E-Book, Deutsch, Band 1, 297 Seiten
Reihe: Regency-Liebesromane
Klassen Die Lady von Milkweed Manor
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7751-7106-9
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 297 Seiten
Reihe: Regency-Liebesromane
ISBN: 978-3-7751-7106-9
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Julie Klassen arbeitete sechzehn Jahre lang als Lektorin für Belletristik. Mittlerweile hat sie zahlreiche Romane aus der Zeit von Jane Austen geschrieben, von denen mehrere den begehrten Christy Award gewannen. Abgesehen vom Schreiben, liebt Klassen das Reisen und Wandern. Mit ihrem Mann und zwei Söhnen lebt sie in Minnesota, USA. www.julieklassen.com
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Liebe, Mutter, Pfarrerskind, , Sehnsucht, Sündenvergebung
8
Die Seidenblume galt als Unkraut, schwer auszumerzen und eine Gefahr
für den übrigen Pflanzenbestand. Aber viele Leute hatten schon bald
irgendwo ein Fleckchen mit Seidenblumen eingesät … Die Franzosen
importierten sie im 19. Jahrhundert sogar in ihre Gärten.
Jack Sanders, The Secrets of Wildflowers
Daniel Taylor half seinem Vater in den Sonntagsmantel. Danach bürstete er den Mantel sorgfältig ab und strich dann Schultern und Ärmel glatt. Dabei ließ er seine Hände einen Augenblick auf den Oberarmen seines Vaters ruhen. Wann war er so mager geworden? Er fühlte das Zittern, das durch den Körper des älteren Mannes lief, und biss sich auf die Lippen. Heute war kein Tag für Vorhaltungen.
»Komm jetzt, Vater. Noch ein bisschen waschen und dann gehen wir.«
John Taylor war fünfundfünfzig Jahre alt, wirkte aber weit älter, als er jetzt zum Waschbecken humpelte und sich darüberbeugte, um sich Gesicht und Hände zu waschen.
»Spül dir auch den Mund aus.«
Sein Vater hielt kurz im Waschen inne, und tat dann, wie ihm geheißen worden war. Als er fertig war, sagte er leise: »Vielleicht sollte ich heute lieber zu Hause bleiben.«
»Aber nein, Vater. Du weißt, dass der Gottesdienst dir immer guttut.«
»Ich weiß nicht, ob ich mich heute dazu imstande fühle.«
Daniel seufzte leise. Die Versuchung, tatsächlich allein zu gehen, war groß. Er wusste ganz genau, dass die Gesellschaft seines Vaters ihm eher schadete als dabei half, eine gut gehende Praxis aufzubauen – zumindest bei den zahlungskräftigeren potenziellen Patienten. Gleichzeitig verursachte dieser Gedanke ihm sofort Schuldgefühle. Er betrachtete seinen Vater, der jetzt auf der Bettkante saß, und wurde von einer Flut von Empfindungen überschwemmt, die zu kompliziert waren, um sie auseinanderzusortieren: leichter Ekel, Mitleid, Zorn, der Drang, ihn zu beschützen, und Liebe.
»Gehen wir«, sagte Daniel leise, trat zu seinem Vater, hob sanft sein Kinn an und schaute ihm in das alternde Gesicht. Seine Augen waren müde, aber nicht blutunterlaufen. Er legte die Handfläche auf die von Falten durchzogene Stirn seines Vaters: warm, aber nicht fiebrig. Von seinem erhöhten Standpunkt aus sah er, dass das Haar seines Vaters sich zu lichten begann und ein paar widerspenstige weiße Büschel vom Kopf abstanden. Vorsichtig glättete er das Haar, so methodisch, als führe er eine wichtige ärztliche Maßnahme durch.
»So. Ein Bild der Gesundheit und Vornehmheit.«
John Taylor lächelte schwach. »Wenn es nur so wäre, mein Junge.«
»Komm jetzt, Vater, wir wollen doch nicht zu spät kommen.«
Daniel und sein Vater saßen auf der hochlehnigen Bank eines Kirchenstuhls fast genau in der Mitte des Kirchenschiffs. Diesen Logenplatz verdankten sie der Großzügigkeit von Mrs Wilkins, einer Witwe, die mit dieser noblen Geste ursprünglich die Absicht verband, ihre erwachsene Tochter mit einem viel versprechenden jungen Arzt in heiratsfähigem Alter bekannt zu machen. Die Dame war jedoch zu höflich, um ihr Angebot zurückzuziehen, als sie hörte, dass Daniel bereits verheiratet war. Es war ein naheliegendes Missverständnis gewesen angesichts der Tatsache, dass keiner der Gottesdienstbesucher Dr. Taylors Gattin jemals zu Gesicht bekommen hatte.
Als der Mann im Talar mit seiner Predigt begann, wandte sich Daniels Aufmerksamkeit, wie es ihm bei dieser Gelegenheit häufig geschah, anderen Dingen zu. Wenn man ihn gefragt hätte, hätte er ohne Weiteres zugegeben, dass er den Gottesdienst nur besuchte, weil dies von achtbaren Leuten – zumal von einem angesehenen Arzt – erwartet wurde. Seinem Geist konnten die salbungsvollen Worte des Predigers, die ewig gleichen Kirchenlieder nur wenig Nahrung bieten – geschweige denn, ihn von irgendeiner Wahrheit überzeugen. Doch er gab nicht der Kirche von England die Schuld daran. Er wusste, dass das Problem in seiner eigenen Seele lag.
Während er dasaß, seinen Vater aufmerksam lauschend neben sich, den Druck der harten, hölzernen Bank im Kreuz, versetzte der tiefe Bariton des Predigers ihn in eine andere Kirche in einer anderen Zeit zurück.
