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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 424 Seiten
Kantelhardt Halbmond und Hugenottenkreuz
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-86282-867-8
Verlag: Acabus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 424 Seiten
ISBN: 978-3-86282-867-8
Verlag: Acabus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sven R. Kantelhardt (geb. 1976) studierte Medizin und Ökotrophologie in Gießen, Cádiz und Louisville/(Kentucky). Er hat bereits über 50 Länder auf verschiedenen Kontinenten bereist. Inzwischen lebt und arbeitet er als Neurochirurg in Berlin. Neben seinem Interesse an vergangenen Epochen treibt den Autor die Begeisterung für fremde Kulturen und noch nicht erzählte Geschichten.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Arthur, Dodekanes, Sommer 1564
Das Signal«, rief Arthur, ein hochgewachsener junger Ritter, Zweitgeborener eines niederen Adligen aus der Gegend von Sancerre im Osten Frankreichs. Seine blauen Augen blitzten, als er aufgeregt hinüber zur Spitze des felsigen Eilandes zeigte.
»Sieh nach was es gibt und mach Meldung!«, befahl de Calais, der Kapitän der Johanniter- Galeere. Arthur salutierte knapp und rief Ansaldo, den Comite oder Bootsmann der Santa Margareta. Wenige Augenblicke später schoss die Pinasse, gerudert von vier kräftigen Maltesern, über das stille Wasser. Tief atmete Arthur die reine Seeluft, als sie den Gestank der Galeere mit ihren hunderten ungewaschener Rudersklaven und deren in der Bilge modernden Exkrementen hinter sich ließen. Am Ufer sprang er mit seinen Stiefeln ins flache Wasser und watete an Land. Er verzog das Gesicht zu einem humorlosen Grinsen, als unter seinen dicken Ledersohlen Seeigel barsten. Noch gut erinnerte er sich, der weit entfernt vom Meer auf der Burg seines Vaters auf dem Lande aufgewachsen war, an seine erste Begegnung mit dem hinterhältigen Getier. Die Stacheln waren über Wochen aus seiner Fußsohle herausgeeitert.
Rasch erklomm er die hellen Kalkfelsen und erreichte schwer atmend den Posten, der mit einer Blendlaterne das Signal gegeben hatte.
»Was gibt es?«, fragte er Juan, einen gebürtigen Katalanen. Der hob zum Gruß die Hand an die Kappe.
»Dort, Herr«, er wies mit dem Kinn nach Südosten. Als Ritter des St. Johannis-Ordens war Arthur trotz seiner jungen Jahre dem erfahrenen Seemann vorgesetzt. Er blickte in die angegebene Richtung und strich sich eine Strähne seiner halblangen, dunkelbraunen Haare aus den Augen. Zwei oder drei Segel hoben sich, von der bereits sinkenden Sonne beschienen, deutlich von dem dunklen Horizont ab.
»Fette Beute«, nickte er und versuchte den Katalanen seine Aufregung nicht merken zu lassen. In Wirklichkeit hatte er keine Ahnung wer oder was langsam in ihre Richtung segelte. Aber die Segel am Horizont versprachen sein erstes Gefecht auf See.
»Gut gemacht, Juan«, lobte er den Katalanen betont selbstsicher.
»Bleib hier und gib Signal, wenn sie auf zehn Meilen heran sind! Wenn sie ihren Kurs ändern, gib ebenfalls Signal, zwei Lichtblitze kurz hintereinander!« Arthur schaute noch einen Moment zu den Schiffen hinüber. Hier, da stimmten alle Offiziere der Galeere überein, war der perfekte Ort für einen Hinterhalt. Alle Kauffahrer, die entlang der anatolischen Küste nach Istanbul wollten, mussten Kap Knidos, dieses Grab unzähliger Schiffe, runden. Arthur konnte sich gut ausmalen, dass die Meerenge die Aufmerksamkeit der Handelsschiffskapitäne voll inAnspruch nahm und ihnen zudem nicht viel Raum zum Manövrieren ließ. So wurden sie eine leichte Beute für die Korsaren Christi, wie sich einige Johanniter stolz selbst nannten. Arthurs Blick schweifte zurück zur Santa Margareta und der kleineren San Sebastian, der Halbgaleere oder Galeota, eines Malteser Reeders. Reiche Bürger des Inselstaates schlossen sich häufig, auf eigene Rechnung, mit ihren Schiffen den alljährlichen Beutefahrten oder Karawanen des Ordens an.
