E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Höner Seifengold
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-03855-114-0
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-03855-114-0
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aus Winterthur, geboren 1947, Schauspielstudium an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hamburg, Schauspieler u.a. in Hamburg, Bremen, Berlin, Basel, Mannheim und Baden. Seit 1981 freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur. Von 1986 bis 1990 Afrikaaufenthalt. 1997 - 2000 Präsident der Gruppe Olten. Von 2000 bis 2004 wohnhaft in Wien, seit Mai 2004 wieder in der Schweiz. Autor von Theaterstücken, Hörspielen und Büchern.
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1
Kurz vor Mitternacht entlädt sich das Gewitter. Der Regen trommelt auf die Blechdächer und schlägt den Staub zu Boden, den Windböen soeben noch um die Baracken fegten. Schon nach wenigen Minuten wird der Wüstensand in den Gassen und auf dem Markt zu Schlamm. Ein schmutziger Brei aus Abfällen und Dreck rutscht auf der Straße ins ausgetrocknete Flußbett.
Seit Tagen flackerten die schäbigen Häuserzeilen Lodwars Nacht für Nacht im Widerschein der Blitze, zuckte das dürre Schattengeäst der Baumriesen über den leeren Marktplatz. Doch die Wolken jagten über die Oase und stauten sich jenseits der Wüste vor einem Gebirge, dessen Flüsse im salzigen Sand versiegten.
Der Polizeichef von Lodwar, Robinson Njoroge Tetu, steht nackt am Fenster seiner Kammer und träumt in die Nacht hinaus. Der Regen hat ihn aus dem Bett gelockt.
Das Gewitter erinnert ihn an Lamu, wo der erste Sturm jeweils eine wahre Erlösung bedeutete. Nicht nur von der Hitze des Aprils. Die Hotels wurden geschlossen, und die Insel gehörte wieder den Einheimischen. Die wenigen Weißen, die in Lamu eigene Häuser besaßen, störten ihn nicht.
Ein Blitz schlägt in einen der Eukalyptusriesen unterhalb des Busbahnhofs. Das grelle Licht gespenstert mit den Fassaden der Hütten. Im Turm der Presbyterianer auf der gegenüberliegenden Straßenseite schlägt die Glocke an.
Im kaltblauen Geflacker entdeckt Tetu eine Gestalt, die rasch näherkommt. Ihr Mantel flattert im Wind. Eine Hand über dem Kopf, den Oberkörper seltsam schief und nach vorne geduckt, hetzt ein Mann die Straße hoch. Er stolpert, strauchelt. Seine Hand fährt zum Rücken, greift in die Luft, verkrampft sich zur Faust. Er fällt, stürzt auf die Knie und kippt in den weichen Schlamm.
«Saufkopf, blöder!» brummt Tetu.
Der Mann rappelt sich wieder auf, stützt sich auf seine Ellenbogen und kriecht durch den Schlamm auf die nächsten Häuser zu.
«Gut, so ist es gut. Und nun mach, daß du weiterkommst.»
«Njoroge? – Was ist denn? Was brummst du? Warum stehst du am Fenster?» fragt leise und beunruhigt eine Frauenstimme.
«Nichts, es ist nichts. Ich schau' dem Regen zu.»
Die Frau schlüpft aus dem Bett und tastet sich durch die Dunkelheit. Der Polizist streckt die Hand nach seiner Wirtin aus und zieht sie an sich.
Der Regen rauscht auf die Oase nieder, eine Wassermusik, die alle übrigen Laute übertönt. Selbst im Zimmer riecht es angenehm nach feuchter Erde, nach nassem Holz, Rost und Staub.
Plötzlich und mit einem Schlag springt die Hüttentüre auf. Tetu und seine Freundin fahren auseinander.
«Was war das?»
«Der Saufkopf», murmelt Tetu. «Ich sah ihn vorhin durch die Straße torkeln.»
«Soll ich Licht machen?»
«Warte. Erst zieh' ich mich an.»
Tetu schlüpft in seine Hosen, angelt nach seinem Uniformhemd. Die Frau verknotet ein Tuch über der Brust. Dann sucht sie nach Streichhölzern und macht Licht. Tetu öffnet die Kammertüre.
