E-Book, Deutsch, 540 Seiten
Hermann / Verlag Jettchen Gebert
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7541-8717-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 540 Seiten
ISBN: 978-3-7541-8717-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georg Hermann, eigentlich Georg Hermann Borchardt war ein deutscher Schriftsteller und ein jüdisches Opfer des Holocaust.
Autoren/Hrsg.
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Dann ging er wortlos, den Kopf halb gewandt, nicht so, daß er Jettchen gerade mehr sah, aber so, daß er noch einen Schimmer von ihrer hellen Gestalt im Auge hatte, langsam die Treppe hinab.
Jettchen stand oben am Geländer und lauschte mehr als sie sah in das nächtliche Treppenhaus mit seinen zuckenden, verdämmernden Lichtern und seinen tappenden, hallenden Schritten – hörte das Knarren des Tors und das helle und dumpfe Durcheinander von Stimmen.
»Jettchen! Jettchen! Komm doch herein! Was machste denn da noch draußen?« rief Tante Rikchen und erschien mit aufgeknöpfter Taille in der Tür.
Jettchen ging langsam und nachdenklich hinein. Sie hatte die Empfindung, als ob die Beine nicht recht mitwollten, und als ob sie jede Minute zusammenknicken müsse. Sie ging noch nach vorn und löschte die Lichter.
Salomon kam indes. Er hatte schon den Rock ausgezogen – war hemdsärmelig –, um ihr »gute Nacht« zu wünschen. Er küßte sie auf die Stirn.
»Ich glaube, Rikchen ist ärgerlich auf dich. Sie sagte so etwas. Also sieh mal zu, daß das wieder schnell in Ordnung kommt, mein Töchterchen.«
Wenn die Tante dabei war, sprach er nie so weich und freundlich zu ihr, denn er fürchtete falsche Auslegung.
Dann ging er.
Plötzlich mit dem Verlöschen der Lichter geisterte der Mond in das Zimmer, und drüben blitzten die Dächer und Dachfirste auf, über die der Mond hinüberblickte, um seine langen, weißen Flecke auf den Boden zu malen.
Jettchen trat noch einmal an das Fenster, in das helle grünliche Licht, das ihr voll in das Gesicht schien, und blickte auf die Straße. – Da hinten zogen sie noch. Erst Hannchen mit den Kindern, dann Ferdinand und der Schwede – sie konnte sie alle ganz gut an den Gestalten erkennen, – Eli und Minchen – und ganz zuletzt Jason und Kößling ... Sie sah ihnen nach, bis sie an der Ecke stehenblieben, um Abschied voneinander zu nehmen. Dann ging sie in ihr Zimmer. Die Tür nach der Galerie stand offen, und der ganze Raum war erfüllt von dem herben Hauch des Nußbaums, der in der Frühlingsnacht duftete, als müsse er seine ganze Seele ausgeben ...
Jettchen trat ins Freie. Sie streifte mit dem Gesicht fast die Zweige, griff einen Augenblick an das Geländer und empfand wohltuend die Kühle des Eisens an den heißen Händen.
Der Himmel war ganz dunkel. Und doch schien er heimlich wie Phosphor zu leuchten, und zwei einsame Sterne zitterten in dieser flimmernden schwarzen Decke. Oben die Hauswände, die Fenster, die Dächer des Hinterhauses waren taghell und wie mit Katzengold belegt, aber unten war der Hof in Nacht gehüllt, in der nur ganz allmählich das Auge etwas unterschied.
Eine Weile stand Jettchen, dann hörte sie tuscheln, leise Worte, kichern und flüstern und ganz zage Tritte. Und wie sie sich über das Geländer beugte, unterschied sie unten ein Mädchen mit einer Laterne und einen Mann in weißer Jacke. Und sie ging in ihr Zimmer ...
An der Ecke der Königstraße gingen die Parteien auseinander, zerstreuten sich wie die Völker nach dem Turmbau.
