E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Höner Rocha Monte
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-902711-95-3
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-902711-95-3
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Höner in Eupen geboren, wuchs in Belgien und der Schweiz auf. Nach einem Schauspielstudium in Hamburg und seiner Tätigkeit als Schauspieler u.a. in Basel, Bremen und Berlin lebt er seit 1981 als freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur. Der mit zahlreichen Preisen, Stipendien und Residenzen bedachte Autor von Theaterstücken, Drehbüchern und Romanen lebt auf dem Iselisberg im Thurgau. Rocha Monte ist sein erster Roman bei Septime.
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1
Er kannte die Frau. Mitten im Trubel der Gäste, die nach Hause wollten, stand sie im Foyer und schüttete sich Erdnüsse in die Hand. Mit Daumen und Zeigefinger pickte sie ein Nüsschen auf, schob es in den Mund und zermalmte es genüsslich. Sie schielte in seine Richtung. Oder er irrte sich, und ihr Lächeln galt dem Geschmack der salzigen Nüsse.
Nahm sie ihn überhaupt wahr?
Es war nicht das erste Mal, dass er ihr begegnete, aber er wusste nicht, wer sie war, und je mehr er versuchte, sich zu erinnern, desto rätselhafter wurde sie. Ihre Haare, die sie sich gleich mehrfach um den Kopf gewunden hatte und die bei jeder Bewegung verrutschten und auseinanderzufallen drohten, das schmale Gesicht, der etwas blutleere Mund und ihr Lächeln. Dass sie seinetwegen hier sein könnte, hielt er für ausgeschlossen. Doch warum sie sich jetzt, da auch die letzten Besucher im Begriff waren, das Hotel zu verlassen, Nüsschen für Nüsschen in den Mund schob, beunruhigte ihn. In ein paar Minuten gingen hier die Lichter aus und die Türen wurden verschlossen.
Er musste sich um seine Kinder kümmern, um seine Frau, die mit den Mänteln vor der Drehtür stand, die die Gäste in die kalte Nacht schaufelte.
Vor knapp vier Stunden, während der Abschiedsrede des Direktors, war die Fremde vor ihm gesessen, und als er nach vorn zum Direktor gebeten wurde, hatte sie sich nach ihm umgedreht. Sie hatte ihm aufmunternd zugenickt, als wolle sie ihm Mut machen, oder bewunderte sie ihn, weil er es als Einziger geschafft hatte, seine Arbeit im Hotel auf dem Berg zu behalten? Als Haustechniker und Wächter.
Auch er war stolz auf seine Ernennung. Auf seinen Wunsch hin und weil die Aufgabe einen Einzelnen überfordert hätte, wurde gemeinsam mit ihm auch noch der Chauffeur José verpflichtet. Und nun wurden sie, er, Aurélio Fuertes, als verantwortlicher Wächter, und José Dante Barosa, als sein Helfer, vom Direktor zu einer symbolischen Schlüsselübergabe vor die versammelten Angestellten gerufen.
Das gesamte Personal würde das Hotel noch diesen Abend verlassen. Den Angestellten war gekündigt worden. Mitten im September, einen Monat bevor die offizielle Sommersaison zu Ende ging.
Die Schlüsselübergabe war dann aber keineswegs so symbolisch, wie er angenommen hatte. José und er standen vor der Belegschaft und deren Verwandten, und der Direktor überreichte ihm einen realen Schlüsselbund.
