E-Book, Deutsch, Band 1, 320 Seiten
Reihe: Kid Normal
James / Smith Kid Normal (1). So sehen Helden aus!
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-401-80804-8
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 320 Seiten
Reihe: Kid Normal
ISBN: 978-3-401-80804-8
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Greg James und Chris Smith sind in Großbritannien echte Stars und landesweit bekannt aus Radio und Fernsehen. Greg James ist Moderator auf BBC 1 und präsentiert u.a. die offiziellen britischen Charts. Er hat keine Superkräfte. In seiner Freizeit überlegt er sich gerne, wie es wäre, Hobbys zu haben. Denn inzwischen hat er alle seine Hobbys zum Beruf gemacht. Chris Smith ist preisgekrönter Journalist und Radiomoderator. In seinem früheren Leben legte er eine glanzvolle literarische Karriere hin und gewann 1981 den H.E.-Bates-Kurzgeschichtenwettbewerb (in der Kategorie 'unter zehn Jahre'). Auch Chris besitzt keine Superkräfte. Er tut aber gerne so, als könnte seine Katze Mabel fliegen, indem er sie hochnimmt und mit ihr herumrennt. KID NORMAL ist das erste gemeinsame Buch der beiden, das international große Aufmerksamkeit bekam und in sechzehn Sprachen übersetzt wurde.
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2
Ein Missverständnis
Es gab vieles, was Murph und seine Familie in der neuen Stadt noch erkunden mussten. Vor allem hatten sie immer noch keine Antwort auf die wichtigste Frage: Wo würde Murph zur Schule gehen? Seine Mutter hatte bereits vor dem Umzug versucht, einen Platz für ihn zu finden, aber alle Schulen waren voll. Je weiter der August voranschritt, desto verzweifelter wurden ihre Bemühungen.
Abend für Abend saß Murphs Mum an ihrem Laptop und chattete mit anderen Eltern, um von ihnen Tipps zu bekommen. Sie ging sogar so weit, einfach wildfremde Mütter und Väter anzusprechen und zu fragen, welche Schule ihre Kinder besuchten und ob sie zufällig jemanden kannten, der demnächst auswandern wollte. Murph fand das unglaublich peinlich. Andy hingegen, der fünf Jahre älter war und die Zusage fürs örtliche College schon in der Tasche hatte, fand das unglaublich lustig. »Du könntest dich zu Hause selbst unterrichten«, ärgerte er Murph. »Wir besorgen dir ein paar Bücher und du stellst dir einen Wecker, damit du weißt, wann Pause ist.«
Murph fand den Vorschlag nicht besonders witzig, und als der August in den September überging und für Andy das College begann, war ihm erst recht nicht mehr zum Lachen zumute. »Tut mir leid, Brüderchen, aber keine einzige Schule will dich aufnehmen«, meinte Andy und zerzauste dabei Murphs Haare.
Die Woche hatte schon schlimm angefangen. Murph war schicksalsergeben hinter seiner Mum hergetrottet, während sie von Gesprächstermin zu Gesprächstermin eilte und eine Schule nach der anderen abklapperte. Neugierige Gesichter musterten ihn, als er hinter ihr her an vollen Klassenzimmern vorbeischlurfte und in den Büros der Direktoren verschwand. Dort saß er, wie vereinbart, still auf seinem Platz und bemühte sich, möglichst klug auszusehen. Doch stets erhielten seine Mum und er die gleiche Antwort: Sie würden leider Geduld haben müssen.
Dann, ein paar trostlose Tage später, Murphs Kopf stand bereits kurz vor der Kernschmelze, kam er gerade mit seiner Mum vom Einkaufen nach Hause. Die Straßen der Stadt waren menschenleer. Um diese Zeit saßen die meisten Leute zu Hause beim Abendessen. Plötzlich tauchten aus einer dunklen Seitenstraße eine Frau und ein Junge auf, der nur wenig älter war als Murph. Wie der Zufall es wollte, hörten Murph und seine Mum, wie die Frau just in diesem Moment fragte: »Na, wie war’s heute in der Schule?«
Murphs Mum, die inzwischen das Gehör einer Fledermaus entwickelt hatte und jedes Wort aufschnappte, das auch nur im Entferntesten mit Unterricht zu tun hatte, nahm Murph energisch an die Hand und beschleunigte ihre Schritte.
