E-Book, Deutsch, 624 Seiten
Klarsfeld Erinnerungen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-492-97135-5
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 624 Seiten
ISBN: 978-3-492-97135-5
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
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Nazi! Nazi! Mit diesem Ruf stürmt Beate Klarsfeld am 7. November 1968 auf dem Bundesparteitag der CDU den Vorstandstisch und ohrfeigt den Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Kiesinger war 1933 in die NSDAP eingetreten und hatte während des Zweiten Weltkriegs in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes gearbeitet. Die Ohrfeige ist der Startschuss für die Lebensaufgabe von Beate Klarsfeld und ihrem Mann Serge: als passionierte Nazijäger verfolgen die Klarsfelds die Schreibtischtäter und die Schlächter des Holocaust - in Deutschland, wo sie straffrei leben, im Nahen Osten und in Südamerika, wohin viele geflohen sind. Sie entreißen ihre Opfer dem Vergessen, veröffentlichen ihre Bilder und Namen. Die Erinnerungen des Paares sind Zeugnis ihres lebenslangen Kampfes für die Rechte der Opfer und zugleich bewegendes Dokument einer großen Liebe.
Beate Klarsfeld wurde 1939 in Berlin geboren, Serge Klarsfeld 1935 in Bukarest. Zusammen haben sie mit detaillierten Dokumentationen auf viele unbehelligt lebende NS-Täter hingewiesen, darunter Kurt Lischka, Alois Brunner, Klaus Barbie. In Frankreich trugen sie wesentlich dazu bei, dass die Komplizenschaft der Vichy-Regierung mit dem NS-Regime ins öffentliche Bewusstsein rückte. Sie leben und arbeiten in Paris.
Weitere Infos & Material
Vorwort zur deutschen Ausgabe von Arno Klarsfeld Beate Eine deutsche Kindheit Begegnung auf einem Métro-BahnsteigSerge Von der Gestapo gejagt Mein Vater Arno Raïssa und ihre Kinder Wieder in Paris Eine Deutsche namens Beate 1965 in Auschwitz-Birkenau: der entscheidende Schock Beate Sekretärin und Aktivistin Rauswurf beim DFJW Kiesingers Naziakte Noch mehr Entdeckungen Eine wiedervereinigte Deutsche Die Ohrfeige Kiesinger, Kampagnentagebuch (7.?November 1968 – Oktober 1969) 1Nein, Achenbach wird nicht EWG-Kommissar Serge An Beates Seite Beate Protest gegen Antisemitismus in Warschau und Prag Unterwegs in die Tschechoslowakei Serge Gegen die Straflosigkeit der NS-Verbrecher in Frankreich Beate Die Jagd nach Lischka Serge Die Akte Kurt Lischka Die Akte Herbert Hagen Die Operation Lischka Beate Hagen und Lischka auf der Anklagebank oder Beate und Serge? Israel Die Jugend in Aktion Der Preis des Engagements Klaus Barbie, der Inbegriff des NS-Verbrechers Demonstration in München Barbie alias Altmann In La Paz, um den »Schlächter von Lyon« zu entlarven Das Attentat Serge Echte Patronen oder Platzpatronen? Die gescheiterte Barbie-Entführung Beate In Dachau verhaftet, in Köln vor Gericht Protest in Damaskus Serge Auf der Suche nach unwiderleglichen Beweisen Beate Gegen die Diktaturen in Argentinien und Uruguay Serge Ein schockierendes Dokument Kampagnen gegen Bousquet und Leguay Unterstützung für die Juden in Teheran Der Kölner Prozess Für Erinnerung und Gerechtigkeit Barbies erzwungene Rückkehr nach Lyon Der Fall Papon kommt ins Rollen Gegen die Verleugnung des Holocaust Auf der Spur von Alois Brunner Beate Walter Rauff: Protest in Chile gegen seine Straflosigkeit Die Jagd nach Josef Mengele Die Affäre Kurt Waldheim (1986?