E-Book, Deutsch, 427 Seiten
Reihe: 99 Welt-Klassiker
Heyse / Schulze Novellen vom Gardasee
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-188-4
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 427 Seiten
Reihe: 99 Welt-Klassiker
ISBN: 978-3-96281-188-4
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paul Heyse (1830-1914) ist ein Mitglied der Riege deutscher Literaturnobelpreisträger. Er bekam den Preis 1910 als erster deutscher Dichter überhaupt verliehen - Mommsen (1902) war Historiker. Theodor Fontane glaubte 1890, dass Heyse seiner Epoche »den Namen geben« und ein »Heysesches Zeitalter« dem Goetheschen folgen werde. Heyse war Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer. Er pflegte zahlreiche Freundschaften und war auch als Gastgeber berühmt. Viele seiner Novellen siedelte Heyse in seiner Wahlheimat Italien an.
Autoren/Hrsg.
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Gefangene Singvögel
(1901)
Mutter, liebe Mutter,
Hüter stellst du mir?
Hüt’ ich mich nicht selber,
Hilft kein Hüter dir,
Dass vor mehr als hundert Jahren, genauer gesagt am 11. September 1786, der Gardasee entdeckt worden ist, von keinem Geringeren als unserem größten Dichter, weiß Jeder, der Goethe’s »Italienische Reise« gelesen hat.
Freilich ging es mit dieser Entdeckung wie mit mancher anderen, die für den Kulturfortschritt der Menschheit noch wichtiger war: sie wurde bald wieder zugedeckt, noch ehe die Welt so recht von ihr erfahren hatte; wie eine Quelle, die frisch zu Tage dringt, ein Weilchen fortfließt, dann aber bald von lockerem Erdreich wieder aufgesogen wird. Denn obwohl Goethe den Gardasee »eine herrliche Naturwirkung«, »ein köstliches Schauspiel« genannt, und von dem, was jetzt Riviera heißt, der Strecke zwischen Gargnano und Salò, erklärt hatte, »keine Worte drücken die Anmut dieser so reich bewohnten Gegend aus«, war von dem Zauber des alten Benacus, von dem schon Virgil gerühmt hatte, dass »seine Brandung wie Meereswogen rauscht und braus’t«, das folgende Jahrhundert hindurch unseres Wissens kaum die Rede. Manzoni’s »Verlobte« und Torwaldsen’s »Alexanderzug« hatten den Comersee interessant gemacht, die Borromeischen Inseln lockten große Fremdenschwärme in ihre Gärten, und die Schlacht von San Martino war geschlagen worden, ohne dass Sieger und Besiegte für den zauberhaften Ausblick nach dem Monte Baldo hinauf Augen und Sinn gehabt hätten.
Da war es vor etwa einem Vierteljahrhundert einem Landschaftsmaler vorbehalten, den Gardasee von neuem zu entdecken.
Von verschiedenen Herbstausflügen kehrte mein Freund mit einer wohlgefüllten Mappe voller Skizzen und Ölstudien zurück, die er mit seinem heiteren Jupiterlächeln vor mir ausbreitete. Er war noch ein Künstler der alten Schule, die der Natur gegenüber den Begriff der Schönheit gegen den der Stimmung noch nicht vertauscht hatte. Damals war freilich die »Andacht zum Unbedeutenden«, die Armeleutmalerei, der hysterische Hang zur Dissonanz in Kunst und Literatur noch nicht aufgekommen. Impressionismus, schrankenloser Individualismus und wie die Stichworte der neuen Kunstanschauung sonst noch heißen, tönten noch nicht von den Lippen der nach Neuem begierigen jungen Welt, und der Kult der schönen Linie, der festgegliederten Form, der kräftigen Lokalfarbe wurde erst etwa zehn Jahre später als akademischer Zopf verhöhnt.
Bernhard Fries aber erlebte den Anbruch der neuen Zeit noch, und wenn er dann in Ausstellungen und Kunstvereinen dieser modernen Kunst begegnete, betrachtete er sie mit stillem Kopfschütteln, würdigte hie und da das Talent, wendete sich dann aber ruhig ab und sagte: Ich bin kein Konsument dafür.