Auf der Schwelle zwischen Veranda und Küche kauert eine Gestalt. Aus ihrem Rücken ragt der Griff eines Messers, eines Dolches, wie ihn die Nomaden der Wüste unter ihren Gewändern tragen. Das Gesicht liegt flach auf dem nackten Boden, Ziegendreck hängt in seinen Haaren, der durchnäßte Mantel, vom Schaft des Messers festgehalten, ist bis zum Kragen mit Fasern, Strohstückchen und winzigen Schmutzsplittern übersät, die sich im Gewebe des Stoffes verhaken.
Die Frau schreit und flüchtet ins Zimmer zurück. Tetu fährt dem Mann mit beiden Händen unter die Arme, reißt ihn hoch und zieht ihn ins Haus. Mit dem Fuß schlägt er die Türe zu und schleppt den Verletzten durch die dunkle Küche in die Kammer, wo er ihn, so wie er ihn unter der Türe gefunden hat, vorsichtig auf sein Bett legt.
Der Fremde stößt einen gurgelnden Laut aus. Blut stürzt ihm aus Nase und Mund. Von einem Hustenanfall geschüttelt, würgt er einen Klumpen hervor, endlos, ein zähflüssiges Band aus dunklem Schleim.
«Er braucht einen Arzt! Fatuma, schnell! Nein. Er erstickt. Wir müssen ihn umdrehen. – Los, so hilf mir doch.»
Tetu kippt den Verletzten zur Seite und stopft ein Kissen unter seinen Kopf. Blut und Schleim besudeln das Laken. Dann, jäh und ungestüm, bäumt sich der Mann auf. Ein Blutschwall schießt über Kissen und Bett. Er schreit:
«Lomazzi! Salvatore Lomazzi.»
Einen Augenblick später ist er tot.
Der Regen hat nachgelassen. Manchmal schüttelt ein Windstoß aus den Palmwipfeln eine letzte Tropfenkaskade und läßt sie auf die Dächer prasseln. Das Gewitter hat die Wolkendecke aufgerissen, und aus dem hellen Sturmfenster fällt ein schwaches Licht, gerade stark genug, um die Straße zu erkennen. Zwischen Pfützen und Schlammlachen hasten der Polizeichef von Lodwar und seine Freundin durch den Ort zum Krankenhaus. Sie holen Hilfe, einen Arzt, die Polizei. Damit man den Toten aus ihrem Hause schafft.
Seit der Gewitternacht hofft Robinson Njoroge Tetu auf einen neuen Fall. Eine Aufgabe. Doch heute, eine Woche nach dem häßlichen Tod des Mannes, weiß er kaum mehr als den ominösen Namen.
Er hockt in seinem Büro hinter Lodwars einziger Tankstelle gleich neben der Hauptstraße und spitzt seine Bleistifte.
Aus dem grauen Kraushaar des Polizisten lecken feine Schweißbahnen, kleine Bäche, die den Speckfalten seines Halses entlang fließen und im Kragen der Uniform versickern. Die Augen sind verquollen, die Lider gerötet. Selbst auf der Nase perlt der Schweiß.
Tetu ist nicht freiwillig hier. Weiß Gott nicht. Seine Beförderung zum Polizeichef von Lodwar war die Strafe für einen Erfolg, den niemand gewollt hatte. Zugegeben, er hatte sich schuldig gemacht. Zusammen mit Jürg Mettler. Eine Kompetenzüberschreitung. Er wurde vom Dienst beurlaubt und erwartete eine Geldstrafe. Aber Nairobi hat ihn in die Wüste geschickt. Buchstäblich.
Sein Freund Mettler hatte sich für ihn eingesetzt. Vergeblich. Auch Hemed S. Lali, der mittlerweile zum stellvertretenden Minister im Innenministerium aufgestiegen war, wollte seinen Einfluß geltend machen. Zu Mettler soll er allerdings gesagt haben, daß er Tetus Trotz nicht verstehe. Der Entscheid entspreche der gesetzlichen Praxis. Der Staat berufe seine Beamten und entscheide, wo sie gebraucht würden. Abgesehen davon sei Lamu doch nicht der Nabel der Welt.