–?1987) In Beirut im muslimischen Sektor Serge In der Höhle des Löwen Wechselnde Entwicklungen in den Fällen Leguay, Bousquet und Papon Beate Gegen Brunner, von New York bis Ost-Berlin Serge Gegen Brunner, in Damaskus Beate Letzte Entwicklungen im Fall Brunner Serge An der Seite der Roma in Rostock Kontroversen mit François Mitterrand Das Schicksal der Judenkartei Touvier verhaftet, Bousquet angeklagt Der Touvier-Prozess In Pale gegen Karadžic und Mladic Der Fall Papon Beate Kandidatin für das Amt des deutschen Bundespräsidenten Serge Die Frage des Raubes jüdischen Eigentums und der den Waisen geschuldeten Entschädigung Ritter des guten Gedächtnisses Die strafrechtliche Verfolgung der Naziverbrecher ist noch nicht zu Ende Die historische Wahrheit darf man nicht verbiegen Engagement bis zum Schluss Die Erinnerung lebendig halten Stimmen, die noch immer tragen Epilog von Serge Nachwort zur deutschen Ausgabe von Beate Dank AnhangEditorische Notiz Bildnachweis Quellennachweis Register
Eine deutsche Kindheit
Drei Wochen nach meiner Geburt marschierte Hitler in Prag ein. Mein Vater, Versicherungsangestellter in Berlin, räumte brav seine Bleistifte weg und küsste meine Mutter Helene und sein einziges Kind Beate-Auguste. Dann verließ er den Hohenzollerndamm im gutbürgerlichen Bezirk Wilmersdorf, wo das Proletariat noch einige Hinterhöfe wie den unseren bewohnte, und ging auf eine lange Reise: Der Infanterist Kurt Künzel begab sich zu seiner Einheit. Den Sommer 1939 verbrachte er bei Manövern, den des Jahres 1940 irgendwo in Belgien. Auf einem Foto sieht man ihn vor einer Kommandantur in Neufchâteau bei Bastogne mit strahlendem Lächeln Wache stehen. Im Sommer 1941 wurde sein Regiment nach Osten verlegt. Im Winter brachte ihn eine höchst willkommene doppelseitige Lungenentzündung von der russischen Front zurück in verschiedene deutsche Kasernen, wo er sich um die militärische Buchhaltung kümmerte. Nach der schnellen Befreiung 1945 durch die Engländer stieß er wieder zu seiner kleinen Familie, die jetzt in dem Dorf Havelberg lebte, wo meine Mutter und ich, durch die Bombenangriffe aus Berlin getrieben, widerwillig von einer Verwandten, die eine Bäckerei besaß, aufgenommen worden waren. In Sandau, in einem Stall, inmitten einer völlig verängstigten Schar von Alten, Frauen und Kindern, erlebten wir die Ankunft der sowjetischen Kosaken auf ihren langmähnigen kleinen Pferden. Polnische Zwangsarbeiter quartierten sich im Haus unserer Cousine ein und nahmen sich unsere Habseligkeiten. Was vermutlich nur gerecht war, da wir 1943 einige Monate in Wohlstand bei meinem Patenonkel verbracht hatten, der als hoher Nazifunktionär einen Posten in Lodz bekleidete, das inzwischen den Namen Litzmannstadt trug. All denen, die meinen, dass Kindheitseindrücke die Grundentscheidungen eines Lebens maßgeblich beeinflussen, sei gesagt, dass die sowjetischen Soldaten uns nichts zuleide taten und weder meine Mutter noch ihre sechsjährige Tochter belästigt oder vergewaltigt wurden. Ende 1945 kehrten wir nach Berlin zurück. Bis 1953 teilten wir uns zu dritt ein Zimmer. In der Uhlandstraße, später in der Holsteinischen Straße, immer noch in Wilmersdorf. Wir hatten ein Zimmer in einer jener Wohnungen, deren rechtmäßige Bewohner von den Alliierten zur Untervermietung an Flüchtlinge gezwungen wurden. Wir kamen bei einem Opernsänger unter, der nur noch für Beerdigungen engagiert wurde. Mit uns lebte dort eine alleinstehende Dame, die als Köchin arbeitete. Für mich als kleines Mädchen war es eine eigenartige Zeit. Man könnte meinen, dieses provisorische Leben voller Ungewissheit sei ganz vergnüglich gewesen, aber die Ängstlichkeit meiner