Dann kehrte er in sein bescheidenes Atelier zurück, zu dem er ein Zimmer seiner Wohnung eingerichtet hatte, und fuhr fort, seine Bilder zu malen, wie es ihm ums Herz war, unbekümmert, ob sich, trotz der siegreichen neuen Richtung, »Konsumenten« dafür finden würden.
Dass einem so gearteten Künstler das Herz aufgehen musste gegenüber einer Natur, »deren Anmut keine Worte ausdrücken können«, begreift man leicht. Auch war es kein Wunder, dass er mit seiner Begeisterung mich ansteckte. Ich hatte auf früheren Italienfahrten einer eifrigen Landschaftspfuscherei gefrönt. Da ich kein eigentliches malerisches Talent besaß, auch einen Stimmungseindruck hervorzubringen mit meinem bescheidenen Zeichenstift nicht hoffen konnte, waren mir landschaftliche Motive die liebsten, in denen sich’s um reizvolle feste Linien des Terrains und, was die Vegetation betraf, um die geschlossenen Konturen der Pinien, Zypressen, Palmen und Olivenstämme handelte.
Das alles fand ich nun in den Gardastudien meines Freundes bis auf die hier kaum vorkommende Pinie aufs schönste beisammen. Und so widerstand ich der Versuchung nicht, auch meinerseits ein paar Herbstwochen als ein künstlerischer Freibeuter an diesem gesegneten Gestade herumzustreifen und dabei vielleicht in meiner dilettantischen Kunstübung einen kleinen Fortschritt zu machen.
Freund Fries hatte mir als das Standquartier, von dem aus er seine Streifzüge unternommen, Toscolano bezeichnet, und die einzige Herberge in dem kleinen Nest, das , wegen ihrer Reinlichkeit und Billigkeit gerühmt.
Das Lob dieser beiden Tugenden sollte ich bei näherer Bekanntschaft durchaus gerechtfertigt finden. Toscolano selbst aber schien mir den Vorzug vor den nachbarlichen Nestern Gargnano und Maderno nicht so recht zu verdienen.
Ich war mit dem Schiff von Desenzano hergekommen, in der reinen Herbstsonne des dritten Oktober, vorüber an Salò, dem damals noch unberühmten Gardone Riviera und dem heiteren Maderno. Zwar die Straße von hier aus durch die hohe Lorbeerallee entzückte mich. Als ich aber Toscolano erreichte, fühlte ich auf der Wanderung durch die einzige sonnenlose Gasse eine gewisse schaurige Beklemmung, die mich schon bereuen ließ, dass ich meinem ersten Eindruck nicht gefolgt und in Maderno geblieben war.
Doch der freundliche Empfang des Wirtes vom »Weißen Roß«, dessen biederes dickes Gesicht ein gemütvolles Lächeln überflog, als ich ihm den Gruß des alten Gastfreundes Sor Bernardo bestellte, söhnte mich bald mit dem Quartier, das er mir empfohlen, aus.
Freilich, das Haus selbst lag nicht sonniger als alle anderen. Es glich mehr dem, was wir in unsrem zivilisierten Vaterland einen Ausspann nennen, als einem richtigen Albergo, selbst nach italienischen Begriffen. Auch war das einzige Zimmer, das gelegentlich einen Fremden beherbergte und auch meinem Freunde zur Wohnung gedient hatte, nur ein großer, kahler, weiß getünchter Raum ohne anderes Mobiliar, als das breite, mit groben, blühweißen Leintüchern überzogene eiserne Bett, einen einzigen Strohstuhl, ein Waschbecken in einem eisernen Gestell und ein wackliges Tischchen. Statt des Schrankes und der Kommode dienten einige Haken und Nägel an der Tür. Und doch war’s, wie man in der Schweiz sagt, ein »frohmütiges Zimmer«. Denn von dem einzigen Fenster aus hatte man den Ausblick über einen kleinen Hof...




