Jordan | Infernale (Band 2) - Rhapsodie in Schwarz | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten

Reihe: Infernale

Jordan Infernale (Band 2) - Rhapsodie in Schwarz

Romantischer Jugendthriller ab 14 Jahre
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7320-0809-4
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Romantischer Jugendthriller ab 14 Jahre

E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten

Reihe: Infernale

ISBN: 978-3-7320-0809-4
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das packende Finale des spannenden Jugendbuch-Zweiteilers! Abermals liefert Firelight-Autorin Sophie Jordan eine fesselnde Geschichte, die sich kritisch mit Moral und Vorurteilen in der heutigen Gesellschaft auseinandersetzt. Natürlich kommen auch Romantik und Action nicht zu kurz - ein außergewöhnliches Lesevergnügen! Ich hatte geglaubt, Mörderin genannt zu werden und alles zu verlieren - meine Zukunft, meinen Freund, meine Freunde - wäre das Schlimmste, was mir passieren konnte. Aber ich habe mich getäuscht. Herauszufinden, dass sie recht haben? Herauszufinden, dass ich genau das bin? Das ist noch viel schlimmer. Seit Davy positiv auf das Mördergen (HTS) getestet wurde, hat sie alles verloren: ihre Familie, ihre Freunde, ihre Zukunft - und was am schlimmsten ist, sich selbst. Denn obwohl sie verzweifelt dagegen angekämpft hat, ist sie doch zu dem geworden, was sie nie sein wollte: eine Mörderin. Eine Widerstandsgruppe und ihr Anführer Caden geben ihr ein neues Ziel. Und Caden weckt Gefühle in ihr, zu denen sie glaubte, nie mehr fähig zu sein. Aber die Schuldgefühle lassen Davy einfach nicht los ... Infernale - Rhapsodie in Schwarz ist der zweite und finale Band der Reihe. Der erste Band lautet Infernale.

Sophie Jordan wuchs auf einer Farm in Texas auf und landete mit ihrer Firelight-Trilogie einen internationalen Bestseller. 2016 legt sie mit 'Infernale' den Auftakt einer packenden Liebesgeschichte vor, die durch geschickt platzierte gesellschaftskritische Anklänge zum Nachdenken anregt. Heute lebt die New York Times-Bestsellerautorin mit ihrer Familie in Houston.
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KAPITEL 1

Der Mann, den ich getötet habe, lässt mir keine Ruhe.

Er besucht mich nachts. Als er das erste Mal den Weg in meine Träume fand, hielt ich das für einen Einzelfall. Einen plötzlichen, lästigen Albtraum, der mit der Nacht verblassen und nie wiederkehren würde.

Aber er kehrt wieder. Der Traum und er. Und allmählich muss ich mir eingestehen, dass er mich nie wieder verlassen wird. Braune Augen. Einschusswunde. Schwarzrotes Blut. Er wird immer bei mir bleiben.

Diese Erkenntnis sinkt langsam, schrecklich. So wie die Fänge eines Raubtiers sich unerbittlich und tief ins Fleisch bohren. Ich kann nicht ausweichen. Ich kann sie nicht abschütteln. Ich bin gefangen. Hoffnungslos von ihrem Kiefer umschlossen.

Sonderbarerweise hatte ich geglaubt, Mörderin genannt zu werden und alles zu verlieren – meine Zukunft, meinen Freund, meine Freunde – wäre das Schlimmste, was mir passieren konnte. Aber ich habe mich getäuscht. Das war es nicht. Herauszufinden, dass sie recht haben? Herauszufinden, dass ich genau das bin?

Das ist noch viel schlimmer.

Nachts ist er nicht mehr als ein Schatten in der Ecke des Zimmers. Ein dunkler, regloser Schatten, die Ränder unklar wie verwischte Bleistiftstriche.

Ich setze mich im Bett auf, ziehe die Knie an den Oberkörper. Sean liegt neben mir, seine Brust hebt und senkt sich langsam, er ahnt nichts von unserem nächtlichen Besucher. Ich schätze, er ist auch nur mein nächtlicher Besucher. Es gibt niemanden, der Sean heimsucht. Für ihn ist die Vergangenheit vergangen. Nichts mehr als das. Ich bin neidisch auf seine Fähigkeit, einfach mit den Dingen abzuschließen. Zu akzeptieren, wie er ist. Was er ist.

