E-Book, Deutsch, 226 Seiten
Jenkner Die arme Poetin
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-0839-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichten und Bühnentexte
E-Book, Deutsch, 226 Seiten
ISBN: 978-3-6951-0839-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marina Jenkner (geb. 1980 in Detmold) studierte Germanistik, Kunst- und Designwissenschaften und Architektur und arbeitet seit 2006 als freiberufliche Schriftstellerin, Filmemacherin und Werbetexterin in Wuppertal. Zuletzt erschienen ihr Flüchtlingsroman »Die UnWillkommenen« (2019) im Größenwahn Verlag Frankfurt sowie ihre Romane »Blaue Ufer« (2022), »Die Geschichtenlauscherin« (2023) und »Felines Fratze« (2024). Neben diversen Lesungsprogrammen, Kurzfilmen und Kurzgeschichten veröffentlichte sie 2003 den Langspielfilm »Blaue Ufer«, 2006 den Lyrikband »WUPPERlyrik« (Labonde Verlag Grevenbroich), 2007 das Kurzgeschichtenbuch »Nimmersatt und Hungermatt« (Verlag Frauenoffensive München) und 2009 den Dokumentarfilm »Und tschüss, Hormone!« Marina Jenkner ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS) und Mitglied der GEDOK Wuppertal. Sie war Dozentin für Kreatives Schreiben an der Junior-Uni Wuppertal und führt Lesungen und Schreibworkshops in Schulen durch. Seit 2015 betreibt sie den Kulturort »Die arme Poetin« in der Wuppertaler Spitzwegstraße. 2024 erhielt sie den GEDOK-Literaturförderpreis für ihre Erzählung »Nachthimmelweit«. Mehr auf marina-jenkner.de und auf Instagram unter marinas.buch.geschichten .
Autoren/Hrsg.
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Kratzi Fikt Sota
Ilses Herz pochte laut, als sie den Absender auf dem weißen Umschlag las. Sie steckte den Brief in die Tasche ihrer Kittelschürze, lief aufgeregt nach oben in ihre Wohnung und vergaß dabei, dass Treppenlaufen sie für gewöhnlich anstrengte. Auf dem Küchentisch standen die Kartoffeln, die sie zu schälen begonnen hatte. Sie schob sie beiseite, wischte mit ihrer Handfläche über die Plastikdecke und ließ sich auf den Küchenstuhl sinken. Ihre Hände zitterten, als sie mit dem Schälmesser vorsichtig den Umschlag öffnete. Feierlich faltete sie den Brief auseinander, legte ihn vor sich auf den Tisch und las.
Sie spürte ein Kribbeln in der Magengegend, ihre Mundwinkel zogen sich nach oben und gaben den Falten in ihrem Gesicht eine andere Richtung.
»Ich wusste es, ich wusste, dass ich eines Tages gewinnen würde«, sagte sie zu sich selbst.
Wie viele Jahre lang hatte sie Kreuzworträtsel gelöst und immer die Coupons mit den Lösungen abgeschickt? Und nun stand dort fett gedruckt: »Sie haben gewonnen!«
Ilse versuchte, sich zu erinnern, welche Preise in den letzten Heften ihr besonders gefallen hatten. Am meisten wünschte sie sich den Römertopf. Darin würde sie Schinkenbraten machen, wenn ihr Sohn sie das nächste Mal besuchte. Er lebte in der Stadt und kam nur selten, aber über einen Schinkenbraten würde er sich freuen.
Alle möglichen Preise von Reisen bis Katzenfutterrationen ließ Ilse vor ihrem inneren Auge vorüberziehen, bis ihr der Brief wieder in den Sinn kam, der vorwurfsvoll vor ihr auf dem Tisch lag.
»Ihr Gewinn«, las sie laut und feierlich, »Ihr Gewinn ist das . Herzlichen Glückwunsch! Ihr Preis wird Ihnen in den nächsten Wochen zugeschickt.«
Ilse runzelte die Stirn. »Da muss ich doch mal dort anrufen und fragen, was das ist.«
»Ich habe etwas gewonnen«, sagte sie einige Minuten später ins Telefon und konnte dabei einen gewissen Stolz in ihrer Stimme nicht unterdrücken.