Eltern, ihr Kummer darüber, dass ihr ganzes Hab und Gut in Rauch aufgegangen war, und die allgemeine Verunsicherung bedrückten mich. Es herrschte so etwas wie tiefes Unbehagen, in dem sich die Niedergeschlagenheit der Trauernden und die Verbitterung derer mischten, die das beengte Leben in den Gemeinschaftswohnungen ertragen mussten. Für meine Eltern war das Leben als Fremde bei Fremden sehr schwer. Ich war sieben, acht, neun Jahre alt, und es sah nicht so aus, als würde es für die Familie Künzel aufwärtsgehen. Manche meiner Freundinnen, wie etwa Margit, hatten jetzt eine richtige Wohnung mit einer Küche, einem Bad und eigenen Zimmern für sich und ihre Eltern. Wir dagegen waren auch weiterhin den Launen und der Ungeduld unserer Vermieter ausgeliefert. Während ich darauf wartete, dass unsere Lage sich besserte, passte ich mich den Umständen an, wie ein kleines Mädchen sich jeder Realität anpassen kann – besser als Jugendliche oder Erwachsene. Ich glaube, ohne dass es mir bewusst war, bin ich härter geworden. Im positiven Sinn, das heißt, ich jammerte weder, noch verwünschte ich die ganze Welt, noch beneidete ich die, die mehr Glück hatten als ich. Für mich ist dieser Teil meines Lebens eine prägende Erfahrung, damals habe ich gelernt, Schwierigkeiten zu überwinden und kritischen Situationen zu trotzen, so schlimm und schmerzlich sie auch sein mögen. In der Volksschule war ich eine brave und gewissenhafte Schülerin. Wegen der Raumnot wurden die Schüler auf zwei Unterrichtsblöcke verteilt, einen am Vormittag und einen am Nachmittag. Kam dann im Winter der Kohlemangel dazu, hatten wir ganz frei. Meine Mutter ging putzen. Bevor mein Vater irgendwann in einer Geschäftsstelle des Amtsgerichts Spandau angestellt wurde, klopfte er Steine von den Trümmerfeldern für den Wiederaufbau. Auf diesen unübersichtlichen Terrains verbrachte ich, den Wohnungsschlüssel um den Hals, ganze Tage mit meinen Freundinnen, wir spielten Verstecken, versuchten, bis unters Dach der zerbombten Häuser zu klettern, und suchten vor allem nach geheimen Schätzen. In der Schule gab es Mädchen, die ihren Vater im Krieg verloren hatten, und andere, die endlos auf seine Rückkehr aus sowjetischen Gefangenenlagern warteten. Die Schule lag fünf Minuten von mir zu Hause entfernt auf dem runden Nikolsburger Platz. Sie befand sich in einem imposanten weißen Gebäude mit einer Fassade voller Einschusslöcher. Ich bin sehr gern zur Schule gegangen. Unsere Lehrerinnen waren aufmerksam und wohlwollend, jeden Tag wurden warme Milch und Schokolade verteilt, und überdies traf ich dort meine beste Freundin Margit. Wenn ich morgens das Haus verließ, nahm ich mein Mittagessen in einer Blechbüchse mit. Ich erinnere mich nicht, Hunger gelitten zu haben. Ich erinnere mich vielmehr, dass ich Kartoffeln gegessen habe, bergeweise Kartoffeln! Selten mit Fleisch. Etwas abwechslungsreicher fielen unsere Mahlzeiten aus, wenn meine Mutter aus den Häusern, in denen sie arbeitete, Dinge mitbrachte, die man ihr dort schenkte. Manchmal lagerte sie ein als Butter dienendes Fett zwischen den Scheiben der doppelverglasten Fenster, um es frisch zu halten. Doch die Außenscheibe war zerbrochen, manchmal schlüpften Vögel hinein, und ich beobachtete entzückt und mucksmäuschenstill von der anderen Zimmerecke aus, wie sie das Fett aufpickten. An Feiertagen kaufte mein Vater mir ein Eis, die einzige Leckerei, die meine Eltern mir in jener Zeit bieten konnten. Ich erinnere mich auch noch an die Frauen, die mit dem Zug aufs Land fuhren und