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E-Book, Deutsch, Band 1, 328 Seiten
Reihe: Ohne Spur
Jung Ohne Spur
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-9389-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der stille Tod einer Existenz
E-Book, Deutsch, Band 1, 328 Seiten
Reihe: Ohne Spur
ISBN: 978-3-6957-9389-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daniel Jung schreibt Thriller über Macht ohne Gesicht, Kontrolle ohne Schuld und die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn Systeme entscheiden. Seine Romane bewegen sich an der Schnittstelle von Technologie, Politik und psychologischer Manipulation. Ohne Spur, Der stille Tod einer Existenz ist der Auftakt einer literarischen Auseinandersetzung mit modernen Kontrollstrukturen.
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Kapitel 1 – Der Fundort
Der Regen hatte irgendwann am frühen Morgen angefangen. Nicht abrupt, nicht mit Donner oder Blitz, sondern schleichend, fast höflich. Erst ein paar vereinzelte Tropfen, die gegen Fensterbänke und parkende Autos tickten, dann mehr, dichter, beharrlicher, bis daraus dieses gleichmäßige, dumpfe Trommeln wurde, das alles andere Geräusch zu verschlucken schien. Berlin wirkte gedämpft, als hätte jemand der Stadt den Ton abgedreht und nur ein monotones Hintergrundrauschen übriggelassen.
Alina Voss stand vor dem unscheinbaren Altbau in der Emser Straße und starrte auf den Klingelknopf, als erwarte sie, dass er sich unter ihrem Blick veränderte. Der Name war mit einem Etikettiergerät aufgeklebt worden. Schwarze Buchstaben auf weißem Streifen. Gerade, sauber, ohne Schnörkel. Lennart Kroll. Sie dachte: Dann drückte sie. Nicht, weil sie eine Antwort erwartete. Die Uniformierten hatten ihr längst berichtet, dass niemand sich rührte. Dass die Nachbarn im dritten Stock die Polizei gerufen hätten, weil es „so komisch gerochen“ habe. Dieses Wort. Als gäbe es einen freundlichen, harmlosen Geruch für den Tod. Der süßliche Gestank kroch bei Hitze unter Türen hervor, setzte sich in Textilien fest, fraß sich in Tapeten, als hätte er ein eigenes Gedächtnis. Er kam, wenn jemand allein und lange tot war. Wenn niemand da gewesen war, um zu merken, dass ein Mensch fehlte.
Ally atmete flach durch die Nase. Der Geruch hing bereits im Treppenhaus, noch zurückhaltend, fast schüchtern. Ein kaum wahrnehmbarer Schleier unter dem Mief aus feuchter Wäsche, abgestandenem Frittierfett und kaltem Zigarettenrauch. Sie hasste diesen Geruch. Nicht nur, weil er den Tod ankündigte, sondern weil er sich festsetzte. In Haaren. In Kleidung. In Träumen.
Er kam wieder, nachts, wenn alles ruhig war. „Alles klar bei Ihnen, Frau Voss?“ Die Stimme kam von oben. Ein uniformierter Kollege beugte sich über das Geländer, zwei Stockwerke höher. Jünger, blass, zu korrekt geknöpft. Einer von denen, die noch glaubten, Ordnung sei etwas, das man herstellen könne.
„Ja“, sagte sie. Ihre Stimme klang rauer, als sie wollte. „Ist irgendjemand von der Spurensicherung schon da?“
„Drinnen“ antwortete er. „Gerichtsmedizin ist auf dem Weg.“ Natürlich. Der Tod konnte warten. Die Bürokratie nicht. Ally ging die Stufen hoch. Ihre Schritte hallten gedämpft im Treppenhaus, als würde der Regen selbst die Akustik verändern. Ihr Kopf pochte leicht, kein stechender Schmerz, eher dieses gleichmäßige Hämmern hinter der Stirn. Wie ein Mahnzeichen. Sie hatte zu wenig geschlafen. Also wie fast immer. Der Kaffee von vor einer Stunde lag ihr noch brennend in der Speiseröhre. Billiger Filterkaffee aus einem Pappbecher, zu heiß, zu schnell getrunken. Sie wusste es besser. Tat es trotzdem. Manche Routinen ließen sich nicht ablegen.
