Isigüzel | Das Mädchen auf dem Baum | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Isigüzel Das Mädchen auf dem Baum

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-641-23788-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-641-23788-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Besondere Autor*innen, besondere Geschichten: btb SELECTION – Ausgezeichnet. Ungewöhnlich. Erstklassig.

Eine junge Frau klettert inmitten gewalttätiger Unruhen auf den höchsten Baum im jahrhundertealten Gülhane-Park in Istanbul, fest entschlossen, den Rest ihres Lebens dort zu verbringen. Unter sich beobachtet sie eine sich verändernde Stadt, die während der Gezi-Proteste politisch erwacht. Das Mädchen sitzt in ihrem Heiligtum aus Zweigen und Blättern und versucht, die steigende Flut der Gewalt in der Welt unter sich zu verstehen. Und auf einmal ist da dieser einsame Junge, der in einem nahe gelegenen Hotel arbeitet, aufblickt und sich verliebt. Die beiden erzählen einander Geschichten von den Schicksalen ihrer Familien, es sind Liebes- und Verlustgeschichten vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Spannungen, die zu dem tragischen Bombenanschlag führten, der eine Wende in der türkischen Demokratie markierte – und ein junges Mädchen in die Bäume fliehen ließ.

Schonungslos und poetisch, komisch und voller Wut und Trauer fängt dieser außergewöhnliche Roman über politischen Wahnsinn, prekäre Träume und den Willen zu überleben ein, was es heißt, das Versprechen der Hoffnung niemals loszulassen.

Sebnem Isigüzel, geboren 1973, ist Journalistin und Autorin, ihr Werk wurde unter anderem mit dem Yunus-Nadi-Preis ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Istanbul.

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1 | IN DEINER ABWESENHEIT


Das ist eine Geschichte von Freiheit und Liebe. Von zwei kranken jungen Menschen. Der eine davon bin ich.

Eines Abends kletterte ich ruckzuck auf einen Baum, um dort oben zu leben. Eigentlich ein Wunder. Nicht, dass ich auf einem Baum lebe, sondern, dass ich so leicht hinaufkam. Als hätte ein kräftiger Wind mich erfasst und auf den Wipfel hinaufgeweht. Als wäre jemand hinter mir her gewesen. Irgendwie war es auch so. Ich lief vor jemandem weg. Aber vor wem? Vor dem Leben, könnte ich behaupten, aber das tue ich nicht, sonst sagen Sie gleich, was versteht die schon vom Leben?

Ich war noch nicht ganz achtzehn. Auf dem Weg von Cihangir zum Gülhane-Park rannte ich an dem Abend, daran hinderte mich auch der Rucksack mit den paar Sachen nicht. Warum hatte ich den dabei? Kein Gedanke, dass ich auf einen Baum klettern und dort bleiben würde. Das hat sich so ergeben. Ich wusste einfach nicht weiter. In mir bohrte ein Schmerz, der mich aber nicht verrückt machte, denn das hätte mich eher beruhigt. Woraus Sie schließen dürfen, dass ich bei Verstand war.

Man ist immer auch die Geschichte von jemand anderem, am meisten von den Eltern. Nicht bloß genetisch, auch seelisch. Selbst wenn man das überhaupt nicht will, wird man wie sie. Vom Wesen her zumindest. Das kommt jetzt etwas stoßweise daher, wie mein Atem. Doch was ich zu erzählen habe, ist nicht so, das ist eine Einheit. Zumindest bei mir im Kopf.

Dass ich hier auf einem Baum hocke, bringt Sie vermutlich durcheinander. Macht nichts. Seien Sie ruhig auch mal ein bisschen durcheinander, bei mir ist das ein Dauerzustand. Das ganze Leben ist ein Durcheinander. Sogar Robert Pattinson, also der Vampir, hat gesagt: Ich bin wirklich völlig verwirrt. Soll er nur. In meinem Zimmer hing ein Poster von ihm, und als ich losging, sahen wir uns noch mal an.

Dabei wirkte er gar nicht, als wollte er sagen: »Moment mal, wo willst du hin?« Eher so: »Mach, dass du wegkommst!«

Das ist die Geschichte eines siebzehnjährigen Mädchens, das eines Abends plötzlich auf einem Baum sitzt. Aber so weit sind wir noch nicht. Um ein Bild betrachten zu können, tritt man nicht näher heran, sondern lieber einen Schritt zurück. Ich muss erst von schöneren Tagen berichten. Zum Beispiel vom 23. Juli 2011. Obwohl das auch kein schöner Tag war. Da ist nämlich Amy Winehouse gestorben. Ihr trauriges, verdutztes Gesicht hatte ich als Wallpaper auf dem Handy. Auf dem Computer hatte ich Robert und Kristen. Kristen ist später Vampirin geworden. Meinen Sie jetzt bloß nicht, das hätte was damit zu tun, dass ich auf dem Baum sitze. Überhaupt nicht. Über Robert und diese pubertäre Vampirliteratur bin ich längst hinweg. Ich sitze hier, weil ich rebelliert habe. Und die Vampire hängen nur noch da, weil ich die alten Poster noch nicht abgenommen habe. Vampire rebellieren nicht, die saugen nur Blut.

