E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Keun Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3687-9
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | »Ferdinand ist ein Mann unserer Tage, eine provisorische Existenz, wie wir es ja mehr oder weniger alle sind.« Irmgard Keun
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3687-9
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Irmgard Keun, 1905 in Berlin geboren, feierte mit ihren beiden ersten Romanen, Gilgi - eine von uns und Das kunstseidene Mädchen, sensationelle Erfolge. 1936 ging sie ins Exil und kehrte vier Jahre später mit falschen Papieren nach Deutschland zurück, wo sie unerkannt lebte. Im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit konnte sie zunächst nicht an die Erfolge ihrer ersten Bücher anknüpfen, bis ihre Romane Ende der Siebzigerjahre von einem breiten Publikum wiederentdeckt wurden. Irmgard Keun starb 1982 und zählt heute zu den wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts.
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Ich schreibe eine Geschichte
Es wundert mich, dass es Menschen gibt, die Geld bei mir vermuten. Angefangen hat es mit dem Taschendieb. Geendet hat es mit Heinrich, der erstaunt war, weil ich fünfzig Mark Vorschuss von ihm haben wollte für die Geschichte, die ich ihm schreiben soll.
Ich habe noch nie eine Geschichte geschrieben, aber Heinrich hat mich darum gebeten, und ich kann nicht gut »nein« sagen, wenn man mich um etwas bittet. Seit einer Woche ist Heinrich Redakteur der überparteilichen Wochenzeitschrift »Die Morgenröte«, und er ist ein seiden-sanfter, guter Mensch.
Ich habe mir eine Flasche Mosel gekauft und eine Packung belgische Zigaretten und mich in mein Zimmer bei der Witwe Stabhorn gesetzt, um zu dichten. Frau Stabhorn hat mich mit einem Stück Kopierstift und dem zerknautschten Schulheft eines ihrer Enkel unterstützt. Das Papier ist willig, aber mein Geist ist schwach. Was soll ich schreiben?
Der Mosel schmeckt lasch und trübe wie die schal gewordene Menschenliebe eines unglücklich verheirateten Winzers. Die belgischen Zigaretten schmecken nach ranzigem Heu. Ich war während des Krieges nicht in Belgien, ich habe nie einem Belgier etwas Böses getan. Falls es sich bei diesen belgischen Zigaretten nicht um eine Kollektivstrafe, sondern um einen individualistischen Racheakt handeln sollte, ist wieder mal ein Unschuldiger das Opfer geworden. Graue Wehmut lähmt mein Denken. Und ich hatte mir Anregung durch Genussmittel versprochen.
Mein Zimmer bei Frau Stabhorn – Witwe Emmy Stabhorn, geborene Baske – ist kein richtiges Zimmer, sondern ein schlauchartig in die Länge gezogener Sarg, der die Wohnküche der Stabhorns mit ihrem Schlafzimmer verbindet. Es ist ein Durchgangszimmer ohne Türen. Die Tür zur Küche ist im letzten Kriegsmonat von der Nachbarin Lydia Krake entwendet und zerhackt worden. Wenigstens behauptet das Frau Stabhorn. Sie hatte den Verdacht, und ein einäugiger Hellseher aus der Engelbertstraße hat ihn bestätigt. Trotzdem wurde Lydia Krake von Zeit zu Zeit Frau Stabhorns beste Freundin.
Beide betrieben vor der Währungsreform einen vielseitigen Schwarzhandel. Sie betrieben ihn mit jener zähen Nervosität und hektischen Besessenheit, die den abenteuerlichen Finanzaktionen alternder Frauen den feurigen Glanz einer Art von Sexual-Abendrot verleihen.
Lydia Krake lieferte zeitweilig beträchtliche Mengen Fleisch, dessen Herkunft trübe und ungeklärt blieb. Für mich. Man vertraute mir, aber man weihte mich nicht ein. Um es genau zu sagen: man nahm mich nicht für voll.