Zweiter Stock. Abgeplatzter Putz. Ein Kinderwagen auf dem Treppenabsatz, ein Vorderrad schief gestellt, als wäre jemand hastig weitergegangen. Eine pinke Mütze war daran festgeklemmt, vom Regen feucht, der durch ein gekipptes Fenster hereingezogen war. Stimmen hinter Türen. Ein Fernseher, irgendwo lief eine Vormittagsshow. Ein Hund bellte kurz auf, dann Stille. Leben. Direkt neben dem Tod. Dritter Stock. Zwei Uniformierte standen vor der Wohnung. Der rot-weiße Absperrstreifen spannte sich wie eine schlecht gezogene Grenze durch den Türrahmen. Die Wohnungstür war nur angelehnt, als hätte jemand sie bewusst nicht ganz schließen wollen. „Frau Kommissarin“, sagte der Ältere der beiden. Mitte fünfzig vielleicht, graue Schläfen, Augen, die schon zu viel gesehen hatten, um überrascht zu wirken.
„Wir haben nichts angefasst. Nur die Fenster gekippt.“ Sie nickte. „Wer hat ihn gefunden?“
„Die Nachbarn gegenüber. Zwei Studenten. Haben sich über den Gestank beschwert und erst geklingelt. Als keiner aufgemacht hat, sind sie zum Hausmeister. Der hat uns gerufen.“
„Namen?“
„Stehen im Bericht.“ Natürlich tun sie das, dachte Ally. Sie sagte nur: „Ich spreche später mit ihnen.“
Sie trat über die Schwelle. Der Geruch schlug ihr entgegen. Nicht aggressiv, nicht explosionsartig – eher wie etwas, das sich ausbreitete, weil es Zeit gehabt hatte. Er legte sich auf ihre Schleimhäute, auf die Zunge, hinter die Augen. Eine Mischung aus abgestandenem Essen, kaltem Rauch und etwas anderem. Etwas Süßlichem, Metallischem, das sie zu gut kannte, um es nicht sofort zu identifizieren. Verwesung. Die Wohnung war … leer.
Nicht leer im wörtlichen Sinne. Es gab Möbel. Einen Tisch. Zwei Stühle. Ein schmales Sofa, dessen Polster kaum eingedrückt waren. Ein Lowboard mit einem Fernseher, der aussah, als wäre er nie eingeschaltet worden. Aber nichts Persönliches. Keine Fotos. Keine Pflanzen. Keine Bücher. Keine herumliegenden Kleidungsstücke. Keine Kaffeetassen, keine geöffneten Briefe. Ein Raum, der so tat, als würde hier jemand leben. Ein Hotelzimmer ohne Hotel. „Er liegt im Schlafzimmer“, sagte der jüngere Uniformierte hinter ihr. Seine Stimme war leiser als nötig. „Wenn man das so nennen kann.“ Ally zog die Latexhandschuhe aus der Manteltasche, streifte sie über. Das leise Schnappen des Gummis klang in der Stille unangenehm laut. Sie ging den Flur entlang. Ihre Schritte auf dem Laminat klangen dumpf, hohl, als würde der Boden etwas verbergen.
