E-Book, Deutsch, 234 Seiten
Jenkner Die Geschichtenlauscherin
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7568-7358-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 234 Seiten
ISBN: 978-3-7568-7358-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von klein auf lauscht Agnes den Gesprächen anderer Menschen, hinter denen sich ganze Geschichten auftun. So liebt sie es auch, in einer Hochhaussiedlung zu wohnen und zwischen Flurgeräuschen und Straßen-Smalltalk mehr über ihre Nachbarn zu erfahren. Glücklich nimmt sie den Job als Bürokraft in einer Psychologischen Praxis an und taucht in die Patientenschicksale ein. Doch während sie tagsüber die Lebensgeschichten der Klienten in den Computer tippen muss, sieht sie abends hilflos zu, wie ihr alter ostpreußischer Nachbar Theophil mit zunehmender Demenz seine Geschichte immer mehr verliert. Agnes selbst hält sich für langweilig und geschichtenlos. Doch ist sie das wirklich? Ein Buch über Lebensgeschichten, die gehört werden wollen. »... den Dreck von draußen muss sie abwaschen, die Geschichten von draußen nicht. Die merkt sie sich jeden Tag. Sie bleiben an ihr kleben wie der Schmutz an ihren Fingern.«
Marina Jenkner wurde 1980 in Detmold geboren und studierte Germanistik, Kunst- und Designwissenschaften und Architektur in Wuppertal. Seit 2006 arbeitet sie als freiberufliche Schriftstellerin, Filmemacherin und Werbetexterin. Am liebsten erzählt sie Geschichten von Menschen, die aus der gesellschaftlichen Norm fallen. Neben diversen Lesungsprogrammen, Kurzfilmen und Kurzgeschichten veröffentlichte sie 2003 den Langspielfilm »Blaue Ufer«, 2006 den Lyrikband »WUPPERlyrik« im Labonde Verlag Grevenbroich, 2007 das Kurzgeschichtenbuch »Nimmersatt und Hungermatt« im Verlag Frauenoffensive München und 2009 den Dokumentarfilm »Und tschüss, Hormone!«. 2019 erschien ihr Flüchtlingsroman »Die UnWillkommenen« im Größenwahn Verlag Frankfurt. 2022 legte sie die Romanversion ihres Langspielfilms »Blaue Ufer« vor. 2023 folgte der Roman »Die Geschichtenlauscherin«. Marina Jenkner ist Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und in der GEDOK Wuppertal. Sie war Dozentin für Kreatives Schreiben an der Junior-Uni Wuppertal und führt Lesungen und Schreibworkshops in Schulen durch. Seit 2015 betreibt sie den Kulturort »Die arme Poetin« und tritt in gleichnamigen Bühnenprogrammen auf. Mehr auf marina-jenkner.de und auf Instagram unter marinas.buch.geschichten .
Autoren/Hrsg.
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Als die Märzsonne die erste Frühlingswärme brachte, wollte Agnes mit Opa Theophil einen kleinen Spaziergang machen. Gewiss würde dem alten Mann etwas frische Luft mal ganz guttun. Schließlich konnte er noch recht sicher laufen, doch er verließ seine Wohnung konsequent nicht, sondern schuf sich stattdessen in ihr seine eigene Welt, die ihn völlig einnahm, während Agnes immer weniger Zugang zu ihm fand. Sie ging in seine Wohnung, das Wohnzimmer war leer, Agnes sah in der Küche, im Bad und im Schlafzimmer nach, doch Opa Theophil war nirgends zu sehen. Agnes spürte, wie Angst in ihr hochstieg – vielleicht war er auf dem Balkon – sie ging zurück ins Wohnzimmer, doch die Balkontür war verschlossen. Da sah sie die Stehlampe hinter dem Sofa verdächtig schaukeln und trat einen Schritt näher. Opa Theophil hockte hinter dem Sitzmöbel, krabbelte über den Teppich und berührte mit seiner rechten Hand die Knüpfmuster. »Was machen Sie da, Opa Theophil?« »Ich suche das Gold.« »Welches Gold denn? Haben Sie Schmuck verloren?« Opa Theophil reagierte nicht, sondern suchte weiter den Teppich ab bis hin zum Fenster, dann fuhr er über die Fensterbank, griff nach etwas und hielt es hoch. »Gucken Sie sich das an. So ein schöner Bernstein.