E-Book, Deutsch, 380 Seiten
Heinesen Noatun
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-945370-58-2
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 380 Seiten
ISBN: 978-3-945370-58-2
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
William Heinesen (1900-1991) wird in der färöischen Hauptstadt Tórshavn als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns und Reeders und einer dänischstämmigen Mutter geboren. In Kopenhagen soll auch er zum Kaufmann ausgebildet werden, doch er kehrt als Journalist und Dichter in die Heimatstadt zurück, arbeitet im Familienbetrieb - und schreibt. 1921 erscheinen seine ersten Gedichte und kurz darauf drei weitere Lyriksammlungen, bevor er sich der Prosa zuwendet. Heinesen veröffentlicht sieben Romane, die in viele Sprachen übersetzt werden, und ab den 1950er Jahren auch Kurzgeschichten. Er schafft zudem ein großes Werk an Aquarellen, Wandbildern, Karikaturen und Scherenschnitten, die es bis auf die färöischen Briefmarken geschafft haben. 1965 bekommt Heinesen den Literaturpreis des Nordischen Rates, 1980 wird er mit dem dänischen Kritikerpreis ausgezeichnet.
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I
Die Fallwinde konnten mit einem wilden, unbändigen Wiehern die Bergpässe herabkommen. Manchmal klang es, als streiften Herden ausgelassener Pferde wiehernd durchs Tal. Unten vom Strand her drang zuweilen ein anderer merkwürdiger Laut, besonders bei Hochwasser, wenn das Wetter völlig still war. Ein tiefes, träges Schnarchen, wie von einem schlummernden oder dösenden Riesentier. Anfangs war es unheimlich anzuhören, das Schnarchen erschreckte vor allem die Frauen und Kinder, die noch neu am Ort waren. Sogar der alte Angelund, der schon den ganzen Sommer über im Tal gearbeitet hatte, vermochte sich nicht recht an das Spektakel zu gewöhnen, dabei hatte er selbst mehrere Male unten am Strand beobachtet, dass es nur die von einer Spalte zusammengepresste Luft am Ufer war.
Überhaupt war das Dødmandsdal – oder Noatun, wie der neue Ort ja nun heißen sollte – zur Nachtzeit unerschöpflich an merkwürdigen Geräuschen, zumal bei ruhigem Wetter. Im Talgrund strömte der Fluss mit seinen vielerlei Stimmen. Und bei südlichem Wind, wenn das Tal und die kleine Bucht im Lee der hohen Felsen lagen, gab es hoch droben gern ein sonderbares Lärmen, es klang wie das ferne Flattern eines riesigen Segels oder als züngelte dort großmächtig ein gewaltiges Feuer.
In dieser Nacht ist das Geräusch wieder da, lauschend liegt Angelund im Bett. Es ist wohl der Südwind, der sich in der großen Gebirgsspalte im Urefjeld vergnügt, warum auch nicht. Soll er nur. Der Mond scheint, schräg über den Fußboden der kleinen Kammer zeichnet das Fenster sein Kreuz. Es geht auf fünf. Angelund fühlt sich ausgeschlafen, vielleicht sollte er aufstehen und sich etwas Nützliches vornehmen. Plötzlich ist da aber ein Gefauche, fern zwar, aber fest, malmend … Es kommt nicht vom Strand, es kommt von den Bergen. Weder Wasser noch Wind bewirken so ein Geräusch, das ist Angelund schnell klar – es ist herabstürzendes Gestein. Ein Felssturz! Er springt aus dem Bett, horcht mit offenem Mund. Schweiß steht ihm auf der Stirn. Auf einmal verstummt das Geräusch, es ist totenstill, dann wieder Stein auf Stein, ein paar dumpfe Huster, darauf das kurze Krachen von zersplitterndem Holzwerk. Hohl und unheilvoll hallt das Echo durchs Tal.
»Was ist passiert?« Angelunds Tochter Sunneva steht in der Tür, der Mondschein fällt auf ihr Gesicht.
»Still«, mahnt Angelund.
Nun sind auch die beiden anderen Frauen auf den Beinen, Tilda und Sara; die kleinen Kinder beginnen zu weinen.
