E-Book, Deutsch, 768 Seiten
Reihe: Infernale
Jordan Infernale - Doppelbundle
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7320-1338-8
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Infernale. Rhapsodie in Schwarz.
E-Book, Deutsch, 768 Seiten
Reihe: Infernale
ISBN: 978-3-7320-1338-8
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sophie Jordan wuchs auf einer Farm in Texas auf und landete mit ihrer Firelight-Trilogie einen internationalen Bestseller. 2016 legt sie mit 'Infernale' den Auftakt einer packenden Liebesgeschichte vor, die durch geschickt platzierte gesellschaftskritische Anklänge zum Nachdenken anregt. Heute lebt die New York Times-Bestsellerautorin mit ihrer Familie in Houston.
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KAPITEL 1
Ich habe schon immer gewusst, dass ich anders bin.
Mit drei Jahren habe ich mich ans Klavier gesetzt und Chopin gespielt. Mom behauptet, ich hätte das Stück ein paar Tage zuvor in einem Aufzug gehört. Ich kann nicht sagen, wo ich es gehört habe. Ich wusste einfach, welchen Finger ich auf welche Taste legen … und wie ich sie weiterbewegen musste. So, wie man seine ersten Schritte macht. Es war eben etwas, das ich konnte. Etwas, das ich einfach tat.
Musik war meine Gabe. Etwas, das ich konnte, ohne mich anstrengen zu müssen. Erst Klavier. Dann Flöte. Dann Geige. Es dauerte nie lange, bis ich ein neues Instrument beherrschte. Von klein auf hörte ich Wörter wie begabt. Überdurchschnittlich. Begnadet. Als sich zeigte, dass ich noch dazu eine Stimme besaß, die sich mit meinen Fähigkeiten an den Instrumenten messen konnte, nannte man mich »Wunderkind«.
Von diesen Talenten abgesehen hatte ich jedoch die ganz normalen Träume. Mit sechs wollte ich Archäologin werden. Im Jahr darauf Rennfahrerin. Natürlich kam zwischendurch die obligatorische Prinzessinnenphase. Da verbrachte ich endlos viele Stunden in meinem Zimmer und baute aufwendige Burgen, bis mein Bruder hereinstürmte und sie kaputt machte. Dann tat ich so, als wäre es der Angriff eines Drachen gewesen, und baute sie wieder auf.
Ich hatte all diese Wünsche, wollte etwas werden. Jemand.
Niemand sagte: Das geht nicht.
Niemand sagte: Mörderin.
Mit geschlossenen Augen genieße ich das Gefühl von Zacs Lippen an meinem Hals. Er küsst sich langsam bis zu dem empfindlichen Punkt direkt unterhalb des Ohrs vor. Ich kichere und zittere am ganzen Leib.
»Zac, wir sind in der Schule«, erinnere ich ihn, rücke ein wenig von ihm ab und knuffe ihn halbherzig gegen die Schulter. Strahlend grüne Augen treffen mich und mir verschlägt es den Atem.
Zwei Mädels aus der Unterstufe gehen an uns vorbei. Sie versuchen, uns nicht anzusehen und sich cool zu geben, aber es ist offensichtlich, wie sehr sie mit sich kämpfen. Einen Kampf, den sie verlieren. Ihre Blicke streifen Zac voller Bewunderung. Er trägt eine Sporthose. Ein hautenges Everton-Rugbytrikot betont seinen schlanken Oberkörper. Als er den Arm hebt, um sich hinter mir am Spind abzustützen, rutscht das Trikot hoch und gibt den Blick auf einen flachen Bauch frei, gestählt von den vielen Stunden in der Sporthalle. Mein Mund wird ganz trocken.
Die Mädchen gehen weiter, flüstern aber gerade laut genug, dass ich sie verstehen kann: »Ist der scharf … hat die ein Glück …«
Zac bemerkt sie nicht mal. »Gefällt dir das etwa nicht?« Er lehnt sich an mich, presst mich gegen den Spind und küsst mich zärtlich auf den Mundwinkel. »Oder das?« Er haucht mir einen Kuss aufs Kinn.
