im Makrokosmus aussieht, auch
»wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen«
kommen aber damit dem Urquell des Daseins, der in uns selber ist, nicht näher; die Betrachtung allein führt nur ein Schauspiel vor Augen, das doch nichts weiter als ein Schauspiel ist.
»Welch Schauspiel! Aber ach, ein Schauspiel nur!« …
Das Ideale bleibt immer nur ein Ideal, solange es nicht in uns selbst verwirklicht ist. Die Betrachtung der Naturkräfte enthüllt noch lange nicht den Geist, der sie bewegt. Ehe wir die Geheimnisse des Weltalls erfassen zu wollen uns vermessen, haben wir erst unseren eigenen Geist, den Geist des Mikrokosmus, kennenzulernen. Faust schlägt unwillig das Blatt um und erblick das, Zeichen des Erdgeistes.
»Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!
Du, Geist der Erde, bist mir näher.«
Faust hat den Geist der Menschheit angerufen und bildet sich in seinem Eigendünkel ein, mit ihm auf gleicher Stufe zu stehen; aber wie sich ihm die wahre Menschennatur enthüllt, erschrickt er vor ihrer Größe; er erträgt ihren Anblick nicht und, ergriffen vom Gefühle seiner Nichtigkeit, entsetzt er sich vor sich selbst.
»Welch erbärmlich Grauen
fasst, Übermenschen, dich! Wo ist der Seele Ruf?
Wo ist die Brust, die eine Welt sich schuf
und trug und hegte, die mit Freudebeben.
erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben?
Wo bist du, Faust, des Stimme mir erklang,
der sich an mich mit allen Kräften drang?
Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
in allen Lebenstiefen zittert,
ein furchtsam weggekrümmter Wurml« …
Noch einmal bäumt sich Faustens Ehrgeiz auf; er bildet sich ein, als Mensch vollkommen zu sein.
»Soll ich dir, Flammenbildung weichen?
Ich bin’s, bin Faust, bin deines gleichen!«
Aber seine höhere Natur weist ihn zurecht;
Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!«
Da stürzt Faust im Gefühl seines eigenen Nichts zusammen. Er hatte sich eingebildet, ein Ebenbild der Gottheit zu sein und findet, dass er noch nicht einmal in Wahrheit ein Mensch geworden ist. Wie könnte auch der die Größe Gottes fassen, der noch nicht einmal die Menschheit in ihrer wahren Größe schaut? Faust ist vernichtet, aber diese Erkenntnis des eigenen Nichtsseins ist sein »schönstes Glück«; denn 'er hat: dadurch erkannt, dass es etwas Höheres gibt als das persönliche Selbst; er hat gelernt, das Dauernde im Nichtdauernden zu empfinden.
Es folgt die Szene, in der Faust durch Wagner in seiner Meditation unterbrochen und wieder aus der Betrachtung des Idealen, das im Grunde genommen das einzig Reale ist, in diese Welt des Scheines und der Täuschung herabgezogen wird. Mit Recht sagt H. P. B. In der „Geheimlehre“: »Moderne Wissenschaft ist verzerrtes altes Denken und nichts weitere.2 Es ist da von keiner Selbsterkenntnis die Rede; ja nur selten begreift ein „Gelehrter“, was man unter dem Worte Selbsterkenntnis versteht. Schon der Ausdruck „Gelehrter" bedeutet einen Menschen, der nur das weiß, was ihm von anderen gelehrt und beigebracht worden ist, der aber nichts aus sich selber weiß. Da ist jedes...




