Jenkner | Felines Fratze | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Jenkner Felines Fratze


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-1107-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-7597-1107-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Feline ist als Grafikdesignerin und Influencerin zwischen der Hektik des Agenturalltags und dem gemeinsam mit ihrer Freundin betriebenen Youtube-Kanal immer in Action. Nur der Stillstand ihres arbeitslosen Freundes ärgert sie. Eines Tages wird sie durch eine Gesichtslähmung plötzlich selbst zur Bewegungslosigkeit gezwungen. Doch was noch viel schlimmer ist: Ihr schiefes entstelltes Gesicht passt weder in die Werbe- noch in die Social-Media-Welt ... Ein Roman über die Zerbrechlichkeit eines scheinbar perfekten Lebens, über Schönheitsideale, Optimierungswahn und die Bedeutung von Lächeln in unserer digitalisierten Gesellschaft. »Die Fratze sah schrecklich aus und das Schlimme war, dass dieser Fratzenkopf auf ihrem Hals saß. Sie konnte es immer noch kaum begreifen, dachte, es sei jemand anderes, der sie so schief anblickte, aber diese Fratze war ihr Gesicht. Sie war ein Monster. Feline hatte ihr Spiegelbild gemocht, aber das, was sie nun sah, mochte sie nicht. Das war nicht sie. Und sie war es doch.«

Marina Jenkner (geb. 1980 in Detmold) studierte Germanistik, Kunst- und Designwissenschaften und Architektur und arbeitet seit 2006 als freiberufliche Schriftstellerin, Filmemacherin und Werbetexterin in Wuppertal. Zuletzt erschienen ihr Flüchtlingsroman »Die UnWillkommenen« (2019) im Größenwahn Verlag Frankfurt, ihr Undine-Roman »Blaue Ufer« (2022) und »Die Geschichtenlauscherin« (2023). Neben diversen Lesungsprogrammen, Kurzfilmen und Kurzgeschichten veröffentlichte sie 2003 den Langspielfilm »Blaue Ufer«, 2006 den Lyrikband »WUPPERlyrik« (Labonde Verlag Grevenbroich), 2007 das Kurzgeschichtenbuch »Nimmersatt und Hungermatt« (Verlag Frauenoffensive München) und 2009 den Dokumentarfilm »Und tschüss, Hormone!« Marina Jenkner ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS) und Mitglied der GEDOK Wuppertal. Sie war Dozentin für Kreatives Schreiben an der Junior-Uni Wuppertal und führt Lesungen und Schreibworkshops in Schulen durch. Seit 2015 betreibt sie den Kulturort »Die arme Poetin« und tritt in gleichnamigen Bühnenprogrammen auf. 2024 erhält sie den GEDOK-Literaturförderpreis für ihre Erzählung »Nachthimmelweit«. Mehr auf marina-jenkner.de und auf Instagram unter marinas.buch.geschichten
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


2.
Der Tag, an dem das Lächeln ging


»Allein im Lächeln liegt
das beschlossen, was man die
Schönheit eines Gesichtes nennt.«
Leo Tolstoi

Am nächsten Morgen war der Schmerz weg, er war über Nacht nicht zurückgekehrt und Feline atmete auf.

Das Bett neben ihr war leer. Simon war nun schon den zweiten Tag vor ihr aufgestanden – das hatte es seit Monaten nicht mehr gegeben. Sie war froh, dass er nicht abgerutscht war in diese Welt, die ihr nicht zugänglich schien. Er war auf dem besten Weg zurück in ihr gemeinsames Leben, wenn, ja wenn das mit dem neuen Job klappen würde.

Feline stand auf, sie fühlte sich etwas komisch, aber eigentlich war sie nur froh, dass diese schrecklichen Schmerzen weg waren. Auch ihre Schultern schienen nicht mehr ganz so verspannt zu sein.

Sie ging ins Badezimmer, warf den allmorgendlichen Blick in den Spiegel und erschrak.

Wie sah sie aus? Was war das? Sie war schief!

Ihre rechte Gesichtshälfte hing vollkommen schlaff herunter. Sie spürte zwar keine Schmerzen, aber nun fiel ihr auf, dass sie auch sonst nichts spürte, zumindest nicht auf der einen Seite ihres Gesichtes. Dort war alles taub. Sie sah fürchterlich aus: Ihre Augenbraue war über das rechte Auge gesackt, der rechte Mundwinkel hing herunter.

