Hoffmann | Er konnte ja sehr drollig sein | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Hoffmann Er konnte ja sehr drollig sein

Anekdoten über Thomas Mann
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-359-50050-6
Verlag: Eulenspiegel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Anekdoten über Thomas Mann

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-359-50050-6
Verlag: Eulenspiegel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dass er 'sehr drollig' sein konnte, davon war Ehefrau Katia überzeugt. Es gab auch andere Meinungen in der Familie. Der Zauberer, wie ihn seine Kinder nannten, 'war ja ein ungeheuer braver Bürger'. So sah es Tochter Erika. Auch die Künstlerkollegen provozierte er zu markanten, wenngleich höchst gegensätzlichen Urteilen. Thomas Manns Biografie ist ausführlich erforscht und dokumentiert, vom Widerstreit zwischen Bürger und Künstler in seiner Seele ist viel geschrieben worden. Indem Renate Hoffmann die kleinen Begebenheiten im familiären Alltag sucht, die markante Einzelheit, die fast beiläufige Äußerung, zeichnet sie auf andere Art ein Charakter- und Lebensbild des großen Literaten.

Renate Hoffmann, gebürtig in Thüringen, Studium der Veterinärmedizin in Leipzig und Promotion, Schauspielausbildung in Berlin. Tätig als Tierärztin in Jena, Dresden und Berlin sowie als Schauspielerin im Zimmertheater Berlin. Autorin von Reiseberichten, Porträts, Rezensionen und Glossen für verschiedene Medien, Verfasserin von Szenarien für das Fernsehen und von Theaterprogrammen. Feuilletonbände in der Eulenspiegel Verlagsgruppe: 'Von Adorf bis Australien', 1994; 'Zu Fuß durch die Pfützen', 1997; 'Gärten, Parks und Grüngelüste', 2001; 'Sommervögel', 2003; 'Karussell', 2007; Biografie: 'Luise, Königin der Preußen', 2009.
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Moritat vom Schuss in der Trambahn

An Fräulein Hilde Distel, einer Jugendfreundin seiner Schwester Julia und Sängerin in Dresden, schreibt Thomas Mann einen sehr langen Brief. Der Brief wird deshalb so lang, weil er einen Wunsch an das Fräulein hat und nicht recht weiß, wie er sein Anliegen vortragen soll. Zuerst erwägt er, die Dresdner Hofoper zu besuchen – selbstverständlich auch Hilde. Dann lädt er sie nach München ein. Er sei jetzt auch umgänglicher und nicht mehr so melancholisch. Als nächstes gratuliert er ihr zum Geburtstag und überreicht ein Exemplar der Buddenbrooks (gefällige Widmung inliegend). Weist jedoch darauf hin, dass sie den Roman beileibe nicht lesen müsse, denn der erste Band sei langweilig und der zweite ungesund.

Genug antichambriert! Zur Sache. Da wäre vor Kurzem eine Skandalgeschichte durch die Presse gegangen. Betreffend die unglückliche Liebe zwischen einem jungen Musiker und einer Dame der Gesellschaft. Eines Abends habe dieses Verhältnis in einem Trambahnwagen sein trauriges Ende gefunden. Fräulein Hilde hätte doch die Toten, als sie noch lebten, persönlich gekannt. Er bittet sie nun, ihm darüber in aller Ausführlichkeit (»von ihren Uranfängen bis zu dem Schluss- und Knalleffekt«) zu berichten. Mit allen Details! Diesbezüglich legt ihr Thomas Mann gleich an die zwanzig Fragen vor. Sie scheint sie beantwortet zu haben.

Vierundvierzig Jahre danach schreibt Thomas Mann an seine Tochter Erika (26. Oktober 1946): »Gerade hat die unselige Ines den armen Rudi in der Trambahn totgeschossen, womit der vorletzte Teil unseres … Büchleins (Doktor Faustus) abgeschlossen ist.«

Die Ausführung der Tat wird im Kapitel XLII des genannten Romans in allen Einzelheiten geschildert. Der Schuss erstreckt sich über mehr als vier Seiten. Dem pflichtgetreuen Fräulein Hilde sei Dank.

Geschenke

Er ist nicht wählerisch, der Tommy, was Gaben anbelangt. Man muss hinzufügen, dass diese Denkart in seine jüngeren Jahre fiel. Mit fortschreitendem Alter und wachsendem Eigenwertgefühl veränderten sich die Ansprüche. Zurück zum Jüngling Tom. Sein Geburtstag steht bevor. Es kann nicht schaden, im Bekanntenkreis kundzutun, was man so brauchen könnte. Bis auf wenige Ausnahmen – wie Salpetersäure und Stiefmütterchensamen – eigentlich alles.