»Drei Schiffe sagst du?«, fragte de Calais und wiegte den Kopf, als Arthur ihm wenig später auf dem Achterdeck der Santa Margareta Bericht erstattete.
»Wir sind nur zu zweit, aber so eine Gelegenheit dürfen wir uns nicht entgehen lassen. Der alte Georg Schilling von Cannstatt hat mit so einem Streich unseren Großmeister von der Ruderbank einer osmanischen Galeere befreit.«
Wieder eine der alten Geschichten! Arthur unterdrückte ein Stöhnen. Natürlich kannte er diese bereits. Das Schicksal der Rudersklaven erschien Arthur immer die Hölle auf Erden, selbst wenn ein kluger Kapitän stets auf die Gesundheit seiner Ruderer achtete.
»Wie sollen wir sie angreifen?«, riss de Calais ihn aus seinen Gedanken. Arthur merkte, wie sein Mund trocken wurde, während seine Hände schwitzten. Woher sollte er das wissen? Außer ein paar Fischerbooten hatten sie bisher keine fremden Schiffe getroffen und er hatte keinen einzigen Kampf auf See bestanden.
»Sie werden uns kommen sehen und einfach davon segeln«, stammelte er. Die Zunge schien auf einmal an seinem Gaumen zu kleben.
»Was soll das Gefasel?«, wies de Calais ihn scharf zurecht, »Wie sollen sie segeln ohne Wind?«
Arthur stieg die Hitze ins Gesicht. Natürlich, es herrschte fast Flaute. Wie konnte er nur so einen Unsinn plappern? »Wir rudern im Schutz der Dunkelheit heran und entern sie.«
De Calais blickte ihn lauernd an.
»Wann können wir sie entern?«, bohrte er weiter. Arthur versuchte, sich zu konzentrieren. Sie müssten die hohen Schanzkleider der Segler ersteigen. Das würde nur gelingen, wenn der Feind nicht aus der Flanke oder ihrem Rücken auf sie schießen konnte.
»Wenn sie weit genug auseinander liegen und sich nicht gegenseitig beistehen können?«, schlug er fast zaghaft vor.
»Genau«, de Calais nickte, »und wenn sie aufpassen und dicht beieinander bleiben?«
»Dann müssen wir sie zuvor mit unserer Kanone so lange bearbeiten, bis wir in der Übermacht sind«, erklärte Arthur, von der Zustimmung seines Kapitäns ermutigt.
»Sie werden auch Kanonen an Bord haben«, warf de Calais ein. Diesmal kannte Arthur die Antwort gut genug. Darüber hatte er erfahrene Seeleute öfter sprechen gehört.
»Ohne Wind sind sie manövrierunfähig. Wir rudern sie vom Heck her an, wo sie keine Kanonen haben.«
De Calais entließ seinen Schützling mit einem knappen Nicken.
Arthurs Gedanken kreisten um den bevorstehenden Kampf. Würde er sich bewähren und seinem Orden und der Familie Ehre bereiten? Oder würde ihn eine Kugel treffen? Vor dem Nahkampf, Schwert gegen Säbel, fürchtete er sich nicht. Er hatte schließlich auf Vevre, der kleinen Burg seiner Vorfahren, das Handwerk eines Ritters gründlich gelernt. Aber eine Kugel tötete ohne Ansehen von Tapferkeit oder Feigheit.
Das Blinken der Laterne kam für Arthur überraschend. Die Aussicht auf den ersten Kampf hatte ihn die Zeit vergessen lassen, doch den langen Schatten nach zu urteilen, waren bereits etwa vier Stunden verstrichen.