« Erst jetzt erkannte Agnes voller Ekel, dass Opa Theophil einen toten Brummer in der Hand hielt. »Aber das ist eine tote Fliege«, sagte sie. »Ja«, strahlte er. »Mit Einschluss. So etwas ist sehr wertvoll.« Agnes seufzte. »Geben Sie es mir?« Opa Theophil sah sie misstrauisch an und schüttelte den Kopf. »Bitte.« Seine Augen funkelten. »Sie wollen ihn mir nur wegnehmen.« Agnes wandte sich von ihm ab, damit er ihre Tränen nicht sah. Er durfte nicht merken, wie krank er war und wie sehr ihr das wehtat. Sie wischte ihre Tränen beiseite und ging zum Plattenspieler. Strauss würde ihn beruhigen, dann könnte sie ihm den Brummer abnehmen und in den Abfalleimer werfen. Als die ersten Takte des Kaiserwalzers erklangen, sah sie Opa Theophil erwartungsvoll an. Der alte Mann reagierte nicht, sondern hockte immer noch mit seiner Beute auf dem Teppich und betrachtete stolz den toten Brummer. Agnes schlug mit der rechten Hand den Takt auf ihre Oberschenkel. »Dum, dudum, dudumdumdum«, sang sie. Er reagierte nicht. Agnes schlug lauter auf ihre Oberschenkel und sang wieder »Dum, dudum, dudumdumdum.« Wieder keine Reaktion. »Erkennen Sie das nicht? Dum, dudum?« Sie schrie Opa Theophil beinahe an. »Wer hier wohl dumm ist«, sagte er. »Der Kaiserwalzer, den müssen Sie doch erkennen.« »Ich kenne keinen Kaiserwalzer«, sagte Opa Theophil bestimmt. »Dum, dudum, dudumdumdum!«, rief Agnes verzweifelt. Er sah sie streng an. »Sie sind ja vollkommen verrückt geworden, Fräulein Agnes!« Später im Bett weinte sie. Opa Theophil verlor seine Geschichte. Er verlor Teile seiner Identität. Sie verschwanden aus seinem Bewusstsein, einfach so. Er schien seine Nachkriegsgeschichte immer mehr zu vergessen und dabei in seine Heimat zur Vorkriegszeit einzutauchen. Sie hoffte, dass er bei diesem Tauchgang wenigstens glücklich war, aber so recht glauben konnte sie das nicht. Seine Identität löste sich in sein Vorkriegsdasein auf und vielleicht nicht einmal in das. Agnes fand es schrecklich, mit anzusehen, wie Opa Theophil seine Geschichte entglitt. Ende des vergangenen Jahres, als er schon ab und zu etwas vergesslich gewesen war, hatte sein Hausarzt gemeint, dass man dagegen nicht viel machen könne. Wenn es zu Hause irgendwann nicht mehr ginge, müsse er eben in ein Heim. Aber sie wollte Opa Theophil nicht alleine lassen. Immerhin erkannte er sie noch, nannte sie zwar manchmal Anna, aber er vertraute ihr und Agnes hoffte, dass sie ihm etwas Sicherheit und Verlässlichkeit geben konnte. Deshalb machte sie einfach weiter wie bisher, auch wenn sie dabei manchmal an ihre Grenzen stieß. Es war jeden Tag dasselbe: Morgens bauten sich die Geschichten der Klienten auf dem Bildschirm und in ihrem Kopf auf und abends musste sie zusehen, wie Opa Theophils Geschichte bröckelte. Seit der Geschichte mit Freya Apfelstädt empfand Agnes Frau Kramer-Michels als äußerst anstrengend. Ständig fragte sie, wer angerufen habe oder an der Tür gewesen sei, und ihre Post befühlte sie zuerst und öffnete sie dann mit äußerster Vorsicht. Agnes nervte es außerdem, dass Frau Kramer-Michels ständig hinter ihr stand und ihr bei der Arbeit über die Schultern sah, als sei es nötig, sie zu kontrollieren. »Haben Sie den Bericht auch wirklich gespeichert? Sie haben doch die Datei nicht gelöscht? Speichern Sie das schnell auf Diskette, nicht, dass die Daten verloren gehen! Sie ordnen die Akte aber richtig ein, oder? Haben Sie den Computer auch vollständig ausgeschaltet?