Tante Minchen und Onkel Eli tapperten gemächlich in der Richtung nach der Königsbrücke zu, und die Karawane Ferdinand Gebert zog schnell an ihnen vorüber in Phalanx oder vielmehr in der Schlachtordnung der alten Germanen. Der Schwede ging rechts hinauf zur Burgstraße, nach dem »König von Portugal«, wo sein Logis war, begleitet von dem alten Fräulein mit den Pudellöckchen, das es für nötig erachtete, ihn zu unterhalten und ihn für stolz hielt, da er nicht antwortete. Sie wohnte selbst in der Poststraße.
Jason und Kößling blieben beide allein an der Straßenecke im Mondenschein stehen und sahen nach, wie die anderen sich entfernten.
»Na, lieber Doktor, was fangen wir nun an?« fragte halb ängstlich Jason Gebert.
»Es ist spät, suchen wir nun unsere Lager auf«, entgegnete Kößling, der Sehnsucht hatte, allein zu sein.
»Ja, Sie junger Mann, jetzt gehen Sie nun nach Haus, tappen Ihre Treppen 'rauf und legen sich in Ihr Bett und schlafen und lassen sich was Hübsches träumen. Oder Sie zünden sich noch Ihr Licht an, holen sich den Novalis – mir ist er zu deutsch, ich weiß, Sie lieben ihn ja so –, den Novalis holen Sie sich vom Regal, machen vielleicht das Fenster auf, daß über die Bäume weg der kühle Wind zu Ihnen hineinweht, und deklamieren in die Monddämmerung hinaus: ›Fernab liegt die Welt – mit ihren bunten Genüssen. – In anderen Räumen schlug das Licht auf – die luftigen Gezelte.‹ – – Ich kenne das von ehedem. So war's bei mir früher auch. Nur, daß ich eben dafür vielleicht die ›Reisebilder‹ oder den ›Titan‹ gelesen habe ... Aber was mache ich nun? – Meinen Sie, ich kann jetzt schlafen? Meinen Sie, ich kann jetzt lesen? Den ganzen Tag über geht's ja, aber des Nachts, da packt mich mein Dämon. Wenn ich die Kinder von meinem Bruder Ferdinand sehe, dann tue ich des Nachts kein Auge zu. Sagen Sie, wäre ich nicht eher der Mann, Kinder zu haben und Kinder zu erziehen, als mein Bruder, der gar nichts mit ihnen anzufangen weiß? – Nun ja – Max und Wolfgang mögen ja ganz gute Jungen sein, aber um das Mädchen, um die Jenny, da beneide ich den Ferdinand. Haben Sie den Gang von dem Kind gesehen? – Die wird mal genau wie Jettchen.«
Gewiß, sie sähe ihr ähnlich, sehr ähnlich – aber sie habe etwas im Gesicht, einen kleinen vulgären, mondänen Zug, so einen Schatten von seelischer Unfeinheit, der doch Jettchen ganz fehlte.
»Ja, das ist nicht von uns, – das ist Jacobysch... Und dann diese Einsamkeit! – Solange Sie jung sind, Kößling, freuen Sie sich, daß Sie allein sein können, und wenn Sie älter werden, – wissen Sie, so um die Jahrhundertmitte herum –, dann weinen Sie, daß Sie allein sein müssen.