»Hier, die Schlüssel zu den Direktionsräumen, zu den Vorratskellern, zum Tresor. Und: Der Hauptschlüssel zu sämtlichen Zimmern, die zurzeit zwar leer sind«, witzelte der Direktor, »die sich aber schnell wieder füllen werden, wenn das Hotel Rocha Monte Palace einen neuen Besitzer gefunden hat und seine Tore wieder öffnet.« Und mit einem Schneid, der seine Enttäuschung verschleiern sollte, rief er den Versammelten zu: »Spätestens in drei Monaten sind Sie, meine lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wieder hier. – Außer mir.«
Die Leute applaudierten. Und er, Aurélio, hielt den Schlüsselbund dem Publikum wie eine Trophäe entgegen und rief: »Wie Höllenhunde werden wir, José und ich, dafür sorgen, dass das Hotel Rocha Monte Palace diese böse Zeit unbeschadet überstehen wird«, und dann schrie er verwegen: »Als Zeichen meiner Verantwortung, das schwöre ich, als Zeichen meiner Verantwortung werde ich mir die Haare nicht mehr schneiden, bis das Hotel wiedereröffnet wird!«
Das Publikum lachte, Aurélio verbeugte sich ungeschickt, auch ein bisschen beschämt. Was ließ er sich zu einem so unbedachten Schwur hinreißen? Doch als er sich wieder aufrichtete, klatschten die Leute immer noch. Außer seiner Frau. Die klatschte nicht, das wusste er.
Lucia war dagegen, dass er dieses Wächteramt angenommen hatte. Sie hatte schon vor einem Jahr nicht verstanden, warum er sich für die Stelle als Haustechniker beworben hatte.
»In einem Nobelhotel, über dem fast das ganze Jahr der Nebel hängt. Touristen, die auf einer Insel Ferien machen, träumen vom Meer, von Sonne und Strand. Du verrätst deine Selbstständigkeit. Du glaubst, eine feste Anstellung sei bequemer als die tägliche Anstrengung, die dir ein eigenes Geschäft abverlangt.«
Und nun? Nach einer Saison musste das Hotel schließen, und ihr Satz »Du wirst in deinem Luxus versauern« dröhnte gleich einem Fluch in seinen Ohren.
Was er als Auszeichnung verstand – schließlich hatten sich über hundert Personen für den Posten beworben –, benutzte Lucia, um sich über ihn und seine Erwartungen lustig zu machen.
»Wer da oben ein Hotel baut, muss verrückt sein, oder ein Dummkopf. Zweihundert Tage im Jahr Regen und Nebel, drei Kehren tiefer scheint die Sonne. Aber der Herr glaubt, er leiste eine unverzichtbare Arbeit, weil er unter feinen Leuten, die ihn gar nicht wahrnehmen, in einem feuchten Keller hocken darf. Weil du ein paar Sicherungskästen und Ventile kontrollierst? Vollkommen sinnlos, wo doch alles neu und kaum gebraucht ist. – Nur für die Familie hat man keine Zeit mehr. Für mich, für die Kinder. Für unsere eigenen Pläne, wo wir doch auch nicht mehr die Jüngsten sind …«, und dann spulte sie die Leier mit einem eigenen Geschäft und Onkel Pepe ab, ihrem Onkel, dem wichtigsten Mann auf der Insel. »Der Abgeordnete Pepe Souza. Du weißt, er mag dich, Pepe wird uns sein Geschäft überlassen, weil … Weil Pepe keine Kinder hat. Weil du der beste Elektriker der Insel bist.«
Ja. Und genau deswegen hatte er diese Anstellung bekommen, er, und nicht einer von den neunundneunzig anderen. Doch es war nicht nur ihr Gezänk, das sie entzweite.
Lucia hatte ihn in den ersten Monaten ein paarmal zum Hotel gefahren, um anschließend mit den Kindern Verwandte zu besuchen. Über den Pass nach Horta an der Ostküste. Am Abend hatte sie ihn dann wieder abgeholt.
Die Kinder ließen sich zeigen, wo ihr Vater arbeitete. Fasziniert hörte Nevio dem Dröhnen der Kompressoren zu, wenn diese sich aufluden, um anschließend die Sprudelbäder der Wellnessanlage in Hexenkessel zu verwandeln. Oder sie fuhren in einer der gläsernen Liftkabinen hinauf und hinunter. Lucia und er setzten sich für einen Tee in die Lounge, die Kinder rannten um die Tische oder winkten von den Balkonen. Hotelleben für ein paar Minuten, für eine halbe Stunde, bis sie dann gemeinsam nach Hause fuhren.
