Höner | Kenia Leak | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Höner Kenia Leak

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-03855-108-9
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-03855-108-9
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Damit hat Jürg Mettler nicht gerechnet. Sein Freund Tetu, der pensionierte und erblindete Polizist aus Kenia, kommt zu Besuch. Er will in der Schweiz seine Augen operieren lassen. Ein Vorwand. Was will der Alte wirklich? Nach zwei Wochen, als er wieder sehen kann, gesteht ihm Tetu endlich den wahren Grund: Ihm ist eine heisse CD zugespielt worden, auf der offenbar Belastendes über den Clan des kenianischen Finanzministers Kimele gespeichert ist. Tetu braucht die Hilfe seines Freundes. Aber warum lässt der Rentner nicht einfach die Finger davon? Schon einmal hatten sie beide gegen Kimele ermittelt und es nur knapp überlebt. Widerwillig lässt sich Mettler, der heute als Betreuer Asylsuchender arbeitet, darauf ein. Als Erstes stossen sie auf Dokumente, die ausgerechnet Mettler in ein schiefes Licht rücken. Dieser behauptet, die Dateien seien gefälscht. Aber woher hat Mettler das Geld, mit dem er sich das Haus auf dem Iselisberg gekauft hat? Tetus Misstrauen dem ehemaligen Freund gegenüber wächst mit jedem Erklärungsversuch Mettlers. Auch mit der Technik sind die alten Herren überfordert, und so weiss Kimele schon bald, wo er seine Daten suchen muss ...

Aus Winterthur, geboren 1947, Schauspielstudium an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hamburg, Schauspieler u.a. in Hamburg, Bremen, Berlin, Basel, Mannheim und Baden. Seit 1981 freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur. Von 1986 bis 1990 Afrikaaufenthalt. 1997 - 2000 Präsident der Gruppe Olten. Von 2000 bis 2004 wohnhaft in Wien, seit Mai 2004 wieder in der Schweiz. Autor von Theaterstücken, Hörspielen und Büchern.
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Ende März 2016


Prolog


Er hätte sich sein Gesicht gerne genauer angeschaut, aber es gab keinen Spiegel, nicht einmal ein Fenster. Die verkrustete Schicht aus Blut und Schmutz, ein höckeriger, verschorfter Belag auf Wangen und Stirne schmerzte nicht mehr, wenn er ihn berührte.

Die Wände waren bis zur Decke gekachelt, weisse Fliesen wie in einer Metzgerei. Einen halben Meter über dem Tisch baumelte eine Neonröhre. Die Ecken des Raums verschwanden in der Dunkelheit, und nachdem man die Türe hinter ihm verriegelt hatte, war er sich lange Zeit nicht sicher, ob er allein war oder ob sich jemand in einem Winkel verbarg und ihn beobachtete.

Etwas später, als er sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatte, entdeckte er mehrere Haken an der Wand, eine Eisenstange, die an Seilen von der Decke hing und einen aufgerollten Wasserschlauch. Es musste sich um einen ehemaligen Schlachtraum handeln, und wenn er die Luft einsog, glaubte er den Blutgeruch wahrzunehmen, der sich in den Fugen festgesetzt hatte.

Bevor sie ihn hierhergebracht hatten, hatten sie ihn gezwungen, die Kleider zu wechseln, hatten ihm frische Anstaltskleider gegeben, die so makellos sauber waren, dass er einen Moment lang glaubte, er wäre vor Gericht geladen. Einer hatte ihm sogar ein Pflaster auf die Nase geklebt und ihm das Blut aus den Augen gewischt.

Kaum hier angekommen, wurden die Kabelbinder, mit denen er gefesselt war, durchgeschnitten, und jemand zog ihm das Tuch vom Kopf.

Zum ersten Mal seit Tagen konnte er sich frei bewegen.

Er marschierte vor den Wänden auf und ab, umkreiste den Tisch, prüfte den Fussboden und suchte in Ecken und unter der Decke nach versteckten Kameras. Er klopfte mit seinen Knöcheln die Kacheln ab. Er rüttelte an der Tür.

Er begann zu schwitzen, er zitterte, er klammerte sich an den Tisch. Er ahnte, wohin man ihn geholt hatte. Und wozu.

Die Angst vor dem, was auf ihn zuzukommen drohte, zwang ihn, sich auf den Stuhl zu setzen. Er liess den Oberkörper vornüber auf den Tisch fallen, sein Atem ging schwer und stossweise. Er hustete und spuckte Blut.