»Muuuum, lass mich los!«, beschwerte sich Murph. Aber ein Blick in ihr Gesicht genügte und er wusste: Widerstand war zwecklos. Wenn seine Mum sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich durch nichts davon abbringen.
Im Laufschritt überquerten sie die Straße, denn die Frau und der Junge stiegen bereits in ein Auto. Einen Moment lang fürchtete Murph, seine Mutter könnte sich mit ausgebreiteten Armen auf die Kühlerhaube werfen, um die Fremden am Wegfahren zu hindern. Aber das tat sie nicht. Stattdessen bog sie in die Straße, aus der die beiden gekommen waren, und zog Murph hinter sich her wie einen schlaffen, leicht ramponierten Winddrachen.
Hatte die Straße schon aus der Ferne einen düsteren Eindruck gemacht, so wirkte sie aus der Nähe erst recht finster. Vor den ungepflegten Reihenhäusern parkten einzelne Autos, deren Vorgärten so verwildert waren, dass die dazugehörigen Müllcontainer im Vergleich dazu richtig hübsch aussahen.
Auf halber Höhe der Straße befand sich eine große Schule. Dass es sich um eine Schule handelte, erkannte man nicht nur an dem Gitterzaun und den typischen Gebäudeflügeln mit Klassenzimmern, sondern auch an diesem Schild:
Vor dem Schild stand ein Mann. Er hatte ihnen den Rücken zugewandt und war gerade dabei, das Eingangstor zu verschließen.
Murph konnte hören, wie seine Mutter entschlossen mit den Zähnen knirschte, während sie schnurstracks auf den Fremden zuging.
»Versuch, ordentlich auszusehen«, zischte sie so energisch, dass Murph eingeschüchtert sein T-Shirt glatt strich. Dann veränderte sich ihr Tonfall. »Entschuldigen Sie bitte!«, flötete sie so vornehm, wie es selbst eine piekfeine Herzogin nicht besser hinbekommen hätte.
Der Mann drehte sich langsam um.
Murphs Mum hatte bereits ein weiteres »Entschuldigen Sie bitte!« auf den Lippen, doch heraus kam nur ein heiseres Krächzen.
Denn der Mann sah nicht so aus, wie man sich einen normalen Lehrer vorstellte. Er hatte sehr dunkle, sehr glänzende Haare, die mit Gel geglättet und zu einer großen Locke auf der Stirn frisiert waren. Die schon etwas abgewetzte Tweed-Jacke mit Ellbogenschonern platzte oberhalb der Ellenbogen beinahe aus allen Nähten, da er sehr muskulöse Oberarme hatte. Sein kräftiges Kinn war wie aus Holz geschnitzt und hinter der Brille mit dem breiten schwarzen Gestell funkelten tiefblaue Augen.
»Kann ich Ihnen helfen, Ma’am?«, fragte der seltsame Lehrer.
»Das ist eine Schule, oder?«, fragte Murphs Mum, als sie endlich ihre Stimme wiedergefunden hatte.
Der Mann schien zuerst Nein sagen zu wollen, aber dann glitt sein Blick zu dem Schild über seinem Kopf.
»Jaaaaa«, erwiderte er gedehnt. Es klang nicht sehr einladend.
