E-Book, Deutsch, Band 5, 307 Seiten
Herzberg Schneeweißes Sylt
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96714-114-6
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Küstenkrimi - Nordseekrimi
E-Book, Deutsch, Band 5, 307 Seiten
Reihe: Hannah Lambert ermittelt - Friesenkrimi-Reihe
ISBN: 978-3-96714-114-6
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
"Schneeweißes Sylt" ist Teil 5 der Reihe "Hannah Lambert ermittelt". Jeder Fall ist in sich abgeschlossen. Es kann allerdings nicht schaden, auch die vorangegangenen Fälle zu kennen ;)
Bisher erschienen:
"Ausgerechnet Sylt"
"Eiskaltes Sylt"
"Mörderisches Sylt"
"Stürmisches Sylt"
"Schneeweißes Sylt"
"Gieriges Sylt"
"Turbulentes Sylt"
"Düsteres Sylt"
"Funkelndes Sylt"
"Brennendes Sylt"
"Vergangenes Sylt"
"Trügerisches Sylt"
"Vergessenes Sylt" - JETZT BRANDNEU!
"Hannah Lambert ermittelt" ist mit über 1 Mio. verkauften Exemplaren eine der erfolgreichsten Krimi-Serien der letzten Jahre. Alle Teile sind als eBook, Taschenbuch und Hörbuch verfügbar (der neueste Teil als Hörbuch folgt in Kürze).
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Rantum/Sylt, Sonntagvormittag »Das war endlich der Letzte«, stöhnte Ole. »Oben hast du Pullover draufgekritzelt.« Also ließ er den Umzugskarton aus einiger Höhe direkt vor Hannahs zukünftigem Kleiderschrank zu Boden krachen. Das Resultat war lautes Scheppern. »Ich hatte die beiden Vasen von meiner Oma zwischen die Pullover gesteckt«, erklärte Hannah diesen Sachverhalt erschreckend ruhig. »Hörte sich so an, als hätten es die Dinger jetzt hinter sich.« »Kannst du mir sowas nicht früher sagen? Wer stopft denn seine Klamotten in einen Karton und verstaut dann zwei wertvolle Vasen darin, um ausgerechnet die …?« »Ich! Macht das nicht jeder so?« Ole klang zunehmend frustriert. »Vielleicht kann ich die Teile ja kleben.« Er ließ sich auf einem Stuhl nieder, den er – zusammen mit dessen hölzernem Zwillingsbruder – vor dem letzten Karton hereingetragen hatte. »Ich hab dich vorher gewarnt, Chefin! Umzüge sind nicht so meins. Und ich hatte dir auch gesagt, dass ich keine Verantwortung übernehme, falls was kaputtgeht. Du erinnerst dich hoffentlich?« Hannah tat, als würde sie einen Vertrag aus dem Bund ihrer ausgebeulten Jogginghose ziehen und überflog ihn mit todernster Miene. Auf Seite zwei oder drei des unsichtbaren Kontrakts stockte sie und kam nickend zu einem Fazit. »Stimmt! Aber hier steht auch, dass du uns was von McDonald‘s holst, sobald alles im Haus ist.« »Und das soll ich unterschrieben haben?«, hakte Ole lachend nach. »Lass mich raten: Dabei gehts gar nicht um dich, sondern vielmehr um deine Familie. Weil Felix das Eis so liebt und deine Mutter die Chicken Wings.« »Aber dieses Mal mit doppelt Süß-Sauer-Sauce, wenn ich bitten darf! Und lass dir nicht wieder so ’n halbes Eis andrehen!« »Deswegen extra nach Westerland«, maulte Ole, während er den Raum und das Chaos aus teilweise bis zur Decke gestapelten Kartons und einzelnen Möbelstücken hinter sich ließ. »Hätt ich das geahnt, wär ich heut Morgen bestimmt nicht in aller Herrgottsfrühe auf die Insel rübergekommen, um dir zu helfen.« Hannah holte ihren widerspenstigen Helfer auf dem Flur ein. Dort packte sie ihn geschickt von hinten, verdrehte sofort seinen Arm auf den Rücken und schob ihn im typischen Polizeigriff gegen die Wand. »Hab ich dir schon gesagt, dass du ein richtiger Freund bist? Wahrscheinlich sogar mein bester.