»Was haben Sie denn gewonnen?«, fragte die Frau am anderen Ende der Leitung.
»Hier steht .«
»Wie bitte? Können Sie das noch mal wiederholen?«
Ilse las den Begriff noch einmal betont langsam vor.
Stille am anderen Ende der Leitung. »Ach, Sie meinen vielleicht das PC-Game? Das wird Ihnen bald zugeschickt.«
»Ist das nicht der Römertopf?«
»Nein, das ist für den PC. Wie gesagt, Sie bekommen das bald mit der Post.«
»Ja«, sagte Ilse leise. »Wiederhören.«
Die nächsten Tage ging sie jeden Vormittag aufgeregt zum Briefkasten. Was war es, wenn es kein Römertopf war? Katzenfutter wohl auch nicht, aber genau konnte Ilse das nicht sagen, denn das Heft, in dem sie gewonnen hatte und hätte nachlesen können, lag bereits im Altpapier.
Endlich, nach zwei Wochen Warten und Rätseln, woraus ihr Gewinn bestehen könnte, brachte ihr der Postbote ein Päckchen. Ilse versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen, als sie es in der Hand hielt. Es war klein und leicht, sie konnte es mühelos tragen. In ihren Träumen hatte sie sich den Postboten vorgestellt, wie er riesengroße Pakete in ihre Wohnung schleppte.
Ratlos saß Ilse vor ihrem Gewinn. Der Inhalt des Päckchens bestand aus einer Plastikhülle mit einer Scheibe darin. Es gab solche Scheiben mit Musik darauf, das wusste sie, die hießen CDs und funktionierten wie kleine Schallplatten, aber diese Hülle war etwas größer.
Monster grinsten ihr entgegen und Männer mit Gewehren. stand dort wieder. Auf der Rückseite entdeckte sie einen Text. Dort war von dem ultimativen die Rede, von Präzisionswaffen, Visual Effects, Mega Sound und Ilse kam das Ganze ein wenig unheimlich vor, denn sie verstand überhaupt nicht, worum es ging. Zwar schien es irgendetwas Technisches zu sein, aber was das mit Waffen zu tun haben sollte, wusste sie nicht.
Sie legte ihren Preis beiseite.
Da hatte sie einmal nach all den Jahren etwas gewonnen und dann war es kein Römertopf, sondern dieses Etwas mit dem seltsamen Namen. Aber sie würde schon noch herausfinden, was dahintersteckte.
»Das ist ein Spiel für den Computer«, sagte der Verkäufer im Elektrogeschäft und grinste. »Der Name ist englisch. Ist das für Ihren Enkel?«
Ilse schüttelte den Kopf. »Aber ich habe doch keinen Computer, was mache ich denn da?«
Der Verkäufer sah sie ungläubig an. »Ist das etwa für Sie selbst? Also, ohne Computer funktioniert das nicht. Wir haben natürlich Computer im Sortiment, aber ich weiß nicht, ob dieses Spiel das Richtige für Sie ist.«
»Ich wollte ja auch eigentlich den Römertopf.«
»Das Spiel kenne ich gar nicht«, sagte der Verkäufer verwundert. »Ist das auch ein Strategiespiel?
Vielleicht kommt das erst demnächst raus?«
Ilse blickte den Verkäufer mit funkelnden Augen an. »Ein Römertopf ist ein Römertopf!«
Sie verließ den Laden, stellte sich an die Bushaltestelle und musste an den Schinkenbraten denken und daran, wie schön es geworden wäre mit ihrem Sohn.
»Haben Sie nicht schon mal angerufen?«, fragte die Frau am anderen Ende der Leitung.
»Ja, aber ich habe keinen Computer für das Spiel.«
»Der war in Ihrem Gewinn ja auch nicht enthalten.«
»Kann man das Spiel vielleicht tauschen gegen einen anderen Preis?«, fragte Ilse voller Hoffnung.
