E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Johnson / Sparrer Disney Cruella: Hello, wildes Herz!
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-646-93644-5
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Moderne Geschichte zur Schurkin aus "101 Dalmatiner"
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-646-93644-5
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maureen Johnson ist eine US-amerikanische Jugendromanautorin. Einige ihrer Romane wurden bereits in Deutsche übersetzt.
Autoren/Hrsg.
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2
DIE SCHRECKLICHE PARTY
ESTELLA SCHLENDERTE durch die Brompton Road und mischte sich unter eine große Gruppe Schüler, die wie sie gekleidet waren. Smaragdgrüne Schuluniform, grün-gold gestreifte Krawatten und flache Matrosenmützen. Die meisten hatten in der Hitze ihre Blazer ausgezogen, was Estella nun ebenfalls tat. Wie jedes Mal, wenn sie es geschafft hatte, zu entwischen, durchströmte sie eine entspannte, unbekümmerte Freude. Je knapper es gewesen war, desto größer die Freude.
Ein Doppeldeckerbus mit einer Werbung für das neue Beatles-Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band fuhr vorbei. Die Beatles hatten fantastische neue Klamotten – Militäruniformen aus edwardianischer Zeit in Lindgrün, Fuchsia, Stahlblau und Pfirsichrot. Etwas kam ins Rollen in diesem Sommer 1967. London war zum coolsten Ort der Welt geworden. Die Presse sprach über Swinging London. Keine schwerfällige graue Kleidung mehr. Keine düsteren Gesichtsausdrücke oder höfliche Zurückhaltung mehr. Keine Rationierung mehr, keine stille Würde. Es war wie in Der Zauberer von Oz, in dem Moment, in dem sich das schwarz-weiße Kansas plötzlich in die kräftigen, satten eines neuen, unbekannten Lands verwandelt. In London war die Mode, die Musik, die Szene – und die ganze Welt wollte die Show sehen. Daher auch die vielen Touristengruppen.
Das reiche, pralle Leben war nicht zu übersehen. Es zeigte sich überall – in den Farben der Kleidung und der Busse und der Bäume im Park, im Geruch der Erde nach dem Regen, in der Stimmung der Schülergruppe, unter die sich Estella gemischt hatte. Sie gehörte eigentlich nicht zu ihnen, war aber in ihren lärmenden, drängenden Strom hineingeraten, der noch stärker pulsierte als sonst, da das Ende des Schuljahrs alle beflügelte.
Sie hatte fast das Gefühl, die Witze zu verstehen, die sich die anderen erzählten. An so einem Tag wurde niemand abgewiesen. Die Londoner Jugend war eine einzige große, bewegende Kraft, und alles war wunderbar.
Die Schüler gingen zum Hyde Park, wie jeden Tag nach der Schule. Sie wollten sich an The Serpentine entspannen, dem langen Freizeitsee im Park. Hier konnte man Boote mieten und einen so schönen Nachmittag wie diesen wunderbar genießen.
Estella ließ sich ins Gras fallen, nah genug bei den anderen, um das Gefühl zu haben, Teil ihrer Gemeinschaft zu sein.
Ein paar Minuten später tauchten zwei Jungen in ihrem Alter auf, ebenfalls in Schuluniformen, und ließen sich neben Estella nieder. Einer war groß und schlaksig, hatte ein markantes Kinn und braune Locken. Der andere war korpulent und hatte einen rötlichen Teint. Er sah unglaublich selbstzufrieden aus.
„Ich dachte schon, das wäre es gewesen“, sagte Jasper, der größere. „Musstest du wirklich auch noch für Fotos posieren? Bist du ein Popstar?“
„Ich wollte die Touristen nicht enttäuschen“, antwortete sie.
„Das war riskant. Er war dir dicht auf den Fersen.“
„Ich wusste, wo er war, und hatte genug Zeit, zu verschwinden.“
Horace griff sich ihre Schultasche. Für den Kaufhausdetektiv von Harrods hatte sie leer ausgesehen, aber Horace griff in ein verstecktes Innenfutter und förderte mehrere Dinge zum Vorschein. Er zählte. „Sechs Brieftaschen, eine Uhr, ein paar dieser Reiseschecks – die taugen nichts – und immerhin mindestens fünfzig Pfund.“
„Ach ja, und das …“ Estella griff in den Bund ihres Rocks und holte das schmale Lederportemonnaie hervor. Sie hatte es beim Hinausrennen dem Touristen an der Tür aus der Tasche gezogen. Sie warf es Horace zu, der es sofort durchsuchte.
„Da sind noch dreißig Pfund drin!“, stellte er zufrieden fest.
Jasper streckte sich lang im Gras aus und lächelte in die Sonne hinauf. „Ich liebe die Touristensaison“, sagte er. „Und dieses Jahr wird sie richtig gut. Swinging London für immer!“
„Wenn es so weitergeht, können wir uns vielleicht ein Auto leisten! Stell dir vor, ein Auto!“ Horaces Blick war träumerisch verklärt.
„Was würdest du mit einem Auto machen?“, fragte Jasper. „Du kannst nicht fahren.“
„Ich lerne es, und dann fahre ich damit herum.“
„Wahrscheinlich gegen einen Pfosten.“
„Ganz sicher nicht“, protestierte Horace beleidigt. „Ich kann fahren lernen.“
„Bitte sag mir, dass du mir etwas zu essen mitgebracht hast“, mischte sich Estella nun ein.
Horace holte eine Papiertüte mit einem in fettdichtes Papier eingewickelten Sandwich hervor.
