E-Book, Deutsch, 381 Seiten
Huber Saat der Rache
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7427-8792-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Chronik der Niflungen
E-Book, Deutsch, 381 Seiten
ISBN: 978-3-7427-8792-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin Huber wurde 1958 in Wien geboren und studierte an der dortigen Universität Medizin. Er arbeitete jahrelang als Unfallchirurg, bevor er sich ab 2014 vollständig dem Schreiben zuwandte.
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Die frühen Jahre
Er war anders, ganz anders! Das Knäblein, das da in den Armen seiner Mutter lag, konnte unmöglich sein Bruder sein! Er hatte eine rosige Haut, einen weißblonden Schopf aus seidig weichen Haaren, ein rundes Gesicht und eine kleine Stubsnase. Hagen kannte mit seinen vier Jahren sein Spiegelbild gut. Gerade eben war er wieder von einer Schlägerei heimgekehrt, weil sie ihn wegen seines Äußeren geneckt hatten – wie so oft. Immer wieder hatte er im Teich oder im Silberspiegel seiner Mutter sein Äußeres betrachtet.
Er hatte schwarze strähnige Haare, seine Haut war bleich und sein Blick, trotz der kindlich-großen Augen stechend. Und zwischen diesen Augen saß eine gebogene, für ein Kind ungewöhnlich scharfkantige Nase, die seinem Gesicht den Ausdruck eines Raubvogels gab.
Eines Tages hatte ihm seine Mutter erzählt, dass er einen Bruder oder eine Schwester bekommen würde. Lange hat es gedauert und seine Geduld auf eine arge Probe gestellt. Das einzige was sich verändert hatte war der Bauch seiner Mutter, der anschwoll, dass er langsam befürchtete, sie würde bald platzen. Aber als er nun zerrissen und zerschrammt von einem Kampf mit seinen Spielkameraden nachhause kam, riefen ihn die Mägde in die Kammer seiner Mutter, er könne jetzt seinen Bruder ansehen.
Ein Bruder! So hatte er gehofft, dass es ein Bruder werden würde! Er hätte wahrlich nicht gewusst, was er mit einem Mädchen anfangen hätte sollen. Und so trat er in Erwartung eines ausgewachsenen Spielkameraden an das Bett seiner Mutter. Diese begrüßte ihn lächelnd:
„Hagen! Heiße deinen Bruder Gunter willkommen!“
Aber was war das!
Ein kleines Bündel Irgendwas, aber sicher nicht zum Spielen geeignet. Und vor allem: Er war anders! Hagen hatte so gehofft, dass sein Bruder wäre wie er selbst, aber er glich eher seinen Spielkameraden als ihm. Er fühlte sich verraten; in seiner Enttäuschung schrie er seine Mutter an: „Wieso ist er so anders?“
Vielleicht, war es die Erschöpfung nach der Geburt, vielleicht schien es Oda der geeignete Augenblick zu sein, ihm die Wahrheit zu sagen. Wie auch immer, es fuhr aus ihr heraus:
„Weil ihr nicht dieselben Väter habt, mein Sohn!“
Hagen hörte zwar die Antwort und gab sich damit zufrieden, aber er verstand sie noch nicht in ihrer vollen Bedeutung. Irgendwie dämmerte es ihm jedoch, dass nicht sein Bruder, sondern er anders geartet war. Sein Bruder war wie alle anderen Kinder, aber er stand allein da. Seiner Mutter Antwort bezüglich „der Väter“ war nicht so richtig bei ihm angekommen.
