Ivanov | Tote Träume | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Reihe: Ein Fall für Flint & Cavalli

Ivanov Tote Träume

Flint und Cavalli ermitteln gegen die Brandstifter. Kriminalroman. Ein Fall für Flint und Cavalli (2)
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-293-30639-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Flint und Cavalli ermitteln gegen die Brandstifter. Kriminalroman. Ein Fall für Flint und Cavalli (2)

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Reihe: Ein Fall für Flint & Cavalli

ISBN: 978-3-293-30639-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach einem Brand in einer Zürcher Asylunterkunft wird der Sudanese Thok Lado tot aufgefunden. Erste Untersuchungen ergeben, dass der junge Mann bereits vor dem Ausbruch des Feuers nicht mehr am Leben war. Bezirksanwältin Regina Flint und Kriminalpolizist Bruno Cavalli tappen lange im Dunkeln auf der Suche nach dem Mordmotiv. Während Cavalli den Täter über das Opfer zu ermitteln meint, verlangt Flint, da anzusetzen, wo die ersten Spuren hinführten: zum Pfarrhaus. Dort gehen einige als Ausländerhasser bekannte Jugendliche ein und aus.

Petra Ivanov verbrachte ihre Kindheit in New York. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz absolvierte sie die Dolmetscherschule und arbeitete als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Journalistin. Heute ist sie als Autorin tätig und gibt Schreibkurse an Schulen und anderen Institutionen. Ihr Debütroman Fremde Hände erschien 2005. Ihr Werk umfasst Kriminalromane, Thriller, Liebesromane, Jugendbücher, Kurzgeschichten und Kolumnen. Petra Ivanov hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u. a. zweimal den Zürcher Krimipreis (2010 und 2022).
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1


Regina Flint musterte den gelben Strich. Sie trat einen Schritt zurück und kniff die Augen zusammen. Die Linie mündete in eine orangefarbene Fläche, die zu satt wirkte. Regina tauchte den Pinsel ins Zinnoberrot und fügte einige Tupfer hinzu. Die hitzigen Farben spiegelten ihren Gemütszustand. Die letzten Monate waren hektisch gewesen. Selten hatte sie es geschafft, vor zwanzig Uhr die Bezirksanwaltschaft zu verlassen. Eine Einvernahme reihte sich an die andere, zeitraubende Abklärungen füllten die verbleibende Zeit. Berichte und Protokolle verfasste sie oft erst abends. Bis zur Neuorganisation der Untersuchungs- und Anklagebehörden, von der sie sich eine Entlastung erhoffte, musste sie sich noch ein halbes Jahr gedulden.

Mit einer geübten Bewegung mischte sie dem Rot etwas Kadmiumorange bei und nahm ihr Werk in Augenschein. Sie genoss es, beim Malen ihre Gedanken auszuschalten. Viel zu selten nahm sie sich für ihr Hobby Zeit. Meistens erlag sie der Versuchung, zuerst ihre unerledigten Fälle abzuschließen, um danach in Ruhe entspannen zu können. Aber es wurden nie weniger. So war sie am Abend zu erschöpft, um den Pinsel in die Hand zu nehmen.

Als sie nach dem Zinnoberrot griff, läutete das Bereitschafts-Handy. Regina legte die Tube auf den Tisch zurück. Nicht heute, dachte sie. Sie wollte den Samstagabend mit dem EM-Spiel Holland-Tschechien ausklingen lassen und früh zu Bett gehen.

Die Notrufzentrale meldete einen Brand in einer Asylunterkunft in Zürich-Witikon. Resigniert rief Regina ein Taxi, schnappte ihren Dienstkoffer und eilte aus dem Haus.

Der erste Löschzug war schon vor Ort, als sie eintraf. Das brennende Haus befand sich am Waldrand, die schmale Anfahrtsstraße bot kaum Platz für die mächtigen Tanklöschfahrzeuge. Die Autodrehleiter hatte sich einen Weg über die Wiese gebahnt und stand schief im Gras. Ein Rohrführer rannte an Regina vorbei und rief dem Atemschutztrupp etwas zu. Wie farbige Zungen schossen Flammen aus den Fenstern. Hinter den Absperrbändern der Stadtpolizei hatten sich bereits Schaulustige zusammengefunden.