« »Und wie man an heute Morgen sieht, auch dein einziger«, keuchte Ole unter Schmerzen. »Ist ja auch kein Wunder! Wer so mit seinen Freunden umgeht … lass mich endlich los, du garstiger Kampfzwerg!« »Nur wenn du versprichst, hinterher lieb zu sein.« Hannah wartete keine Antwort ab und entließ den Arm aus seiner Geiselhaft. Als sich Ole zu ihr umdrehte, tätschelte sie ihm die Wange und flüsterte bloß noch. »Ich kann mich nicht entscheiden.« Oles Miene, die ursprünglich weiteren Protest ankündigte, veränderte sich rapide. Plötzlich sah er besorgt aus und war im Begriff, Hannah zu umarmen. »Bereust du‘s schon? Wenn du dir das mit dem Umzug zu deiner Mutter noch mal durch den Kopf gehen lassen willst, ist es auch okay für mich. Ich trag einfach alles wieder raus in die Autos und wir schaffen dein ganzes Zeug zurück aufs Festland. Kein Problem! Du kannst auch erst mal bei mir wohnen, falls Bruno deine Bude schon anderweitig vermietet hat.« »Darum gehts doch gar nicht«, hauchte ihm Hannah auf Zehenspitzen filmreif ins Ohr. Ole lief eine Gänsehaut über den Rücken. »Und worum dann? Sag schon!« »Ich überlege, ob ich zum Big Mac und den Pommes ’ne Apfeltasche nehme. Was meinst du? Schaff ich das?« Anstelle einer Antwort stieß Ole seine Chefin von sich und bekam vor Empörung kaum genug Luft für eine Beschwerde: »Du hast sie echt nicht mehr alle! Und du musst aufpassen, dass du nicht bald völlig ohne Freunde dasitzt.« Hannah zeigte ganz unbekümmert auf ihr zukünftiges Schlafzimmer, in dem sich die Kartons stapelten. »Meinen Krempel hab ich doch hier. Wozu brauche ich jetzt noch Freunde?« »Zum Beispiel, weil du es mit deiner Mutter höchstens zwei Wochen unter einem Dach aushalten wirst«, konterte Ole zickig. »Übrigens: Maike tippt nur auf ’ne Woche und Gerd Hoffmann meinte gestern am Telefon, dass es nicht mehr als ein paar Tage werden. Fällt dir dazu noch was ein?« »Klar! Vergiss bloß meine Apfeltasche nicht!« Mit diesen Worten verabschiedete sich Hannah augenzwinkernd. Nachdem Ole im Sylter Januargrau durch die Haustür der Lambert-Villa verschwunden war, kehrte sie nicht in ihr chaotisches Schlafzimmer zurück, sondern bog nach rechts in die Wohnküche ab. Dort saß ihre Mutter am Tisch und löste Kreuzworträtsel. Aber es war anzunehmen, dass sie alles mitgehört hatte. Entsprechend fiel ihr erster Kommentar aus: »Du kannst wirklich von Glück reden, dass du einen Freund wie Ole hast.« Gertrud Lambert verzog das Gesicht und grübelte offenbar angestrengt über etwas. Dabei handelte es sich vermutlich nicht um die Hauptstadt von Indonesien oder einen Nebenfluss der Mosel, wie ihre nächsten Worte deutlich machten: »Keine Ahnung, wie das alles ohne ihn funktionieren sollte – bei deinem Durcheinander.« »Ich dachte, wir hätten uns auf einen Waffenstillstand geeinigt.« Hannah zog den Kühlschrank auf, inspizierte nacheinander die Fächer und schloss die Tür unverrichteter Dinge. Drinnen klimperten ein paar Glasflaschen. »Du kannst sagen, was du willst – ich für meinen Teil hab mich bis jetzt dran gehalten. Oder etwa nicht?« Ihre Mutter zeigte zum Kühlschrank, ein Ablenkungsmanöver. »Nichts gefunden?« Hannah ließ sich auf der Küchenbank nieder und rutschte stückweise unter den Tisch. »Wer von uns erledigt in Zukunft eigentlich die Einkäufe?«, fragte sie mit der unschuldigen Stimme eines jungen Mädchens. »Ich hatte gehofft, du. Mir ist der ganze Kram schon lange zu schwer. Außerdem koche ich ja auch jeden Tag und …« »Ist in Ordnung.