»Ein Felssturz!« Tilda erscheint im Mondlicht. Schwere schwarze Locken bauschen sich auf ihren Schultern. »Ja, sicher war es ein Felssturz«, meint Sunneva unruhig, »und er hat eines der Häuser beschädigt, das war deutlich zu hören!«
»Ja, es war ein Felssturz«, flüstert Angelund, »das schon, ja … Aber doch nur ein sehr kleiner …!«
Da klopft es heftig an der Tür: »Ich bin’s! Lass mich herein, Angelund!« Angelund geht zur Tür und öffnet, und herein tritt Ole Ørnberg mit seiner Frau, halb angezogen und mit klappernden Zähnen.
»Wir gehen fort von hier, jetzt gleich!«, jammert die Frau. »Kommt, wir müssen alle fort, bevor der ganze Berg herabstürzt.«
Ole hustet und sagt kurzatmig: »Ja, das ist wohl das einzig Vernünftige, hier scheint es ja lebensgefährlich zu sein, nicht wahr, Angelund … Es heißt ja wohl nicht umsonst Dødmandsdal … ja, oder was meinen Sie?«
Angelund nestelt an seinem Bart: »Nun ja, gewiss. Aber eigentlich – ein richtiger Bergrutsch war es ja nun nicht, es hat sich in Gottes Namen nur etwas Geröll gelöst. Wir sollten lieber nachsehen, ob etwas beschädigt ist. Ein Glück jedenfalls, dass es eines der leeren Häuser getroffen hat.«
Ole Ørnberg kämpft gegen seine klappernden Zähne an. »Nein, wir müssen zusehen, dass wir hier wegkommen, je eher, desto besser!«, schüttelt er den Kopf.
Angelund zieht sich hastig an. Ebenso machen es die Frauen und älteren Kinder. »Sicher ist es unser Haus«, bemerkt Sara still, »es steht ja am weitesten oben.«
Sara hat Recht, wie sich zeigt, das Haus von ihr und Halvdan ist beschädigt. Ein Felsbrocken hat im unteren Teil der Giebelwand mehrere Bretter zerschlagen. Die Frauen zittern leise vor Kälte und Entsetzen beim Anblick der Zerstörung. Auf dem Fußboden der Küchenstube leuchten Holzsplitter im Mondlicht. Es riecht staubig und kräftig nach Holz.
»Wenn Halvdan und ich … Wenn wir hier gewohnt hätten«, flüstert Sara, »dann wären wir beide jetzt sicherlich tot, weil unser Bett … unser Bett …!« Sie birgt das Gesicht in den Händen und schluchzt leise. Angelund nickt wortlos. Es stimmt ja – das Kopfende des Alkovens, den Halvdan als Bettnische eingerichtet hat, ist teilweise zertrümmert. Ein hässlicher Anblick. Sunneva legt den Arm um Saras Schulter und drückt sie tröstend an sich. »Bedenk lieber, wie weise Gott es für euch gefügt hat«, sagt sie, »es war sein Wille, dass ihr nicht im Haus wart, als der Schaden geschah, sondern dass Halvdan auf See ist und du bei uns wohnst.«
»Ja, genau«, bekräftigt Angelund nickend.
Nun erscheinen Ole Ørnberg und seine Frau in der Tür. Sie sind in Reisekleidung und wollen fort. Ole trägt seine karierten Reithosen und hat einen Bergstock in der Hand. »Ich wäre ja ohnehin heute Morgen aufgebrochen«, erklärt er wie zu seiner Entschuldigung, »ich habe eine wichtige Angelegenheit in Storefjord zu erledigen, da nehmen wir dies nun zum Anlass … Wenn es sich nun schon so ergibt, nicht wahr.«
Angelund nickt. Da aber hebt Tilda mit leisem Hohnlachen den dunklen Kopf: »Von einem echten Mann hast du nicht viel, Ole Ørnberg, weiß Gott der Vater im Himmel, wirklich nicht!«
Oles Frau Mary blickt scharf und will zu einer Erwiderung ansetzen, aber Ole beschwichtigt sie und wendet sich lächelnd zu Tilda. »Entschuldige bitte, meine Liebe«, sagt er höflich, »aber was du meinst, damit kann ich mich nicht befassen.«
»Dann muss eben ich Tilda beipflichten«, wirft Sunneva hastig mit gedämpfter Stimme ein, »beim erstbesten Unglück rennst du davon, Ole Ørnberg, dabei warst du doch einer der Allereifrigsten, als es darum ging, hierherzuziehen!«
»Ole muss gehen dürfen, wann er will«, meint Angelund mit einem vermittelnden Räuspern.