« Am Anfang hatte Agnes diese Fragen hingenommen, weil sie ja neu war und erst eingearbeitet werden musste, aber inzwischen arbeitete sie schon über ein Dreivierteljahr in dieser Praxis und kannte sich aus. Sie musste sich manchmal sehr zusammenreißen, um bei ihren Antworten nicht unhöflich oder patzig zu werden. Agnes genoss die Zeit, in der Frau Kramer-Michels die Therapiegespräche führte, sie alleine im Büro war und in Ruhe ihre Arbeit erledigen konnte, und ließ ansonsten das Kontrollbedürfnis und die Befürchtungen ihrer Arbeitgeberin anstandslos über sich ergehen. An einem Tag Anfang Mai geriet sie jedoch trotzdem beinahe mit Frau Kramer-Michels aneinander. Sie war gerade dabei, die Kassenabrechnung für April fertig zu machen, als die Therapeutin hereingestürmt kam. »Frau Schattenfroh, haben Sie den Orchideen zu viel Wasser gegeben?« Agnes zuckte mit den Schultern. »Kann sein. Ich habe die Blumen diese Woche schnell mit der Gießkanne versorgt, weil ich den Schreibtisch mit Arbeit voll hatte.« »Sie sollten doch den Eierbecher nehmen! Diese Pflanzen sind verdammt empfindlich.« »Tut mir leid, ich habe nicht daran gedacht.« Frau Kramer-Michels seufzte. »Bitte ruinieren Sie mir nicht meine Pflanzen. Sie wissen doch, wie sehr ich an meinen Orchideen hänge.« »Ja, tut mir leid.« Agnes versuchte, höflich zu bleiben, innerlich fragte sie sich aber, warum die Therapeutin ihre Blumen nicht einfach selber gießen konnte. Sie war schließlich nicht als Gärtnerin angestellt, sondern als Bürokraft. »Ach ja, noch etwas.« Frau Kramer-Michels stand steif im Türrahmen. »Könnten Sie bitte den Müll aus dem Toilettenraum hinunterbringen und einen neuen Müllbeutel in den Eimer tun? Die Putzfrau kommt diese Woche nicht und sonst breiten sich dort die ganzen Keime aus.« Agnes nickte. »Ja, kann ich machen. Wo sind denn die Müllbeutel?« Frau Kramer-Michels lachte hämisch. »Sie wissen nicht, wo die Müllbeutel sind? Im Abstellraum natürlich.« »Okay«, sagte Agnes und atmete tief durch, um ihre Arbeitgeberin nicht merken zu lassen, dass es ihr als Bürokraft normalerweise scheißegal war, wo sie ihre Müllbeutel lagerte. Frau Kramer-Michels verschwand, Agnes entsorgte den Müll und ging in den Abstellraum. Im dortigen Schrank offenbarten sich ihr nicht nur Müllbeutel, sondern eine unglaubliche Parade aus Desinfektionsspray, Keimfreiputzmitteln, Insektenvernichtern und Reinigungsmittel, die Agnes im Leben noch nicht benutzt hatte. Eine Anti-Milben&Allergie-Sprühflasche stand neben bakterientötendem Müllgeruchskonzentrat, dahinter mehrere Packungen antiseptische Feuchttücher, eine Schachtel Einmal-Handschuhe und ein noch eingepackter Staubwedel aus Lammfell. So kann man sein Geld natürlich auch anlegen, dachte sie belustigt und griff nach dem Müllbeutel. Nachdem sie den Abfalleimer mit einer neuen Tüte bestückt hatte, klingelte es. Agnes öffnete Herrn Wundermann die Tür, hatte für einen kurzen Moment wieder seine Geschichte vor Augen und führte ihn ins Wartezimmer. Er wirkte auf sie immer noch spießig, verkrampft und aus der Zeit gefallen, aber aus den Notizen von Frau Kramer-Michels wusste sie, dass er inzwischen an einer Wiedereingliederungsmaßnahme teilnahm. Sie wünschte ihm so sehr, dass er eines Tages wieder als Bibliothekar arbeiten könnte. Zurück im Büro hatte sie sich gerade an den Computer gesetzt, als Frau Kramer-Michels auf einmal wieder vor ihr stand. Sie wedelte mit einem weißen Antragsformular zum Bericht an den Gutachter, das Agnes am Tag zuvor ausgefüllt hatte. »Sie sollten doch das grüne Antragsformular nehmen, das für Verhaltenstherapie. Sie müssen auch mal ein bisschen zuhören. Oder haben Sie so etwas in Ihrer Ausbildung nicht gelernt?« »Tut mir leid, ich dachte, Sie wollten eine psychoanalytisch fundierte Therapie beantragen.« »Das Denken...




