E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Jennings Das vorwitzige Frauenzimmer
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96122-272-8
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman.
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-96122-272-8
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Regina Jennings hat Englisch und Geschichte studiert. Sie lebt mit ihrem Ehemann und den vier gemeinsamen Kindern in der Nähe von Oklahoma City.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Auch wenn wir der Meinung sind, dass Ihre schriftstellerischen Bemühungen durchaus vielversprechend sind, müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass unsere Leser kein Interesse an Berichten über einen Gesetzeshüter aus dem Hinterland haben, der vergeblich versucht, kriminelle Elemente zur Strecke zu bringen. Sollten Sie jedoch einmal über ein Thema schreiben, das von größerem Interesse für unsere Leser ist, können Sie sich gern wieder an uns wenden …
Betsy Huckabee faltete den Brief wieder zusammen. Nun hatte sie es schwarz auf weiß: Sie konnte zwar eine Geschichte erzählen, aber in Pine Gap gab es nach Ansicht der Zeitungsleute aus Kansas City nichts, dass es wert war, erzählt zu werden. Aber wieso interessierten denn die Zusammenstöße zwischen der Bürgerwehr und den Banditen die Leser in Kansas City nicht? Die Redakteure behaupteten, ihre Leser hätten keinen Bezug zu den Zwischenfällen. Obwohl sie im selben Staat lebten, waren die Bergbewohner für die Stadtbevölkerung nur von nachgeordnetem Interesse. Wenn sie eine erfolgreiche Reporterin werden wollte, musste sie also einen anderen Aufhänger finden.
Nachdem sie den Brief zum hundertsten Mal in ihrer Rocktasche verstaut hatte, nahm Betsy den Holzlöffel zur Hand, rührte in ihrem Topf und löste, was sich in der Zwischenzeit auf dem Boden festgesetzt hatte. Im Topf schmorten mehr Zwiebeln als Eichhörnchenfleisch. Auch wenn die Zwiebeln die Hütte mit einem angenehmen Duft erfüllten, würden sie sie nicht wirklich satt machen, und ihr Magen würde die ganze Nacht knurren. In der Räucherkammer hingen zwar die Schinken sowie die Schulter- und Mittelstücke des kürzlich geschlachteten Schweins, aber die mussten die Familie über den ganzen Frühling bringen, und offensichtlich machte sich Sissy bereits Sorgen, dass es nicht reichen könnte. Betsy nahm ein Holzscheit, warf es in den Ofen und rührte weiter.
Wie wäre es, wenn sie eine sentimentale Geschichte für die Damenseite schreiben würde – eine fiktive Geschichte, die ihren Namen in die Zeitung und etwas Geld in ihre Börse bringen würde? Vielleicht sollte sie es einmal damit probieren. Sie musste sich etwas einfallen lassen, denn sie wollte endlich auf eigenen Beinen stehen. Die gegenwärtige Situation war ihrem Wohlbefinden nicht gerade dienlich.
Draußen ertönte ein schriller Pfiff. War das der Zug? Betsy blickte auf die Uhr, die auf dem Kaminsims stand. Es war acht. Erneut ertönte ein Pfiff. Vermutlich wollte der Lokführer der Stadt verkünden, dass eine arme Seele verlassen am Bahnhof stand. Entschlossen stellte sie den Topf auf den Tisch und trocknete ihre Hände an dem karierten Geschirrtuch ab. Natürlich hatte sie Hunger, aber wie konnte sie in dem Eintopf rühren, wenn da draußen ein Geheimnis darauf wartete, ergründet zu werden?
„Onkel Fred? Hast du den Zug gehört?“ Als sie die Tür zum Zeitungsbüro aufstieß, stand er über die Druckerpresse gebeugt und machte sich am Setzkasten zu schaffen.
