Horn Hayek für jedermann
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95601-007-1
Verlag: Frankfurter Allgemeine Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Kräfte der spontanen Ordnung
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Ökonomen für Jedermann
ISBN: 978-3-95601-007-1
Verlag: Frankfurter Allgemeine Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karen Ilse Horn, Jahrgang 1966, ist promovierte Ökonomin und Publizistin. Sie ist Dozentin für ökonomische Ideengeschichte und Geschäftsführerin der Wert der Freiheit GmbH in Berlin; zudem amtiert sie als Vorsitzende der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft. Frühere berufliche Stationen waren die Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeine Zeitung und das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Zu ihren Veröffentlichungen zählen 'Moral und Wirtschaft' (1997), 'Die Soziale Marktwirtschaft'(2010) und 'Die Stimme der Ökonomen' (2012).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
| 1 | DIE ERSTEN JAHRE (1899-1918): FRÜHE PRÄGUNGEN DURCH HERKUNFT, ELTERNHAUS UND ERSTEN WELTKRIEG |
„The beginning of my definite interest in economics
I can clearly date back to a logic lesson
in the seventh form of the Gymnasium,
late in 1916, when the master explained to us
the threefold Aristotelian division of ethics
into morals, politics, and economics.”
Friedrich August von Hayek, genannt Fritz, wird am 8. Mai 1899 in Wien geboren, in der elterlichen Wohnung im dritten Bezirk. Dort herrschen gehobene, bildungsbürgerliche Verhältnisse. Der Vater, August Edler von Hayek, hatte Medizin studiert und praktiziert als Armenarzt. Später gibt er sein Vorhaben auf, sich mit einer eigenen Praxis niederzulassen, und steigt allmählich in der Hierarchie der Gesundheitsverwaltung auf. Schließlich wird er sogar Präsident der Gesellschaft deutscher Ärzte in Wien. Im Grunde seines Herzens aber ist er von einem nagenden wissenschaftlichen Ehrgeiz getrieben, den er offenbar an seine drei Söhne weitervererbt: Friedrich, der erstgeborene Sohn, wird Ökonom und Sozialphilosoph, Erich Chemiker, Heinrich Anatom. August von Hayek ist ein leidenschaftlicher Biologe. Er hat ein umfangreiches Herbarium angelegt und verfasst mehrere anerkannte Standardwerke zur Pflanzengeographie Österreichs; er lehrt an der Universität Wien als Privatdozent. Allzu gern wäre er ein richtiger Ordinarius geworden. Im Alter von nur 56 Jahren indes stirbt er an einem verschleppten schweren Nierenleiden, dem Folgeschaden einer von einer Blase am Fuß ausgelösten Blutvergiftung, die er sich auf einer botanischen Exkursion zugezogen hatte.
Der Reiz der Wissenschaft
Zwei Generationen zuvor hatte der Reiz der Wissenschaft auch schon Hayeks Großvater Gustav von Hayek erfasst. Zwar hatte er die Schule – das ehrwürdige Theresianum – abgebrochen und sich einige Jahre als Marineoffizier verdingt. Dann aber studierte er doch noch Naturgeschichte und Biologie und wurde anschließend Lehrer. Daneben pflegte auch er stets seine private wissenschaftliche Leidenschaft: die Vogelkunde. Es gelang ihm damit sogar, das Interesse des Kronprinzen Rudolf zu wecken, in dessen Auftrag er sich 1881 an der Vorbereitung einer ornithologischen Ausstellung in Wien beteiligen durfte. Mit dem Freitod Rudolfs war diese Protektion jedoch bald vorüber, und die Welt der Universität blieb auch Gustav von Hayek verschlossen. Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen.
