E-Book, Deutsch, Band 2, 512 Seiten
Reihe: Die Truman-Devlin-Reihe
Kent Der Rächer
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-24208-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 2, 512 Seiten
Reihe: Die Truman-Devlin-Reihe
ISBN: 978-3-641-24208-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der grausame Mord an einem pensionierten Richter, der in seinem Schlafzimmer gefoltert und gekreuzigt wurde, erschüttert London. Detective Chief Inspector Joelle Levy steht vor einer Vielzahl von Verdächtigen aus der langen Karriere des Richters — bis plötzlich ein Ex-Anwalt auf ähnliche Weise getötet wird. Was genau verbindet die beiden Opfer? Gleichzeitig beginnt die ambitionierte Reporterin Sarah Truman zu ermitteln und stellt mit Entsetzen fest, dass die Spur direkt zu ihrem Verlobten, dem Staranwalt Michael Devlin, führt. Liegt der Schlüssel zur Lösung des Falls in seiner Vergangenheit? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: Zusammen mit DCI Levy und Sarah versucht Michael, einen geisteskranken Serienkiller zu stoppen, bevor es zu spät ist ...
Tony Kent studierte Jura in Schottland und arbeitet heute als Anwalt in London. Er ist regelmäßig im Old Bailey tätig und war Verteidiger und Ankläger in einigen spektakulären Strafprozessen. Nebenbei ist Kent erfolgreich als Autor und Boxer.
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4
Die beiden ersten Polizeibeamten waren in weniger als zehn Minuten eingetroffen und direkt in Phillip Longmans Schlafzimmer gegangen. Einer von ihnen hatte sich augenblicklich übergeben, und der andere hatte das Massaker gemeldet.
Das gleiche Entsetzen überkam auch alle anderen Polizisten, die innerhalb der nächsten halben Stunde dort eintrafen. Allesamt abgebrühte Profis, aber trotzdem machte eine überraschend große Zahl von ihnen bei dem Anblick erneut Bekanntschaft mit ihrem Frühstück.
Dies war kein normaler Tatort.
»Wer hat hier sauber gemacht?« Detective Chief Inspector Joelle Levy konnte das Bleichmittel bereits riechen, als sie die Treppe zu Longmans Schlafzimmer hinaufstieg. »Jemand hat hier etwas desinfiziert.«
»Nein, Ma’am.« Police Constable David Wright war einer der beiden ersten Beamten am Tatort gewesen. Derjenige mit dem stärkeren Magen. »Es stank schon danach, als wir hier eingetroffen sind.«
Levy sah Wright fragend an.
»Sind Sie sicher?«
»Ja, Ma’am. Das ist mir als Erstes aufgefallen, ich meine, bevor wir überhaupt ins Schlafzimmer gegangen sind.«
Könnte die ganze Sache interessant machen, sagte sich Levy.
Sie gingen weiter die Treppe hinauf und durch den Flur, vorbei an zwei offenen Türen. Hinter jeder befand sich ein makellos sauberes und anscheinend unberührtes Schlafzimmer. Diese Räume sprachen für eine pflichtbewusste Haushaltsführung und wenige Übernachtungsgäste.
Im dritten Zimmer sah es vollkommen anders aus. Hier herrschte Betriebsamkeit wie in einem Bienenkorb, und die Luft schien elektrisch aufgeladen zu sein. Der scharfe Geruch von Bleichmittel, der sich jetzt mit dem unverkennbar säuerlichen Gestank von Erbrochenem vermischte, wurde stärker.
Deshalb sind wir hier, wusste Levy.
Sie betrat das Zimmer. Ihr Blick glitt langsam von der einen Wand zur anderen und registrierte alles, was sich dazwischen befand. Levy war ein erfahrener Detective und auf das Schlimmste vorbereitet gewesen. Und das Schlimmste war auch genau das, was sie hier vorfand.
In seinen besten Zeiten hatte Phillip Longman allein mit seiner Präsenz einen ganzen Raum beherrscht. Noch nie jedoch hatte er einen Raum so dominiert wie jetzt im Tod. Der Anblick seines hageren Körpers bannte Levys Blick. Seine Nacktheit war schockierend, aber die Verstümmelungen, die einem sofort ins Auge fielen, waren noch schlimmer. Am entsetzlichsten jedoch wirkte die Art und Weise, wie er gestorben war. Longman war an der Wand seines Schlafzimmers gekreuzigt worden. Die Nägel in seinen Gelenken hielten ihn etliche Fuß über dem Boden fest.
»Jesus Christus.«
Levy sagte das ohne jede Ironie. Sie hatte in ihrem Berufsleben schon schreckliche Dinge gesehen, viele grauenvolle Anblicke ertragen. Doch die rituelle Natur dieses Mordes war auffallend. Das hier war genau geplant und ausgeführt worden. Levy hatte oft genug gesehen, welchen Schaden eine Pistolenkugel anrichten konnte. Oder die Verletzungen durch eine Bombe. Sogar die schrecklichen Folgen einer Landmine. Aber das hier? Noch nie hatte sie erlebt, dass jemandem so sorgfältig so furchtbare Wunden zugefügt worden waren.
Levy wandte sich von der Leiche an der Wand ab und betrachtete den Rest des Zimmers. Vor ihren Füßen lag eine Pfütze aus Erbrochenem. Dadurch hatten sie hier keine idealen forensischen Bedingungen, aber das Erbrochene war immerhin weit genug von der Leiche entfernt, um das Risiko einer Kontamination auszuschließen. Die anderen empfindlichen Mägen hatten offenbar lange genug durchgehalten, bis ihre Besitzer den Flur wieder erreicht hatten. Ansonsten wirkte das Zimmer unberührt.