Aber was zum Teufel soll er als Kriminalbeamter in Lodwar? In der Wüste. Was hat ein Polizist in einem Nomadenkaff zu tun?
Die Einheimischen haben ihr eigenes Recht. Von einem Polizisten aus der Hauptstadt halten sie nichts. Sie verstehen weder seine Sprache noch seine Gesetze. Wenn sie irgendwelche Händel haben, um Vieh oder Frauen, fragen sie ihre Chiefs.
Auch die Goldgräber und Lastwagenfahrer, die sich um Lodwars Huren streiten, brauchen die Hilfe des Kriminalbeamten nicht. Schlägereien, Raub, Betrug, ja selbst einen Mord regeln die Banden unter sich.
Alle sind froh, wenn er in seinem Büro am zerschlissenen Plastiküberzug seines Stuhles klebt, den Telefonapparat poliert und die Bleistifte spitzt.
Eine erste Untersuchung des Toten noch in der Mordnacht erbrachte wenig. Selbstverständlich war von Tetus Kollegen niemand bereit, die Ermittlungen zu übernehmen. Obwohl die Leiche auf seinem Bett lag, im Haus seiner Wirtin, und er nicht nur als Zeuge, sondern auch als Täter hätte in Frage kommen können. Doch das kümmerte in Lodwar niemanden. Selbst der Arzt der Krankenstation begleitete ihn nur widerwillig.
Auffällig war die Kleidung des Mannes. Mantel und Hose, obschon verdreckt und durchnäßt, waren von guter Qualität, die Schuhe kaum getragen. Tetu durchsuchte die Taschen des Mantels, der Hose. Alle Taschen waren leer. Er fand weder einen Ausweis noch sonst ein Papier, kein Geld, gar nichts. Dann fiel ihm der Ledergürtel des Mannes auf. Ein Uniformgürtel. Ein Gürtel, wie er seit Jahren an Polizisten und Soldaten abgegeben wird. Er öffnete die Schnalle des Gürtels und zog das Leder aus den Hosenschlaufen. Sollte der Gürtel einem Beamten gehören, so müßten auf seine Innenseite eine Nummer und die Initialen des Empfängers eingestanzt worden sein.
005 89-B / S.L. Sein Verdacht bestätigte sich. 005. Die Abkürzung für ihren Geheimdienst.
Tetu verfaßte ein Protokoll, das er sich vom begleitenden Arzt unterschreiben ließ. Danach wurde die Leiche weggebracht.
Auch die anschließende Befragung seiner Freundin Fatuma verlief so gut wie ergebnislos. Die Frau saß verstört in der Küche und starrte auf das besudelte Bett, in dem sie und Tetu vor kurzem gelegen hatten. Der Polizist fragte seine Wirtin, ob sie den Ermordeten kenne? Fatuma schüttelte entsetzt den Kopf und sagte:
«Ja, es heißt, daß er im ‹Eiffeltower› wohnt. Er kaufte Bananen bei mir.»
«Wann war das?»
«Vor … Vor drei Tagen. Er ging von Kiosk zu Kiosk und fragte nach den Goldgräbern. Den Lastwagenfahrern. Die Goldgräber würden die Einnehmer in Sigowa betrügen, weil sie ihr Gold an die Lastwagenfahrer verkaufen.»
«Ein Kontrolleur aus Sigowa?»
«Ja. Aus Sigowa. Er kommt aus Sigowa.»
«Und Lomazzi? Kennst du einen Lomazzi?»
Fatuma schwieg und wollte nichts mehr sagen.
Später hat sie das Haus verlassen und ist zu einer Bekannten gegangen. Bei dem Polizisten konnte sie nicht länger bleiben.
Es ist kurz nach zehn, und das Thermometer in der Polizeibaracke zeigt schon wieder über vierzig Grad. Mit zusammengekniffenen Augen, sich immer wieder den Schweiß aus dem Gesicht reibend, kämpft Tetu gegen die lähmende Glut, die ihm das Gehirn verstopft.
Zornig stemmt er sich aus seinem Sessel und stapft zum Fensterbrett.
Vor Wochen hat er im Kampf gegen die Langeweile eine Sammlung von...