Weil ich Hunger hatte, habe ich mal von dem Fleisch gegessen. Wahrscheinlich bot man es mir an, um zu sehen, wie sein Genuss auf den menschlichen Körper wirkt. Karitative Affekthandlungen lagen weder Frau Stabhorn noch Frau Krake. Das Fleisch hat mir nicht geschadet, es hat mich erfrischt. Zu den mir bisher bekannten Fleischsorten gehörte es nicht. Vielleicht war’s das Fleisch exotischer Tiere, die in einem zoologischen Garten gestorben waren. Hoffentlich war’s kein Menschenfleisch. Menschen sind oft nachwirkend unbekömmlich.
Der einäugige Hellseher war ebenfalls an dem Fleischhandel beteiligt, bis er eines Tages in hässlichen Gegensatz zu Stabhorn und Krake geriet. Zur tiefen Genugtuung der Damen musste er später ins Gefängnis wegen Lebensmittelkartenfälschung. Am Tage seiner Verhaftung schwelgten seine Gegnerinnen in Freundschaft und Harmonie. Sie legten einander die Karten, reumütig zum Brauchtum ihrer Mütter zurückkehrend. Ihr Glaube an die magischen Fähigkeiten des Hellsehers war erschüttert worden. Kurz darauf entzweiten sich die Damen eines sanft schiebenden Theologiestudenten wegen, dem Frau Stabhorn hundert elastische Strumpfbandgürtel in Kommission gegeben hatte. Lydia Krake hatte Geld in die Strumpfbandgürtel investiert. Der Theologiestudent verschwand spurlos. Gott mag wissen, was er mit den Strumpfbandgürteln gemacht hat. Neulich traf ich ihn vor einer Reibekuchenbude. Er habe umgesattelt und studiere jetzt Jura.
Durch die türenlose Öffnung zur Küche strömen die Stabhornschen Enkel. Sie schaukeln gern an der klebrigen Portiere, die mein Zimmer von Stabhorns Schlafraum trennt. Nachts höre ich Frau Stabhorn schnarchen. Tagsüber fällt alle zwei bis drei Stunden die Portiere herunter. Es gehört zu meinen Aufgaben, sie immer wieder zu befestigen.
Die Decke meines Zimmers besteht aus Löchern. Das Haus leidet an natürlicher Altersschwäche. Es erinnert an einen gichtkranken Armenhäusler, der beim besten Willen nicht weiß, wozu und für wen er noch gut riechen und sich rasieren soll. Auch in seiner Jugend kann dieses Mietshaus nicht reizvoll gewesen sein. Es trägt keine Spuren ehemaliger Schönheit – wie die alten Fürstinnen in den Romanen des Fin de siècle sie trugen. Dafür trägt es Spuren des Krieges.
Ich habe mehrfach versucht, die Löcher in der Decke zu vergipsen. Wahrscheinlich taugt der Gips nichts, denn er fällt immer wieder runter – zur Freude der Enkel, die damit Hüpfekästchen auf den Fußboden malen.
Die Familie Stabhorn besteht aus Frau Stabhorn und vielen kleinen Enkeln. Hin und wieder erscheinen auch Töchter und Schwiegersöhne der Frau Stabhorn, um die bereits vorhandenen Kinder lärmend und liebevoll zu begrüßen und ein neues Kind abzuliefern. Das Geschlecht derer von Stabhorn scheint fruchtbar und lebenskräftig.
Ich weiß, dass mangelnde Kinderliebe einen zum Ekel und Abscheu jeglicher Partei und der einschlägigen religiösen und unreligiösen Weltanschauungen macht. Kinder sind die holden kleinen Blüten im hässlich verrotteten Garten unseres Lebens. Augenblicklich versuchen ein paar holde kleine Blüten, mit Gips vermengte Marmelade an meine Arme und Beine zu kleben.