»Für mich ist es ja vielleicht ganz gut, daß ich nicht geheiratet habe; denn ich wäre in einer solchen Ehe, wie sie meine Brüder führen, kaputtgegangen, écrasé – cassé! – Und dann, Sie wissen ja nicht, wie wir hier betrachtet werden. Sie sind nur solche Art Wundertier heute abend gewesen, wenn Sie nicht der Feind selbst waren. Wir sind die Außenseiter von Derby, – wir gehören nicht zu denen da. Ein Franzose und ein Engländer, von denen keiner die Sprache des anderen kann, kommen besser und leichter zusammen als wir und die. Für die gibt es nur eins: Habe einen Beruf, – sei etwas – mache Geld! Wenn du zehn Louisdor den Tag verdienst, so bist du mehr für sie als alle Goethes, Schillers und Mozarts. Für andere Dinge, für Halbheiten, für Nichtmittun-aus-Widerwillen, für all die berechtigten Gebrochenheiten haben sie kein Verständnis. Es gibt nur eins für sie, was beweist: der Erfolg! Wir sind so lange selbst für Onkel Eli der ›junge Mann‹, auf den er mitleidig herabsieht, und wenn wir sechzig Jahre alt wären. Meine Brüder waren früher nicht ganz so, aber ihnen haben das die Jacobys beigebracht ... Und, Kößling, wenn es auch so aussieht, als ob Sie für das, was Sie erfüllt, da Widerhall finden, – man macht Ihnen etwas vor ... es geht alles hier herein und da heraus. Mit Ausnahme von Jettchen – die gehört zu uns, Kößling!«
Kößling war erstaunt, denn er hatte Jason Gebert noch nicht so sprechen hören. Er war gewohnt, in ihm einen feinen Genießer, einen klugen Lebenskünstler von Geschmack und sicherem seelischem Takt zu finden, dem gar wenig von dem auf die Zunge kam, was ihn innerlich bewegte, und der das alles noch mit leisem Spott verbrämte, so daß man eigentlich nie recht wußte, wo er hielt und stand. So manchen Abend waren sie schon, seitdem sie sich seit einem halben Jahr bei Steheli zufällig kennengelernt hatten, miteinander straßauf, straßab gegangen, plaudernd über die alten Lieblinge, rechtend über die Dichter des Tages. Und selten oder nie hatte Jason Gebert die Maske des Gesellschaftsmenschen abgenommen oder das Gespräch auf persönliche Dinge gelenkt. Und deshalb war Kößling um so verwunderter, plötzlich auf ein solches Eisfeld von Vereinsamung bei Jason Gebert zu stoßen. Er war fast erschrocken darüber, daß auch dieser Mensch nichts vor ihm und anderen voraus hatte und seinen gehäuften Packen von Elend und Trostlosigkeit mit sich trug.
»Herr Gebert, wie ist es mit dem Heimweg?« sagte Kößling und lenkte in die Königstraße ein, so daß die langen, scharfen Schatten im Mondschein vor ihnen herzogen.
Aber Jason Gebert spann an seiner Gedankenkette fort, und durch das Zerwürfnis mit der Umgebung blickte immer deutlicher das Zerwürfnis mit der eigenen Person hindurch. »Warum nicht, Kößling – ich hätte vielleicht auch heiraten können. Dann, Kößling – ich hätte wenigstens jemand, mit dem ich sprechen könnte, und brauchte nicht immer des Abends wie ein alter Hund in seine Hütte zu kriechen. – Aber was war ich denn? Ich war nicht Kaufmann, ich verdiene nichts; ich war nicht Literat, denn ich schreibe nichts; – ich war nicht Gelehrter, trotzdem ich hier jahraus, jahrein höre ... ich hätte mich vielleicht doch ... Ich sehne mich manchmal nach Kindern wie eine alte Jungfer! Ich habe mal ein Mädchen vor zwanzig Jahren gekannt, Susanne Paetow – die war aus ganz gutem Haus und ein nettes, lebenstüchtiges Ding ... aber wie das so ist – nachher ist sie unters Fußvolk geraten. An Suschen Paetow muß ich immer denken – gerade so komme ich mir vor.«
Sie gingen eine Weile nebeneinander her durch die mondhelle Königstraße. Der Gedankenfreund stand gerade hinter ihnen, zog oben um die Dächer seine Silberlinien, zitterte an den Scheiben kaum entlang und umhauchte sie ganz zart mit seinem mattgrünen Licht. Und nur die Spiegelaugen der Spione vor den Fenstern blitzten...




