E-Book, Deutsch, 140 Seiten
Jordan andernorts anderswo
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7386-8103-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
CafeHaus-Geschichten
E-Book, Deutsch, 140 Seiten
ISBN: 978-3-7386-8103-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
David Jordan, ein Wanderer zwischen verschiedenen Welten, Kulturen und Zeiten, hat vor 'andernorts anderswo. CafeHaus-Geschichten' bereits mehrere Bücher bei BoD veröffentlicht, die ersten davon unter dem Namen Otaru Tomis.
Autoren/Hrsg.
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Zwei
Ich habe ihn geliebt, verstehen Sie? Ich habe ihn geliebt, wie man nur das erste Mal lieben kann. Ich habe ihn so geliebt, wie man jemand nur das erste Mal lieben kann. Ich habe ihn so geliebt, dass ich es sogar geliebt habe, seinen Schniedel zu küssen. Ich war wie Ruth Cutter in der von Brian Azzarello geschriebenen Comic-Reihe . Ich liebte seinen Schwanz. Ich weiß nicht, warum es so war, denn es war nicht unbedingt der beste Sex, den ich mit ihm hatte, aber ich liebte seinen Pimmelmann schon ganz besonders. Es war eben meine erste Liebe, verstehen Sie, was gibt es da noch groß zu erklären? Ich war glücklich. Wie man nur das erste Mal wirklich glücklich sein kann. Vollkommen ungeschützt. Vollkommen unvorbereitet.
Selig.
Umso härter traf mich, wie er mir den Laufpass gab. Es kam aus dem Nichts heraus. Es war mir vollkommen unverständlich. Er trug auch nichts zur Klärung bei. Ich wusste gar nicht, woran ich war. War ich ihm zu fett? War ich ihm zu dürr? War ich ihm zu klug? War ich ihm zu dumm? War ich ihm zu unterwürfig oder gar zu dominant? Er sagte es mir nicht. Er nannte mir keinen Grund. Er gab mir nicht die Chance, mich zu ändern, mich zu verbessern. Er ging einfach. Was dabei das Allerunverständlichste war:
Er ging von mir nicht zu einer anderen. Er ging einfach und ließ mich zuerst rat-, dann rastlos zurück. Um nicht von der Leere neben und in mir erschlagen zu werden, stürzte ich mich in die Arbeit, investierte all meine Zeit und Energie in meine Karriere, bis ich ihn rein zufällig wiedertraf. Er war gerade auf dem Weg, einen Posten irgendwo im Ausland anzutreten. Ich fragte ihn nicht, ob es sich dabei um seinen Traumjob, eine Karrierestufe oder um pure Verzweiflung handelte. Er aber fragte mich sofort, nachdem er sich vom ersten Schrecken, mich so wiederzusehen, erholt hatte, ob ich einen Freund hätte oder verheiratet sei. Alles eine Frage des Timings und er hatte dieses Mal Glück, wenn auch nicht sofort, denn zunächst wehrte ich mich vehement. Sie verstehen mich? Noch war, schwülstig formuliert, die Leiche meiner Liebe zu ihm nicht erkaltet. Noch konnte ich die Bewegungen seines Schwanzes in mir spüren. Es glimmte da noch ein Fünkchen Hoffnung. Ich hatte lange gewartet und irgendwie hört das Warten nie auf, selbst wenn es sich gefühlsmäßig erledigt hat.
Verstehen Sie, was ich meine? Ich war die RICHTIGE für ihn gewesen und warum hatte er das nicht sehen können? Es war doch so offensichtlich. Blies ich ihm etwa keinen, weil es mir ein so gottverdammtes Bedürfnis war, dass ich fast in Tränen ausbrach, wenn ihm mal nicht der Sinn danach stand? Gott, wie sehr hätte ich ihm bei unserer zufälligen Begegnung fast die Hose runtergerissen, um mich nur wieder wie Zuhause zu fühlen. Doch ich ließ es nicht zu. Ich durfte ihn nicht wieder an mich ranlassen. Seine Email-Adresse, die sich übrigens nicht geändert hatte, durfte er mir aber trotzdem aufdrängen. Den Zettel warf ich jedoch sofort weg, nachdem er wieder verschwunden war. Wozu ihn auch behalten, wusste ich seine Email-Adresse doch noch immer auswendig. Als sich im Angebot für Beziehungen zur Überbrückung längerfristiger Beziehungen eine existenzbedrohende Unterversorgung abzuzeichnen schien, schickte ich ihm dann doch eine Email. Was hatte ich denn auch zu verlieren? Er war weit weg. Er war so weit weg, dass er sich an einem Freitagnachmittag nicht einfach ins Auto setzen konnte, um übers Wochenende zu kommen, wenn mir danach war.
In einfachen Worten: Es war die reinste Langeweile. Mit anderen Worten: Er konnte mir nicht bedrohlich werden. Verstehen Sie? Ich hatte die Sache in der Hand. Ich hatte das Sagen. Dabei kann ich Ihnen nicht einmal genau sagen, was mich wieder zu ihm trieb. War es so, dass ich ihn immer noch liebte? War es die nie versiegende Hoffnung, dass er endlich sieht, welch einzigartiges Glück er damals einfach so achtlos wegwarf?