Sie sah aus, als würde sie eine asymmetrische Grimasse schneiden, aber sie schnitt keine Grimasse. Sie versuchte zu lächeln, auch wenn ihr danach gerade gar nicht zumute war, aber nur ihr linker Mundwinkel zog sich nach oben, der rechte blieb, wo er war, ja, er schien sich sogar noch weiter nach unten zu ziehen. Feline nahm ihre Zahnbürste, gab Zahnpasta darauf und begann ihre Zähne zu putzen.

Links schrubbte es sich ganz normal, aber auf der rechten Seite musste sie ihre Wange von den Zähnen wegschieben, um überhaupt Platz zum Putzen zu haben, dabei spürte sie nichts, und ihre Oberlippe hing wie ein schlaffer Schlauch um den Zahnbürstenhals. Ihr gelang es kaum, die Zahnpasta auszuspucken, Wasser und Schaum liefen aus ihrem Mundwinkel, sie bekleckerte ihr Nachthemd. Einmal hatte sie einen Film gesehen, in dem ein Mann plötzlich als Alien aufwachte, und so ähnlich fühlte sie sich jetzt.

Was war mit ihr geschehen?

Feline tastete ihr Gesicht ab. Sie schob ihre rechte Augenbraue nach oben, sodass sie auf der Stirn Falten bildete, aber als sie sie losließ, fiel die Augenbraue wie ein Sandsack wieder über das Auge.

Ein asymmetrisches Abbild ihrer selbst starrte sie an, als sei ihr Spiegel über Nacht zu einem Zerrspiegel geworden. Immer wieder wandte sie ihren Blick ab, wollte der reflektierenden Glasfläche eine neue Chance geben, sie richtig abzubilden, doch die zeigte unbeirrbar die schiefe Version des vertrauten Gesichtes.

Feline verharrte eine Weile vor dem Spiegel, starrte ungläubig hinein, unfähig sich abzuwenden und entsetzt über diese Fratze, die ihr entgegenblickte.

Dann lief sie aus dem Bad.

Simon war nicht da. Wahrscheinlich holte er Brötchen und Zeitung, vielleicht kaufte er auch gleich mit ein, jedenfalls war er nicht da und sie war alleine mit dieser Fratze, die ihr Gesicht war, und das machte ihr Angst.

Der Flur- und der Schlafzimmerspiegel zeigten ihr das gleiche Bild.

Das war nicht sie, Feline, das war ein schiefes Etwas, ein Fratzenmonster, eine Farce.

Sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Alles war so taub, nichts bewegte sich, ihr Verstand sagte ihr, dass das eine Lähmung sein musste, aber eine Lähmung im Gesicht?

Wie in Trance nahm sie ihr Smartphone und suchte im Internet nach dem Begriff »Gesichtslähmung«.

Schon der erste Eintrag sagte Feline alles, was sie wissen wollte, und sie stellte eine Selbstdiagnose: Offensichtlich war ihr siebter Gehirnnerv entzündet, der siebte Gehirnnerv war normalerweise für die Gesichtsmuskulatur zuständig und hatte diese Funktion nun anscheinend auf der rechten Seite

aufgegeben. Das Ganze nannte sich unter Medizinern Fazialisparese.

Mit zittrigen Fingern schloss sie die Info. Mehr wollte sie gar nicht wissen. Sie wollte so etwas überhaupt nicht lesen. Das musste ein schlechter Traum sein, gleich würde sie aufwachen, dann würde alles so sein wie vorher, Simon würde kommen und sie würden zusammen frühstücken.

Feline ging ins Schlafzimmer, legte sich zurück ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Sie wusste nicht, was sie machen sollte. Simon sollte endlich kommen. Die Fratze spukte in ihrem Kopf, ließ keinen klaren Gedanken zu. Sie musste etwas tun, aber sie lag da, bewegungslos, geschockt, und auch wenn es nur ihr Gesicht zu sein schien, fühlte sie sich am ganzen Körper handlungsunfähig, taub, gelähmt.

Endlich hörte Feline den Schlüssel in der Tür. Sie stand auf und ging Simon entgegen.

»Guck dir mal mein Gesicht an!«

Simon erschrak. »Wie siehst du denn aus?«

»Ich glaube, ich habe eine Gesichtslähmung.«

»Mein Gott!«

Feline stellte sich neben Simon vor den Flurspiegel. »Ich hab schon im Internet nachgesehen, die Symptome treffen alle zu. Guck dir das an.«

Sie hob ihre Augenbraue an, die wieder schlaff über ihr Auge fiel, versuchte zu lächeln und die schiefe Fratze starrte ihnen entgegen.