Meine Aufmerksamkeit wandert zurück zu dem toten Mann. Ich spüre, wie der mir vertraute Blick über mich schweift. Betrachte ihn, wie er mich betrachtet, während das gleichmäßige Summen der Zikaden in den Container dringt. Bei seinem Anblick kommt alles zurück. Der Moment, in dem der Direktor von Mount Haven mir keine andere Wahl ließ und von mir verlangte, dass ich jemanden töte. Obwohl … Harris hat mir eine Wahl gelassen. Könnte man sagen, wenn es zählt, dass er stattdessen Sean getötet hätte. Entweder ich erschoss diesen Unbekannten – einen namenlosen Träger – oder Sean starb. Das waren meine beiden Möglichkeiten. Egal, wie ich mich entschied, am Ende war jemand tot. Und mein Schicksal besiegelt.

Sean schläft unbekümmert weiter, sein Körper wie eine fein ausgearbeitete Marmorstatue, die dunklen Tätowierungen an Arm und Hals bilden einen extremen Kontrast zur helleren Haut. Ich suche in seinem Anblick, in seiner vertrauten, beruhigenden Anwesenheit nach Erleichterung. Schließlich habe ich seinetwegen diesen Mann umgebracht. Damit Sean weiterleben kann. Aber es funktioniert nicht. Unfähig, ihn länger zu betrachten, unfähig, die Erinnerung länger zu ertragen, wende ich mich ab.

Denn das ist Sean für mich geworden. Eine Erinnerung an den schlimmsten Moment meines Lebens. Ich bereue es nicht, ihn verschont zu haben. Trotzdem ändert das nichts daran, dass ich jetzt eine Mörderin bin.

Als wir gerade aus Mount Haven ausgebrochen und in diesem Container direkt an der Grenze zu Mexiko angelangt waren, hätte es nicht wunderbarer sein können. Sean. Ich. Wir waren wunderbar. Händchen halten, streicheln, küssen. Wie zwei Teenies, die sich gerade erst kennengelernt haben.

Und in gewisser Weise waren wir das ja auch. Wir schliefen jede Nacht eng umschlungen ein, unsere Körper wie zwei Löffel. Hinter den geflüsterten Wörtern und Küssen verbarg sich kein Druck. Sein Geruch, seine warme Berührung reichte mir vollkommen. Mit ihm zusammen zu sein erfüllte mich mit einer fast betäubenden Hoffnung – dem Glauben daran, dass alles wieder gut werden würde. War das wirklich erst ein paar Tage her? Wie schnell alles zu Staub zerfallen konnte.

Meine Fingernägel bohren sich in meine Handflächen, hinterlassen kleine weiße Halbmonde im Fleisch. Ich heiße den Schmerz wie eine verdiente Strafe willkommen. Dann rolle ich mich auf die Seite, tue so, als wäre die Gestalt nicht länger in der Ecke, würde mich nicht länger beobachten. Braune Augen. Einschusswunde. Schwarzrotes Blut.

Ich tue so, als wäre Sean nicht plötzlich jemand, den ich nicht länger ansehen, berühren oder lieben kann.

Ich schließe die Augen und sage mir, dass es irgendwann funktionieren wird. Dass es, wenn ich nur lange genug so tue, Wirklichkeit werden wird.

Ich bin als Erste auf, fühle mich gerädert und mir tut alles weh, weshalb ich extralang dusche. Ich lasse den Kopf hängen und mir das Wasser auf den Nacken niederprasseln. Sicher war es nicht gerade hilfreich, dass ich wach geblieben bin, aber die Angst vor einer erneuten Heimsuchung des Mannes mit den braunen Augen war einfach zu groß. Dabei waren mir eigentlich meine acht Stunden Schlaf immer das Wichtigste.

Zu Hause musste Mom mich morgens immer zwei- bis dreimal schütteln, um mich zu wecken. Ich habe mein Bett geliebt. Die Daunendecke. Die vielen Kissen und Stofftiere aus meiner Kindheit. Die Art, wie das Sonnenlicht durch die transparenten rosa-grünen Vorhänge fiel. Komisch, wie sehr man diese Kleinigkeiten vermissen kann. Was ich geben würde, um eins dieser alten Stofftiere wieder in den Arm zu nehmen! Um wieder dieses Mädchen zu sein. Manchmal machte Mom samstags Arme Ritter mit Würstchen. Der Geruch erfüllte das ganze Haus und lockte mich aus den Federn. Es fällt mir nicht leicht, zu akzeptieren, dass diese Zeit vorbei ist. Selbst das Essen an meiner früheren Privatschule Everton war köstlich. Damals habe ich das nicht zu schätzen gewusst. Mir fehlt die Salatbar und das Pfannengemüse, das man selbst zusammenstellen konnte.

