E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Henry Lauf, wenn es dunkel wird
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-522-65146-2
Verlag: Planet!
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-522-65146-2
Verlag: Planet!
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
April Henry schickte ihre erste Kurzgeschichte im Alter von elf Jahren an Roald Dahl, dem der Text so gut gefiel, dass er ihr bei der Veröffentlichung half. Inzwischen hat sie einige Krimis und Thriller verfasst, die in den USA für zahlreiche Preise gelistet wurden und mit denen sie zur New-York-Times-Bestsellerautorin wurde. Sie studierte an der Oregon University und verbrachte ein Austauschjahr in Stuttgart, bevor sie begann im Gesundheitswesen zu arbeiten.
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Das Mädchen auf dem Rücksitz hörte nicht auf herumzuschreien. Sie hatte schwarze Haare und riesige braune Augen, die sie vor Angst ganz weit aufgerissen hatte. Vielleicht war sie sogar hübsch. Griffin war sich nicht sicher. Dafür wusste er gerade ziemlich genau, dass er mit ihr ein Riesenproblem hatte. Panik stieg in ihm hoch. Er musste nachdenken. Gott sei Dank war niemand in der Nähe.
Wenn er anhielt und sie rausließ, so wie sie das wollte, würde das Mädchen schreiend zur nächstbesten Person laufen, die sie sah. Und er wäre in weniger als zehn Minuten verhaftet. Dann würden die Bullen natürlich zu ihrem Haus rausfahren und alles würde auffliegen. Alle kämen in den Knast. Wahrscheinlich für eine ganz schön lange Zeit.
Anstatt langsamer zu werden, beschleunigte Griffin und fuhr zum anderen Ende des Parkplatzes. Das Mädchen geriet ins Rutschen. Griffin zuckte zusammen, als ihr Kopf dumpf gegen das Fenster schlug, aber er fuhr trotzdem weiter. Er handelte jetzt rein instinktiv. Und sein Instinkt sagte ihm, dass er so weit wie möglich weg musste. Wenn man bei Roy aufwuchs, wurde man ziemlich gut im Wegrennen. Im Wegrennen und im Verstecken.
Griffin erwischte eine Lücke im Verkehr und fädelte ein. Er fuhr, so schnell es ging, über die Autobahnüberführung. Als er aufs Gaspedal trat, schoss der Escalade nach vorne und erreichte mühelos 100.
So wie es heute lief, würden ihn die Bullen wahrscheinlich fürs Rasen drankriegen. Griffin brauchte Zeit zum Nachdenken, aber er wusste nicht, woher er sie nehmen sollte. So viel Abstand wie möglich zwischen den Autobesitzer und das Mädchen auf dem Rücksitz zu bringen, war sicher das Richtige. Und er musste von möglichen Zeugen wegkommen, die vielleicht gerade jetzt den Notruf wählten. Er zog vor einen roten Honda und raste die nächste Ausfahrt raus. Erst mal weg von der Hauptverkehrsstraße.
Frustriert schlug er sich gegen den Kopf. Warum war er nur so dämlich gewesen und hatte nicht gemerkt, dass da noch jemand im Auto war? Er konnte Roy schon brüllen hören – fast so wie das Mädchen auf dem Rücksitz, das Mädchen, das nicht aufhörte zu schreien.
Er hatte nicht weiter gedacht als bis zu den Schlüsseln, die vom Zündschloss baumelten. Es war so einfach gewesen und so dumm. Griffin war die langen Reihen mit Fahrzeugen entlanggelaufen und hatte wie jeder andere gestresste Weihnachtseinkäufer ausgesehen, der sein Auto nicht fand. Griffin aber schaute nach Paketen, die er klauen konnte. Die Pakete waren aus den kastenförmigen Geschäften, die Meter für Meter den Parkplatz des Einkaufszentrums umsäumten. (Das Gelände war so groß, dass die meisten Leute ins Auto stiegen, sobald sie ein Geschäft verließen, und dann zum nächsten Geschäft weiterfuhren, das in einer Stadt ungefähr drei Blocks weiter gewesen wäre.)