»Guck dir das an, guck dir das an, das kann doch nicht ich sein!« Die Worte stolperten aus ihrem Mund.

Simon nahm seine Freundin in den Arm und drückte sie behutsam an sich. Feline wusste nicht, wohin mit ihren Gedanken, wohin mit ihrem Gesicht, wieso bekam man so ein Gesicht? Das sah doch schrecklich aus! Das fühlte sich furchtbar an. Nein, eigentlich fühlte sie es gar nicht. Wie lange würde das so bleiben?

Simon hatte plötzlich sein Smartphone in der Hand. »Ich rufe sofort Justus an, der ist doch Arzt. Der kann uns vielleicht sagen, an wen wir uns am besten wenden sollen.«

Feline stand dort, im Nachthemd, aber sie fror nicht. Während Simon am Telefon ihren Zustand schilderte, fühlte sie sich, als sei sie gar nicht da, als wäre das alles ein schlechter Film, den sie zufällig sähe, gleich würde sie umschalten und dann wäre alles so wie vorher. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf und doch fühlte sie sich leer und handlungsunfähig.

»Justus will sofort im Krankenhaus anrufen und ruft uns dann zurück.«

Gemeinsam setzten sie sich auf ihr Sofa und starrten auf das Smartphone, das sie vor sich auf den Couchtisch gelegt hatten. Simon streichelte etwas unbeholfen Felines Hand. Sie ließ es geschehen, blickte gebannt auf das Telefon und doch irgendwie hindurch. Die Wohnzimmeruhr tickte laut und Feline fragte sich kurz, warum sie dieses laute Ticken zuvor nie wahrgenommen hatte. Unten im Hof gurrten Tauben, ein Auto fuhr draußen vorbei und sie wandte ihren Blick nicht vom Telefon ab.

Endlich klingelte es. Simon meldete sich und Feline suchte in seinem Blick und in seiner Mimik Zeichen, die sich deuten ließen. Sie wurde nicht schlau daraus. Simon bedankte sich kurz und drückte das Gespräch weg.

»Wir sollen sofort ins Klinikum fahren. Du kannst ja vorsichtshalber deine Sachen packen, falls du dableiben musst. Justus meint, das stünde noch nicht fest, die wollen dich erst einmal sehen.«

Feline warf Simon einen entsetzten Blick zu. »Ich bleib da nicht.« Sie merkte, dass sie nicht einmal normal sprechen konnte. Manche Laute konnte sie mit der halben Mundmuskulatur nicht richtig formen. Ober- und Unterlippe fügten sich nicht wie gewohnt zusammen, ihre Worte stockten und verhakten sich. »Simon, ich war noch nie im Krankenhaus! Außer bei meiner Geburt. Dafür hab ich auch gar keine Zeit, ich bin mit Laura zum Schnitt verabredet und du glaubst ja nicht, was in der Agentur los ist. Fruitsun ...«

»Line, kannst du bitte ein einziges Mal Fruitsun aus dem Spiel lassen?« Simon war laut geworden. Sie sah ihn entsetzt an.

»Sorry«, sagte er mit ruhiger Stimme, »du ziehst dich jetzt erst einmal an, dann fahren wir ins Krankenhaus und dann sehen wir weiter, okay?«

Feline nickte. Sie fühlte sich auf einmal alles andere als erwachsen.

Als sie eine Dreiviertelstunde später im Wartezimmer der neurologischen Aufnahme saßen, blickte Feline starr auf den Fußboden, damit niemand ihre Fratze sah. Sie fühlte sich ungeschminkt und schrecklich. Ihre blonden Wimpern, die sie sonst immer tuschte, ihre Lippen ohne Kontur, ihre Haut nackt ohne Make-up und dazu diese fratzenhafte Asymmetrie, die sowieso keine Schminke der Welt hätte verbergen können – da war es besser, auf den Boden zu starren.

Der Fußboden mit seinem gemusterten Linoleumbelag schien sowieso den Höhepunkt in diesem sterilen Raum zu bilden, dessen einziger Wandschmuck aus einem computergedruckten Hinweiszettel bestand. Die Neonröhren warfen fahles Licht auf die sich gegenüberstehenden Stühle, Fenster gab es nicht. In der Ecke präsentierte ein kleiner Plastiktisch Zeitschriften, deren Aktualität man angesichts der Weihnachtsrezeptankündigung auf der Titelseite bezweifeln musste.

Ihr...



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