Der Urgroßvater Heinrich von Hayek wiederum hatte die Rechte studiert, eine Sängerin geheiratet und sich als Beamter in einem der Wiener Ministerien nicht gerade überarbeitet. Ihm zerrann jedoch das umfangreiche Vermögen, das sein Vater Josef von Hayek mit großem unternehmerischem Geschick aufgebaut hatte. Josef von Hayek hatte sich in Mähren bei demselben Gutsherrn, dem schon sein Vater gedient hatte, zum Gutsverwalter hochgearbeitet. In dieser Eigenschaft baute er dann in der Nähe von Brünn und Wien zwei Textilfabriken samt neuer umliegender Dörfer auf. Später stieg Josef von Hayek dann selber als Geschäftspartner in diese Produktion ein und erwarb ein erhebliches Vermögen. Im Jahr 1789, wenige Wochen vor der Französischen Revolution, wurde er im Alter von 39 Jahren vom Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Joseph II, geadelt – was ein Zeichen höchster Anerkennung seiner Leistungen war. Dass Geschäftsleute in den Adelsstand erhoben wurden, war eine Seltenheit. Friedrich August von Hayek betonte gern stolz in Abgrenzung zum „neuen Adel“ der zahlreichen Wiener Beamten- und Professorendynastien, dass im Fall seiner Familie der Adelstand noch etwas bedeutet habe. Im Jahr 1919 wurden in Österreich alle Adelstitel abgeschafft.
Hayeks Vater August hatte eine junge Frau aus deutlich vermögenderem, großbürgerlichen Wiener Hause geheiratet, Felicitas von Juraschek. Hayek beschreibt seine Eltern als ein außerordentlich harmonisches, gut zueinander passendes Paar. Ihre Ehe sei nicht nur ihm stets als ein Dasein wolkenlos reinen Glücks erschienen, sagt der Sohn. Der Haushalt der Hayeks ist nicht wirklich reich, aber doch einigermaßen wohlsituiert. Geistig stehen die Hayeks in der rationalistischen Tradition der Aufklärung und sind deshalb wie viele wissenschaftsaffine Familien bewusst areligiös, wenngleich man aus Traditionsgründen weiterhin der römisch-katholischen Kirche angehört. Als Bub bekommt Hayek zwar eine Kinderbibel geschenkt – als er aber anfängt, darin einigermaßen interessiert zu lesen, verschwindet sie auf für ihn mysteriöse Weise. Hayek verbringt sein Leben als Agnostiker mit tiefem Respekt vor der Religion. Intellektuell spricht ihn der Protestantismus an, emotional aber empfindet er den Katholizismus stets als Heimat.
Die Großeltern Juraschek leben in einer eleganten Zehn- Zimmer-Wohnung in der Kärntnerstraße mit Blick auf die Wiener Staatsoper. Hayeks Großvater Franz von Juraschek, im rumänischen Arad geboren, ist ein hoch angesehener Staatsrechtsprofessor und Statistiker; seit 1887 amtiert er als Präsident der statistischen Zentralkommission. Er ist ein passionierter Bergsteiger. Über die Großmutter Johanna Stallner ist Hayek mit der Familie des späteren Philosophen Ludwig Wittgenstein verwandt – dank ihrer Cousine Leopoldine Kalmus, die den vermögenden Großindustriellen Karl Wittgenstein geheiratet hatte. Bei den Wittgensteins wie bei den Jurascheks verkehren Berühmtheiten der Wiener Gesellschaft und des Geisteslebens.
Die Jahrhundertwende in Wien
Wer an Wien oder Berlin in der Zeit der Jahrhundertwende denkt, dem kommen stets kulturelle Assoziationen: Aufbruchstimmung im intellektuellen Leben, in der bildenden Kunst, in Musik, Literatur und Theater, Salons. Das ist durchaus zutreffend. Doch die Unterschiede zwischen beiden Metropolen sind immens. Die noch junge Stadt Berlin blüht überhaupt erst im Zuge der Gründung des Kaiserreichs und der Industrialisierung auf und wächst, auf dem Reißbrett geplant, rapide zur Millionenstadt heran. Trotz aller preußischen Strenge ist man dort mit allen Kräften geradezu verzweifelt bemüht, dem Pariser Chic nachzueifern und nicht nur bedeutend, sondern möglichst auch noch elegant zu werden. Wien ist das längst. Preußen ist provinziell und protestantisch, Österreich-Ungarn aufgeklärt und polyglott.