Rechts ein kleines Bad. Klinisch sauber. Der Duschvorhang war nach innen gezogen, als hätte jemand darauf geachtet, dass nichts sichtbar blieb. Links die Küche. Auf der Arbeitsplatte standen nur eine Kaffeemaschine und ein Wasserkocher. Beide wirkten neu. Unbenutzt. Keine Magneten am Kühlschrank. Kein Einkaufszettel. Kein handgeschriebener Zettel mit Erinnerungen an Milch oder Brot. Ally ließ den Blick einmal durch den Raum gleiten, registrierte die Abwesenheit von Chaos, und ging weiter. Das „Schlafzimmer“ war kaum mehr als eine Nische. Ein Bettgestell. Eine Matratze. Keine Bettwäsche. Eine nackte Glühbirne hing von der Decke, das Kabel leicht verdreht, als hätte jemand sie erst vor Kurzem eingeschraubt. Kein Kleiderschrank. Kein Nachttisch. Und der Mann.
Er lag auf dem Boden neben der Matratze. Auf dem Rücken. Der Kopf leicht zur Seite geneigt, als lausche er etwas, das niemand sonst hören konnte. Die Haut hatte diesen graugelben Ton angenommen, den Ally nie mit Fotos verwechselte. Die Augen halb geöffnet. Die Pupillen glanzlos. Auf dem T-Shirt – schlicht, grau, anonym – breitete sich ein dunkler Fleck aus, der sich von der Brust zur Seite zog. Blut. Längst eingetrocknet. Daneben ein Messer. Küchenmesser. Billige Ausführung. Edelstahl. Die Klinge war fast vollständig rotbraun verfärbt.
„Keine Anzeichen von Kampf im Rest der Wohnung“, sagte eine Stimme hinter ihr. Ally drehte sich um. Tabea von der Spurensicherung stand im Türrahmen. Maske. Overall. Schutzhaube schief über den Haaren. Sie kannten sich lange genug, um sich nichts vorzumachen. „Also Selbstmord?“ fragte Ally. Sie glaubte es selbst nicht. Tabea zuckte mit den Schultern. „Die Lage spricht eher dagegen. Stichwinkel ist Scheiße für Eigeninitiative.“ Sie deutete auf die Brust des Toten. „Aber das letzte Wort hat die Gerichtsmedizin.“
Ally kniete sich neben den Körper. Ihr Knie knirschte auf dem Boden, ein leises, unangenehmes Geräusch. Sie ignorierte es. Der Mann war Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig. Kurze, dunkelblonde Haare. Kein Bart. Keine sichtbaren Tattoos. Saubere Fingernägel. Zu sauber. Die Hände lagen seltsam ordentlich neben dem Körper. Nicht verkrampft. Nicht ausgestreckt. Fast arrangiert. „Keine Spurenbänder an den Handgelenken“, murmelte Tabea. „Nichts, was nach Fesselung aussieht.“
„Abwehrverletzungen?“ fragte Ally.
„Auf den ersten Blick nicht.“ Ally sah genauer hin. Unterarme. Handrücken. Keine Schnitte. Keine Hämatome. Nichts. Und trotzdem stimmte etwas nicht. Nicht am Körper. Am Raum. Sie hob den Blick. Die Wände waren weiß. Sauber gestrichen. Keine Bilder. Keine Regale. Keine Bohrlöcher. Die einzige Unordnung befand sich dort, wo der Körper lag. Ein dunkler, eingetrockneter Fleck auf dem Laminat. Was einmal eine Lache gewesen war. „Wer immer hier gewohnt hat“, sagte Ally leise, „hat nicht vorgehabt, zu bleiben.“
„Oder nicht vorgehabt, erwischt zu werden“, erwiderte Tabea.
Ally richtete sich auf. Ihr Rücken protestierte sofort. Ein dumpfer Schmerz zog entlang der Wirbelsäule. Sie trat einen Schritt zurück und ließ den Blick durch den Raum wandern. Suchte nicht nach dem Offensichtlichen. Sondern nach dem Fehler. „Haben wir schon eine ID?“ fragte sie. „Der Name an der Klingel: Lennart Kroll“, sagte Tabea. Skeptisch. „Aber der Ausweis …“ Ally drehte sich zu ihr um. „Was ist mit dem Ausweis?“
„Liegt auf dem Küchentisch. Sieht echt aus....