Es wunderte Hagen nur, was für ein Aufhebens um seinen Bruder gemacht wurde. Wie der Häuptling, kurz nach ihm die Kammer betrat, Oda das Neugeborene aus dem Arm nahm und das Bündel wie ein rohes Ei haltend in die Halle trug. Dort waren alle aus Vernica zusammengerufen worden. Der Saal war brechend voll. Aldrian, stellte sich vor seinen Hochsitz, hob das Neugeborene in die Höhe und rief:
„Ich habe einen Sohn! Ehrt Gunter! Er wird einmal euer Häuptling sein!“
Die Menge schrie „Heil Gunter! Heil Aldrian!“ und die Edlen schlugen mit den Schwertern auf die Schilde. Der Lärm verschreckte natürlich den Säugling in Aldrians Arm und er begann fürchterlich zu schreien. Rasch gab der Häuptling Gunter einer Magd, welche ihn zurück zu seiner Mutter in die Kammer brachte.
Hagen wunderte sich aber, wieso sein Vater der Menge zugerufen hatte, er habe einen Sohn, wo seine Mutter ihm gerade eröffnet hatte, sie hätten nicht ein und denselben Vater. Und wieso Gunter Häuptling werden sollte, wo er doch nach ihm geboren worden war. Er war ehrlich verwirrt und dies beschäftigte ihn lange. Er hatte dazu jedoch genügend Zeit, denn es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bevor sein Bruder halbwegs als Spielkamerad zu gebrauchen war. Erst nachdem sie noch eine Schwester, welche den Namen Grimhild erhielt, bekommen hatten und die Obsorge der Eltern und Mägde sich auf das neugeborene Mädchen konzentrierte, war Gunter soweit, dass Hagen ihn auch einmal etwas fester anpacken konnte, ohne dafür gleich eine Rüge der Erwachsenen einstecken zu müssen. Aber es blieb eine für ihn unverkennbare und rätselhafte Tatsache, dass Gunter mehr Aufmerksamkeit bekam, als er. In anderen Familien war das nicht so. Immer der Älteste der Knaben war der bevorzugte.
Als Hagen sechs Jahre alt geworden und aus der Obhut seiner Mutter in die eines Lehrmeisters gekommen war, wollte er endlich Antworten auf die Fragen bekommen, die ihn beschäftigten. Er trat hin zu der Magd seiner Mutter und bat, Frau Oda sprechen zu dürfen. Die Zeiten, wo er ungerufen und unangemeldet zu seiner Mutter in die Kammer stürmen durfte, waren vorbei – das hatte der Knabe schon gelernt. Als er vorgelassen wurde, setzte er sich neben sie und kam unmittelbar auf den Grund seines Besuches zu sprechen:
„Mutter, wer ist Gunters Vater?“
Verdutzt sah ihn Oda an und antwortete: „Hagen, das weißt du doch. Aldrian, unser Häuptling, ist sein Vater.“
„Aber du hast gesagt, er und ich hätten nicht denselben Vater!“ Die Verwirrung des Knaben konnte kaum noch größer werden.
„Das ist richtig.“ Jetzt erkannte Oda, was den Jungen in den letzten Monden so beschäftigt hatte. „Hör mir zu, ich erzähle dir jetzt eine Geschichte. Es ist die Geschichte unserer Familie und sie wird dir auch deine Frage beantworten.
Dein Großvater Irian, mein Vater, war der Häuptling unseres Stammes. Wir sind Ubier aber er war auch in den Diensten der römischen Legion im Rang eines Dux. Das bedeutete, dass er und seine Männer Teil der römischen Legion waren. Das nannte man Foederaten. Er hatte ein Mädchen aus der römischen Sippe des Mutius Scaevola geheiratet, meine Mutter – sie starb früh - und er residierte in Irianiacum, der Villa rustica nicht weit von hier. Du kennst sie – sie ist jetzt verlassen, wie auch die Römer schon vor vielen Jahren aus dieser Gegend abgezogen sind.
Der Häuptling, Aldrian, aber ist ein Franke und kam als junger Krieger mit einer kleinen Gruppe Auswanderer aus Gallien in unser Land und bot deinem Großvater Irian seine Dienste an. Im Gegenzug erhielt er dafür die Erlaubnis im alten Römerkastell Verniacum siedeln zu dürfen. Schon bald hatte er sich sehr verdient um das Land gemacht. Viele unserer Edlen mochten Aldrian, denn er kam mit allen gut aus. Aber es gab auch einige Neider in unserem Volk, die ihm seine Stellung beim Häuptling nicht gönnten.