Gott, war ich auf der Hut. Nichts von ihm nahm ich einfach so hin. Wenn er jetzt schrieb, dass er mich liebte, hatte er mich vorher dann nicht geliebt? Die Antwort darauf gab er mir selbst – und sie tat weh, wenn auch mit der Zeit eher wie ein Phantomschmerz: Ja, ich habe dich damals gemocht, aber nicht geliebt. Jetzt aber liebe ich dich. – Wenn er mich nach eigener Aussage damals angelogen hatte, wie konnte ich jetzt seinen Worten Glauben schenken? Ich weiß nicht mehr, ob es eine bewusste Handlung von mir war, nachdem ich aber dieses Geständnis von ihm erhalten hatte, zog ich mich mehr und mehr zurück. Was Wunder! Er war Lichtjahre entfernt, während sich mein Leben und meine Karriere rasant fortentwickelten. So blieb es nicht aus, dass sein Bild, was ich von ihm hatte, bald nicht einmal mehr eine durch Sentimentalität unscharf gewordene Erinnerung war. So blieb es nicht aus, dass ich schließlich Emails eines mir Wildfremden erhielt, die mich in ihrer Beschwörung nostalgischer Halbwahrheiten im höchsten Maße anwiderten. Verstehen Sie die Ironie? Während ich ihn wie einen Gott angebetet hatte, liebte er mich nicht. Als er sich endlich in die frühere Version von mir verliebt hatte, war die aktuelle Version dabei, sich zu entlieben. Nichts half mehr als der Horror vor ihm und die Entfernung zwischen uns. Wer weiß, wie es ausgegangen wäre, wäre die Entfernung nicht gewesen. Wenn er da gewesen wäre. Bei mir.
In mir.
Mit mir.
Es gibt verschiedene Arten von Männern und zwischen meiner ersten Liebe und James hatte ich sie wohl so ziemlich alle durch. Die, die eine neue Mama wollen. Die, die nur ein Bett für die Nacht suchen. Die, die sich in ihrem Scheitern bestätigt sehen müssen. Die, die sich vor Unterhaltszahlungen drücken. Die, die die ganze Emanzipationsgeschichte falsch verstanden haben und sich nach oben schlafen wollen. Die, die wirklich eine Beziehung wollen, aber zu doof sind zu begreifen, dass das mit einem Playmate nicht zu haben ist. Die, die beste Intentionen haben, aber ein schlechtes Timing. Die, die sich nur schlagend vertragen. Die, die Frauen nicht verstehen. Die, die Frauen verstehen und sie dadurch gerade nie verstehen werden. Die, die sich sprachlich zu verständigen nicht in der Lage sind. Die, die nicht einmal über Nacht bleiben. Die, die weder wissen, was sie wollen, noch warum sie es wollen und weshalb sie deshalb tun, was sie da gerade zu tun versuchen. Alle, alle, alle und noch viel mehr hatte ich sie durch auf meinem Weg durch die Institutionen, bei meiner Suche nach dem, was mir verloren gegangen war. Bis ich James traf. Oder besser gesagt: Bis James mich traf.
Fünf Jahre jünger. Attraktiv. In höherer Stellung als ich. Vermögend. International sexy. Vorzeigbar. Charmant. Mich zum Lachen bringend. Mich bis zum Höhepunkt und darüber hinaus treibend. Mit einem Wort: PERFEKT. Zum Verlieben.
Er ließ nicht nach, bis ich endlich und endgültig einwilligte, seine Frau zu werden. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Er durchbrach all das, was ich mir zu meinem Schutz um mich herum errichtet hatte. Er entwaffnete mich, indem er mir das Gefühl gab, geliebt zu werden, und mich dementsprechend behandelte. Er war glaubwürdig. Er liebte mich, wie ich es mir von meiner ersten Liebe gewünscht hätte. Er liebte mich wie seine erste Liebe. Nein, er liebte mich wie seine große Liebe, denn ich war seine große Liebe.
Die Geburt unseres Kindes war für ihn die Krönung dieser Liebe. Für mich war es ein unbeschreiblicher Moment. Der Beginn etwas völlig Neuem, etwas vollkommen Anderen, verstehen Sie? Rettung, wenn Sie so wollen, wenn es denn Rettung gewesen wäre.
Wenn ich damals nur gewusst hätte, dass es einen nur dann rettet, wenn man genau dann und nur so geliebt wird, wie man es genau dann und nur so braucht, die Sache wäre anders ausgegangen. Verstehen Sie, was ich meine?
Meine erste Liebe hätte mich wie seine erste Liebe lieben müssen, als ich mich ihr zu Füßen warf. Sie tat es nicht und nichts kann das je wieder gutmachen. Ich konnte mir außerdem nicht zu 100% sicher sein, dass James nicht doch früher oder später herausfand, wie fehlerhaft und falsch und wie ungenügend ich als Mutter war. Ich gab mein Bestes, aber immer gab es irgendwo eine Mutter, die viel besser als ich war. Wie unglücklich war ich mit ihm. Verstehen Sie?
Vielleicht war auch James nicht so perfekt, wie er mich glauben machte. Vielleicht war er doch nur ein George? Es gab eine ganze Welt da draußen. Milliarden von Männern. Mit Sicherheit gab es da auch den perfekten Mann, der das war und nicht nur ein guter Verkäufer seiner selbst wie Thomas. Wer konnte mich in Zeiten des Internets aufhalten, den perfekten Deckel für meinen Topf zu finden? Wer weiß, was sich ohne das Internet ergeben hätte. Dank des Internets war es jedenfalls ein Leichtes, Jack mit seinen eignen Waffen an der Nase herumzuführen. Es war kinderleicht, amouröse Treffen zu organisieren und vorzugeben, es handle sich um Geschäftstermine, wozu sie bei einigen zugegebenermaßen mit der Zeit auch wurden. Meine besten Stammkunden, die mir bis heute die Stange halten, lernte ich in dieser Zeit kennen.
Es geschah genau zu jener Zeit, in der sich mein kleines Start-Up-Unternehmen zu entwickeln begann, als ich gerade dabei war,...




