E-Book, Deutsch, Band 186, 64 Seiten
Reihe: Dorian Hunter - Horror-Serie
Kay Dorian Hunter 186
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8937-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Auge des Kalifen
E-Book, Deutsch, Band 186, 64 Seiten
Reihe: Dorian Hunter - Horror-Serie
ISBN: 978-3-7517-8937-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Schlechte Nachrichten haben uns erreicht«, ergriff Dolores Pardos das Wort. In ihrer menschlichen Gestalt war sie eine verführerische Schönheit, doch in ihrer wahren Gestalt übte die Medusa auf Salvatore Casamonte ein beklemmendes Gefühl aus. Schlangenleiber wimmelten auf ihrem Kopf. Der Anblick war für einen Menschen tödlich, und auch Dämonen waren nicht unbedingt gegen den Blick der Medusa gefeit. »Ein Botschafter von Asmodi hat die Ankunft des Fürsten in Kastilien mitgeteilt«, sprach Dolores weiter. »Er interessiert sich hierfür.« In ihrer Kristallkugel wurde ein einzelnes Objekt abgebildet - ein Stein in der Form eines menschlichen Augapfels. Das Auge des Kalifen ...
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1. Kapitel
»Zehn Minuten vielleicht, wenn wir die Spur nicht vorher verlieren«, ertönte die Stimme des Piloten aus den Ohrmuscheln. »Diese Turbulenzen gefallen mir nicht, wenn ich ehrlich sein soll. Unsere Instrumente zeigen nicht die geringsten Luftströmungen an, und dennoch sacken wir zunehmend ab.«
»Steigen Sie doch höher«, schlug Drake vor.
Der Pilot antwortete nicht, machte aber auch keine Anstalten, den UH1-D hochzuziehen. Drake seufzte und lehnte sich in den gepolsterten Sitz zurück. Wenn man mit Militärs zusammenarbeitete, musste man sich erst an deren Gepflogenheiten gewöhnen.
Die beiden Helikopter zogen eine weite Schleife über das riesige Areal des tropischen Regenwaldes. Sie befanden sich über dem Nationalpark Canaima, einem der spektakulärsten Plätze Venezuelas. Drake war versucht, sich auf seinen Auftrag zu konzentrieren, doch auch er konnte sich gegen die umwerfende Anmut und Größe der Landschaft unter den Kufen des Hubschraubers nicht sperren. Aus dem undurchdringlichen grünen Meer des Waldes ragten die dunklen Silhouetten der tepuis – der Tafelberge – heraus, von denen hohe Wasserfälle in unergründliche Tiefen stürzten. Canaima verdankt seine Bezeichnung der gleichnamigen indianischen Gottheit – einem alten Mythos des Bösen, der die seltsame Schönheit der abgeschiedenen Gegend anscheinend Lügen strafte. Es gibt keine Straßen, die nach Canaima führen, das Gebiet ist lediglich aus der Luft zu erreichen. Aus gutem Grund existieren in der Nähe knapp fünf kleinere Flugplätze, über die Touristen ihr Abenteuer fernab jeglicher Zivilisation buchen können.
Nach Abenteuern war Scott Drake überhaupt nicht zumute. Je mehr er über seinen Auftrag nachdachte, desto mulmiger wurde ihm dabei. Seit Jahren schon war das FBI hinter dem venezolanischen Drogenbaron Salvatore Casamonte her, der seine schmutzigen Kokainlieferungen von Kolumbien aus über Puerto Rico und Florida in die Staaten schmuggelte. Doch erst vor Kurzem hatte ihnen ein Informant einen Tipp gegeben, der sie auf die heiße Spur nach Venezuela führte. Drake selbst hatte eigentlich nichts mit dem Fall zu tun gehabt, doch er war als FBI-Attaché in der amerikanischen Botschaft in Caracas stationiert und angewiesen worden, den Einsatz mit der venezolanischen Regierung und den Agenten zu koordinieren. Dass er dabei selbst Jagd auf Casamonte machen würde, hätte er sich nicht erträumt.
