E-Book, Deutsch, Band 2, 280 Seiten
Reihe: HORIZONTE
Hofmann / Kacem / Moussa Revolte und Tradition
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95908-481-9
Verlag: Thelem / w.e.b Universitätsverlag und Buchhandel
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Perspektiven deutsch-tunesischer Germanistik
E-Book, Deutsch, Band 2, 280 Seiten
Reihe: HORIZONTE
ISBN: 978-3-95908-481-9
Verlag: Thelem / w.e.b Universitätsverlag und Buchhandel
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach den Ereignissen im Dezember 2010 und Januar 2011, die zur Vertreibung des Diktators Ben Ali führten und den Arabischen Frühling einleiteten, hat Tunesien eine komplexe und widersprüchliche Entwicklung erlebt. Was aber als demokratische Errungenschaft bleibt, ist eine Zivilgesellschaft, die offene und freie Diskussionen führt und einen demokratischen Prozess vorantreibt. Die Germanistik ist Teil dieser Zivilgesellschaft und eines offenen Diskussionszusammenhangs. Der vorliegende Band dokumentiert eine Paderborner Tagung vom Mai 2013, die im Rahmen der vom Deutschen Akademischen Austauschdienst unterstützten Transformationspartnerschaft stattfand, und zeigt ein großes Spektrum von Themen, das in einem offenen und kritischen Dialog zwischen tunesischen und deutschen Germanistinnen und Germanisten behandelt wurde. Dabei wurden unter anderem Fragen des deutschen Maghreb-Diskurses ebenso erörtert wie Aspekte des Verhältnisses von Kultur und Religion, aber auch praktische Fragen des Fachsprachenunterrichts und Perspektiven des Faches Deutsch als Fremd- und Zweitsprache.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Michael Hofmann
Revolte und Tradition. Perspektiven deutsch-tunesischer Germanistik. Zur Einführung
Vom 6. bis 9. Mai 2013 fand an der Universität Paderborn im Kontext der im Jahr 2012 ins Leben gerufenen und vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Rahmen der Transformationspartnerschaft Nordafrika unterstützten Kooperation der Universitäten Paderborn/Mahdia-Monastir/Carthage-Tunis ein interkulturelles Kolloquium unter dem Titel »Revolte und Tradition. Perspektiven deutsch-tunesischer Germanistik« statt.
Der demokratische Aufbruch in Nordafrika eröffnet auch für die germanistische Forschung und Lehre neue Perspektiven. Die vom Deutschen Akademischen Austauschdienst geförderte Transformationspartnerschaft zwischen den Universitäten Paderborn auf deutscher und Mahdia-Monastir sowie Carthage-Tunis auf tunesischer Seite stellt die germanistische Literatur- und Sprachwissenschaft in den Kontext eines Aufbaus der Zivilgesellschaft, der Entwicklung religiöser Toleranz und gesellschaftlicher und kultureller Selbstbestimmung. Das hier dokumentierte Kolloquium unter Leitung von Prof. Dr. Michael Hofmann (Paderborn), Dr. Chaouki Kacem (Mahdia) und Dr. Brahim Moussa (Carthage) untersuchte die angesprochenen Perspektiven und auch die Chancen und Herausforderungen, die sich für die deutsche Germanistik aus der jetzt intensivierten Kooperation ergeben. Die Sektionen der Tagung fragten nach neuen methodischen Perspektiven der Germanistik insgesamt und speziell nach kulturwissenschaftlichen Aspekten der Landeskunde, nach dem Verhältnis von Kultur und Religion sowie nach der Bedeutung von Orient- und Afrika-Diskursen für die postkoloniale Identitätssuche der deutschen Kultur. Die Vortragenden und Beiträgerinnen sind Germanistinnen und Germanisten der Universitäten Mahdia-Monastir, Carthage-Tunis und Paderborn. Hinzu kommen in diesem Band zusätzlich Beiträge von Germanistinnen und Germanisten der Universität La Manouba, Mednine (Kaïs Slama), Nabeul (Latifa Jabnoun) und der Universität Flensburg (Iulia-Karin Patrut).