Er strich sich über die Stirn. Sein verschmutzter Ärmelschützer hinterließ einen Streifen Druckerschwärze auf seinem Gesicht. „Der Zug? Er hat Verspätung, so viel ist sicher.“
Die Außentür flog auf und Betsys fünfzehnjähriger Vetter Scott platzte herein. „Das war der Zug, Pa.“ Er eilte auf Onkel Fred zu und hätte dabei beinahe den Setzkasten auf den Boden geworfen. „Ob der neue Deputy wohl im Zug war?“
Seinem Vater gelang es gerade noch, den Setzkasten festzuhalten. „Geh zu Sissy und sag ihr, dass wir jetzt zum Abendessen rüberkommen. Du wirst nicht rüberlaufen und nachschauen, ob jemand im Zug war.“
Betsy wartete, bis ihr Vetter mit schmollend vorgeschobener Lippe in die Hütte getrottet war. Sobald sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, wandte sie sich zu ihrem Onkel um. „Und was ist mit mir? Kann ich nachsehen, ob ein Fremder am Bahnhof steht?“
Onkel Fred legte den Befestigungsstein in die Rille, um den Text zu sichern, bevor er einen Schritt zurücktrat. „Ich bin schrecklich neugierig auf diesen neuen Deputy aus Texas.“ Er strahlte sie an und deutete dann mit seiner mit Druckerschwärze übersäten Hand zur Küche.
Die Familie saß bereits am Tisch. Sissy – oder Tante Sissy, wie sie jetzt genannt werden wollte – hatte Baby Eloise gefüttert und teilte gerade den Zwiebeleintopf mit Eichhörnchenfleisch aus. Scott hielt seine zweite Halbschwester Amelia auf den Knien und spielte mit ihr „Hoppe, hoppe, Reiter“, was ihr Freudenjauchzer entlockte. Nachdem er nun fast erwachsen war und seine Stiefmutter sich um ihn kümmerte, brauchte Scott seine ältere Base Betsy nicht mehr. Obwohl sie sich im Zeitungsbüro nützlich machte, war ihre Anwesenheit mittlerweile eine Belastung für die stetig wachsende Familie – obwohl niemand dies jemals sagen würde.
Betsy nahm Sissy einen Teller ab und begann zu essen.
„Setz dich doch an den Tisch und iss wenigstens ein Mal mit uns, Betsy.“ Sissy war nicht viel älter als Betsy, aber sie versuchte, durch Strenge älter zu wirken, als sie war. „Du bist den ganzen Tag auf den Beinen gewesen.“
Betsy ignorierte die Aufforderung, sich zu setzen, und schaufelte sich noch einige Bissen in den Mund. Mittlerweile war es dunkel geworden, und das war die Zeit, zu der es in den Bergen interessant wurde. Hier am Tisch mit Onkel Fred und Tante Sissy gab es nichts Aufregendes zu erleben. Sie war zu Größerem bestimmt.
In aller Eile stellte Betsy ihren Teller ins Spülbecken und drückte im Vorbeigehen Amelia einen Kuss auf die Wange. Sie verstand nicht genau, was Sissy ihr nachrief, aber sie winkte ab, bevor sie das Büro betrat, und erwiderte: „Ja, ich werde vorsichtig sein!“
Beim Hinausgehen schnappte sie sich den Mantel ihrer Base vom Haken und streifte ihn über ihr Baumwollkleid. Der Himmel war an diesem Abend wolkenlos; auch ohne Laterne würde sie sich recht gut orientieren können. Ihr Schreibtisch wackelte, als sie die Schublade aufzog. Vorsichtig nahm sie den Brief aus ihrer Tasche, legte ihn zu den anderen Absagen, die sie mittlerweile bekommen hatte, und schob die Schublade wieder zu. Dann löschte sie die Lampe und borgte sich noch einen Hut ihres Onkels aus, bevor sie ins Freie trat.
