James | Sanctuary | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

James Sanctuary

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-25160-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-641-25160-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Daniel Whitman, der gefeierte Footballstar der Sanctuary Highschool, auf einer Party unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, ist die ganze Stadt in Aufruhr. Auf den ersten Blick deutet alles auf einen tragischen Unfall hin, doch jeder in Sanctuary weiß, dass Dans Ex-Freundin Harper die Tochter einer stadtbekannten Hexe ist. Ist Harper, die mehr als einen Grund hatte, wütend auf Dan zu sein, möglicherweise selbst eine Hexe? Hat sie ihn gar durch den Einsatz von Magie getötet? Als Harper schwere Anschuldigungen gegen Dan vorbringt und die Polizei in diesem Fall zu ermitteln beginnt, steht Sanctuary kurz vor einer neuen Hexenjagd ...

V. V. James studierte Geschichte und Englisch am Merton College in Oxford, wo Tolkien einst Professor war. In Rom promovierte sie im Vatikanischen Geheimarchiv und verbrachte dann als Journalistin einige Jahre in Tokio, wo sie Japanisch lernte. Zurück in Großbritannien arbeitete sie als Produzentin für Channel 4 News und führte Regie für BBC-Dokumentationen. Ihr Leben ist voller Abenteuer und hat sie auf Reisen in die ganze Welt geführt. Sie lebt in Londons Notting Hill und widmet sich ganz dem Schreiben.
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3


Maggie


Eine Party. Teenager und Alkohol. Eine Tragödie.

Leider sehe ich so was öfter als das Innere meines Fitnessstudios.

Normalerweise ist ein Auto darin verwickelt. Der Collegefonds, in den Mom und Dad jahrelang eingezahlt haben, der Kampf um Bestnoten, sportliche Erfolge, sorgfältig ausgewähltes soziales Engagement – all das prallt bei hundertneunzig Kilometer die Stunde auf einem unbeleuchteten Straßenabschnitt gegen einen Baum.

Sanctuary hat alles, was zu so einer Geschichte gehört. Ich hatte verdrängt, wie arrogant diese Stadt ist. Während ich in eine weitere totenstille Vorortstraße abbiege, schiebe ich den Müll vom Beifahrersitz in den Fußraum, damit ihn niemand sieht. Sanctuary vermittelt einem sehr deutlich, dass man nicht gut genug für diese Stadt ist.

Die Häuser stehen weit zurückgesetzt und sind hinter den Bäumen kaum zu erkennen. Die Gärten sind so groß, dass man den Gärtner des Nachbarn auf seinem Sitzrasenmäher nicht hört. In jeder Auffahrt steht ein ganzer Fuhrpark an Autos: eines für jedes Familienmitglied und natürlich noch ein Sportwagen fürs Wochenende.

Ich bin in Hartford geboren und aufgewachsen, und als ich direkt nach der Connecticut Police Academy nach Sanctuary versetzt wurde, hatte ich das Gefühl, in einem fremden Land gelandet zu sein. Die Menschen reden anders, sehen anders aus – selbst die Luft ist anders. Salziger. Frischer. Teurer.

Während ich auf die Shore Road abbiege, öffne ich das Fenster, um diese exklusive Luft hereinzulassen. Die Nachmittagssonne glitzert auf dem Meer und wird vom Sand zurückgeworfen, und ich kneife die Augen gegen das helle Licht zusammen. Ein Trampelpfad führt zu einem Sportverein, bei dem früher die Teenager immer herumhingen. Die Kids hier wissen gar nicht, wie viel Glück sie haben.

Doch jetzt wurde auch diese heile Welt durch eine Tragödie erschüttert. Ich werfe einen Blick auf die Akte auf dem Beifahrersitz. Der Fall ging wegen des Alters des Opfers automatisch an die State Police. Wir müssen auch potenzielle andere Verbrechen und Vergehen untersuchen, wie Brandstiftung, Drogen und Alkoholkonsum von Minderjährigen.

»Sie waren doch mal eine Zeit lang in Sanctuary, nicht wahr?«, hatte mein Boss gesagt und kaum aufgesehen, als er mir die Akte über seinen Tisch hinweg zuwarf. »Ein Brand bei einer Privatparty von Jugendlichen. Ein Junge ist tot. Die anderen sind verletzt, nichts Ernsthaftes. Schauen Sie sich das Ganze an, tüten Sie den Fall fein säuberlich ein, und in einer Woche sind Sie wieder hier.«

Die Luft hat sich verändert, riecht nach Ruß und Rauch statt nach Salz. Vor mir liegt das Haus, die Sailaway Villa. Eine ausgebrannte Hülle ohne Dach, deren Fassade seltsamerweise noch intakt ist, als ob das Feuer in der Mitte des Hauses ausgebrochen wäre und an den Außenmauern dann keine Kraft mehr gehabt hätte.