Im ausführlichen ersten Teil des vorliegenden Bandes »Tunesien zwischen Revolte und Tradition« reflektieren die verschiedenen Beiträge aktuelle und historische Tunesien-Diskurse aus tunesischer und deutscher Perspektive und sie verdeutlichen damit den aktuellen Stand des Selbstverständnisses und der Selbstreflexion der tunesischen Germanistik als Teil einer demokratischen und kulturellen Erneuerung des Landes, die sich positiv auf den Arabischen Frühling und damit auf eine Revolte bezieht, die in Tunesien fruchtbare politische und gesellschaftliche Veränderungen gebracht hat, auch wenn die Gegenwart ökonomisch, politisch und auch im Blick auf die Entwicklung einer lebendigen Demokratie noch große Probleme und Herausforderungen mit sich bringt. Wie die Verleihung des Nobelpreises des Jahres 2015 an das sogenannte Quartett, das aus dem Gewerkschaftsbund UGIT, dem Arbeitgeberverband Utica, der Menschenrechtsliga LTDH und der Anwaltskammer besteht, demonstriert und anerkannt hat, ist es der tunesischen Zivilgesellschaft in heiklen kritischen Phasen der nachrevolutionären Entwicklung gelungen, dem Dogmatismus und Fanatismus demokratiefeindlicher Kräfte den Geist des Dialogs, der Toleranz und der demokratischen Meinungsbildung in der Konkurrenz der Positionen und Haltungen entgegenzusetzen. Die Germanistik nimmt an diesen Entwicklungen nicht parteiisch im Sinne der Identifizierung mit einzelnen politischen Parteien oder Gruppierungen teil, aber parteilich eben für Dialog, Toleranz und für die Hochschätzung kultureller und religiöser Vielfalt und Pluralität. In dem Beitrag von Najjar Hassouna (ISLT Carthage) wird mit »›Harlem Shake‹ als Moment der Jugendrebellion in Tunesien« demonstriert, wie die tunesische Revolte sich kreativer und innovativer kultureller Formen bedient, um dem Dogmatismus und der autoritären Gewalt zu trotzen und neue Praktiken der kulturellen Artikulation und Selbstverständigung zu entwickeln. Mohamed Hedi Ferchichi (La Manouba) verdeutlicht mit seinem Beitrag »Tunesien: Historische Perspektiven und aktuelle Entwicklungen vor und nach dem Arabischen Frühling – eine persönliche Bestandsaufnahme« einerseits die Hypotheken, denen sich die Republik Tunesien nach den langen Jahren der Diktatur gegenübersieht, andererseits aber auch die Perspektiven und Potentiale, die eine positive Entwicklung zumindest denkbar erscheinen lassen. Wie sich der Begriff Arabischer Frühling in deutschen und anderen europäischen Medien entwickelte und zu einem festen Terminus wurde, erläutert Nicole M. Wilk (Paderborn) in dem diskursanalytischen Beitrag zur »Namenwerdung einer politischen Metapher«.
Kinderbücher können einen Beitrag zur Erziehung zur Demokratie und Mündigkeit leisten. Von dieser Einsicht geht Moez Maataoui (La Manouba) aus und er stellt in seinem Beitrag »Die Erziehung zur Demokratie in Tunesien mittels übersetzter deutscher Kinderliteratur am Beispiel von Martin Baltscheits Bilderbuch Ich bin für mich! Der Wahlkampf der Tiere« die Frage, welche Probleme und Herausforderungen sich dabei aus übersetzungswissenschaftlicher Sicht ergeben. Maike Bouassida (La Manouba) weist mit ihrem Aufsatz »Die Tunisreise oder Von der Seligkeit der Farben« auf einen Höhepunkt des deutschen Tunesien-Diskurses hin, der sich mit der Tunisreise von August Macke, Louis Moilliet und Paul Klee im Jahre 1914 ergab. Kaïs Slama (Universität Mednine) befasst sich in seinem landeskundlichen Beitrag »Mohammed Ali El Hammi zwischen Berlin und Tunis (1919–1924). Zur Geschichte der tunesischen Gewerkschaftsbewegung« mit einem deutsch-tunesischen Kapitel der Arbeiterbewegung. Michael Hofmann (Paderborn) beschreibt in seinem Beitrag »Faszination und Abwehr. Überlegungen zum deutschen Maghreb-Diskurs am Beispiel von Wieland Försters Tunesien-Reisetagebuch Begegnungen (1974)« ein weniger bekanntes, aber sehr aussagekräftiges und interessantes Dokument des deutschen Tunesien-Diskurses.
