Hunter | Auf uns gestellt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Hunter Auf uns gestellt

Armutsklasse, Trauma und Solidarität
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-96054-319-0
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Armutsklasse, Trauma und Solidarität

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-96054-319-0
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im gegenwärtigen Diskurs u?ber Klasse und Klassismus kommt das Milieu, aus dem D Hunter stammt, nicht vor. 1979 oder 1980 wird Hunter in eine Familie von Irish Travellers geboren. In seiner Jugend in Nottingham bringt er sich, seine nur 13 Jahre ältere Mutter und seine drei Schwestern als minderjähriger Sexarbeiter, Drogenkurier und Dieb durch, ist Opfer und Täter extremer Gewalt. Mit Mitte zwanzig beginnt er in der geschlossenen Psychiatrie zu lesen und ist besonders beeindruckt von den Werken zweier anderer Eingeschlossener: Antonio Gramsci und Angela Davis. »Auf uns gestellt« ist ein Buch u?ber Traumata, Klasse und Identität, u?ber die Gewalt des weißen Kapitalismus, u?ber ökonomisch und sozial marginalisierte Menschen, die als u?berflu?ssig gelten. Schonungslos, hart und weit entfernt von jeder Fetischisierung der Armut schreibt Hunter u?ber seinen Großvater, der ihn vergewaltigt, seine Freundin, mit der er ein Junkie-Leben teilt, u?ber seinen pru?gelnden rassistischen Vater, seine psychisch kranke Mutter und u?ber Freunde, deren Solidarität er erfahren hat. Er schreibt, weil er den verachtenden oder bemitleidenden Blick verändern will, mit dem Menschen wie er betrachtet werden. Mit beeindruckender Klarheit und Glaubwu?rdigkeit fu?hrt D Hunter seine Erfahrungen mit einer radikalen Theorie und Praxis zusammen - fu?r eine solidarische Community-Arbeit und eine abolitionistische Praxis von unten, die sich gegen Staat und Gefängnissystem richtet.

D Hunter, 1979 oder 1980 geboren, reflektiert in seinen Bu?chern »Chav Solidarity« (2018) und »Auf uns gestellt« sein Leben als Gefangener, Obdachloser, Drogenabhängiger, politischer Agitator und Organisator. Aus der Perspektive dieser Erfahrungen betrachtet er Fragen von Klassenzusammensetzung, staatlicher Gewalt, communitybasiertem Widerstand der Arbeiterklasse, Patriarchat und weißer Vorherrschaft sowie die Entwicklung klassenbewusster sozialer Bewegungen. Derzeit begleitet er Personen, die schwere zwischenmenschliche Verletzungen und Gewalt begangen haben, bei Prozessen zur Rechenschaft und Wiedergutmachung innerhalb ihrer Community. Er lebt in Manchester und promoviert zu der Frage, wie Weißsein und Männlichkeit die Solidarität der Arbeiterklasse behindern. Isabelle Suremann, geboren 1990, hat Fachübersetzen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften studiert. Als Studentin hat sie bisher vor allem ehrenamtlich kürzere Texte für verschiedene politische Gruppierungen, insbesondere für politischen Initiativen für Menschen auf der Flucht übersetzt.
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Einleitung


Im Oktober 2018 veröffentlichte ich im Selbstverlag unter dem Titel Chav Solidarity [dt. etwa: Prolo-Solidarität] eine Sammlung von Essays. Ich ließ hundert Exemplare drucken und hoffte, sie alle verkaufen zu können. Im Juni 2020, während ich diese Einleitung schreibe, sind viertausend Exemplare verkauft, und das Buch wurde kürzlich ins Italienische und Spanische übersetzt. Herzlichen Dank dafür an Alberto Prunetti und Edizioni Alegre in Italien und Ana in Spanien. Innerhalb des großen Ganzen ist das ein sehr bescheidener Erfolg, aber für mich ist es ein verdammtes Wunder. Nur um das klarzustellen: Die Texte sind chaotisch. Aufgrund meiner vernachlässigten Beziehung zur Grammatik sind sie teilweise schwer zu verstehen und bieten häufig eine eher oberflächliche Analyse komplexer Themen. Dennoch behandeln sie diese Themen, wie etwa die radikale Linke, Trauma, Identität, Gemeinschaft oder Armuts- und Arbeiterklasse, in einer Art und Weise, die in aktuellen Debatten sozialer Bewegungen oft nur am Rande vorkommt.