Aber nicht mehr lange, dachte Levy. Leute von der Spurensicherung in weißen Overalls untersuchten bereits jeden Zentimeter des Schauplatzes von Phillip Longmans letzten Momenten.
»Was halten Sie davon, Steve?« Levy erkannte Detective Inspector Steven Hale trotz seines Overalls und der Kapuze.
»Eine eklige Sache, Ma’am.« Hale schüttelte den Kopf und stand auf. »Wer auch immer das war, er war ein perverser Mistkerl. Man hat dem alten Knacker die Zunge herausgeschnitten und ihm seine eigenen Eier in den Mund gesteckt. Die wenigen Zähne, die er noch hatte, hat man ihm einen nach dem anderen gezogen. Dann wurde er ausgeblutet, und zwar langsam. Man hat ihm eine Ader nach der anderen geöffnet, an Armen und Beinen.«
»Irgendeine Idee, an welcher Verletzung er gestorben ist?«
»Ich glaube, da haben wir freie Auswahl, Ma’am. Vielleicht war es das Ausbluten, obwohl das nur langsam vor sich ging. Wenn nicht das, dann auf jeden Fall die Kreuzigung. Die hätte er in seinem Zustand auf keinen Fall überlebt.«
»Ich bin nicht sicher, ob Sie oder ich viel länger durchgehalten hätten«, erwiderte Levy, die den Blick nicht von Longmans Leichnam abgewandt hatte. »Informieren Sie mich, wenn die Todesursache eindeutig feststeht.«
»Ma’am.«
Hale ging wieder an die Arbeit, während Levy näher an Longman herantrat und seine Verletzungen genauer betrachtete. Schließlich beugte sie sich zu einer der Schnittwunden auf Longmans rechtem Bein vor und schnupperte daran.
»Ja, genau dort scheint das Bleichmittel benutzt worden zu sein«, merkte Hale an. »Aber es gibt keine Anzeichen an der Rückseite des Beins oder seinem Rücken, dass er sich vor Schmerz gewunden hätte. Lässt vermuten, dass er schon tot war, als man es ihm in die Wunden geschüttet hat. Dafür kann er wohl dankbar sein. Es wäre die reinste Qual gewesen, wenn er noch geatmet hätte.«
Levy antwortete nicht. Stattdessen ging sie zur anderen Seite des Raumes und holte sich einen Stuhl aus der Ecke. Sie stellte ihn neben die herabhängenden Beine des Leichnams und stieg auf die Sitzfläche. Levy war nicht besonders groß, etwas mehr als einen Meter sechzig, aber Longman war auch kein besonders großer Mann gewesen. Die Sitzfläche des Stuhls befand sich etwa in Höhe seiner gekreuzigten Füße.
»Geben Sie mir einen Handschuh.«
Levy blickte nicht hinab, während sie von Hale den Latexhandschuh entgegennahm. Sie zog ihn über und öffnete vorsichtig Longmans Lippen. Seine Hoden waren bereits aus der Mundhöhle entfernt worden. Zähne und Zunge fehlten ebenfalls, und das ganze Innere war eine einzige schwarzbraune Schweinerei.
Levy beugte sich vor und schob ihre Nase so dicht heran, wie sie konnte, ohne eine Kontaminierung der Beweise zu riskieren. Dann holte sie erneut tief Luft.
»Was ist das?« Hale war fasziniert. »Was riechen Sie?«
»Bleichmittel.« Levy schloss Longmans Mund sorgfältig wieder und stieg von dem Stuhl herunter. »Man hat es auch in seinen Mund gefüllt.«
»Nachdem er schon tot war? Warum denn? Zu welchem Zweck?«
Levy antwortete nicht sofort. Stattdessen sah sie sich um und entdeckte Police Constable David Wright, der sich etwas aufrichtete, als er ihren Blick bemerkte.
»Wurde eine Flasche mit Bleichmittel aus diesem Raum entfernt?«, fragte sie.
»Nein, Ma’am. Alles ist genau so, wie wir es vorgefunden haben. Abgesehen natürlich von den Folgen der Untersuchung an der Leiche.«
»Und im Erdgeschoss? Oder in den Badezimmern? Fehlen dort Flaschen mit Bleichmittel?«
»Ich habe keine Ahnung, Ma’am.«
»Die Leiche wurde von der Haushälterin entdeckt, stimmt’s?«
»Richtig.«
»Dann fragen Sie sie. Wir müssen das in Erfahrung bringen.«
PC Wright verließ das Schlafzimmer ohne einen weiteren Kommentar.
Hale war verwirrt.
»Wieso ist eine verschwundene Flasche Bleichmittel wichtig?«
»Bleichmittel zerstört DNA, Steve, deshalb.« Levy kannte die Theorie, hatte sie aber noch nie in der Praxis erlebt. »Man hat das Bleichmittel nicht verwendet, um ihn zu quälen. Sondern um alle DNA-Beweise zu vernichten. Deshalb wurde die Leiche quasi mit dem Zeug getränkt. Wer auch immer das gemacht hat, war verdammt skrupellos. Vielleicht war das auch das Ziel, eine Art Kick. Aber trotzdem wollte diese Person vor allem nicht erwischt werden. Da wusste jemand sehr genau, was er tut, Steve. Wir werden an der Leiche keine Spuren finden. Und dem Geruch nach zu urteilen, finden wir die einzige DNA in diesem ganzen verfluchten Schlafzimmer in dem Erbrochenen neben der Tür.«
Hale warf einen Blick auf die Pfütze und sah dann wieder zu Levy zurück.
»Trotzdem verstehe...