Dank Roy wusste Griffin, wie er in weniger als einer Minute in ein verschlossenes Auto hinein- und auch wieder hinauskam. Er kriegte es sogar unbemerkt hin, wenn aus dem danebenstehenden Auto gerade jemand ausstieg. Als Nervenkitzel nickte er sogar manchmal jemandem zu, während er sich mit der J.Crew-Tüte oder der Schachtel von Abercrombie aufrichtete. Danach schlenderte er zu seinem eigenen Auto, das immer in der Nähe von einer der Ausfahrten geparkt war, und legte die Taschen in den Kofferraum. Wenn der Kofferraum voll war, fuhr er nach Portland rein und über den Fluss in die 82. Straße, wo jeder der vielen Secondhandläden, ohne nachzufragen, gerne neue Ware kaufte.
Der Escalade war wie ein Geschenk gewesen, ein Überraschungsgeschenk nur für ihn. Jeder, der so dämlich war und seinen Schlüssel für alle Welt sichtbar im Zündschloss stecken ließ, verdiente es nicht anders, als dass sein Auto geklaut wurde. Er hatte es gar nicht erwarten können, den Wagen nach Hause zu bringen und ihn Roy zu zeigen.
Das waren Griffins Gedanken gewesen, zumindest bis sich herausstellte, dass unter der Decke auf dem Rücksitz ein Mädchen steckte.
Besser er blendete das Mädchen aus und seine panischen Gedanken, Erklärungen und Rechtfertigungen auch, die er sich für zu Hause zurechtlegte, und fuhr so schnell weiter, wie er konnte, ohne dass er dabei die Kontrolle über das Auto verlor. So schnell zumindest, dass sie sich nicht trauen würde rauszuspringen.
Er hatte den Kopf zur Seite gedreht und versuchte, gleichzeitig die Straße und das Mädchen im Auge zu behalten. Griffin schlängelte sich um langsamere Autos, bog in eine Seitenstraße ein, und in noch eine, bis er schließlich auf eine leere Straße stieß, die durch ein Stück Buschland führte. An den Ecken standen große weiße Schilder, auf denen das Land zum Verkauf angeboten wurde. Jeder Bauunternehmer war willkommen.
Als er abbremste, ging das Mädchen mit ausgestreckten Händen auf ihn los. Sie kratzte ihn und schrie wie am Spieß. Den Kopf hielt sie dabei seitlich, ihre weit aufgerissenen Augen starrten ihn an. Sie sah verrückt aus. Vielleicht war sie es ja.
Hastig schaltete Griffin die Automatik auf Parken und versuchte dem Angriff des Mädchens auszuweichen, indem er sich von ihr wegdrehte. Wenigstens war niemand in der Nähe, der sie hören konnte. Ihre Fingernägel kratzten seine rechte Wange entlang, und er spürte, dass die Wunde zu bluten begann.
Irgendetwas musste er tun, aber was? Er quetschte sich zwischen den Sitzen durch. Griffin wollte sie beruhigen, doch sie kämpfte weiter gegen ihn an – schweigend und verbissen. Schließlich setzte er sich auf sie und hielt ihre Arme fest. Er war größer als sie und er lief auf Adrenalin. Immerhin hatte sie mit dem Schreien aufgehört. Im Auto war jetzt nur ihr stoßweises Atmen zu hören. Dann erst bemerkte Griffin das leise Brummen – er hatte nicht einmal Zeit gehabt, den Motor abzustellen. Er richtete sich auf, streckte sich nach vorne und drehte schnell den Schlüssel um.
»Tut mir leid«, sagte er in die plötzliche Stille hinein. »Lass uns darüber reden. Aber du musst mir versprechen, dass du nicht mehr versuchst, mich umzubringen.«
»Versprochen.« Sie nickte, schaute ihm dabei aber nicht in die Augen. Griffin ging davon aus, dass sie wahrscheinlich log. Wenn er in ihrer Lage wäre, würde er es zumindest tun.