Die schwindelerregende Höhe von viertausend verkauften Exemplaren erreichte ich durch eine Lesetour durch das Vereinigte Königreich, die 2019 rund siebzig Termine umfasste. Sie liefen alle ungefähr gleich ab: Ich saß vorne und las einige meiner Essays, die entweder von den Organisator*innen vorgeschlagen wurden oder die ich selbst abhängig von der Zusammensetzung des Publikums ausgewählt hatte. Anschließend gab es etwas Zeit für Fragen und dann eine allgemeine Diskussion einiger der Ideen, die in den Essays angesprochen wurden. Ich fand diese Veranstaltungen fast immer interessant, trotz meiner großen Angst vor öffentlichen Auftritten. Viele Menschen hatten verdammt schlaue, gute Sachen zu sagen. Viele waren neugierig und ehrlich interessiert zu erfahren, wie das Leben in der Gesellschaft des Vereinigten Königreichs für Andere ist.

Eines der Hauptziele des Buches war, nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch die Einsichten, den Intellekt und die Entschlossenheit derjenigen, die in Armut leben, hervorzuheben. Es war jedoch offensichtlich, dass mein Publikum viele der von mir vorgestellten Personen immer noch nach den Kriterien »gut« oder »böse« bewertete. Mir selbst wurde zumindest eine gewisse Komplexität zugestanden – wobei diese oft im Sinne des Narrativs »Bad Boy wird zum guten Mann« gelesen wurde, gegen das ich im Buch ausdrücklich argumentiere. Die Leute wollten wissen, wie ich mich verändert hätte, und nahmen an, dass diese Veränderung zum Besseren gewesen wäre. Und das, obwohl ich betonte, dass ich kein besserer Mensch geworden bin, sondern dass mein neues Lebensumfeld mir lediglich die Möglichkeit gab, meine Ecken und Kanten etwas weicher zu machen. Ebenso, und das erscheint mir noch wichtiger, wurden viele meiner Familienmitglieder und Kindheitsfreund*innen vom Publikum entweder ausschließlich als Opfer oder als Täter von Gewalt angesehen. Darin sehe ich den Hauptmangel meines ersten Buches: Ich hatte einer Bevölkerungsgruppe im Vereinigten Königreich mehr Tiefe verleihen wollen, die, je nachdem, wer sie warum bewertet, entweder bemitleidet oder verteufelt wird. Stattdessen gab ich den Leser*innen die Möglichkeit, das Buch im Sinne der im Großbritannien des 21. Jahrhunderts vorherrschenden liberalen Moral zu lesen, wonach Menschen gute oder schlechte Entscheidungen treffen, die ihren guten oder schlechten Charakter und damit ihren Wert definieren.

Ein klügerer Mensch als ich hätte dann vielleicht aufgehört zu schreiben – man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist – und sich wieder der Care-Arbeit oder etwas Ähnlichem zugewandt. Oder, anders betrachtet: Ich hätte vielleicht nach dem Scheitern aufhören sollen. Aber ich bin nicht so ein Mensch. Daher entschied ich, mich einmal mehr daran zu beteiligen, was ich als einen kollektiven Prozess zur Dekonstruktion der isolierenden und zerstörerischen Auswirkungen des Liberalismus (oder, wenn man so will, des Neoliberalismus) verstehe. Einmal mehr werde ich meine eigenen prägenden Erfahrungen für diesen Prozess einsetzen. Nachdem es mir beim ersten Mal nicht gelungen ist, den Lebensrealitäten der Gemeinschaften, aus denen ich komme, gerecht zu werden, versuche ich es beim zweiten Mal umso mehr. In den zehn Texten, aus denen Auf uns gestellt – Armutsklasse, Trauma und Solidarität besteht, versuche ich, Interaktionen zwischen mir und jeweils einer anderen Person zu analysieren, wofür ich mich mit queeren Methodologien, Klassenanalyse, Kritischer Weißseinsforschung und Abolitionismus (also der Bewegung zur Abschaffung von Gefängnissen, Polizei und Strafjustiz) auseinandersetze. Es handelt sich um eine Autoethnografie, eine Form, die im Allgemeinen geringgeschätzt wird von jenen, die nach Strenge und Wissenschaftlichkeit in ihren Argumenten streben. Aber es ist eine Form, die ich interessant und wertvoll finde, da sie die Voreingenommenheit und die Subjektivität jeder sozialen Analyse anerkennt.

Im vorliegenden Buch nehme ich viele Momente, Beziehungen und Erfahrungen aus meinem Leben als Sprungbrett, um umfassendere politische, soziale und ökonomische Fragen zu untersuchen, die meiner Meinung nach im heutigen Großbritannien von Bedeutung sind. Diese Momente, Beziehungen und Erfahrungen stammen zum größten Teil aus Phasen meines Lebens, in denen Armut, Inhaftierung und psychische Probleme sowohl für mich selbst als auch für die vielen Communitys um mich herum eine Konstante darstellten. In The Morals of the Market stellt Jessica Whyte fest: »Die Marktgesellschaft brauchte einen moralischen Rahmen, der die Anhäufung von Reichtum und Ungleichheit guthieß, die individuelle und familiäre Verantwortung förderte und die Unterwerfung unter die unpersönlichen Ergebnisse des Marktprozesses auf Kosten des bewussten Strebens nach kollektiv formulierten Zielen begünstigte.«1