»Manesse Zentrale an Kommando zwei«, knisterte ein Funkgerät. Der Rettungsoffizier – sie kannte Gion Janett von früheren Bränden – eilte an Regina vorbei und hob die Hand zum Gruß. Sie hörte ihn »Großereignis« und »zweiter Löschzug« sagen. Zwei Feuerwehrmänner trugen eine weitere Hochdruckleitung über die Wiese. Wo das Wasser auf die Flammen traf, entstand eine dichte Dampfwolke.

Regina hielt nach dem Einsatzleiter der Kantonspolizei Ausschau. Der Wind drehte, und eine schwarze Rauchwolke kam auf sie zu. Hustend eilte sie ums Gebäude. In der Ferne hörte sie die Sirenen des zweiten Löschzugs. Hinter dem Haus befand sich ein kleiner Garten. Zwischen den unreifen Tomaten stand Janett und wies den Truppführer auf der Drehleiter an. Einige Meter hinter ihm beobachtete Bruno Cavalli das Geschehen.

Als Regina den Polizisten erblickte, blieb sie abrupt stehen. Trotz der Hitze war ihr, als sei sie in kaltes Wasser getaucht. Cavalli hatte sie bemerkt. Er musterte sie von Weitem und machte keine Anstalten, auf sie zuzugehen. In seinen dunklen Augen sah sie einen Anflug von Unsicherheit.

»Was machst du hier?« Regina konnte ihre Freude nicht verbergen. Cavalli lächelte erleichtert. Obwohl sie ihre Beziehung zu ihm schon vor Jahren beendet hatte, die Vertrautheit war noch da. »Du bist doch beim BKA

Vor drei Monaten war Cavalli, in Zürich stellvertretender Dienstchef beim Kapitalverbrechen zwei, kurz KV, nach Wiesbaden gereist. Beim Bundeskriminalamt begleitete er die Einführung eines Systems für die geografische Fallanalyse, das Geoprofiling. Dieses analysiert die räumliche Bewegung von Tätern, um auf ihren möglichen Wohnort zu schließen. Das Projekt sollte erst Ende des Monats abgeschlossen sein.

»Wir kamen schneller voran als geplant.«

»Seit wann bist du zurück?«

»Seit einer Stunde.«

Sie lachte: »Kaum zu Hause, und schon brennts. Kann mir gut vorstellen, dass du nicht mal auspacken konntest.« Seine Wohnung lag nur eine Querstraße entfernt.

Er hob eine Augenbraue. »Ich bin dienstlich hier.«

Sie schaute ihn überrascht an. »Dienstlich? Du willst doch nicht etwa behaupten, dass du schon Dienst hast?« Plötzlich verstand sie. Sie würden wieder zusammen an einem Fall arbeiten. Der letzte lag über sechs Monate zurück. Damals war es ihr nur mit großer Mühe gelungen, Cavalli von sich fernzuhalten. Die vielen gemeinsamen Stunden hatten Regina aus dem hart erarbeiteten Gleichgewicht geworfen und ihr gezeigt, dass sich Liebe nicht mit Vernunft löschen lässt.

Bevor sie etwas sagen konnte, wurde sie von einem Feuerwehrmann auf der Drehleiter abgelenkt. Er zeigte auf ein Fenster im ersten Stock des Gebäudes. Janett schrie nach Verstärkung und verschwand um die Hausecke. Die Sanitäter folgten ihm augenblicklich. Fast gleichzeitig tauchten zwei Feuerwehrmänner aus den lodernden Flammen auf. Sie trugen eine verkohlte Leiche heraus. Regina hatte schon viele Verletzte gesehen, aber auf den Anblick eines verbrannten Menschen war sie nicht gefasst. Das Gewebe war stellenweise aufgebrochen. Die hervortretende Muskulatur wirkte wie gekocht. Durch die hitzebedingte Schrumpfung waren Arme und Beine in halb gebeugter Stellung fixiert, die Hände lagen übereinander. Der Tote – sie erkannte nicht, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte – sah aus, als würde er einen Boxkampf austragen. Und ihn verlieren.

Cavalli ging sofort auf die Feuerwehrmänner zu. Sie legten die Leiche ins Gras. »Fasst sie nicht mehr an!«, befahl er. »Ist der Rechtsmediziner unterwegs?«

Ein Feuerwehrmann, kaum zwanzig, zuckte mit den Schultern und deutete auf Janett. Er wandte sich benommen von der Leiche ab.

Janett rief: »Sollte in einer Viertelstunde da sein.« Sein Gesicht glänzte. Bevor er mit dem Truppführer verschwand, fügte er hinzu: »Es sind noch mehr drin.«

Der Gestank von verbranntem Fleisch mischte sich mit dem Rauch. Regina starrte auf das brennende Gebäude.