„Dosenfleisch und Senf“, sagte er und reichte Estella das Sandwich. „Extraviel Senf, alles voller Pfeffer.“
Sie packte es in Windeseile aus. Sie hatte einen Mordshunger. Estella aß gern scharf und liebte Senf. Sie mochte es, wenn es so scharf war, dass sie fast niesen musste. Und am allermeisten liebte sie Pfeffer. Sie pfefferte alles so stark, dass es andere zum Husten und Würgen gebracht hätte.
Jasper und Horace fabulierten weiter darüber, was sie mit der ganzen Beute machen könnten, die sie in diesem Sommer bestimmt einfahren würden. Was sie alles kaufen könnten. Einen richtigen Fernseher. Neue Schuhe. Estella aß ihr Sandwich und spürte die Sonne auf ihrer Haut. Es war ein guter Tag. Mit Einnahmen wie diesen konnten sie gut leben.
Die Touristensaison war immer gut, aber jetzt, da London zum beliebtesten Ort der Welt avanciert war, würde alles noch besser laufen.
Die Schüler um sie herum amüsierten sich, lachten, unterhielten sich und rempelten sich gegenseitig an. Einer hatte ein tragbares Radio dabei. Gerade lief ein Lied, das der Ansager als Everybody’s Sun von der Gruppe Electric Teacup angekündigt hatte. Electric Teacup. Aus dem Kreischen einiger der Mädchen in Schuluniform schloss Estella, dass die Band oder jedenfalls der Song beliebt war. Der Text war ein bisschen zu kitschig – etwas über Tee und die Sonne, die allen gehörte. Aber die Melodie hatte etwas und regte Estellas Fantasie an. Unter dem fröhlichen Klaviergeklimper lag das Echo einer Orgelstimme – eine tiefere, düsterere Variante der gleichen Melodie. Der Bass wob sich hypnotisch durch das Stück. An der Oberfläche mochte der Song glatt wirken, aber er hatte einen Unterton, etwas Dunkles und Verspieltes – wie ein verschlüsselter Scherz, der nur für jene bestimmt war, die ihn hören wollten.
„Ich liebe dieses Lied“, schwärmte eines der Mädchen. „Sie sind besser als die Stones.“
„Du spinnst ja“, protestierte eine andere.
„Nein, gar nicht. Er hat eine bessere Stimme als Mick Jagger.“
Die Gruppe diskutierte über Bands und ihre Vorzüge, während Estella sie unauffällig beobachtete. Was sie wohl heute Abend machten? Einige würden nach Hause in ihre schönen Häuser gehen. Andere würden über das Wochenende wegfahren. Viele von ihnen, so vermutete sie, gingen abends zum Musikhören und Tanzen in einen der vielen Londoner Clubs. Sie wirkten alle so glücklich.
Ein Paar lag nebeneinander im Gras. Der Junge hatte seinen Kopf dem Mädchen zugewandt. Sie flüsterten innig miteinander. Was kümmerte Estella dieses romantische Paar, dessen junge Liebe sicher dem Untergang geweiht war? Und was gingen diese Schüler sie überhaupt an? Schließlich war Estella schon vor langer Zeit schmerzlich klar geworden, dass die Schule – und sämtliche Kinder, die dorthingingen – nichts für sie war.
So hatte eigentlich alles angefangen.
Es war nicht Estellas Schuld. Wirklich nicht. Das meiste, was in ihrem Leben bisher schiefgelaufen war, lag an ihrem Haar – ihrem echten Haar. Es war schwarz auf der einen und weiß auf der anderen Seite. Sie fiel damit auf, aber nicht so, wie sie es gern wollte.
Estella war eine Visionärin. Ein Genie, um ehrlich zu sein. Sie hätte auffallen müssen, weil sie die begabteste, kreativste Schülerin der ganzen Schule gewesen war. Stattdessen war sie ein Sozialfall mit einem Wohltätigkeitsstipendium und Haaren wie ein Stinktier.
Es spielte keine Rolle, wie oft ihre Mutter Catherine ihr gesagt hatte, sie habe genauso ein Recht, ihre noble Schule zu besuchen, wie alle anderen Schüler dort. Sobald sie auf diese Schule gekommen war, hatten sie sie schikaniert – die Mobber.
Noch einmal: Es war nicht Estellas Schuld.
Wenn sie sie anspuckten – was sie getan hatten –, musste sie sich doch verteidigen. Wenn sie ihr die Schuld für einen gemeinen Streich gegen eine Lehrerin in die Schuhe schoben – was sie getan hatten –, musste sie doch etwas unternehmen. Wenn sie sie in den Müllcontainer warfen – was sie getan hatten –, musste sie darauf reagieren. Selbst wenn der Aufenthalt im besagten Container Estella ihren Hund und treuesten Begleiter Buddy beschert hatte.
Estella war mit diesen Tyrannen fertiggeworden. Sie hatte ihre Rache sorgfältig geplant, obwohl Catherine sie angefleht hatte, es nicht zu tun. Und ihre Rache war süß gewesen, hatte allerdings auch ihre Schullaufbahn beendet. Zum Glück hatte Estellas Mutter sie aus der Schule geholt, bevor der Rektor sie rauswerfen konnte – etwa fünf Sekunden, bevor sie geflogen wäre, aber darauf kam es an.
Die Wahrheit war, anders als Estella hatte Catherine es kommen sehen. Catherine hatte Estella schon sehr früh das Nähen beigebracht. Anfangs hatte sie Estella noch angeleitet, sich an die Schnittmuster zu...