Amy ist da ganz anders, und das wird sie für mich immer bleiben. Die hat nämlich rebelliert und ist gestorben.

Ich bin hier, weil ich sterben will, ohne zu sterben. Ich habe es zwar schon mal gesagt, aber ich sage es noch mal, denn ich bin ja durcheinander: Dass ich hier oben bin, ist ein Wunder. Diese Bäume sind verdammt hoch. Und jahrhundertealt. Das war hier früher der Garten des Sultanspalasts. Wissen Sie eigentlich, wie glatt so ein Platanenstamm ist? Daran müssen meine Hände und Füße sich regelrecht festgesaugt haben, sonst wäre ich gar nicht hochgekommen. Den Gülhane-Park kenne ich gut, mein Vater hat lange im Archäologiemuseum gleich hinter dem Park gearbeitet.

Meine roten Toms habe ich vor dem Baum ausgezogen, und von hier oben sehen sie aus wie ein winziger roter Fleck. Im Literaturunterricht haben wir mal eine öde Geschichte von einer Nachtigall durchgenommen, die sich aus Liebe zu einer Rose an ihr blutig sticht, und dass das Dunkelrote an den Rosendornen eigentlich von dem Blut stammt. Amy hätte aus so was vermutlich ein Lied gemacht. Die hat ja auch unglücklich geliebt, hat gesungen wie eine Nachtigall, hat gewimmert, und schließlich hat der Schmerz ihr das Herz zerrissen, und sie ist gestorben. So hat sie gegen das Leben rebelliert, gegen Leute vom Horizont einer Dunstabzugshaube, und das hat sie umgebracht. Nein, kein guter Vergleich. Nicht der jetzt, der andere zuvor. Mit der Nachtigall, der Rose, den roten Toms und so weiter. Schreiben ist gar nicht so leicht. Am schwierigsten ist das Denken. Sagen wollte ich eigentlich bloß, dass meine roten Leinenschuhe neben dem Baum standen wie zwei Blutstropfen.

Solange niemand beim Anblick der Schuhe auf den Gedanken kam, auf den Baum hinaufzuschauen, würde mich niemand finden. Und glauben Sie mir, so was fällt niemandem ein. Gefährlich war es unten, auf den Straßen. Sagte ich mir jedenfalls, sobald ich hier oben war. Mich irgendwo da unten zu verstecken, wollte ich nicht riskieren. Dort wäre ich belästigt worden, geschlagen, womöglich um die Ecke gebracht. Oder ich hätte so sehr um mein Leben kämpfen müssen, dass es mir alles Menschliche ausgetrieben hätte. Hier oben findet mich niemand.

Hier zu leben ist bestimmt schwierig, doch auch wenn das jetzt naiv klingt, fühle ich mich trotzdem sicherer als drunten. Nun ja, solange ich nicht runterfalle. Aber ich bin ja schon aus dem Leben gefallen. Das Leben in seiner ganzen Härte hat mich hier raufgetrieben. Wie bin ich überhaupt auf die Idee gekommen? Habe ich die aus einem Buch? Würde ich mich auf eine einsame Insel retten, wenn ich irgendwo eine fände? Oder wie Jonas in den Bauch eines Wals? Ich bin über das Alter hinaus, wo man alles nachmacht, was man bewundert. Warum also bin ich hier rauf wie eine Katze, hinter der die Hunde her sind? Ach, lassen wir das. Ich habe es hier raufgeschafft, das allein zählt. Meine Freundinnen sind nämlich tot. Aber das kann ich jetzt nicht erzählen. Ich weiß ja nicht, was für ein Mensch Sie sind. Was stand da in einem Tweet: »Vielleicht haben Sie ja kein Herz im Leib, sondern einen Tannenzapfen.«

Ich will jetzt nicht weinen. Das muss ich immer, wenn ich an meine Freundinnen denke.