Cavalli kniete neben der Leiche. Er winkte Regina zu sich. »Schau dir die Stellung der Hände an. Woran erinnert sie dich?«

Widerwillig ging Regina neben ihm in die Hocke. »An einen Boxer.« Sie versuchte, ihre Übelkeit zu unterdrücken.

Cavalli nickte. »Das tun Brandleichen immer. Aber sieh dir die Hände genauer an. Sie sind gefaltet.«

»Das könnte von der Hitzeeinwirkung sein.«

»Schau auf die Mittelfinger.« Cavalli beugte sich noch näher zur Leiche.

Regina erkannte, worauf er hinauswollte. Der linke Mittelfinger schlang sich um den rechten. »Als hätte er – oder sie – gebetet, als klar wurde, dass der Tod bevorstand«, stellte sie fest. Mitleid überkam sie. Sie ignorierte es und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe. Später, wenn sie ihre Arbeit erledigt hatte, würden die Gefühle zurückkehren und sich nicht mehr verdrängen lassen.

Cavalli schloss die Augen und atmete tief ein. Über seinen ausgeprägten Geruchssinn machten sich seine Kollegen zwar lustig, doch sie zweifelten nie am Erfolg seiner Untersuchungen.

»Schön, dass du zurück bist«, sagte Uwe Hahn hinter ihr. Der Rechtsmediziner ließ seine Tasche ins Gras fallen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, begann er mit der Untersuchung. Der zweite Löschzug war inzwischen im Einsatz, und die Feuerwehr hatte den Brand unter Kontrolle.

Regina machte sich auf die Suche nach Janett. Er sprach mit zwei Brandspezialisten der Kantonspolizei.

»Vier Tote.« Janett schaute auf das dampfende Gebäude. Er wollte etwas hinzufügen, brachte die Worte jedoch nicht über die Lippen.

Regina wartete.

Janett räusperte sich. »Zwei Kleinkinder.«

Mit einem flauen Gefühl schaute Regina den Spezialisten nach, die sich auf die Brandstelle zubewegten. »Was sagen die Kollegen von der Brandabteilung?«

»Brandstiftung.« Janett fuhr sich mit dem Ärmel über das feuchte Gesicht.

Regina konnte nicht sehen, ob er Tränen oder Schweiß wegwischte. Gewöhnte man sich je an den Anblick verbrannter Menschen, toter Kinder?

Janett schluckte und fasste das Wichtigste zusammen: »Jemand hat Molotowcocktails durchs Wohnzimmerfenster geworfen.« Er führte sie zu einem breiten Fenster auf der Südseite des Gebäudes. Die Scheibe war zerschlagen. Janett hob eine Scherbe auf und hielt sie Regina hin. »Keine Rußspuren, regelmäßige Bruchkanten. Das heißt, die Scheibe ging vor dem Brand zu Bruch.«

Er bat sie, sich die Ostseite des Hauses anzusehen. Wortlos stapfte er durch das feuchte Gras. Auf den Verputz waren Schimpfwörter gesprayt.

Regina zog die Stirn in Falten. »Ausländer raus«, »Hau ab«, »Arschloch« verkündeten braune Großbuchstaben. »Was hat man sonst gefunden?«

»Zerschmetterte Weinflaschen mit Spuren von Benzin«, sagte Janett. Er wies zwei Feuerwehrmänner an, mit der Sicherung der Brandstelle zu beginnen. »Ich muss weitermachen. Komm, ich mache dich mit dem Pfarrer bekannt. Er hat den Brand gemeldet.« Er führte sie zum Einsatzwagen, wo der Pfarrer auf seine Befragung wartete.

Die Nacht war über die Brandstelle hereingebrochen, doch die Nachtgeräusche im...


Ivanov, Petra
Petra Ivanov verbrachte ihre Kindheit in New York. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz absolvierte sie die Dolmetscherschule und arbeitete als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Journalistin. Heute ist sie als Autorin tätig und gibt Schreibkurse an Schulen und anderen Institutionen. Ihr Debütroman Fremde Hände erschien 2005. Ihr Werk umfasst Kriminalromane, Thriller, Liebesromane, Jugendbücher, Kurzgeschichten und Kolumnen. Petra Ivanov hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u. a. zweimal den Zürcher Krimipreis (2010 und 2022).



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