»Achtung!«, wurde er durch die verzerrte Stimme des Kopiloten im Kopfhörer jäh aus seinen Gedanken gerissen. Drakes Blick folgte dem ausgestreckten Arm des Soldaten, der zusammen mit seinen Kameraden und den beiden Hubschraubern von der U.S. Army dem FBI für diese Operation zugewiesen worden war.
Drake schluckte und spürte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Erneut sackte der Helikopter durch und berührte diesmal die ersten Wipfel der riesigen Bäume. Direkt vor ihnen lag der Salto Hacha, einer der malerischsten Wasserfälle Venezuelas, der über mehrere Terrassen eines Tafelbergs in ein riesiges Wasserbecken donnerte. Neblige Vorhänge aus Gischt und flirrenden Farben versperrten die Sicht, doch das Tosen der Wassermassen übertönte sogar die Rotorengeräusche des Helikopters. Der atemberaubende Anblick des Salto Hacha war aber nicht der eigentliche Grund für den Ausruf des Piloten gewesen. Drake erkannte jetzt, dass die zweite Maschine sichtlich an Höhe verlor und über dem Wasserbecken in die Tiefe stürzte. Der Helikopter trudelte wie wild und schlug mit der Schwanzflosse aus wie ein wild gewordenes Tier. Bevor die Kufen das Wasser berührten, konnte der Pilot den UH1-D hochziehen, doch kurz darauf verlor sich die Maschine im dichten Nebel über dem Wasserfall.
»Mein Gott«, stöhnte Palmer. »Das wird zu einem Selbstmordkommando!«
Drake ignorierte die Worte seines Kollegen, drückte das Mikro dicht an seine Lippen und rief in der Hoffnung, das Tosen des Wassers zu übertönen, so laut wie möglich hinein: »Wo ist er hin?«
»Keine Ahnung!«, brüllte der Army-Pilot zurück. »Wir haben den Funkkontakt verloren. Alle Instrumente spielen ver...«
Seine Stimme brach ab, und Drake bekam im selben Moment am eigenen Leib zu spüren, was der Pilot hatte ausdrücken wollen. Der Hubschrauber bäumte sich auf, machte einen Satz nach vorne und wurde dann wie von unsichtbarer Hand gepackt in die Tiefe gezogen.
Palmer kreischte auf und klammerte sich an einer Querstrebe über sich fest. Der Pilot kämpfte mit Steuerknüppel und Pedalen, doch so sehr er sich auch bemühte, er schaffte es nicht, den UH1-D unter Kontrolle zu bekommen. Die Maschine schlingerte wie wild und hielt kreiselnd auf die donnernden Wassermassen des Salto Hacha zu. Drake fühlte eine Welle der Übelkeit in sich aufkeimen, als der Hubschrauber mit der Schnauze voran in den Nebel eintauchte, dann zur Seite kippte und haarscharf an einer Landmasse vorbeizog. Dabei streifte er einige Bäume, die sich auf einer kleinen Insel vor den Wasserfällen befanden. Äste brachen in die Seitenfenster ein, begleitet von kalten Gischtspritzern. Etwas streifte Drakes Schulter und presste ihn hart in die Sitze.
»Mayday, Mayday!«, hörte der FBI-Agent den Kopiloten ins Helmmikro brüllen, doch der darauffolgende Kommentar ließ ihn sämtliche Hoffnungen verlieren. »Alle Systeme sind tot!«
In diesem Moment erstarben die Motoren. Der Hauptrotor verlor an Geschwindigkeit, während der Helikopter direkt auf eine Wasserwand zuraste.
Drake hielt die Luft an und stemmte sich instinktiv mit den Füßen gegen die Wand vor ihm. Abermals wurde der Helikopter durchgerüttelt, schlingerte irrsinnig, hielt aber dennoch seine Höhe.
Dann geschah das Unfassbare!