Es dürfte wohl nach dem vierten oder fünften Mal gewesen sein, dass eine der Rezeptionistinnen an ihren Tisch kam und sie freundlich darauf aufmerksam machte, dass die Lounge für Gäste sei und kein Spielplatz. Lucia war empört, sie sammelte die Kinder ein und rauschte davon. Sie ließ ihn stehen. Sie war beleidigt und durch nichts auf der Welt je wieder dazu zu bewegen, ihn im Hotel zu besuchen. Sie verweigerte jedes Gespräch über das Hotel und seine Arbeit, und der Niedergang des Fünf-Sterne-Resorts verwandelte sich in ihrem Kopf in einen Triumphmarsch.
Dass er dann dieses Wächteramt angenommen hatte, verletzte sie erneut. Dazu kam, dass sie ein weiteres Mal schwanger war. Und darum rechnete er es ihr hoch an, dass sie ihn zu dieser Abschiedsfeier begleitete. Sie waren sich zwar nicht einig, aber sie gehörten zusammen.
Nach der Schlüsselübergabe servierte die Küchenmannschaft ein Abschiedsessen. Sie saßen im Restaurant Dragão Vulcano, dem größten der drei hoteleigenen Restaurants, und ließen sich verwöhnen. Fröhlichkeit wollte keine aufkommen. Ein paar flapsige Bemerkungen, ein Prosit auf die Henkersmahlzeit oder der dumme Spruch So gut möchten wir es jeden Tag haben konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht nur die Hotelleitung gescheitert war. Viele von ihnen hatten sichere Jobs aufgegeben, und jetzt konnten sie nicht einmal damit rechnen, dass die Gehälter für den September ausbezahlt wurden. Schon während des Hauptgangs, einem mit Pfefferminzsauce strapazierten Stockfisch, brachen etliche auf, begründeten ihren vorzeitigen Abschied mit einem beschwerlichen Heimweg, und als José seine Handharmonika auf den Schoß nahm, um zum Tanz aufzuspielen, war die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen bereits verschwunden.
Gerade mal drei Pärchen tanzten vor der Bar, schoben sich ungelenk auf dem hastig freigeräumten Parkett hin und her. Und nachdem sich ein junger Hotelboy und ein Zimmermädchen zu Josés Tango in einer eitlen Show verausgabt hatten, klappte José sein Instrument wieder zu. Zum Tanzen waren die verabschiedeten Angestellten nicht zu animieren und zu der angesagten Polonaise über die Stockwerke von Zimmer zu Zimmer wäre es wohl nie gekommen.
Aurélio und seine Familie saßen vor den halb leeren Dessertschalen, stocherten in der viel zu süßen Waldbeerenmousse, einem aufgeschäumten Trockencremeextrakt, und schwiegen.
Lucia starrte auf den Schlüsselbund, den Aurélio neben seinem Gedeck auf dem Tisch platziert hatte, und die beiden Kinder, denen Lucia gleich zu Beginn der Veranstaltung verboten hatte, sich vom Tisch zu entfernen, schoben die süße Masse mit ihren Löffeln im Becher herum, als ob sie nach Beeren suchten. Oder sie zeichneten Achterbahnen auf den gläsernen Grund.
Aurélio hätte sie gern nach Hause geschickt.
Sie waren mit dem Auto gekommen, mit Aurélios Wagen, den er sinnvollerweise Lucia überließ, zumindest für die nächsten Wochen. Zum einen, weil er als Wächter kein Fahrzeug brauchte, und zum anderen, weil José einen Wagen besaß, den auch er benutzen durfte. Ganz abgesehen vom Hotelbus, der ihnen ebenfalls zur Verfügung stand.
Aber Lucia war der Meinung, dass sie und die Kinder bis zum Schluss bleiben müssten, und Aurélio...