Im zweiten Teil dieses Bandes »Perspektiven der Interkulturellen Literaturwissenschaft« reflektieren deutsche Beiträgerinnen und Beiträger mit Analysen zu Diskursen aus und über Afrika, dem Maghreb und der Türkei aktuelle Fragen, die sich aus der Kritik am traditionell eurozentrischen Diskurs der germanistischen Literatur- und Kulturwissenschaft ergeben. Johanna Canaris (Paderborn) beschreibt in ihrem Beitrag »Leben als erweiterter Kunstbegriff. Christoph Schlingensiefs Operndorf Afrika als Endpunkt seines Gesamt(kunst)werks« die kulturwissenschaftlichen Implikationen des letzten Projekts des früh verstorbenen Film- und Aktionskünstlers Schlingensief, das in intensiver Auseinandersetzung mit den kulturellen Perspektiven Burkina Fasos und des subsaharischen Afrikas insgesamt entstand. Christian Frankenfeld (Paderborn) erörtert in seinem Aufsatz »Der Mensch als fremdes Eigentum: Sklaverei zwischen Orient und Okzident« die Bedeutung und damit auch die Hypothek, die das epochale Phänomen der Sklaverei für die Beziehungen zwischen Europa, Afrika, der arabischen und der »Neuen« Welt bedeutet. Iulia-Karin Patrut (Flensburg) analysiert in ihrem Beitrag »Der Atem des Lebendigen als Welt-Takt. Elias Canettis Die Stimmen von Marrakesch« Canettis bereits kanonischen Maghreb-Text aus aktueller postkolonialer Perspektive und Swen Schulte Eickholt (Paderborn) stellt in seinem Aufsatz »Romantische Postmoderne in der Türkei. Religiöse Aspekte in Novalis’ Heinrich von Ofterdingen und Orhan Pamuks Das neue Leben« Bezüge zwischen der deutschen Romantik und der türkischen Gegenwartsliteratur heraus.
Der dritte Teil unseres Bandes »Revolution und Gedächtnis in kulturwissenschaftlicher Perspektive« versammelt zwei Beiträge, die sich den aktuell viel diskutierten Bezügen zwischen Revolution, geschichtlichen Katastrophen und Gedächtnis in kulturwissenschaftlicher Perspektive widmen. Julian Kanning (Paderborn) verdeutlicht in seinem Aufsatz »Die Form der Erzählung bei Hayden White und die Strukturanalyse dramatischer Revolutionsdarstellungen« die grundlegende These, dass Darstellungen der Revolution durch formale und rhetorische Muster geprägt sind, die ihr Verständnis sehr weitgehend bestimmen und strukturieren. Brahim Moussa (ISLT Carthage) zeigt in seinem Beitrag »Fotografische Geschichtsrückgewinnung in W. G. Sebalds Austerlitz. Unzulängliche Zeugenschaften«, wie Sebald in dem analysierten Text die Bedeutung und Funktion der Fotografie für das kulturelle Gedächtnis zugleich würdigt und problematisiert.
Im abschließenden vierten Teil dieses Sammelbandes finden sich Studien zu den Bereichen »Deutsch als Zweitsprache und Linguistik«. Alexandra Eberhardt (Paderborn) zeigt in ihrem Beitrag »Deutsch als Zweitsprache als didaktische Herausforderung« die besonderen Bedingungen und Strukturen des Zweitspracherwerbs im Deutschen und die daraus zu ziehenden Konsequenzen für Schulunterricht und Studium. Latifa Jabnoun (Universität Nabeul) verdeutlicht in ihrem Beitrag »Die arabische Schrift zwischen Revolte und Tradition – Arabisch mit Zahlen schreiben!«, wie die neuen und neuesten Medien das Schreiben des Arabischen beeinflussen und neue Formen der Darstellung...