Gils Kopf taucht hinter der Sofalehne auf, seine Haare stehen in alle Richtungen ab. Er reibt sich die Augen, während ich Müsli in eine Schale fülle. Es gibt keine Milch, aber ich habe mich schon daran gewöhnt, es trocken zu essen.

Ein Buch fällt zu Boden. Gil muss beim Lesen eingeschlafen sein. Es ist eine vergilbte, abgewetzte Ausgabe von Der Hobbit. Gestern Nacht hat er Sabine die Haupthandlung nacherzählt. Sie saß vor ihm wie ein kleines Mädchen: Die Arme um die Beine geschlungen, vor und zurück wippend, die Augen weit aufgerissen, während er ein Bild von Hobbits, Drachen und allerhand anderen mystischen Wesen vor ihren Augen entstehen ließ. Auch Sean hatte mit einem betrübten Lächeln zugehört, als er von ihnen zu mir blickte.

»Tut mir leid.« Ich zucke zusammen, als ich die Packung wieder auf den Tisch stelle. »Ich wollte dich nicht wecken.«

Blinzelnd greift Gil nach seiner Brille auf der umgedrehten Kiste, die uns als Couchtisch dient. Kaum ist er nicht mehr blind, betrachtet er mich. »Kein Problem, ich wollte sowieso aufstehen.«

Ich verzichte darauf, nach dem Grund zu fragen. Ist ja nicht gerade so, als hätten wir eine Menge zu tun. Sean überwacht das Geschehen unten am Fluss. Gelegentlich leistet Gil ihm Gesellschaft oder löst ihn ab. Im Moment warten wir eigentlich nur auf Samstag, denn dann werden wir die Grenze überqueren. Abgesehen von einem alten Kartenspiel und der staubigen Hobbit-Ausgabe haben wir in einer der hintersten Ecken des Containers noch ein Dame-Spiel gefunden. Das spielen wir oft, selbst wenn Gil fast immer gewinnt. Darin liegt aber die eigentliche Herausforderung, der Reiz zu spielen, weil wir alle hoffen, ihn doch einmal zu schlagen. Und weil die Zeit sich eben sehr zieht.

Ich kaue laut, während Gil sich einen der schon harten Bagels aus der Tüte fischt und hineinbeißt. Die Auswahl an Essen ist beschränkt. Als wir ankamen, haben wir ein paar Nahrungsmittel vorgefunden. Das meiste waren Lebensmittel, die generell nicht verfallen oder zumindest nicht allzu schnell Schimmel ansetzen.

»Ich hatte nicht gedacht, dass mir irgendwas aus Mount Haven fehlen würde«, murmelt er und wischt sich die Krümel von den Lippen.

Ich nicke. »Das Essen.«

»Ich habe noch nie so gut gegessen wie dort. Also, wenn du von riesigen Slushies und tütenweise Chips von der Tankstelle mal absiehst.«

Ich nicke erneut, tue so, als wäre ich seiner Meinung. Als hätte ich davor auch nicht gut gegessen. Aber das habe ich. Wir waren in den besten Restaurants. Japanisch. Chinesisch. Italienisch. Und meine Mom ist eine gute Köchin, selbst wenn sie nur ein- oder zweimal pro Woche selbst gekocht hat. Ihre Lasagne war so dick, dass man seine Gabel darin verlieren konnte. Dad hat allein bei ihrem Anblick fast zu sabbern angefangen. Mir zieht es schmerzhaft die Brust zusammen, unweigerlich frage ich mich, ob ich meine Familie je wiedersehen werde.

Sean und Sabine stoßen zu uns. Wir bewegen uns in geselliger Stille, jeder mit der Vorbereitung seines nicht gerade ansprechenden Frühstücks beschäftigt.

Sabine ist kein Morgenmensch. Wenn man ihr vor zehn Uhr ein Wort entlockt, kann man sich glücklich schätzen. Sie reißt die Verpackung eines Pop-Tarts auf und setzt sich gegenüber von mir an den Tisch. Sie schüttelt sich das lange, braune Haar aus dem Gesicht, ringt sich ein Lächeln ab und beißt dann in das Gebäck. Krümel fallen auf den Tisch, die sie einfach auf den Boden fegt.

Sean macht in einer der Wasserkannen Kaffee. Schon bald erfüllt der unverkennbare Geruch den Container. Sean bietet mir eine Tasse Kaffee an und ich nehme sie entgegen. Nach dem ersten bitteren Schluck greife ich zum Zucker und gönne mir einen großzügigen Löffel voll. Dann noch einen. Vielleicht kann ich eines Tages ja mal wieder einen Latte genießen. Vielleicht gibt es die ja dort, wohin wir fliehen. Vielleicht....



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