Ich erzähle Ihnen lieber etwas anderes: Ruckzuck auf einen Baum rauf, das schafft nicht jeder. Ich habe aber ab dem Jahr, in dem Amy Winehouse gestorben ist, also vier Jahre lang, auf der Slackline trainiert. Jetzt kennen Sie vielleicht Amy Winehouse, aber Sie wissen eventuell nicht, was Slackline ist. Da spannt man zwischen zwei Bäumen ein Band, knapp über dem Boden, und darauf spaziert man wie ein Seiltänzer. Hatte ich auf YouTube gesehen. Daraufhin hat mir mein Vater auch so was gebastelt, was ihm als Archäologe irgendwie leichtfiel. Wir sind nach Karaköy, wo es das ganze Baumaterial gibt, und haben ein Nylonseil und Spanner gekauft. Und darauf balancierte ich dann, sommers wie winters. In einen Kletterverein bin ich auch. Sowieso hat sich Slackline aus Trainingsübungen von Bergsteigern entwickelt. Jetzt werden Sie sagen: »Dann ist es doch kein Wunder, dass du da raufgekommen bist!« Klingt logisch. Trotzdem, so ein hoher Baum ist noch mal ganz was anderes, auch wenn man trainiert ist. Als würde man einen nackten Felsen hochklettern, oder einen ganz steilen Hang. Ohne Seil und Karabiner und solche Scherze. Und in dem Kletterverein war ich nicht lange, das wurde zu teuer. Finanziell ist meine Familie nämlich ziemlich abgestürzt. Und Glück hat eben doch etwas mit Geld zu tun. In dem Sommer, als Amy Winehouse starb, waren wir noch besser gestellt und konnten wenigstens unsere Rechnungen bezahlen. Wir wussten ja nicht, dass das unsere letzten guten Tage waren, unser letzter schöner Sommer. Sonst hätten wir das viel mehr genossen.

Im Frühsommer jenes Jahres sollte Amy Winehouse nach Istanbul kommen. Ich hatte auch schon ein Ticket, das heißt Tantchen, die damals noch als Journalistin arbeiten durfte, sagte: »Ich besorge dir schon eins.« So lief das nämlich. Sie schnorrte immer bei den Kollegen vom Feuilleton. Manchmal schickte sie mich einfach mit dem Fotografen mit, dann kriegte ich einen USB-Stick in die Hand und es hieß, ich sei Praktikantin. Und die ließen mich rein, obwohl ich so jung war, denn das waren gute Leute, bis hin zum Namen ihrer Firma: Pozitif. Dort arbeitete Mehmet, der lachte immer wie ein Kind, sogar die Augen lachten mit. Der ist auch schon tot. Krebs.

»Dieses Land treibt einen sowieso in den Krebs.«

Sagte bei seiner Beerdigung Tantchen, meine Tante väterlicherseits.

Der Schmerz ist wie ein Schloss, das nicht aufgeht. Er sperrt sich gegen einen. Kriegt man das Schloss doch auf, fühlt man sich einen Moment lang sicher, und genau da bricht man zusammen, so ist es mir ergangen. Ich rede schon wieder wie eine alte Oma, aber von so einer bin ich eben aufgezogen worden, von der Mutter meines Vaters, darum hört sich das bei mir oft so an. Leute meines Alters, meine beste Freundin Pembe zum Beispiel, würden das ganz anders drechseln. Mein Gott, drechseln! Pembe, hörst du mich?!

»Pembe? Schön bunt.«

So was musste sie sich oft anhören. Pembe bedeutet »Rosa«, und von den Französischlehrern wurde sie mit »Mademoiselle Rose« angesprochen.

Das gefiel ihr anscheinend, und untereinander nannten wir sie auch oft so. Warum sie Pembe hieß, wussten nur wir.

Als bei ihrer Mutter die Wehen einsetzten, wurde sie von einem Dienstmädchen ins Krankenhaus gebracht und dort von ihr auch betreut, bis – nach geschlagenen zwei Tagen – Verwandte der Mutter sie endlich ablösten. Der Kindsvater, der vor der Hochzeit als Playboy durch die Gazetten gegeistert war, hielt sich beim Tauchen auf. Nach der Entbindung sagte die Mutter zu ihrem achtzehn Jahre älteren Mann schüchtern: »Mehmet, es ist wieder ein Mädchen.« Unser Mehmet...


Isigüzel, Sebnem
Sebnem Isigüzel, geboren 1973, ist Journalistin und Autorin, ihr Werk wurde unter anderem mit dem Yunus-Nadi-Preis ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Istanbul.

Meier, Gerhard
Gerhard Meier, geboren 1957, lebt seit 1986 in Lyon und übersetzt literarische Werke aus dem Türkischen und Französischen, unter anderem von Orhan Pamuk, Zülfü Livaneli, Amin Maalouf, Henri Troyat und Sait Faik. 2014 erhielt er für sein Gesamtwerk den Paul-Celan-Preis.



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