Er atmete aus. »Du bist nur aus Versehen hier. Ich wollte bloß das Auto, nicht dich. Ich habe nicht mal gewusst, dass du im Auto bist.«
»Dann lass mich gehen.« Ihre Stimme war leise und heiser. Sie atmete ein und hustete, es hörte sich tief und schmerzhaft an. Den Kopf hatte sie zwar noch immer weggedreht, aber ein paar kleine Spucketropfen landeten trotzdem auf Griffin. Als sie weitersprechen konnte, flüsterte sie. »Bitte, bitte, lass mich gehen. Ich verrate auch nichts.«
So blöd war nicht einmal Griffin. »Tut mir leid, aber du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dir das abnehme? Bis spätestens heute Abend hätte jeder Bulle meine Beschreibung und die würde dann außerdem noch über jeden Radiosender der Stadt rausgehen.«
Über ihr Gesicht huschte ein seltsamer Ausdruck, fast der Anflug eines Lächelns. Draußen im Kalten tickte der Motor, während er abkühlte. »Aber ich werde ihnen nichts erzählen können. Hast du nicht gemerkt, dass ich blind bin?«
Blind? Griffin starrte auf ihre dunklen Augen. Er hatte geglaubt, sie hätte ihn nicht richtig angesehen, weil sie nach Hilfe Ausschau hielt oder nach einer Fluchtmöglichkeit, und weil sie ihre Lage abschätzte.
»Bist du wirklich blind?«
»Mein Stock liegt auf dem Boden.«
Obwohl er sich noch immer fragte, ob sie ihn austricksen wollte, schaute er auf den Boden. Hinter dem Fahrersitz lag neben einer kleinen schwarzen Handtasche zusammengefaltet der Blindenstock.
Was wohl passieren würde, wenn er machte, was sie wollte? Er könnte sie rauslassen. Ihr vielleicht den Stock geben, oder vielleicht auch nicht. Schließlich war sie gut darin, herankommende Autos frühzeitig zu erkennen, und außerdem waren ohnehin nur wenige Autos unterwegs. Sie würde nicht überfahren werden, vielmehr würde sie das nächste vorbeikommende Auto anhalten. Und sobald jemand angehalten hätte, würde es nicht lange dauern, bis die Polizei da wäre. Der nagelneue Escalade war nicht gerade leicht zu übersehen. Was, wenn hier jemand nur ein oder zwei Minuten, nachdem er sie hatte gehen lassen, vorbeikam? Er war dreißig Meilen von zu Hause weg, dreißig Meilen von seinem Versteck für das Auto. Man würde ihn viel zu leicht finden. Und danach, noch immer der gleiche Albtraum. Sie alle weggesperrt – für immer und ewig.
Nein. Besser er hielt das Mädchen noch eine Weile fest. Besser er fragte Roy, was sie tun sollten, auch wenn der alles andere als begeistert sein würde, dass Griffin Ärger mit nach Hause brachte. Aber besser den Ärger mit nach Hause bringen, als ihn hier draußen lassen, wo er jeden Moment explodieren und sie alle mit sich reißen könnte. Außerdem hatte Griffin inzwischen eine Idee. Heute Abend, wenn es dunkel geworden war, könnte er das Mädchen zu irgendeinem verlassenen Flecken bringen, sie rauslassen und dann wieder wegfahren. Sie irgendwo absetzen, wo es Stunden dauern würde, bis jemand sie fand. Genau so, wie sie es gewollt hatte, nur mit einer wesentlich geringeren Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn schnappen würden. Aber nicht hier. Nicht jetzt. Nicht am helllichten Tag. Nicht wenn jeden Moment ein Auto vorbeifahren konnte.
Als würde der Gedanke Wirklichkeit werden, hörte er von Weitem ein Auto. Ein Auto, das näher kam.
»Ich kann dich nicht gehen lassen«, sagte er und wollte »noch nicht« hinzufügen. Aber bevor Griffin ein weiteres Wort sagen konnte, ging sie wieder auf ihn los, öffnete den Mund, um zu schreien. Was sollte er jetzt tun? Plötzlich hatte er einen...