Ein uniformierter Beamter befestigt das flatternde Absperrband wieder um den Tatort, ein Kollege sieht ihm zu. Die Erde ist aufgewühlt und schlammig, wo die Einsatzfahrzeuge hin und her gefahren sind und die Feuerwehrschläuche alles unter Wasser gesetzt haben. Meine Schuhe sinken ein, als ich aus dem Wagen steige.

Der untätig herumstehende Cop kommt mit abwehrend erhobenen Armen auf mich zu, bis er meine Dienstmarke sieht.

»Sie sind der Detective?«, fragt er skeptisch.

Hat dieses Arschloch etwa noch nie einen schwarzen, weiblichen Detective gesehen? Falls nicht, hat er ein paar echt gute Fernsehserien verpasst.

»Detective Knight?«, ruft sein Kollege, verknotet das Absperrband und kommt zu uns. »Der Chief wollte, dass ich das hier für Sie vorbereite. Alle Kids, die auf der Party waren.«

Er reicht mir eine Liste der Partygäste. Sie ist ellenlang, und ich seufze innerlich.

»So ziemlich die ganze Abschlussklasse der Sanctuary High«, erklärt der hilfsbereite Cop. »Außerdem Mädchen von der Privatschule außerhalb der Stadt und Football-Typen aus dem ganzen Bezirk. Vermutlich hat Dan sie alle eingeladen – er war der Starathlet der Schule und sehr beliebt.«

Ach, wirklich? Dan war der Prototyp von Mr. Charming. Ich rufe mir das Foto in Erinnerung, das der Akte beiliegt: dichte, blonde Haare und ein perfektes Lächeln. Das Abbild strahlender Jugend. Irgendwo in Sanctuary hat eine Mutter jetzt ein gebrochenes Herz – auch wenn ich nur zu gut weiß, dass die Herzen von Müttern auch wegen böser und hässlicher Kinder brechen.

Etwas kitzelt an meiner Wange und fällt auf die Liste der Schüler. Ich wische es weg und hinterlasse einen schwarzen Streifen auf dem Papier. Ruß. Lange, federleichte Spiralen wehen durch die Luft, als hätte jemand einen ganzen Krähenschwarm hochgeschossen.

Die Sailaway Villa war beeindruckend, bevor man sie in Schutt und Asche gelegt hat. Laut meiner Akte war sie ein Ferienhaus und zum Zeitpunkt der Party unbewohnt. Vielleicht ist eine Sicherung wegen der Stereoanlage oder zu vieler Lautsprecher durchgebrannt. Oder die Kids haben leichtsinnigerweise Joints am Küchenherd angezündet. Oder vielleicht hing auch nur ein Handy an einem defekten Ladekabel.

Wie auch immer: Zuerst bricht das Feuer aus. Dann rennen alle panisch nach draußen. Ein Junge stolpert und bricht sich das Genick. Ein Junge, in dessen Blut sicher nicht gerade wenig Alkohol gefunden werden wird.

Also: eingeschränktes Urteilsvermögen wegen Alkohol und vielleicht auch Drogen. Ein Unfall, der zum Tod führt. Fall abgeschlossen. Vielleicht können die Eltern noch Zivilklage gegen die Immobilienagentur, die das Ferienhaus vermietet, einreichen, aber das wäre eine ziemlich hässliche Angelegenheit, weshalb sie sich besser auf stilles Trauern beschränken sollten.

Ich werfe einen Blick auf die Liste. Der Name des Verstorbenen steht ganz oben.

Als ich den Namen in der Akte las, kam er mir bekannt vor. Allerdings gibt es viele Whitmans in Connecticut, die alle von sich behaupten, mit dem berühmten Dichter verwandt zu sein. Manche von ihnen sind es vielleicht sogar. Ich habe die Eltern des Jungen überprüft, und Daniels Vater ist ein semi-bekannter Medizinprofessor in Yale, nach dem ein paar seltene Krankheiten benannt wurden.

Den zweiten Namen auf der Liste kenne ich allerdings definitiv.

