Kipling | Erloschenes Licht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

Kipling Erloschenes Licht


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1599-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1599-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In 'Erloschenes Licht' erzählt Kipling die Geschichte des erblindenden Malers Dick Heldar. Die Geschichte spielt in London, aber auch im Sudan und in Indien.

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Das Meer hatte sich in der That nicht verändert. Das Wasser stand niedrig auf den Schlammbänken und die Glocken-Boje von Marazion klang und schwang sich in der Strömung der Ebbe. Auf dem weißen Sande am Strande zitterten und nickten sich vertrocknete Stiele von Seemohn einander zu.

"Ich sehe nicht den alten Wellenbrecher," sagte Maisie. "Lassen Sie uns dankbar für das viele sein, was wir noch haben. Ich glaube nicht, daß man ein einziges neues Geschütz im Fort aufgestellt hat, seitdem wir hier waren. Kommen Sie, wir wollen nachsehen."

Sie gelangten auf das Glacis von Fort Keeling und setzten sich in einem vor dem Winde geschützten Winkel unter der geleerten Mündung einer vierzigpfundigen Kanone.

"Wenn jetzt doch Amomma hier wäre!" rief Maisie aus.

Beide schwiegen längere Zeit; dann nahm Dick Maisies Hand und sprach ihren Namen aus.

Sie schüttelte den Kopf und blickte auf die See hinaus.

"Maisie, mein Liebling, macht es gar keinen Unterschied?"

"Nein!" erwiderte sie die Zähne zusammenbeißend. "Ich – ich würde es Ihnen sagen, wenn es der Fall wäre, aber das ist es nicht. O, Dick, ich bitte Sie, seien Sie vernünftig."

"Glauben Sie nicht, daß es jemals geschehen wird?"

"Nein, ich bin fest überzeugt davon."

"Weshalb?"

Maisie ließ ihr Kinn auf der Hand ruhen und sprach rasch, ihre Augen auf die See gerichtet:

"Ich weiß ganz genau, was Sie wünschen, aber ich kann es Ihnen nicht geben, Dick. Es ist nicht meine Schuld, wirklich nicht. Wenn ich fühlte, daß ich irgend jemand lieb haben konnte – aber das ist nicht der Fall. Ich verstehe einfach nicht, was ein solches Gefühl bedeutet."

"Ist das wahr, Teuerste?"

"Sie sind so gut gegen mich gewesen, Dickie, und die einzige Möglichkeit, wie ich Ihnen dafür danken kann, ist, daß ich die Wahrheit spreche. Ich würde es nicht wagen, eine Lüge auszusprechen. Ich verachte mich selbst schon genug, daß es so ist."

"Weswegen nur, um aller Welt willen?"

"Weil – weil ich alles von Ihnen annehme, was Sie mir geben, ohne Ihnen das geringste zurückzugeben. Es ist niedrig und selbstsüchtig von mir und quält mich, wenn ich daran denke."

"Merken Sie sich ein für allemal, daß ich meine eigenen Angelegenheiten leiten kann, und wenn es mir gefällt, irgend etwas zu thun, so sind Sie deswegen nicht zu tadeln. Sie haben sich nicht das mindeste vorzuwerfen, Liebling."

"Ja, ich habe es wohl; schon das Reden darüber macht es schlimmer."

"Dann sprechen Sie doch nicht davon."

"Wie kann ich es denn ändern? Sowie Sie mich eine Minute allein antreffen, sprechen Sie immer darüber, und ist das nicht der Fall, so liegt es in Ihren Mienen. Sie wissen gar nicht, wie sehr ich mich zuweilen verachte."

"Großer Gott!" rief Dick aus, fast aufspringend. "Reden Sie jetzt die Wahrheit, Maisie, sollten Sie dieselbe auch nie wieder reden! Belästige ich Sie oder diese Quälerei?"

"Nein, durchaus nicht."

"Wollen Sie mir es sagen, wenn es der Fall ist?"

"Ich glaube, daß ich es Sie wissen lassen würde."

"Ich danke Ihnen. Die andere Sache ist verhängnisvoll. Aber Sie müssen lernen, einem Manne zu verzeihen, wenn er liebt; er ist dann stets lästig. Sie müssen das kennen gelernt haben?"

Maisie hielt diese letzte Frage nicht einer Antwort wert, so daß Dick genötigt war, dieselbe zu wiederholen.

"Natürlich gab es noch andere Männer. Sie plagten mich immer gerade dann, wenn ich mitten in meiner Arbeit war und zwangen mich, ihnen zuzuhören."

"Hörten Sie zu?"

"Anfänglich wohl, doch sie konnten nicht begreifen, weshalb ich mich gar nicht um sie kümmerte. Gewöhnlich lobten sie meine Bilder, und ich glaubte, sie meinten es aufrichtig, so daß ich stolz auf ihr Lob wurde und es Kami erzählte, doch dieser – ich vergesse das niemals – lachte mich einmal aus."

"Es gefällt Ihnen nicht besonders, ausgelacht zu werden, Maisie, nicht wahr?"

"Ich hasse es. Ich habe nie über andere Leute gelacht, außer – außer wenn sie schlechte Arbeit gemacht. Dick, sagen Sie mir ehrlich, was halten Sie von meinen Bildern im allgemeinen, von allen, die Sie gesehen haben?"