»Nein, das geht leider nicht. Wenn Sie den Gewinn nicht haben wollen, hätten Sie das Lösungswort für diesen Preis nicht auf der Rückseite eintragen dürfen.«
»Aber ich habe doch alle Rätsel gelöst«, protestierte Ilse. »Da trage ich doch auch alles ein, sonst denken Sie noch, ich sei dumm.«
Die Frau am anderen Ende klang genervt. »Wenn Sie alles ausfüllen, dann können Sie auch alle Preise gewinnen. Das ist nun mal so. Schenken Sie das Spiel doch Ihrem Enkel. Wiederhören.«
Wenn ich einen hätte, dachte Ilse traurig und legte den Hörer zurück auf die Gabel.
»So ist das wohl mit dem Glück«, sagte Ilse zu sich selbst. »Wenn man es hat, will man es wieder loswerden.«
Sie nahm ihre Jacke und das Computerspiel und zog die Wohnungstür hinter sich zu.
Wo waren die Enkel, die nicht ihre waren, aber vielleicht mit diesem etwas anfangen konnten? In der Nähe gab es einen Kindergarten, aber obwohl sie nichts von Computern verstand, bezweifelte sie, dass dies die richtige Altersgruppe sei, schließlich stand auf der Rückseite etwas mit Waffen.
Ihr fiel die Realschule ein paar Straßen weiter ein, aber als sie auf dem nachmittagsleeren Schulhof stand, hatte sie nicht den Mut, das Computerspiel einfach auf eine der Tischtennisplatten zu legen, weil es schließlich in der Nacht Regen geben könnte.
Als Ilse zu dem Spielplatz, auf dem sich immer die Jugendlichen mit den Skateboards trafen, aufbrechen wollte, merkte sie, dass ihre Knochen schmerzten. Das Laufen fiel ihr schwer, deshalb kehrte sie um und ging langsam mit dem Computerspiel in der Hand bis zur nächsten Bushaltestelle.
An der Haltestelle standen zwei Jugendliche. Manchmal fürchtete Ilse sich etwas, wenn sie so großen, kräftigen jungen Männern begegnete. Unsicher setzte sie sich auf die Bank des Bushäuschens.
Sie war erleichtert, zu sitzen, aber diese jungen Männer waren ihr unangenehm.
»Ey, Alter, guck mal, die Oma da, die hat .«
Ilse versuchte, sich aufzurichten, um nicht so schwach zu wirken, wie sie sich fühlte.
»Alter, das ist arschteuer, das Spiel.«
Die Jugendlichen wandten ihren Blick nicht ab.
Ilse fühlte sich beobachtet, aber dann bemerkte sie, dass die Aufmerksamkeit der beiden gar nicht ihr, sondern dem Computerspiel galt. Sie atmete tief durch. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und sah den Jungen ins Gesicht.
»Habt ihr einen Computer?«
»Klar, Mann!«, sagte der eine.
»Ey, was will die Alte?«, der andere.
»Schenke ich euch«, sagte Ilse ruhig und hielt ihnen das Spiel entgegen.
»Ey, will die uns verarschen?«, fragte der eine.
»Nee, echt jetzt?«, der andere.
»Ich brauche das nicht. Ihr könnt es haben.« Ilse streckte ihren Arm, so weit sie konnte, als die zwei einen Schritt auf sie zu machten.
Einer der beiden griff nach dem Spiel, sah Ilse unsicher an.
»Na, nimm schon.« Ilses Angst war verflogen. Sie musste insgeheim schmunzeln über die Jungen, die sich nicht trauten, ein Geschenk entgegenzunehmen. Vorsichtig nahm er das Spiel in die Hand und Ilse konnte endlich ihren Arm aus der Streckung erlösen und beobachten, wie die beiden sich das Computerspiel von allen Seiten ansahen.
»Keine Verarsche?«, fragte der eine...




