Heinichen Tod auf der Warteliste
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-552-05621-3
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-552-05621-3
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Veit Heinichen wurde 1957 zwischen Bodensee und Schwarzwald geboren. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft und einem kurzen Abstecher in die Automobilindustrie arbeitete er als Buchhändler und anschließend für namhafte Verlage in der Schweiz und in Deutschland. 1994 war er Mitbegründer des Berlin Verlags und dessen Geschäftsführer bis 1999. Nach Triest, die Stadt, die seine zukünftige Heimat werden sollte, kam Heinichen erstmals 1980. Und hier erweckte er auch Commissario Proteo Laurenti zum Leben, der nun in bislang sieben Romanen (Gib jedem seinen eigenen Tod, 2001; Die Toten vom Karst, 2002; Tod auf der Warteliste, 2003; Der Tod wirft lange Schatten, 2005; Totentanz, 2007; Die Ruhe des Stärkeren, 2009; Keine Frage des Geschmacks, 2011, Im eigenen Schatten, 2013, alle im Paul Zsolnay Verlag) den Verbrechern in der Stadt am Karst auf der Spur ist. Seine Krimis werden in das Italienische, Niederländische, Spanische, Französische, Slowenische, Griechische, Tschechische,Polnische und Norwegische übersetzt. Die Toten vom Karst und Tod auf der Warteliste wurden bei der Vergabe des Premio Franceo Fedeli in Bologna 2003 und 2004 zu den drei besten italienischen Kriminalromanen des Jahres gewählt. Im September 2005 erhielt Veit Heinichen zudem den Radio-Bremen-Krimipreis für seine 'feinfühlige, unterhaltsame und genaue Erforschung der historisch-politischen Verflechtungen, die Triest als Schauplatz mitteleuropäischer Kultur kennzeichnen' (Begründung der Jury).2010 wurde Die Ruhe des Stärken bei der Vergabe des Premio Azzercagarbugli als bester fremdsprachiger Roman ausgezeichnet, 2011 erhielt Veit Heinichen den 13. Internationalen Literaturpreis Città die Trieste, 2012 wurde er für sein schriftstellerisches Schaffen mit dem Gran Premio Noè ausgezeichnet. Neben seinem literarischen Schaffen ist er Autor kulturhistorischer Beiträge und, zusammen mit der Triestiner Starköchin Ami Scabar, Verfasser des kulturgeschichtlich-kulinarischen Reisebuchs Triest - Stadt der Winde (2005, Sanssouci im Carl Hanser Verlag). Der 90minütige Dokumentarfilm Le lunghe ombre della morte, den Veit Heinichen zusammen mit Regisseur Giampaolo Penco drehte, dokumentiert den Hintergrund seines vierten Kriminalromans Der Tod wirft lange Schatten und wurde im Dezember 2005 vom italienischen Staatsfernsehen RAI ausgestrahlt. Fünf seiner Kriminalromane wurden mit Henry Hübchen als Commissario Laurenti und Barbara Rudnik als dessen Frau Laura für die ARD verfilmt. Im Juli 2008 präsentierte Veit Heinichen in einer Folge der 3sat-Reihe Inter-City spezial 'sein' Triest.'Der Kriminalroman ist ein ideales Mittel, um die moderne Gesellschaft abzubilden', so Veit Heinichen. 'Die Neurosen einer Epoche und eines Raumes kommen im Roman am stärksten zum Ausdruck. Triest, die Hafen- und Grenzstadt am nördlichen Golf der Adria, ist Schnittstelle zwischen romanischer, slawischer und germanischer Kultur, hier begegnen sich die mediterrane Welt und die des Nordens, Osteuropa und der Balkan treffen auf Westeuropa, sowie die ,geistigen Formationen` Meer und Berg. Eine Stadt voller Kontraste, Gegensätze, Widersprüche und der Brücken zwischen diesen. Triest ist, wie Le Monde schrieb, der Prototyp der europäischen Stadt - und eine Fundgrube für denjenigen, der begreifen will, wie dieses Europa funktioniert.'