Frau Stabhorn schwarzhandelte nämlich unter anderem auch mit Marmelade. Irgendein Schwiegersohn von ihr sitzt an einer Marmeladenquelle. Überall stehen Marmeladeneimer, die ganze Wohnung klebt von Marmelade. Nach der Währungsreform hatte die Marmeladenflut für einige Zeit ausgesetzt. Die Marmeladenreste an Möbeln und Kindern begannen einzutrocknen und weniger zu kleben. Jetzt aber ist alles wieder beim Alten. Überall Marmelade. Eine giftig süße, giftig rote Marmelade. Eine ausgesprochen bösartige Marmelade, deren Genuss die Lebensfreude dämpft.
Ihrem Geschmack nach müsste die Marmelade eine grüne Farbe haben – giftgrün wie Absinth oder bläulichgrün mit einem Stich ins Violette wie der künstlerisch gestaltete Alpdruck eines gemütskranken Malers.
Man isst ja vieles, wenn man Hunger hat, aber ich glaube, wenn diese Marmelade auch noch grün statt rot wäre, würde ich sie nicht runterkriegen. Warum eigentlich nicht? Warum wäre mir eine blaue Tomate zuwider? Oder ein zitronengelbes Kotelett? Handelt es sich um ererbte Gewohnheit, um biologischen Konservatismus? Auf wie viele Vorurteile mag ich mich wohl noch ertappen, wenn ich ernsthaft nachdenke?
Ich könnte eine tiefschürfende Betrachtung oder eine surrealistische Elegie über die Marmelade schreiben. Aber ich glaube, dann würde Heinrich sagen, dass seine Leser so etwas Niederdrückendes nicht wollen. Oder ich müsste die Marmeladengeschichte für den Durchschnittsleser unverständlich und erhaben gestalten – etwa in der Art des späten Hölderlin oder des frühen Rilke. Unverständliches wird vom Leser immer respektiert. Er bildet sich ein, er verstehe es, und das hebt sein Selbstgefühl.
Hin und wieder wird mein Zimmer von der Witwe Stabhorn durchhüpft. Ihr gefahrvolles Dasein hat sie nicht zermürbt, sondern munter und jugendlich erhalten. Manchmal habe ich hässliche Gedanken und wünsche, sie möge ihre Enkelchen verprügeln, statt sie ständig mit Marmelade spielen zu lassen. Aber sie prügelt nicht. Sie ist von einer heiteren Aufgeregtheit und hüpft. Früher umhüpfte sie oftmals mein Bett. Nicht aus Fleischeslust, sondern weil sie unter meiner Matratze ihr schwarzes Zigarettenlager hatte. Ich weiß zwar nicht, um was man die Witwe Stabhorn außer ihrer Heiterkeit beneiden könnte, aber sie wird beneidet. Neidische Nachbarn, so behauptete sie wenigstens, hetzten ihr zeitweilig die Kriminalpolizei auf den Hals. Ich musste dann im Bett liegen, als armer, kranker Heimkehrer. Die Witwe Stabhorn weinte vor Rührung und Mitleid, wenn sie zu den Polizeibeamten von mir sprach. Nie ist mein Bett nach unerlaubter Mangelware durchsucht worden. Es geschah sogar, dass Polizisten mir von den Zigaretten anboten, mit denen sie kurz zuvor bestochen worden waren.
Auch über mein Bett könnte ich schreiben. Am Kopf- und Fußende hat es Gitter aus jämmerlichem Metall. Wer mag so was erfunden haben? Warum mag er es hergestellt haben? Wozu die Materialverschwendung? Wären die Gitter seitlich, so hätte das immerhin den Sinn, dass man als wüster Gewohnheitsträumer nicht rausfallen kann. Aber welcher Mensch ist je am Kopf- oder Fußende aus dem Bett gefallen? Also wozu die Gitter? Als Schmuck? Wer hält eine Nachahmung von Zuchthausgittern für Schmuck? Ich will nicht darüber schreiben. Leser mögen sicherlich keine Schilderungen von Zuchthausgittern, geborstenen Sprungfedern und den...