In dieser Zeit war Aldrian oft bei uns in Irianiacum, denn er war ja in meines Vaters Diensten. Dabei lernten wir einander kennen und es dauerte nicht lange, da hatte Aldrian das Brautgeld zusammen. Ich war noch sehr jung – gerade einmal zwölf Jahre alt – aber mein Vater war schon sehr alt und sah seine Kräfte schwinden. Daher gestattete er Aldrian, als dieser ihn um Erlaubnis bat, mit mir Brautlauf zu feiern. Am Tag als die Vermählung stattfand, schlug dein Großvater Aldrian den Edlen unseres Stammes als seinen Nachfolger vor und ein daraufhin einberufenes Thing bestätigte ihn. Nicht lange danach starb Irian.“
Oda hielt in Gedenken an ihren Vater inne, aber Hagen drängte sie weiterzuerzählen. Eine Antwort auf seine Fragen hatte er aus der bisherigen Erzählung nicht heraushören können. Er liebte Geschichten, aber diese dauerte ihm zu lange.
„Und …“, riss er seine Mutter aus ihren Gedanken.
„Der neue Häuptling reiste viel durchs Land, wie es ein Landesherr tun muss. Ich war damals oft allein. Eines Tages, etwa ein Jahr nach unserem Brautlauf, lag ich im Garten und hatte etwas getrunken. Plötzlich wurde mir übel und alles drehte sich. Dann weiß ich nichts mehr, bis mich meine Magd weckte, weil es dunkel zu werden begann. Ich wusste lange Zeit nicht wo ich war, aber ich glaubte mich zu erinnern, dass Aldrian bei mir gewesen wäre. Aber das hatte nicht sein können, denn der Häuptling war, wie ich dir schon erzählt habe, im Land unterwegs. Nach zwei, drei Monden war mir klar, dass ich ein Kind in mir trug.
Eines Tages, es ging mir nicht gut und ich saß am Fenster, tauchte vor diesem ein fremder Mann auf. Er war vom Gürtel aufwärts nackt, bis zur Unkenntlichkeit mit Zeichen und Ornamenten in blauer Farbe bemalt, trug einen schweren Torq aus Messing um den Hals und gab sich als „ein Albe“ zu erkennen. In einem halb gereimten Singsang eröffnete er mir, er wäre der Vater des Kindes, das ich in mir tragen würde.“ Hier machte Oda wieder eine Pause, von der Erinnerung an diesen Vorfall überwältigt. Hagens Interesse an der Geschichte begann deutlich zuzunehmen. Er rückte auf der Bank nach vorne und drängte mit seinem bohrenden Blick seine Mutter, weiter zu erzählen.
„Dann sagte er noch“, fuhr Oda schließlich fort „dass ich niemanden davon erzählen dürfte, aber dass er dem Kind, wenn es denn in Not gerate, beistehen würde. Danach verschwand er so plötzlich, wie er gekommen war.
Ich war verschreckt und verängstigt“, Odas Stimme zitterte wieder in Erinnerung an damals. „Weder wusste ich, was vorgefallen war, noch wie ich es dem Häuptling erzählen konnte. Es war eine furchtbare Zeit, bis du auf die Welt kamst. Als du dann geboren warst, war es offensichtlich, dass Aldrian nicht dein Vater sein konnte.“
Oda standen bei der Erinnerung an dieses Geschehen wieder die Tränen in den Augen, aber Hagen war wie vom Donner gerührt. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass Aldrian nicht sein Vater wäre! Wieder machte Oda eine kleine Pause, die aber von Hagen nicht geduldet wurde:
„Wer war er? Was passierte weiter?“ drängte er.
„Wer er war? Vermutlich einer der Neider des Häuptlings. Aldrian war fürchterlich zornig als er dich gesehen...