Die Maschine trudelte zur Seite und schien genau in die Wasserwand hineinzujagen, doch plötzlich drehte sie ganz ab, berührte mit den Kufen das tosende Nass und wurde mit einem jähen Ruck, wie durch einen Aufwind, nach oben katapultiert. Der Helikopter fegte über die ersten beiden Terrassen hinweg. Ringsherum verschwamm die Sicht durch den dichten Wassernebel. Drake schloss mit dem Leben ab und wünschte nur noch, dass es bald vorbei wäre, denn der holperige Todesflug zehrte an seinen Nerven. Er sah seinen Kollegen Palmer an, der mit kreidebleichem Gesicht apathisch ins Leere starrte und vor sich hin wimmerte.
Bring es hinter dich, Satan!, raste es Drake durch den Kopf.
In diesem Moment machte der Hubschrauber einen weiteren Satz und preschte über die letzte Terrasse hinweg nach oben. Armdicke Äste bohrten sich in das Cockpit, zerfetzten das Glas und erschlugen den Piloten. Das war der Augenblick, in dem die Maschine endgültig ihre Stabilität verlor. Wie ein Stein fiel sie vom Himmel herab, brach durch das dichte Blätterdach und wurde von Erschütterungen hin und her geworfen, jedes Mal, wenn sie durch ihr Gewicht die starken Äste mit sich riss. Es krachte und polterte, und Drake prallte mit dem Kopf gegen die Seitenwand. Er hörte noch den Todesschrei Palmers, während er tief hinab in die Bewusstlosigkeit gezogen wurde. Den eigentlichen Aufschlag bekam niemand der Insassen mehr mit.
Das Kreischen und Trillern exotischer Vögel ließ ihn an einen Traum denken. Er malte sich im Geist eine atemberaubende Landschaft aus dichtem, grünen Dschungel und bunten Papageien aus, dazu leicht bekleidete Indio-Mädchen, die ihn in ihrem Stamm willkommen hießen.
Er genoss ihre Gastfreundschaft, die herrlichen Speisen und Früchte, die sie ihm darboten, die Frische des Flusses, in dem er badete. Das Paradies konnte nicht schöner sein als dieses ...
Irgendetwas schabte trocken über sein linkes Bein. Es war nicht wie das Krabbeln mit feinen Gliedmaßen, sondern eher, als würde etwas Sprödes, Raues über seine Haut gezogen.
Scott Drakes Augenlider flatterten. Er atmete die feuchtschwüle Luft des tropischen Regenwaldes ein. Sein Gesicht war gegen einen Ast gelehnt, der sich beim Absturz ins Innere des Hubschraubers gebohrt und dabei knapp Drakes Kopf verfehlt hatte. Ihm taten sämtliche Knochen weh, und schon die geringste Bewegung bereitete ihm höllische Schmerzen. Dennoch konnte er nicht ewig hier liegen bleiben. Er musste aus dem Wrack heraus, musste nach den anderen sehen. Vielleicht hatte außer ihm noch jemand überlebt und brauchte dringend Hilfe. Aber was konnte er schon tun? Sie waren mitten im Nirgendwo abgestürzt, hier gab es weit und breit keine Anzeichen von Zivilisation.
Drake wurde an das merkwürdige Gefühl an seinem Bein erinnert und sah an sich herab. Seine Augen weiteten sich, als er den lang gezogenen, sich schlängelnden Körper gewahrte, der gerade in seinem Hosenbein verschwand. Geistesgegenwärtig schüttelte er das Bein aus und schlug sich gegen den Unterschenkel. Dabei hatte er mehr Glück als Verstand, dass die kleine Schlange tatsächlich aus der Hose geschleudert wurde und durch das geborstene Seitenfenster in die Tiefe fiel. Drake atmete tief durch und richtete sich auf. Die Luft war unter dem dichten Blätterdach wesentlich drückender, als sie oben in der Luft gewesen war, und erschwerte ihm das Atmen. Er drückte den Ast beiseite und spähte aus...