Als sie vor dem Haus stehen blieb, vernahm sie Sissys Worte durch das geöffnete Fenster. „Ich weiß ja, dass sie immer ohne Begleitung unterwegs ist, aber es schickt sich nicht. Sie ist schließlich eine junge Dame –“
Betsy schnaubte. Das stimmte nicht. Eine junge Dame war sie sicher nicht mehr. Sie hatte mittlerweile die schwierige Zeit erfolgreich hinter sich gebracht, in der jeder – von der Frau des Postmeisters bis hin zum Auktionator – versucht hatte, sie zu verkuppeln. Irgendwann hatten sie schließlich aufgegeben, und jetzt durfte Betsy das Leben führen, das sie wollte. Frei von jedem Zwang, ihre Entscheidungen vor jedem Hinz und Kunz rechtfertigen zu müssen, der meinte, etwas zu diesem Thema zu sagen zu haben. Sie hatte jeden Mann zurückgewiesen, der Interesse an ihr gezeigt hatte, und da es hier sonst keinen geeigneten Kandidaten mehr gab, konnte sie ganz beruhigt ihr Leben leben.
Als sie donnernden Hufschlag vernahm, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Sie ritten an diesem Abend. Wo sie wohl hinwollten? Hatten sie Miles Bullard gefunden? Wie sehr wünschte sie, sie könnte sich ihnen anschließen und alles aus erster Hand miterleben.
Betsy rannte zum Marktplatz, wo der Trupp vorbeireiten würde. In Gedanken zählte sie die Männer auf, von denen sie bereits wusste, dass sie zur Gruppe gehörten, und die, von denen sie es nur vermutete. Postmeister Finley klappte gerade die Fensterläden seiner Wohnung zu, die über dem Postamt lag. Sie hatte auch nicht erwartet, dass dieser zwielichtige Mensch dazugehörte, zumal einige seiner Angehörigen oft auf der falschen Seite des Gesetzes standen. Und Doc Hopkins? Er war eben in der Stadt gewesen. Hätte er Zeit gehabt, seine Verkleidung anzulegen?
Da kamen sie schon angaloppiert, johlend und grölend, und einige schwenkten ihre Reisigbündel über den Köpfen. Sie sahen wirklich furchterregend aus, aber Betsy hatte keine Angst vor ihnen. Es waren Männer aus dem Ort, die meisten von ihnen ziemlich anständige Mitmenschen, und sie hatten das Gesetz befolgt, bis das Gesetz sie im Stich gelassen hatte. Auch wenn sie Sheriff Taney mochte, er hatte sie enttäuscht. Wenn er die Situation nicht in den Griff bekam, dann konnten die Leute doch froh sein, dass jemand bereit war, ihm beizuspringen.
Betsy beobachtete, wie die Reiter vorbeigaloppierten, und versuchte, sich die verschiedenen Masken und Verkleidungen einzuprägen. Clive Fowler war unschwer zu erkennen. Ein Jutesack konnte seine Körperfülle nicht verbergen. Aber wer sich hinter den übrigen Gestalten verbarg, konnte sie nicht mit Sicherheit ausmachen. Johlend galoppierten die Männer durch die Stadt, und obwohl alle Verkleidungen trugen, wirkte einer von ihnen weniger fröhlich. Er saß auf einem prächtigen Pferd, das ganz augenscheinlich aus der Calhoun-Zucht stammte. Aber es war nicht Jeremiah …
„Hallo, Mr Pritchard“, rief sie.
Es war ein Schuss ins Blaue, aber er traf sein Ziel. Der Maskierte wandte sich um. Seinen Gesichtsausdruck konnte sie natürlich nicht erkennen, aber die langen Haare, die unter seiner Kapuze hervorlugten, erkannte sie sofort. Ja, und damit hatte sie einen weiteren „Bald Knobber“ identifiziert.
Er hob seine Reisigzweige und schwenkte sie in ihre Richtung. Es war eine Warnung, aber Betsy lächelte nur. Sie wollte ihm nicht schaden, das wusste Pritchard. Einem Geheimnis konnte sie aber nun mal...