« Hannah zog ihr Smartphone aus der Tasche, platzierte es vor sich auf dem Tisch und wischte eine Weile lustlos auf dem Display herum. »Ist das alles?« Ihrer Mutter war offenes Erstaunen anzuhören, beinahe Entsetzen. »Du hast kein Problem damit, wenn ich nicht mehr einkaufen gehe und du das erledigen musst?« »Wieso sollte ich? Hast du doch lange genug getan ... auch für Felix.« Allein dieser Name bewirkte, dass sich die Gesichter beider Frauen von einem Moment zum nächsten dramatisch verfinsterten. Es war, als würde sich plötzlich ein dunkler Schleier über dem Küchentisch ausbreiten. Gertrud Lambert machte mit dünner Stimme den Anfang: »Ich dachte, wir wären wenigstens ein bisschen über das Ganze hinweg.« »Ich auch.« »Willst du drüber reden?« »Worüber denn?«, kam es verbittert von Hannahs Seite zurück. »Darüber, dass mein einziges Kind neuerdings in einer Wohngruppe lebt? Oder vielleicht, dass ich meine Bude leichtfertig gekündigt hab und mein Kater jetzt endgültig bei Bruno wohnt? Oder wollen wir lieber …?« »Es ist besser für ihn – erst mal.« »Für wen von den beiden?«, fragte Hannah, obwohl sie die Antwort natürlich kannte. »Felix ist dort gut untergebracht und wir haben so die Möglichkeit, uns aneinander zu gewöhnen – ohne weiteres Störfeuer. Oder willst du etwa, dass dein Sohn …?« »Was darf ich denn unter ›Störfeuer‹ verstehen?« »Das meine ich doch nicht böse!«, versuchte Gertrud Lambert ihre eigenen Worte zu relativieren. »Du musst schon zugeben, dass der Alltag ohne Felix manchmal ein bisschen leichter ist. Auf jeden Fall unkomplizierter.« »Muss ich?« Hannah hob den Kopf. Sie wirkte nicht wütend, vielmehr gründlich ernüchtert. Entsprechend fiel ihr Fazit aus: »Nimm es mir bitte nicht übel … ich hab mich in erster Linie wegen Felix auf den Umzug eingelassen. Jetzt ist er weg und wir hocken zu zweit hier rum. Ich glaube, das hast du dir auch anders vorgestellt.« »Aber du kannst ihn regelmäßig besuchen, wenn du bei mir wohnst. Oder meinst du etwa, du hättest es andernfalls geschafft, täglich auf die Insel rüberzukommen, um …?« »Natürlich nicht«, wiegelte Hannah ab. Danach schwieg sie zunächst. Nur ihr Gesicht sprach traurige Bände. Ihre Mutter fuhr energisch fort: »Nach dem Vorfall neulich haben wir zusammen beschlossen, dass er erst mal in diese Wohngruppe kommt. Wenigstens für ein halbes Jahr – hinterher sehen wir weiter.« »Aber hier hat es doch auch immer ganz gut geklappt«, gab Hannah zu bedenken. Immerhin ein indirektes Lob an die Adresse ihrer Mutter. »Und wenn ich daran denke, wie er die ersten Tage in der Wohngruppe ausgeflippt ist …« Sie verstummte. Ihre Miene sah wie versteinert aus. »… ich könnte den ganzen Tag heulen, von morgens bis abends.« Gertrud Lambert schaute besorgt drein. Bevor sie etwas sagte, wischte sie mit dem Handrücken eine Träne weg, die ihr an der Wange herunterlief. »Hast du Ole gebeten, auf dem Rückweg anzuhalten und ihm sein Lieblingseis vorbeizubringen?« Hannah nickte nur. Zu Worten war sie vorerst ohnehin nicht in der Lage. »Da freut er sich, so viel ist sicher. Außerdem gibt es für ihn sowieso nichts Schöneres als zusammen mit Ole …« »Herzlichen Dank!«, presste Hannah an Rotz und Tränen vorbei. Sie rutschte auf der Küchenbank ein Stück seitwärts, wollte aufstehen, aber der Tisch bremste sie aus. Gegenüber geriet der Teebecher ihrer Mutter ins Wanken. Doch die hatte nur Interesse an den Händen ihrer Tochter, schnappte danach und umklammerte sie...