Doch manchem mangelt es an Fantasie. Das Nächstliegende fällt ihm nicht ein. Zum Beispiel, dass einem Schreiber ein hübsches Schreibgerät gelegen käme. Deshalb ermuntert Tommy seine Freunde mithilfe einer anregenden Wunschliste, im Schenken nicht nachzulassen: »Ich nehme sehr gern Geschenke an. Konzert- und Theaterbillets, Suppenkarten, Wäschestücke, Nahrungsmittel, auch Baar-Geld: alles ist willkommen.«

Aufklärung

Ein Norddeutscher in München! Das bringt Probleme mit sich. Nicht nur die Wesensart beider Volksgruppen weist gravierende Unterschiede auf. Auch der Gebrauch der deutschen Sprache driftet weit auseinander. Missverständnisse, Missdeutungen, ja, reinstes Unverständnis sind möglich. Deshalb fühlt sich Thomas einem Bekannten gegenüber verpflichtet, ihm die nötige Auslegung eines süddeutschen Kernwortes zu geben: »›Datschi‹ ist übrigens eine bayerische Mehlspeise und kein Abschiedsgruß.«

Anmerkung für Nichtbajuwaren: »Datschi« ist ein flacher Obstblechkuchen. Als Grundlage verwendet man meistens einen Hefer-Doag (welches hochdeutsch »Hefeteig« bedeutet). Zur Datschi-Auflage eignen sich: Äpfel, Kirschen, Himbeeren, Heidelbeeren, Zwetschgen (süddeutsche Bezeichnung für Pflaumen). Der Zwetschgendatschi ist sehr schmackhaft. Bevor man die Früchte auf den Doag legt, sind sie zu entsteinen und fächerförmig aufzuschneiden. Bei Heidelbeeren ist das nicht erforderlich.

Begegnung

Die beiden, die sich aufeinander zu bewegten – Katharina Hedwig Pringsheim und Paul Thomas Mann – hatten unterschiedliche Ausgangspositionen beim Betreten der besten aller Welten. Thomas auf einer »gewichtigen Mahagoni-Lagerstatt«, Lübeck, Breite Straße Nr.38. Katia in Feldafing, einer kleinen Ortschaft am Starnberger See, wo Familie Pringsheim die Sommerfrische genoss. Hedwig Pringsheim, die Mutter, erwartete ihr viertes Kind. Die Geburt setzte zu früh ein – sie war allein im Haus. Eine Bäuerin eilte ihr zu Hilfe. Mit dem Vorgang vollauf beschäftigt, rief sie plötzlich: »Jessas! Es kommt noch eins!« Das war Katia.

DAS BILD. Die Pringsheimschen Kinder, fünf an der Zahl, besuchten in München ein Kostümfest. Allesamt clownesk verkleidet. Katia im koketten Kostüm einer kleinen Pierrette. Die vier Brüder, passend zu ihr, als Pierrots. Der Maler Friedrich August von Kaulbach, beim Kinderfest zugegen, war begeistert von dem lustigen Pringsheim-Quintett. Er bat darum, die quicklebendige Schar malen zu dürfen. Das Bild hieß Kinderkarneval und ging mit großem Erfolg durch viele Ausstellungen. Auch in illustrierten Zeitschriften war es abgebildet. In einer solchen sah es in Lübeck der Knabe Thomas. Er teilte Kaulbachs Begeisterung, schnitt den Kinderkarneval aus und zweckte ihn über sein Pult. Ohne es zu ahnen, schwebte nun Katia in seinen Tag- und Nachtträumen. Er musste sie ja treffen.

IM KONZERT. Jahre danach. Schauplatz München. Katia Pringsheim kannte die Buddenbrooks, aber nicht den Autor. Tommy sah bei Konzertbesuchen des Öfteren die junge Dame K. in Begleitung ihrer Brüder. Er war weit davon entfernt, zwischen dem schönen Wesen und seinem Zeitungsbild eine Verbindung herzustellen. Doch auf die »Prinzessin« hatte er schon ein Auge geworfen. Durchs Opernglas! Mit einem solchen beobachtete er sie genau: »Ich sehe Sie links vorne hereinkommen, mit Ihrer Mutter und Ihren Brüdern, sehe, wie Sie zu Ihrem Platze in einer der vorderen Stuhlreihen gehen, sehe den Silbershawl um Ihre Schulter, Ihr schwarzes Haar, die Perlenblässe Ihres Gesichtes darunter … – es ist nicht zu sagen, wie vollkommen und wunderbar im Einzelnen ich Sie sehe! …« Diese schicksalhafte Besichtigung treibt unvermeidbar auf einen direkten Kontakt zu.