»Hey«, sage ich zu dem hilfsbereiten Cop. »Bolt. Als ich hier vor sechs Jahren stationiert war, war Tad Bolt der Chief. Sind die beiden verwandt?«

»Er ist immer noch der Chief. Und ja, Jake ist der jüngste von vier Söhnen.«

Ich versuche mich an Chief Bolt zu erinnern. kommt mir als Erstes in den Sinn. als Zweites. als Drittes. Ich hatte viele Einsätze hier, aber keiner hatte Folgen. Damals hatte ich immer den Eindruck, dass Sanctuary seine Gesetzesbrecher durch Verwarnungen und saftige Spenden an den Wohltätigkeitsfonds der Polizei im Griff behielt. Weniger Papierkram, saubere Führungszeugnisse, und man ist danach immer noch befreundet.

»Ich habe Jacob an die Spitze der Liste gesetzt«, sagt der hilfsbereite Cop, »weil er der beste Freund des Verstorbenen ist … Und das hier ist Daniels Freundin. Oder Ex-Freundin. Ich weiß es nicht genau …«

Er deutet auf den dritten Namen. Auch den kenne ich. Erschreckend, an wie viel ich mich erinnere. Vor sechs Jahren war ich zwölf Monate lang in dieser Gegend stationiert, und ich habe das Gefühl, die halbe Stadt zu kennen. Wie muss es erst sein, wenn man hier wohnt?

Harper Fenn ist die Tochter der Hexe. Ob es Sarah Fenns verrückten Laden immer noch gibt? Ich erinnere mich an sie, weil die Mädchen dort immer Liebestränke oder Amulette zur Vergrößerung der Brüste kaufen wollten oder Zaubersprüche für die Schule. Fenn war da oft recht nachlässig, und ich musste sie regelmäßig verwarnen, weil Zauberei einem Mindestalter unterliegt, ebenso wie Alkohol oder Tabak. Sie versprach dann seufzend, in Zukunft die Ausweise zu kontrollieren, und kochte mir einen widerlichen Kräutertee. Eine nette Frau, wenn auch unbedeutend, wie die meisten Main-Street-Hexen.

»Wenn das mal nicht unsere kleine Maggie Knight ist.«

Tad Bolt klopft mir auf die Schulter und zwingt mich beinahe in die Knie. Es gibt da eine feine Linie zwischen Herzlichkeit und einem tätlichen Angriff. Für einen Gesetzeshüter hat Chief Bolt kein besonders gutes Gespür dafür, wo das eine aufhört und das andere anfängt.

»Chief Bolt, schön Sie zu sehen, Sir.«

Eine fleischige Pranke hält mich auf Armeslänge Abstand, damit er mich mustern kann. Auch wenn ich ihm jetzt übergeordnet bin, schrumpfe ich unter seinem Blick immer noch zusammen, als hätte ich mein Pfadfinderabzeichen nicht poliert. Seine Augen sind stechend blau, als ob seine Momma sie aus einer Schale mit Knöpfen ausgewählt hätte.

»Na, jetzt müssen Sie wohl keinen Kaffee mehr holen, was, Mags? Sanctuary hat Glück, dass Sie wieder da sind. Also, es sieht folgendermaßen aus: Unsere Gemeinde trauert. Daniel war ein guter Junge, ein echt guter Junge. Hat sich immer ans Gesetz gehalten. Ich weiß nicht, wie oft er und Jakey bei uns im Hobbykeller waren. Ich bin stolz, dass mein Sohn so einen aufrechten jungen Mann als besten Freund hatte.«

Ich stelle mir vor, was Daniel und »Jakey« im Hobbykeller so getrieben haben. Wahrscheinlich, was alle achtzehnjährigen Jungs seit Generationen machen: blutrünstige Videospiele spielen, Pot rauchen und ihre Freundinnen befummeln.

»Man wird Fragen stellen, Mags. Aber die Sache ist...


James, V. V.
V. V. James studierte Geschichte und Englisch am Merton College in Oxford, wo Tolkien einst Professor war. In Rom promovierte sie im Vatikanischen Geheimarchiv und verbrachte dann als Journalistin einige Jahre in Tokio, wo sie Japanisch lernte. Zurück in Großbritannien arbeitete sie als Produzentin für Channel 4 News und führte Regie für BBC-Dokumentationen. Ihr Leben ist voller Abenteuer und hat sie auf Reisen in die ganze Welt geführt. Sie lebt in Londons Notting Hill und widmet sich ganz dem Schreiben.



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