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Silikon, Kollagen, Botox, Eigenfett
»Jeder will mehr Geld, Avvocato. Das ist nichts Neues. Und jeder hat seine Methoden, daran zu kommen«, sagte Adalgisa Morena, die Hauptaktionärin der Klinik »La Salvia«. »Für uns ist es kein Problem, die ganze Klinik für die plastische Chirurgie zu nutzen. Der Markt ist gigantisch. Die Methoden werden immer ausgefeilter, und die Versuche mit den neuen Materialien sind vielversprechend. Wir haben inzwischen einen so guten Ruf, daß wir ohnehin bald anbauen müßten, weil die Warteliste immer länger wird. Und risikofreier ist es auch.« Sie saß leicht vornübergebeugt in dem schwarzen Ledersessel und lächelte freundlich. Ihr Blick streifte über den Mann hinweg, dessen schütteres angegrautes Haar von einem Sonnenstrahl beschienen war. Aber ein Heiliger war er deshalb noch lange nicht.
»Es bleibt dabei, Adalgisa.« Romani war von ihrem Widerspruch unbeeindruckt. »Wir haben unsere Abmachungen. Ihr habt damals zugestimmt, daß sich Petrovacs Gesellschaftsanteil nach fünf Jahren erhöht. Ohne ihn gäbe es dies alles nicht und die Herren Mediziner arbeiteten noch immer an öffentlichen Krankenhäusern. Es gibt nichts zu verhandeln. Wenn ihr erweitern wollt, dann tut das. Ich helfe euch gerne, wenn es darum geht, die nötigen Leute davon zu überzeugen, die Bürokratie abzukürzen. Doch das hat nichts mit den Anteilen zu tun.«
»So einfach ist das nicht«, widersprach Professor Ottaviano Severino, der bisher geschwiegen und seiner Frau die Verhandlung überlassen hatte. Er fand, es war Zeit, dem Anwalt deutlich zu sagen, woher der Wind wehte. Adalgisa schickte ihm dafür giftige Blicke hinüber, die er geflissentlich übersah. »Die Leistung erbringen wir. Erfahrene, hochangesehene Chirurgen und Transplanteure. Wenn wir nicht mitmachen, kann Petrovac schauen, woher er das Geld bekommt. Was glaubst du eigentlich, weshalb sich die High-Society bei uns auf die Warteliste setzen läßt? Sicher nicht wegen Petrovacs Anteilen!«
»Willst du wirklich, daß ich ihm das so sage?« Romani legte die Stirn in Furchen und grinste. »Dann könnt ihr morgen schließen. Er hat bedeutend weniger zu verlieren als ihr. Du weißt, ich selbst habe nichts davon. Im Gegenteil, eine solche Auseinandersetzung täte mir leid, denn ihr seid gute Mandanten meiner Kanzlei. Und Petrovac auch. Aber er sitzt nun mal am längeren Hebel, das war von Anfang an klar.«
»Und wie, mein lieber Romani, soll das gehen? Petrovac glaubt doch nicht wirklich, wir würden nach der Aufbauarbeit einfach zurückstecken? Hast du überhaupt eine Ahnung, wie hoch unsere Investitionen sind? Wenn wir nicht laufend auf dem neuesten Stand sind, verlieren wir Patienten.« Adalgisa Morena schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Drohungen«, zischte sie, »verbessern auch deine Position nicht, Romani!«
»Ich habe damit nichts zu tun«, protestierte der Anwalt.
»Du oder Petrovac, das ist doch einerlei«, sagte Severino und zog die Schultern zusammen, als wäre ihm kalt.