»Wie können sie schon in der Nähe sein«, wandte sich Arthur an Antonio, den Re di Galera, und damit dritthöchsten Offizier an Bord, »wo wir doch fast keinen Wind haben?«
»Eine gute Frage«, antwortete der erfahrene Seemann, »auf dem Meer zwischen den Inseln und der Küste pfeift der Wind oft stärker als hier direkt unter Land im Windschatten der Felsen. So kann es sein, dass die Segler im Kanal genug Wind haben, um sich langsam zu bewegen, wir an der Küste aber nichts davon bemerken.«
»Wir lichten die Anker«, unterbrach sie de Calais, der den Niedergang hinauf zu ihnen auf das Achterkastell stürmte. »Du, junger Vevre, bereite dich vor! Mit etwas Glück wirst du heute deine Feuertaufe erleben.«
***
Mit klopfendem Herzen stieg Arthur die kurze Leiter vom Hauptdeck hinab, dorthin, wo in einem Winkel zwischen den Lagern der übrigen Offiziere seine Waffen und wenigen Habseligkeiten lagen. Auf der Galeere gab es neben der Kabine des Capitano nur einen weiteren geschlossenen Raum, der wahlweise für hohe Gäste, besonders wertvolle Fracht oder zusätzliches Pulver genutzt wurde. Alle anderen Männer suchten sich einen freien Platz an Deck, die Ruderer blieben auf ihren Bänken, die Sklaven sogar in Ketten. Während die Seeleute rasch das große Sonnensegel einholten, das die Galeere beim Ankern oder im Hafen wie ein Zelt überdachte, legte Arthur mit zitternden Fingern seinen Kürass an. Zuerst bekam er die Lederriemen gar nicht durch die Schnallen an den gewölbten Eisenplatten gefädelt. Ein offener Helm, Morion genannt, vervollständigte schließlich seine leichte Rüstung. Auf den schwankenden Planken eines Schiffes waren schwerere Rüstungen, wie Arthur sie aus seiner Heimat kannte, und die ihn besser gegen eine heimtückische Bleikugel schützen würde, leider unbrauchbar. Dann griff er nach dem großen Schwert, das er mit einer oder beiden Händen führen konnte. Das Schwert seines Vaters. Der lederbespannte Griff gemahnte noch an die Zeit der Kreuzzüge, doch die kunstvoll gebogenen Spangen an der Parierstange wiesen bereits in eine neuere Zeit. Sie schützten den Zeigefinger, den der moderne Fechter über die Parierstange legte, damit sich das Schwert nicht aus der Schlagrichtung drehte. Zufrieden kletterte Arthur wieder hinauf auf das Achterkastell, wo ein Knappe de Calais gerade in die Rüstung half. Die Santa Margareta glitt, getrieben von ihren vierundsechzig sich im perfekten Takt aus der See hebenden Riemen, in den Kanal zwischen den kleinen Felseilanden von Gaidouronisi und Telos hinein. Wenig später erreichten sie die offene See. Nun mussten die drei Segler die sich nähernde Gefahr bemerken.
»Eingeklemmt zwischen Skylla und Charybdis«, lachte Antonio. Arthur nickte wissend und stolz. Trotz seiner bescheidenen Herkunft aus der französischen Provinz verstand er den Verweis auf Homer. Die Segler lagen zwischen Kap Knidos und den Korsaren eingekeilt, wie einst das Schiff des Odysseus zwischen den beiden Ungeheuern.
»Zweiundzwanzig«, befahl der Re di Galera und gab damit die Zahl der Ruderschläge pro Minute vor. Der Comite und seine Sottocomites, die Aufseher der Ruderer, gaben den Befehl weiter. Die Santa Margareta glitt durch die wellenlose See auf ihre wehrlose Beute zu wie eine Schlange zum Kaninchen.
»Der Wind nimmt zu, ganz wie Ihr gesagt habt«, staunte Arthur. Antonio, dem de Calais für den Augenblick die Führung des Schiffes überließ, nickte knapp....