IN DER TRAMBAHN. Ebenfalls Schauplatz München. Katia fährt zur Vorlesung. An der Haltestelle Schellingstraße / Türkenstraße will sie aussteigen. Der Kontrolleur steht vor ihr und verlangt den Fahrschein. Den hat sie bereits entsorgt. Es entspinnt sich folgender Dialog – heftig, temperamentvoll und in Eile geführt. ER: »Ihr Billet muss i ham!« SIE: »Ich sag Ihnen doch … ich hab’s eben weggeworfen, weil ich hier aussteige.« ER: »Ich muss das Billet –. Ihr Billet, hab ich gesagt!« SIE: »Jetzt lassen Sie mich schon in Ruh!« Zornig entspringt sie der Tram. ER (hinter ihr herrufend): »Mach, dass d’ weiterkimmst, du Furie!«

Tommy, Fahrgast in derselben Bahn, fühlt sich von Katias Temperamentsausbruch so angezogen, dass er Mut fasst und sie anspricht: »Schon immer wollte ich Sie kennenlernen, jetzt muss es sein.«

Nach angemessener Zeit stellte Katia ihren Verehrer den Eltern vor. Tommy sah sein Zeitungsbild nun im Original an der Pringsheimschen Wohnzimmerwand hängen. Flugs kombinierte er. Dann nahm alles weitere seinen Lauf …

Buchhändler Buchholz

Beim Zustandekommen der Verbindung von Katia Pringsheim und Thomas Mann leistete Herr Buchholz einen wichtigen Beitrag.

Sie – von der Lyrikerin Else Lasker-Schüler »eine morgenländische Prinzessin« genannt. Er – im Pringsheimschen Hause, unter der Hand, als der »leberleidende Rittmeister« bezeichnet, was man von Teint, Schlankheit und korrekter Haltung ableitete.

Tommy möchte sehr gern die »Prinzessin« heimführen. Katia zögert. Die Pringsheims – eine wohlhabende, wohlsituierte Familie – ebenso. Heirat mit einem Schriftsteller? Wenn er denn überhaupt schon ein solcher ist! Frau Hedwig Pringsheim, geborene Dohm, lebenserfahrene, literarisch gebildete Dame und besorgte Mutter, sucht Buchholzens Buchladen auf. Dort fragt sie nach dem Autor Thomas Mann und eventuell vorhandenen Werken von ihm. Auch, ob der Buchhändler mit dem Namen etwas anfangen könne? Herr Buchholz erstrahlt: »Thomas Mann? Ja, der! Der wird mindestens so weit gehen wie Gottfried Keller. Das kann ich Ihnen sagen.«

Die Verlobung von Katia und Tommy fällt auf einen Montag. Es ist der 3. Oktober 1904.

Der Dichter wird vertont

Die Verlobten reisten nach Berlin, um Katias Verwandtschaft zu besuchen. Das verlangte der Brauch. Man stellte sich vor – in diesem Falle Thomas Mann –, ließ sich beäugen und begutachten. Unumgängliche Pflichtverrichtung.

Während der Berliner Tage las Thomas Mann im »Verein für Kunst« aus seinen literarischen Arbeiten. Herwarth Walden, der Schriftsteller, Kritiker, Musiker und Begründer der Zeitschrift Der Sturm, stand dieser Gesellschaft vor und hatte die Lesung veranlasst. Sie sollte einen festlich-feierlichen Rahmen erhalten und als »Ereignis des Monats« allen im Gedächtnis bleiben. Walden komponierte auch. Er schuf extra und ausgewählt für diese Stunde ein musikalische Werk, welches eingangs der Veranstaltung welturaufgeführt wurde. Von ihm selbst! Es hieß: THOMAS MANN.

Ein authentisches Zeugnis über das Klangerlebnis gab Katia: »Es war ein sehr sonderbares Gebrumme auf dem Cello … und (ich) kriegte einen furchtbaren Lachanfall.«

Heiratsanträge

Er war keineswegs der Einzige, der sich um Katharina Pringsheim bewarb. Als Thomas Manns Nebenbuhler traten...



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