Er brauchte seine Medikamente. Heilen konnten sie ihn nicht, aber zumindest sorgten sie dafür, dass er beschwerdefrei atmen und damit leben konnte. Wenigstens noch ein paar Monate, vielleicht ein Jahr.

Die Zeit verstrich langsam. Sein Herz tat ihm weh, die Lungen schmerzten, bald fühlte er seinen Hintern nicht mehr. Die Beine. Wenn ihn ein Hustenanfall aufrüttelte, glaubte er, kurz eingeschlafen zu sein, irgendwie mit verdrehtem Kopf unter der Neonröhre.

Als er hörte, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte, wusste er längst nicht mehr, wie lange er schon hier war.

«Francis Ali Odongo. Ich hätte mir zu deiner Pensionierung weiss Gott eine schönere Begegnung vorgestellt.»

Er erkannte die Stimme sofort, diesen krächzenden, scharfen Tonfall, die gehässige Rechthaberei. Samuel Kimele, der Professor und ehemalige Finanzminister, Kopf des Kimeleclans. Der Mann, der so gern als Onkel Sam auftrat, als stamme er aus Amerika und nicht aus einem Nest in der Nähe von Kisumu.

Hinter Kimele bauten sich zwei Typen mit Baseballschlägern auf.

Er schnellte auf, wischte hastig mit dem Ärmel den blutigen Auswurf vom Tisch und nahm Haltung an. Fehlte nur, dass er die Hacken zusammenschlug. Im letzten Moment gelang es ihm, den blödsinnigen Impuls zu unterdrücken, und er streckte dem Minister die Hand entgegen.

Sie waren beide gleich alt, waren zusammen in die Schule gegangen, hatten dieselben Lehrer. Auch später noch, als sie beide Karriere machten, der Minister als Politiker, er als Beamter, grüssten sie sich, wenn sie einander begegneten, obwohl er Kimele immer verdächtigte, nicht zu wissen, wem er zunickte.

Kimele übersah seine Hand, die in die Dunkelheit ragte und für einen Moment im Raum stehen blieb.

Er setzte sich, legte die Hände auf den Tisch und wartete.

Der Minister begann, vor dem Tisch hin und her zu schreiten. Wenn er in den Schein der Neonröhre kam, blitzte ein Knopf seines Anzugs, Schultern und Kopf verschwanden im Dunkeln, nur manchmal, wenn der Mann stehen blieb und auf ihn herabschaute, glaubte er die matt glänzenden Spiegel seiner Brillengläser zu erkennen.

Er beruhigte sich.

Der Besuch des Ministers war eine Überraschung, und dessen Anwesenheit bewahrte ihn vor Schlimmerem. Zumindest für den Moment.

«Odongo. Vor mehr als dreissig Jahren hast du bei der Steuerbehörde angefangen. Als Kommissär. Subalterner Sachbearbeiter für Zollvergehen. Vor einem Monat bist du als einer der Direktoren der Finanzverwaltung in Pension gegangen. Du schaust auf ein reiches und erfülltes Leben zurück», eröffnete Kimele salbungsvoll, indem er vor dem Tisch stehen blieb und die Fingerspitzen seiner Hände aufeinanderlegte. Schlanke Finger, geschmeidige Fingerkuppen, die sich im Licht sanft berührten, als müssten sie ihre Empfindlichkeit überprüfen. «Jedermann wünschte dir noch ein paar glückliche Jahre. – Ich weiss, du bist krank, aber in guten Händen, alles spricht dafür, dass du dich erholen wirst.»

Kimele wanderte hinter dem Tisch hin und her, als wolle er ihm Gelegenheit geben, ein paar Worte zu seiner Krankheit zu sagen. Er schnaubte, dann blieb er erneut stehen, holte Luft und wurde lauter:

«Aber nein, dich sticht seit Jahren etwas ganz Anderes. Etwas, was nichts mit deinem Herzen zu tun hat. – Oder doch?»

Der Minister wartete auf einen Protest. Wahrscheinlich hatte er gehofft, sein blosses Erscheinen mache ihn gefügig.

Dann nahm er den Faden wieder auf.

«Glaubst du wirklich, wir hätten deine ‹Sammlung› nicht bemerkt? – Mich hat immer ein bisschen belustigt, was du dir alles aus den Akten kopiert hast. Deine Notizen! Die doppelt und dreifach verschlüsselten Rechenkünste eines begabten Buchhalters. Wertloses Zeug, das niemand ernst zu nehmen brauchte. Die Spielerei eines Kontrollfreaks. Harmlos. Zumal du die Daten niemandem gezeigt und an niemanden weitergegeben hast.»