"Rechtschaffen, rechtschaffen, ganz rechtschaffen!" erwiderte Dick mit einem Stichworte aus früherer Zeit.

"Erzählen Sie mir, was Kami gesagt."

Maisie zögerte. "Er – er sagte, es läge Gefühl in ihnen."

"Wie können Sie mir nur eine solche Lüge erzählen? Denken Sie daran, daß ich zwei Jahre bei Kami gelernt habe. Ich weiß ganz genau, was er sagte."

"Es ist keine Lüge."

"Es ist noch schlimmer, es ist die halbe Wahrheit. Kami sagte, den Kopf auf eine Seite legend, – so – › Il y a du sentiment, mais n'y apas de parti pris.‹" Dabei schnarrte Dick das "r" so drohend heraus, wie Kami es zu thun pflegte.

"Ja, das hat er gesagt; ich fange an zu glauben, daß er recht hat."

"Gewiß hat er das." Dick fügte hinzu, daß zwei Leute auf der Welt weder unrecht handeln noch sprechen könnten. Kami sei der eine Mann.

"Und Sie sagen jetzt dasselbe. Es ist so entmutigend."

"Es thut mir leid, aber Sie baten mich, die Wahrheit zu sagen. Außerdem liebe ich Sie viel zu sehr, um mir ein Urteil über Ihre Arbeit anzumaßen. Dieselbe ist tüchtig, mitunter fleißig – nicht immer, – zuweilen liegt auch Talent darin, doch kann man keinen besondern Grund herausfinden, weshalb sie überhaupt ausgeführt worden ist. Wenigstens ist es das, was ich dabei empfunden habe."

"Es gibt für nichts einen besondern Grund, weshalb es je gemacht worden ist. Sie wissen das eben so gut wie ich. Ich brauche allein Erfolg."

"Dann haben Sie den falschen Weg eingeschlagen, ihn zu erlangen. Hat Kami Ihnen das nie gesagt?"

"Reden Sie nicht von Kami zu mir; ich will wissen, was Sie denken. Meine Arbeit taugt nichts, um damit zu beginnen."

"Das habe ich nicht gesagt, und denke es auch nicht."

"Nun, dann ist es Dilettantenarbeit."

"Das ist sie ganz bestimmt nicht. Sie sind ein fleißiges Mädchen, Liebling, durch und durch, und ich achte Sie deswegen sehr hoch."

"Sie lachen nicht über mich hinter meinem Rücken?"

"Nein, meine Teure; Sie sehen, daß Sie mir mehr sind, als irgend sonst jemand. Nehmen Sie diesen Mantel um, oder Sie werden sich erkälten."

Maisie hüllte sich in den sanften Marderpelz, das graue Känguruhfell nach außen wendend.

"Das ist köstlich," sagte sie, ihr Kinn gedankenvoll an dem Pelzwerk reibend. "Nun? weshalb habe ich unrecht, wenn ich versuche, ein wenig Erfolg zu erreichen?"

"Gerade, weil Sie es versuchen. Verstehen Sie mich nicht, Liebling? Gute Arbeit hat nichts damit zu schaffen, – gehört nicht zu der Person, die sie ausführt. Das muß von außen kommen."

"Aber wie wirkt das –"

"Warten Sie eine Minute. Alles, was wir thun können, ist, zu lernen, wie wir unser Werk ausführen müssen, die Meister unserer Stoffe zu sein, nicht die Diener, und uns nie vor etwas fürchten."

"Das verstehe ich."

"Alles übrige kommt von außen her. Wenn wir uns ruhig hinsetzen, um die Eindrücke auszuarbeiten, die wir empfangen, so können wir kaum etwas thun, was schlecht ist. Sehr viel hängt davon ab, die Steine und den Mörtel des Handwerks als Meister zu handhaben. Aber sowie wir dabei an den Erfolg und die Wirkung unsres Werkes zu denken beginnen – mit einem Auge nach der Galerie zu liebäugeln – verlieren wir Fähigkeit, Strich und alles übrige. Wenigstens habe ich es so gefunden. Anstatt ruhig zu sein und alles Talent, das man besitzt, auf die Arbeit zu verwenden, regt man sich über etwas auf, das man keinen Augenblick fördern noch verhindern kann. Sehen Sie das ein?"

"Für Sie ist es so leicht, in dieser Weise zu sprechen. Dem Publikum gefällt, was Sie malen. Denken Sie dabei niemals an die Galerie?"

"Viel zu oft, aber ich bin stets dafür durch den Verlust an Fähigkeit bestraft worden. Es ist das so einfach, wie die Regeldetri. Wenn wir unsere Arbeit zu leicht nehmen, indem wir dieselbe zu unseren Zwecken benützen, so wird unser Werk es auch leicht mit uns nehmen, und da wir die schwächeren sind, werden wir darunter zu leiden haben."

"Ich habe meine Arbeit nie leichtsinnig aufgefaßt; Sie wissen, daß dieselbe alles für mich ist."

"Natürlich; aber, ob Sie sich nun dessen bewußt sind oder nicht, Sie machen zwei Pinselstriche für sich selbst gegen einen für Ihr Werk. Es ist nicht Ihre Schuld, Liebling; ich thue genau dasselbe und...



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