In vielerlei Hinsicht ist es dieser moralische Rahmen, mit dem Auf uns gestellt in Konflikt steht. Im weiteren Verlauf dieser Einleitung stelle ich die fünf wichtigsten Rahmenkonzepte vor, die ich beim Verfassen des Hauptteils dieses Buches angewandt habe. Diese Darstellungen von Autoethnografie, queeren Methodologien, Klassenanalyse, Abolitionismus und Kritischer Weißseinsforschung sind nicht umfassend, aber sie können beim Lesen der Essays einen gewissen Einblick vermitteln. Ich habe sie in eher akademischer Art und Weise verfasst und sie gefallen daher vielleicht nicht allen gleichermaßen. Wenn jemand diesen Teil überspringen will, ist das vollkommen in Ordnung und ich glaube nicht, dass dadurch das Verständnis des Hauptteils beeinträchtigt wird. Vielleicht will man nach der Hälfte oder am Ende des Buches zu diesem Teil zurückkehren, aber hey, ich habe kein Problem damit, wenn man ihn komplett überspringt. Ich habe diesen Teil zum einen deshalb in akademischem Stil verfasst, weil es mich davon abhält abzuschweifen und ein wenig Struktur bietet, und zum anderen, weil es dadurch einfacher für mich ist zu verdeutlichen, dass ich mich auf das Denken und Schreiben anderer Menschen stütze. Für den Großteil dieses Buches kehre ich jedoch zu der eher informellen Erzählform von Chav Solidarity zurück.

Autoethnografie


Die Autoethnografie ist umkämpftes Terrain. Einige Forscher*innen fordern eine Mäßigung der persönlichen und gefühlsbetonten Tendenzen dieses Ansatzes. Dafür plädiert etwa Sarah Stahlke Wall; für sie muss die Autoethnografie, um eine substanzielle wissenschaftliche Methode zu sein, dieselbe akademische Strenge und Präzision aufweisen wie andere, bereits länger etablierte Forschungszweige.2 Sadruddin Bahadur Qutoshi hingegen argumentiert, dass es gerade der Zweck der Autoethnografie sei, die akademische Forschung durch ein anregendes, emotionales, dialogisch und fesselnd verfasstes Schreiben zu bereichern, das näher an Literatur und Kunst als an der Wissenschaft selbst angesiedelt ist.3

Selly Denshire sieht das ähnlich: Für sie überschreitet und verwischt die Autoethnografie die Grenzen zwischen traditionellem sozialwissenschaftlichen Schreiben einerseits und einem performativeren und kreativeren Stil andererseits.4 Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit einer breiteren und tieferen Forschungspraxis. Ich denke, dass die Stärke der Autoethnografie in ebenjenen unscharfen Grenzen liegt: Sowohl die Forscher*innen als auch die Leser*innen sind weder ganz außerhalb noch innerhalb des Textes. Die Forscher*innen legen einen Kontext dar, den sie in körperlichen Erfahrungen erlebt haben, welche sie mithilfe der Autoethnografie in spezifische soziale und kulturelle Paradigmen einordnen können. Die Leser*innen ihrerseits reagieren auf den Text sowohl in emotionaler als auch körperlicher Weise und erhalten gleichzeitig Einblick in eine entfernte Erfahrungswelt. Das Ziel der Autoethnograf*innen kann sein, bei den Leser*innen eine kritische Empathie zu wecken, indem sie sowohl Mitgefühl für die komplexe...


D Hunter, 1979 oder 1980 geboren, reflektiert in seinen Bu¨chern »Chav Solidarity« (2018) und »Auf uns gestellt« sein Leben als Gefangener, Obdachloser, Drogenabhängiger, politischer Agitator und Organisator. Aus der Perspektive dieser Erfahrungen betrachtet er Fragen von Klassenzusammensetzung, staatlicher Gewalt, communitybasiertem Widerstand der Arbeiterklasse, Patriarchat und weißer Vorherrschaft sowie die Entwicklung klassenbewusster sozialer Bewegungen. Derzeit begleitet er Personen, die schwere zwischenmenschliche Verletzungen und Gewalt begangen haben, bei Prozessen zur Rechenschaft und Wiedergutmachung innerhalb ihrer Community. Er lebt in Manchester und promoviert zu der Frage, wie Weißsein und Männlichkeit die Solidarität der Arbeiterklasse behindern.

Isabelle Suremann, geboren 1990, hat Fachübersetzen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften studiert. Als Studentin hat sie bisher vor allem ehrenamtlich kürzere Texte für verschiedene politische Gruppierungen, insbesondere für politischen Initiativen für Menschen auf der Flucht übersetzt.



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