sich mit Eiern und Gemüse eindeckten, die sie in großen Säcken auf dem Rücken trugen. Ich erinnere mich an meine Schuhe mit Holzsohlen und an den Stoff, den meine Mutter sich im Tausch gegen Wertmarken beschaffte, die so ähnlich wie Lebensmittelmarken aussahen, und aus dem sie unsere Kleidung nähte. Ich erinnere mich an das Improvisationstalent der Berlinerinnen, die einen zu klein gewordenen Mantel einfach in ein Kleid verwandelten. Man vermied es, über Hitler zu sprechen. Ich weiß noch, dass ich vor April 1945 im Kindergarten kleine Gedichte für den Führer auswendig aufgesagt habe. Ich verbrachte meine Kindheit inmitten von Ruinen und wusste nicht, warum Berlin zerstört und in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden war. Die Welt, in der ich aufwuchs, wurde mir nicht erklärt, alles beschränkte sich auf den Satz: »Wir haben einen Krieg verloren, jetzt heißt es arbeiten.« Mein Vater war nicht gesprächig, meine Mutter war es nur, wenn sie meinem Vater Vorwürfe machte, was nicht selten geschah. Als ich mit etwa vierzehn in die Pubertät kam, verstanden sich meine Eltern wieder besser: Fortan war ich das Objekt ihrer Nörgeleien. Beide hatten von den großen Umbrüchen, die sie miterlebt hatten, nichts vergessen, aber auch nichts daraus gelernt. Sie waren keine Nazis, aber sie hatten wie die anderen Hitler gewählt und fühlten sich doch in keiner Weise verantwortlich für das, was unter den Nationalsozialisten geschehen war. Wenn meine Mutter sich mit ihren Nachbarinnen unterhielt, jammerten sie über kurz oder lang stets über ihr ungerechtes Schicksal und beschworen die Erinnerung an die in den Wirren des Krieges verloren gegangenen geliebten Dinge herauf. Nie ein Wort des Mitleids oder Verständnisses für die anderen Völker, schon gar nicht für die Russen, denen sie alles Böse nachsagten. Berlin war erfüllt vom Dröhnen der Versorgungsflugzeuge. Es war die Zeit der Berlin-Blockade. Ich stellte keine Fragen, weder anderen noch mir selbst. Ich ging den mir vorgezeichneten Weg: 1954 wurde ich in der evangelisch-lutherischen Kirche am Hohenzollernplatz konfirmiert, doch ich war schon damals nicht gläubig; bis heute ist mir die Frage nach Gott fremd. Dabei zeigte sich zu jener Zeit die Vorsehung gnädig: Wir zogen in eine Zweizimmerwohnung, und ich hatte endlich mein eigenes Reich. Meine Freude darüber lässt sich kaum in Worte fassen. Zum ersten Mal im Leben hatte ich mit meinen Eltern eine normale Wohnung. Die Ahrweilerstraße 9 war ein reizloses Gebäude. Doch es besaß in meinen Augen eine wunderbare Eigenschaft: Es beherbergte unser Zuhause, bescherte uns eine eigene Adresse und lag, Gipfel des Glücks, in meinem Lieblingsviertel. Die Fenster unserer Wohnung gingen sowohl auf den Hof als auch auf eine wenig befahrene Straße hinaus, die von Bäumen und Häusern wie dem unseren gesäumt war. Die Wohnung hatte eine Küche und ein Badezimmer, es gab Warmwasser und Zentralheizung. In meinem Zimmer und in dem meiner Eltern stand jeweils eine Couch, die wir abends vorm Schlafengehen auszogen. Diesen unglaublichen Luxus, diesen modernen Komfort mit einer richtigen Heizung – in unseren vorherigen Wohnungen war es in sämtlichen Zimmern kalt gewesen; ich erinnere mich an den winzigen Ofen, um den wir eng zusammenrücken mussten, wenn wir es wenigstens ein klein wenig wärmer haben wollten –, diese Revolution in unserem Leben verdankten wir Tante Ella, die sehr viel cleverer war als meine Eltern. In dieser Wohnung habe ich sieben Jahre gelebt, bis ich 1960 Berlin...