Mein Bauch fährt Achterbahn. Ich bin kurz davor zu vergessen, dass mich MrsMcGary und ein Riesenberg an Mathehausaufgaben erwarten. Kurz davor, weiter mit Zac vor dem Probenraum des Orchesters rumzuknutschen, in dem Anthony Miller sich mäßig erfolgreich am Schlagzeug aufwärmt. Einem der wenigen Instrumente, das ich nicht beherrsche, das ich aber vermutlich trotzdem besser spielen könnte als er.
Zac löst sich mit einem Seufzer von mir und schenkt mir einen dieser verführerischen Blicke, die er für unwiderstehlich hält. Und zu Recht. Schließlich bringt er jedes Mädchen an der Schule damit ins Stolpern.
Aber er hat sich für mich entschieden. Mir geht das Herz auf und ich lasse mich noch einmal küssen, obwohl ich schon zu spät bin und MrsMcGary es absolut nicht leiden kann, wenn ich zu spät zur Probe komme. Sie betont immer wieder, dass ich als gutes Beispiel vorangehen soll.
Tori kommt auf uns zu und verdreht die Augen. »Nehmt euch ein Zimmer.« Sie zieht die Tür zum Probenraum auf und das herausdröhnende Schlagzeugsolo zerfetzt mir das Gehör.
Tori hält mir die Tür auf. »Kommst du, Davy?«
Zac mustert sie schräg. »Davy ist gleich da.«
Tori zögert und schaut mich an wie ein verprügelter Welpe. »Unsere Verabredung für heute Abend steht aber noch, oder? Du wolltest doch, dass ich dir bei den Mathehausaufgaben helfe.«
Ich nicke. »Ja, klar.« Integralrechnung, mein Untergang. Ich habe in den letzten sechs Wochen mehr schlecht als recht meine Eins gehalten, was ich aber hauptsächlich Tori und ihrer Engelsgeduld zu verdanken habe. »Die Verabredung steht.«
Sie lächelt, scheint beruhigt. Ich erwidere ihr Lächeln. »Ich komm gleich nach, hältst du mir einen Platz frei?«
Tori verschwindet im Probenraum und Zac stöhnt.
Ich streichle ihm über die harte Brust. »Sei nett.«
»Immer funkt sie dazwischen.«
Obwohl ich mir große Mühe gebe, die Zeit gerecht zwischen Zac und Tori aufzuteilen, ist es doch immer ein Drahtseilakt. Keiner von ihnen ist je zufrieden. »Habe ich schon mal erwähnt, wie sehr ich mich auf nächstes Jahr freue?«, frage ich. Was anderes fällt mir nicht ein, wenn er sich über Tori beklagt.
Er schaut mich wissend an. Er hat eine ganz besondere Art, mich anzuschauen. So eindringlich. Als könnte er mir direkt in die Seele blicken. Er weiß, dass ich ihn mit dieser Bemerkung über unsere Zukunft ablenken will. Glücklicherweise funktioniert es.
Zac fährt mir mit den Fingern durch die Haare. Denn er mag es, wenn ich sie offen trage, berührt sie so gern. Berührt mich so gern. Ja, ich geb’s zu, ich bin total süchtig nach meinem Freund. Es fällt uns immer schwerer, nicht übereinander herzufallen.
»Ja, und weißt du, was das Allerbeste sein wird?« Er hält meinen Blick. »Unsere Zimmer im Wohnheim.«
Ich lache. Nächstes Jahr. Die Vorstellung ist einfach unglaublich verlockend. Ich an der Juilliard. Zac an der NYU. Eigentlich sollte ich mich nicht so über die Aussicht freuen, dass meine beste Freundin auf ein College Hunderte Kilometer entfernt gehen wird, aber es wird sicher eine Erleichterung, nicht die ganze Zeit Rücksicht auf Tori nehmen zu müssen.
Mein Handy klingelt. Ich schiebe Zac ein Stück weg, um nachzusehen, wer anruft. Ich schaue zu ihm auf und forme mit den Lippen ein Wort: Mom.
Zac hebt eine Augenbraue. Meine Mutter arbeitet normalerweise um diese Zeit.