»Immer diese Vorurteile! Ich bin nur euer Vermittler.«
»Paß auf, Romani, und du, Ottaviano, schweig«, sagte Adalgisa Morena, als sie sah, daß ihr Mann Luft holte. Sie schlug die Beine übereinander und lehnte sich mit einem gefährlichen Lächeln im Sessel zurück. »Das größere Risiko tragen letztlich wir. Petrovacs bisheriger Anteil deckt nicht nur seine Kosten für die Lieferung des Rohmaterials, sondern bringt ihm jedes Jahr einen dicken Batzen Geld zusätzlich. Ich sehe ein, daß er keine Abstriche machen will, und wenn seine Kosten gestiegen sind, dann müssen wir uns daran beteiligen. Der Anteil am Gewinn bleibt allerdings unangetastet. Sag ihm das. Und jetzt laß uns gefälligst die anderen Dinge besprechen. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.«
Ihr Tonfall war nur unmerklich schärfer geworden, so wie es sich gehört, wenn man ein gefälliges Entgegenkommen ausdrückt, zu dem man sich nicht verpflichtet sieht. Adalgisa verkörperte wieder einmal die gottgefällige Gnade. Damit konnte Romani leben. Der Professor allerdings bekam jeden Tag zu spüren, wer den Ton in der Klinik angab, und schluckte schwer daran. Allerdings hatte seine Frau bisher auch geduldet, daß er immer weniger arbeitete, seine Zeit vielmehr den Pferden und den Rennen widmete. Dafür aber stand der junge Schweizer Chirurg, der seit einem Jahr im Team war, bei ihr hoch im Kurs. Und für die besonders heiklen Fälle war Leo Lestizza da, ihr Cousin, der vierte Aktionär der Klinik. Er saß bisher schweigend in der Runde und ließ Adalgisa verhandeln. Er kannte ihre Vorzüge genau. Zu ihrem messerscharfen Verstand gesellte sich die Kaltblütigkeit der erfolgreichen Geschäftsfrau, deren finanzieller Ehrgeiz keine Grenzen hinnahm.
Nachdem der Anwalt mit einer Verhandlungsbasis ausgestattet war, die Petrovacs Ehre nicht verletzte, gingen sie zu den anderen Punkten über, für die sie die Kompetenz von Romanis Kanzlei benötigten. Ein neuer Hochglanz-Prospekt sollte bald in Druck gehen und mußte auf die juristischen Aussagen überprüft werden. Der internationale Konkurrenzkampf in der Schönheits-Chirurgie tobte heftig, und es war immer damit zu rechnen, daß eifersüchtige Kollegen mit allen Mitteln versuchten, Marktanteile gutzumachen, und sei es durch Wettbewerbsklagen. Negative Schlagzeilen schreckten die Kunden ab.
Adalgisa erläuterte die Begriffe, die Romani nicht geläufig waren. Waist-Hip-Ratio bedeutete nichts anderes als das Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang, das derzeit als Idealfall anzustrebende Maß betrug 0,7. Facelift und Stirnlift klangen verständlich, nur durfte niemand sich konkret vorstellen, daß ihm bei letzterem schlicht der Skalp von der Schädeldecke abgezogen und neu gespannt wurde. Der Haaransatz rutscht dabei immer weiter nach hinten. Unter Peeling verstand man eine Säurekur fürs Gesicht, und aus der Behandlung mit dem Kohlendioxinlaser gingen die Patienten mit Schmerzen, geschwollener Birne und Gesamtkopfverband, um fünf Tage darauf zu warten, daß Frischhaut nachwuchs. Der Kopf ein Schorf. Lipojet hieß ein neues Gerät zur Fettabsaugung, Botox nannte man eine amerikanische Wunderwaffe, ein ekliges Bakteriengift, das, unter die Gesichtsfalten gespritzt, die Stirn einfrieren ließ und Wunder bewirken sollte. Kollagen hatte nichts mit Kunst, sondern mit künstlich zu tun: eine leimartige Flüssigkeit, die, aus Kälberhaut destilliert, bisher als Füllstoff für alles herhielt, aber Konkurrenz bekam von neuen Materialien, die aus Hühnerknorpel, Hahnenkämmen, Milchsäure und Plexiglas gewonnen wurden. Derzeit letzter Schrei jedoch war die Eigenfettmethode, bei der ein Stück Hängebauch in Hängebusen und anderswohin verspritzt wurde oder ein Bruchteil des Bierbauchs in lasche männliche Hautlappen wanderte. Natürlich mußte all das in schöne Worte gefaßt werden, die den Kunden den Wunsch nach renovierter Ästhetik nicht verdarb und juristisch nicht angreifbar war. Außerdem mußte jede Haftung ausgeschlossen werden, für den Fall, daß der Patient nach der Operation schlechter aussah als zuvor.