Die jahrtausendealte, schon damals morbide und von Dekadenz nicht eben freie Kapitale der Donaumonarchie ist das Zentrum dieses von Freiburg bis Sarajevo reichenden Riesenreichs. Sie ist nicht nur ein Schmelztiegel der zahllosen darin zusammengefassten und nur mühsam zusammengehaltenen Völkerschaften und Kulturen mit ihren rund 50 Millionen Einwohnern. Die Stadt ist zugleich, wie es Hans Jörg Hennecke treffend nennt, ein wahres „Laboratorium der Moderne“. Wien gärt und brodelt. Das Alte wird zunehmend zur Disposition gestellt, neue Kräfte und Ideen keimen und treiben in manch überraschende Richtung aus. In dieser Atmosphäre wurzelt ein Großteil der geistigen Prägungen des 20. Jahrhunderts, im Guten wie im Schlechten.
Es ist eine ungeheuer anregende, umwälzende Epoche, eine Zeit der wissenschaftlichen Neuerungen, der Tabubrüche und des sprudelnden künstlerischen Schaffens – man denke nur an Namen wie Sigmund Freud (1856-1939) in der Psychologie, Karl Popper (1902-1994) in der Philosophie, Eugen von Böhm-Bawerk (1851-1914), Ludwig von Mises (1881-1973) und Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) in der Ökonomik, Adolf Loos (1870-1933) und Otto Wagner (1841-1918) in der Architektur, Gustav Mahler (1860–1911) und Arnold Schönberg (1874-1951) in der Musik. Es ist aber auch eine Zeit der wachsenden gesellschaftlichen Gegensätze und Spannungen; eine Zeit der Brüche, in der Adel, Bürgertum und Arbeiterschaft nicht nur unterschwellig in Konflikt geraten; eine Zeit, in der politische Strömungen wie Sozialismus, Antisemitismus und Nationalismus erstarken. Auch die Hayeks waren hiervon nicht frei.
Jugend und Schulzeit
In der Schule brilliert Hayek nicht. Zwar weiß er so viel, dass seine Klassenkameraden ihn „Lex“ nennen, abgeleitet von Lexikon. Aber das schulische Curriculum ist ihm herzlich egal. Er gehört zu den faulsten und schlechtesten Schülern und legt sich mit den Lehrern an. Er langweilt sich. Nichts außer der Biologie interessiert ihn. Einmal bleibt er sitzen, zweimal muss er das Gymnasium wechseln; erst wegen ungenügender Zeichenfertigkeiten und dann wegen eines Konflikts mit einem Lehrer. Im Jahr 1917 besteht Hayek aber doch noch am Elisabeth-Gymnasium die Maturaprüfung. Ihm hilft, dass der Unterricht für die zum Kriegseinsatz eingezogenen Schüler fast komplett ausfällt.
Die vor allem privat gepflegte Neigung zur Biologie verdankt Hayek dem Vater, der ihn auf seine botanischen Exkursionen mitnimmt und mit seiner Sammelleidenschaft ansteckt. August von Hayek lehrt ihn, ein eigenes Herbarium anzulegen sowie seine Erkenntnisse zu klassifizieren und fotografisch zu dokumentieren. Der Vater prägt damit wesentlich den wissenschaftlichen Ansatz des Sohnes. Im Alter von 13 bis 16 Jahren verwendet Hayek fast die ganze Freizeit für dieses Steckenpferd. Doch dann verschiebt sich allmählich seine intellektuelle Aufmerksamkeit. Er beginnt gleichsam aus der naturwissenschaftlich orientierten familiären Art zu schlagen – auch wenn ihm das Interesse für Biologie sein Leben lang erhalten bleibt.
Zunächst noch ziehen ihn die Paläontologie...