»Hallo?«, frage ich.
»Davy, komm sofort nach Hause.«
Ich zögere. Nicht wegen der Forderung, sondern weil ihre Stimme so zittert. Sehr untypisch für Mom. Sie spricht sonst immer schnell, die Wörter sprudeln dann nur so aus ihr heraus. Liegt vermutlich daran, dass sie normalerweise stundenlang Leute in ihrer Designfirma herumkommandiert.
»Ich habe Probe –«
»Sofort, Davy«, fällt sie mir ins Wort.
»Ist alles in Ordnung?« Schweigen folgt auf meine Frage und ich weiß, dass nicht alles in Ordnung ist. »Ist was mit Dad?«
»Deinem Vater geht es gut. Er ist hier.«
Dad ist auch zu Hause? Der ist ein schlimmerer Workaholic als meine Mom. »Dann ist was mit Mitchell«, stelle ich fest und mache mir langsam richtig Sorgen. »Ist ihm was passiert?«
»Nein, nein. Ihm geht es gut«, sagt sie schnell, das nervöse Zittern ist noch da. Vielleicht sogar stärker als vorher. Ich höre undeutliche Stimmen im Hintergrund, dann wird es dumpf, so als würde Mom den Hörer mit einer Hand abdecken, damit ich irgendwas nicht mitbekomme. Dann höre ich ihre Stimme wieder deutlicher. »Komm nach Hause. Dann erkläre ich dir alles.«
»Okay.« Ich lege auf und schaue Zac an.
Er blickt verständnisvoll. »Mitchell?«
Ich nicke und Angst um meinen Bruder macht mir das Herz schwer. Was hat er diesmal angestellt? »Ich sage nur schnell MrsMcGary Bescheid.« Ich öffne die Tür und stecke den Kopf in den Probenraum. MrsMcGary steht an ihrem Tisch in der Ecke und telefoniert. Ich winke ihr zu, aber sie schüttelt den Kopf und gibt mir ein Zeichen, dass ich warten soll.
Kaum erblickt Tori mich und Zac in der Tür, kommt sie zu uns. Der Probenraum war bisher Zac-freie Zone, was sie sicher so beibehalten will. »Was ist los?«
»Meine Mom hat angerufen, ich muss nach Hause.«
Mit besorgter Miene legt sie mir eine Hand auf den Arm. »Ist was passiert?«
»Keine Ahnung.« Ich beiße mir auf die Lippe.
Sie hält den Kopf schief, in ihren Augen funkelt Besorgnis. »Mitchell?«
Ich schüttle den Kopf. »Keine Ahnung.«
Sie streichelt mir tröstend über den Arm. »Das wird schon wieder, das ist nur eine Phase. Der fängt sich bestimmt bald.«
Wenn das stimmt, dann hält diese Phase schon an, seit mein Bruder dreizehn ist. Mittlerweile ist er einundzwanzig und ich bezweifle stark, dass ein Ende in Sicht ist.
»Ganz bestimmt.« Tori nickt aus voller Überzeugung. »Er ist ja kein schlechter Mensch.«
»Danke.« Ein schneller Blick zu MrsMcGary verrät, dass sie noch immer telefoniert. »Kannst du ihr vielleicht ausrichten –«
»Klar!« Tori drückt mir aufmunternd die Hand. »Hau schon ab. Ich komm nach der Probe vorbei. Soll ich dir einen Smoothie mitbringen? Wassermelone?«
»Danke, das ist lieb, aber ich passe besser. Ich habe ja keine Ahnung, was zu Hause los ist.«
»Komm.« Zac nimmt meine Hand, ich meinen Rucksack und wir gehen nach oben. Auf der Treppe treffen wir ein paar Freunde. Obwohl uns mehrere in ein Gespräch verwickeln wollen, lässt Zac sich nicht aufhalten.
Zacs bester Freund ist der Einzige, dem es doch gelingt. Carlton ist ein ausgemachter Schmeichler und lässt mich nie ohne eine Umarmung davonkommen. »Hallo, meine Schöne.«
Ich löse mich von ihm....