»Das möchte ich annehmen«, erwidert Ole freundlich und fasst seine Frau am Arm. »Komm jetzt, Mary, wir haben es eilig!«
Sara weint immer noch vor sich hin. Sie zupft an dem zersplitterten Holzwerk.
»Bis Halvdan und die anderen zurück sind, habe ich den Schaden bestimmt ausgebessert«, meint Angelund. Er nimmt einen Augenblick Saras Hand: »Komm nun, mein Mädchen, es ist doch nichts passiert, nicht wahr? Dass ab und zu Gestein von einem Berg herunterrasselt … Das kommt doch in allen Dörfern vor, wo es Berge gibt. Das ist nun wirklich das Geringste.«
Er lacht leise in seinen strähnigen grauen Bart, und während sie zu Niels Peters Haus zurückgehen, wiederholt er summend und erleichtert: »Das ist nun wirklich das Geringste von allem, mein Mädchen. Wirklich das Geringste, liebe Kinder.«
*
Sobald es hell war, ging Angelund daran, den Schaden zu beheben. Der herabgefallene Felsbrocken war sehr groß und allein nicht zu bewegen, Angelund benötigte die Hilfe der Frauen und der beiden ältesten Jungen. An einer Stelle war die ganze Wand zerstört, aber bei Niels Peter lagen einige Bretter im Keller, damit konnte er sich in Gottes Namen behelfen.
Bei seiner Arbeit kam ihm der Gedanke, dass sie auf den Tag genau vor einem Monat hier angekommen waren. An einem neuen Ort vergeht ein Monat schnell, nun hatten sie schon Mitte September. Um diese Zeit kehrten allmählich die Schiffe vom Nordmeer zurück. Bald wären sie hier also wohl alle vereint. Bislang war Angelund mit den Frauen und Kindern allein gewesen. Sie hatten Kartoffeln gelesen, Torf getrocknet und andere kleinere Arbeiten verrichtet, Angelund und die Jungen hatten Zäune gebaut und abends am Strand Rotbarsche geangelt. Einige Male war Angelund auch mit dem Boot draußen gewesen, gemeinsam mit Ole Ørnberg, sie hatten jedoch nur wenig Fangglück gehabt. Im Übrigen war es ja mit Ole Ørnberg und seiner Frau ein Kommen und Gehen. Ole war voller Unruhe, er hatte in Storefjord und anderenorts offenbar sehr viel zu tun. Was ihn so beschäftigte, war für Angelund allerdings nicht zu begreifen, es war ja allgemein bekannt, dass Ole Ørnberg für bankrott erklärt worden war und sich unter Geschäftsleuten völlig unmöglich gemacht hatte. Dem Armen ging es nicht gut, es trägt sich schwer an der Verachtung der Mitmenschen, und ihre Nachsicht drückt nicht minder. Dabei hatte Ole Ørnberg durchaus viele guten Seiten und seine Frau ja nun auch. Als Tochter eines Kaufmanns hatte sie bessere Tage gesehen.
Ole hatte wie die anderen Männer hier im Tal Land gepachtet, aber dass er nicht ernstlich beabsichtigte, seinen Lebensunterhalt durch einfache Arbeit zu bestreiten, darüber war sich Angelund im Klaren. Zwar hatte er nun langsam mit dem Roden seines Flurstücks begonnen, das war jedoch nichts, wonach ihm der Sinn stand, gewohnt, wie er war, mit dem Kopf zu arbeiten, nicht mit Händen und Körper. Verschiedentlich war er drüben bei der Skibe-Ur gewesen und hatte mit einer Brechstange in dieser Geröllhalde gestochert. Eines Tages war Angelund mit ihm dort gewesen, und Ole hatte lang und breit von der Jernvågen gesprochen, dem großen Kriegsschiff, das seinerzeit hier gestrandet war und angeblich...