»Wunderbar! Wir sind neu in der Stadt und ich suche verzweifelt nach einer Schule für meinen Sohn«, plapperte Murphs Mum drauflos. Sie legte den Arm um Murph. »Ich …«
»Tut mir schrecklich leid, Ma’am«, schnitt der Mann ihr das Wort ab. »Da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen. Wir … wir nehmen keine Schüler auf, die nur …«, er schien nach den richtigen Worten zu suchen, »wir nehmen im Moment überhaupt keine Schüler auf, tut mir leid.«
Einen Moment lang sagte keiner ein Wort. Murph rechnete damit, dass seine Mutter sich geschlagen geben würde. Aber das tat sie nicht. Sie trat einen Schritt auf den Lehrer zu und klammerte sich an seinen muskulösen Oberarm. Sie brauchte beide Hände, um ihn zu umfassen.
»Bitte«, hauchte sie. »Bitte, lassen Sie es sich noch einmal durch den Kopf gehen. Murph ist ein ganz außergewöhnlicher Junge. Diese wunderbare Schule wäre genau das Richtige für ihn.«
»Tut mir leid«, sagte der Mann erneut und löste sich sanft aus ihrem Griff. »Einen schönen Abend noch.« Er machte Anstalten zu gehen.
»Mein Junge hat so viel Potenzial!«, rief Murphs Mum ihm hinterher. »Bei Ihnen könnte er, ähm … mit Ihrer Hilfe könnte er in ungeahnte Höhen fliegen!«
Der Mann blieb abrupt stehen und drehte sich um.
»Fliegen?«, fragte er mit gedämpfter Stimme.
»Ja, fliegen. Ich bin überzeugt, dass er an der richtigen Schule … alles erreichen könnte«, beendete Murphs Mum den Satz lahm.
»Sie sind erst kürzlich hierhergezogen? Und Ihr Sohn ist außergewöhnlich, sagen Sie?«, fragte der Mann leise.
Murphs Mum nickte vehement.
»Zeigt er denn schon erste Anzeichen?«, wollte der Mann wissen. Diesmal sprach er sogar noch leiser und schaute sich zuvor in alle Richtungen um.
»Oh ja, er macht große Fortschritte«, versicherte Murphs Mum. Sie senkte ebenfalls die Stimme. »Er wird sie nicht enttäuschen.«
»Das heißt, er ist bereits geflogen?«, wisperte der Mann.
Die Fragerei wurde immer merkwürdiger, und das nicht nur, weil die beiden jetzt im Flüsterton sprachen. Murph wünschte, die Erde würde sich unter ihm auftun und ihn verschlingen. Seine Mutter stellte ihn als totalen Überflieger dar. Das war eine haarsträubende Übertreibung! Niemand wusste das besser als Murph, denn er kannte ja seine eigenen Noten.
Seine Mutter schien bereits den sicheren Sieg zu wittern. »Oh ja«, bekräftigte sie. »Ja, das ist er.«
»Mr Drench, würden Sie bitte einen Augenblick zu uns kommen?«, rief der Lehrer mit gedämpfter Stimme, woraufhin ein schmächtiger Mann, den Murph bisher übersehen hatte, herbeigeeilt kam. Er war kleiner und dünner als der Lehrer und seine wachen Augen huschten hinter seiner Brille aufmerksam hin und her.
»Das ist mein Sideki…, ähm, ich meine natürlich mein Assistent, Mr Drench«, stellte der Lehrer ihn vor. »Er wird sich um alles Weitere kümmern.« Der Lehrer streckte Murph die Hand hin. Als Murph sie ergriff, fühlte es sich an, als würden seine Finger langsam zwischen zwei Traktorrädern zerquetscht. »Wir sehen uns am Montag. Ich freue mich schon darauf, dich fliegen zu sehen.« Der Lehrer wirbelte herum, als wollte er mit flatterndem Umhang davoneilen, hielt jedoch noch einmal inne und sagte: »Es versteht sich von selbst, dass du, ähm, niemandem etwas von unserer Schule erzählst, nicht wahr?«
»Warum? Ist das etwa eine Geheimschule?«, fragte Murphs Mum und...