Kimele seufzte, als würde er ihn bedauern und nahm seine Gänge wieder auf. Er verschwand in der Dunkelheit der Zelle, das Blitzen der Knöpfe verriet seine Kehrtwendungen.

«Nun gut. Ich liess dich gewähren. Die Marotte eines Spinners. Von wirklich entscheidenden Dingen hattest du keine Ahnung. – Doch dann, vor rund zwei Monaten beginnst du damit, eine Datenbank anzulegen. Als hättest du erst jetzt begriffen, wie umfassend und gewaltig elektronische Speichermedien sind. Und alles, was bis anhin mehr oder weniger offen auf deinem Schreibtisch herumlag, wird nun …», seine Stimme wurde schärfer, «verschlüsselt, katalogisiert, ergänzt, aufgefüllt, nachgeführt und … «, Kimele stand vor dem Tisch und zischte: «Verheimlicht! Aus einem Spiel, einer Marotte, wird Diebstahl. Ja, Verrat!»

Der Minister stützte sich auf dem Tisch auf und schob sein Gesicht ins Licht der Neonröhre, als wolle er sich unter ihr durchwinden, um auf ihn loszugehen. Er holte Luft und geiferte:

«Ich weiss nicht, was du dir von den Daten erwartest, aber indem du verheimlichst, was du zusammenklaust, leistest du Vorschub zu einem kriminellen Akt.»

Scheinbar ruhiger zog er sich wieder zurück, schnaufte schwer und bemühte sich um einen gemässigteren Ton:

«Du glaubst, mir zu schaden. Willst mich und meine Familie blossstellen. Wie kurzsichtig, mein Lieber, wie dumm. Deine Machenschaften schaden einzig und allein Kenia. Deinem Volk. Deiner Familie. Du verrätst dein Land. – Ist dir klar, was du da gemacht hast? Weisst du, wie so etwas genannt wird? Weisst du das?», und dann donnerte er: «Hochverrat! – Und darauf steht die Todesstrafe. Nicht nur in Krisenzeiten.»

Kimele versuchte, ihn einzuschüchtern. Doch er kannte die Gesetze nicht. Kein Wunder für einen wie ihn, der Korruption als Schmiermittel verstand und sich über Betrug und Steuerhinterziehungen freute wie ein kleiner Junge, dem es gelungen war, einem unvorsichtigen Nachbarn ein paar Eier zu klauen.

«An wen hast du die Daten verkauft?», drängte Kimele und versetzte der Lampe einen Stoss. «An die Amerikaner? An die Weltbank? – Noch wissen wir nicht, wem du die Daten zugespielt hast. Warum sie noch nicht veröffentlicht worden sind. Vielleicht weil deine Helfershelfer nicht so couragiert sind, wie du dir das erhofft hast? Vielleicht weil sie intelligenter sind als du? Oder weil sie festgestellt haben, wie haltlos deine Unterstellungen sind. – Ich kenne dich, Odongo, deine Selbstüberschätzung, deine Überheblichkeit. Einer wie du glaubt immer, alles richtig zu machen. Aber ich warne dich, du bist nichts, gar nichts! Ich brauche nur mit den Fingern zu schnippen und …», der Minister sog die Luft ein wie ein Ertrinkender. «Dich gibt es gar nicht. Einen Francis Ali Odongo hat es nie gegeben. – Ich bin deine letzte Chance. Du sagst mir jetzt, wo und wie ich zu den Daten komme, oder du teilst mir mit, an wen du sie weitergegeben hast», Kimele schob ein Smartphone über den Tisch, «Namen und Adressen. Hier und jetzt. – Die Aufnahme läuft.»

Odongo fixierte das Smartphone. Auf dem Display war eine Art Tape abgebildet, ein rotes Licht suggerierte ein offenes Mikrofon, und ein wanderndes Dreieck, dass eine Aufnahme gemacht wurde. Die Dinger konnten mittlerweile wirklich alles. Er drehte das kleine Gerät in seinen Händen, genoss trotz seiner prekären Lage die Geschmeidigkeit des Materials und fand schliesslich den digitalen Button, mit dem sich die Aufnahme beenden liess. Wortlos legte er das Utensil auf den Tisch zurück.

«Also...



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