»Und welches besondere Problem plagt euch noch?« fragte Anwalt Romani, nachdem er alles verstanden hatte und auf den letzten Punkt zu sprechen kam, für dessen Klärung Adalgisa ihn gerufen hatte.
Die drei Klinikchefs tauschten Blicke. Wieder war es Adalgisa, die redete. »Wir hatten unerwünschten Besuch.«
»Von wem?«
»Ein Journalist, nehme ich an. Zuerst stellte er sich als Kunde vor, via E-Mail, und ließ sich Unterlagen schicken an eine Adresse in Paris. Der erste Franzose, der anfragte. Das hätte uns schon skeptisch stimmen müssen, denn dort sitzt massive Konkurrenz. Eine Woche später meldete er sich telefonisch zu einem Gesprächstermin an und sagte, er wolle seiner Frau ein Geschenk machen: Totalrenovierung. Er brachte sogar ihre Fotos mit. Absolut unüblich. Sie ist eine von denen, die früh damit anfangen, so bleiben zu wollen, wie sie sind. Das dachte ich jedenfalls und beschrieb ihm Behandlungsmethoden, Haus, Service, Kosten und so weiter. Bevor er ging, fragte er nach den schriftlichen Lebensläufen der Ärzte, die ich ihm natürlich nicht gab. Aber ich erzählte ihm etwas ausführlicher über uns. Er bedankte sich höflich und sagte, er wolle es sich überlegen. Nach einigen Tagen meldete er sich tatsächlich wieder und bat darum, das Gelände besichtigen zu dürfen. Ich lehnte ab, mit dem Hinweis auf die Diskretion, die wir unseren Patienten garantieren, und verwies ihn auf den virtuellen Rundgang auf unserer Web Site. Er schien das zu akzeptieren und ließ sich nicht mehr blicken. Seltsam ist nur, daß sich Leo seit damals verfolgt fühlt.«
»Es ist jedesmal ein anderer Wagen«, sagte Leo Lestizza. »Und obwohl der Fahrer versuchte, genügend Abstand zu halten, fiel er mir auf. Die beiden letzten Male konnte ich die Kennzeichen notieren.«
»Gestohlen oder Leihwagen«, sagte Romani. »Das haben wir schnell raus. Aber warum sollte dich jemand verfolgen?«
»Das ist es eben. Ich weiß es nicht.«
»Journalist, sagtest du?«
Adalgisa nickte.
»Ich kümmere mich darum. Macht euch keine Sorgen. Im schlimmsten Fall kostet es ein paar Dollar, jemanden loszuwerden. Petrovac wird helfen, wenn es sein muß. Aber seid die nächste Zeit besonders wachsam. Vielleicht solltet ihr sogar eine kleine Pause einlegen.«
»Erzähl das Petrovac«, sagte Professor Severino und erntete einen vernichtenden Blick seiner Frau.
»La Salvia« war eine weit über die Grenzen hinaus bekannte Privatklinik, die vor fünf Jahren mit zahlreichen steuerlichen Abschlägen und einigen Kompromissen in bezug auf Bebauungsplan und Naturschutzgesetz auf dem Karst gebaut worden war. Es ging um neue Arbeitsplätze. Romani ließ seine Kontakte spielen und...