Wie lange war das nun her? Vielleicht fünf Jahre. Er war gerade von einem Besuch bei Mrs Lamb gekommen. Dr. Webb, der rechtzeitig zum Tee wieder zu Hause sein wollte, war in Eile, redete Daniel jedoch zu, ruhig zurückzubleiben und sich ein wenig Zeit für sich zu nehmen. Zweifellos spürte er, wie niedergeschlagen Daniel war. Am Morgen waren sie von einem Jungen mit verweinten Augen in eine trostlose Strohhütte gerufen worden, nur um festzustellen, dass die Großmutter des Jungen bereits tot war, und heute Nachmittag nun der deprimierende Besuch bei Mrs Lamb. Daniel war dem Älteren zutiefst dankbar; er empfand tatsächlich das dringende Bedürfnis, allein zu sein.
Auf dem Weg vom Pfarrhaus kam Daniel an der Kirche vorüber. Einem Impuls folgend betrat er den leeren, hallenden Kirchenraum. Das Alter des Baus erstaunte ihn – einige Abschnitte stammten noch aus dem zwölften Jahrhundert. Er wurde es niemals müde, den einzigartigen Schmuck des ansonsten so schlichten Gebäudes zu bewundern – den Altarbogen, die Säulen, die hohen Fenster und die in rötlichem Ocker skizzierten Fresken von Heinrich VIII. und dem heiligen Franziskus. Letzten Sonntag hatte er hier am Gottesdienst teilgenommen und einen Augenblick lang meinte er, Mr Lambs dröhnenden Bariton zu hören, der zwischen den steinernen Wänden widerhallte, als er von der erhöhten Kanzel aus seine Predigt hielt. Aber nein, der Ort war völlig still, bis auf ein Rascheln, das durch das Umblättern einer Buchseite verursacht wurde. Er wandte den Kopf und da, in einer Bank ganz hinten im Kirchenschiff, auf einem Fleckchen, das sie offenbar bewusst wegen des breiten Streifens Sonnenlichts gewählt hatte, der darauf fiel, sah er Charlotte Lamb.
»Miss Lamb.«
»Hallo, Mr Taylor. Wie geht es meiner Mutter?«
»Sie ist ein wenig schwächer als sonst, fürchte ich. Aber sie scheint guter Dinge zu sein.«
»Das ist Mutter immer. Ich wünschte nur, ihre Gesundheit wäre ebenso gut.«
Er wusste, dass es nicht seine Aufgabe war, ihr an dieser Stelle Dr. Webbs Prognose zu erläutern, und wechselte das Thema, indem er auf den schwarzen Folianten deutete, den das junge Mädchen an die Brust gepresst hielt. »Darf ich fragen, was Sie so aufmerksam lesen?«
»Nun, die Bibel, das sehen Sie doch.«
»Und lesen Sie gern in der Bibel?«
»Ja, natürlich. Sie etwa nicht?«
»Ich fürchte, ich finde manche Teile ziemlich verstaubt, aber andere mag ich sehr.«
»Welche Teile?«
»Oh, ich mag die Evangelien, die Sprüche, manche von den Psalmen Davids – vor allem die verzweifelten. Und natürlich, aber das ist geheim …«
»Geheim?«
Er spürte, wie sein Gesicht heiß wurde, und wusste, dass er errötete. »Ich meinte das Hohelied Salomos, aber das dürfte ich vor Ihnen eigentlich nicht sagen.«
»Sie haben es aber schon gesagt.«
»Verzeihen Sie mir.«
Sie wandte sich um und betrachtete die Südkapelle, dann sah sie wieder ihn an und flüsterte: »Sie haben mir ein Geheimnis gesagt, jetzt verrate ich Ihnen auch eins. Soll ich Ihnen zeigen, was ich wirklich lese?« Sie zog mehrere zusammengefaltete Seiten heraus, die in der Bibel versteckt waren. »Ich sollte eigentlich das Buch Numeri lesen, aber stattdessen lese ich diesen Brief immer wieder durch.«
»Es muss ein sehr interessanter Brief sein.«
»Auf jeden Fall interessanter als Numeri.«
»Ist es … ein Liebesbrief?«
»Ein Liebesbrief?« Sie senkte den Blick. »Nein. Ganz und gar nicht.«
»Aber Sie … bekommen doch … manchmal Liebesbriefe?«
»Nein. Noch nie.«
»Das bedaure ich.«
»Warum denn? Ich bin schließlich erst fünfzehn.«
»Ganz recht. Dergleichen sollte warten, bis Sie mindestens …«
»Sechzehn sind.«
»Einverstanden.«
»Dies hier ist nur ein Brief von meiner lieben Tante. Ich soll den August bei ihr verbringen und ich freue mich schon so sehr darauf. Sie schreibt, was wir tun werden und wen wir wahrscheinlich sehen werden … ich lese ihn immer wieder und die ganze Zeit tue ich so, als gehorchte ich meinem Vater und läse dies. Halten Sie mich deshalb für sehr schlecht?«
»Niemals, Miss Lamb.«
»Vater würde mich für schlecht halten. Er sagt, wenn wir uns alle bemühen, richtig gute Menschen zu sein, und ganz viel beten, wird es Mutter wieder besser gehen. Glauben Sie, das stimmt?«
»Das ist mit Sicherheit nicht fair.«
»Fair?«
»Dass Ihr Vater Ihnen eine solche Verantwortung auflädt. Verzeihen Sie, ich möchte nicht respektlos sein, aber glauben Sie wirklich, dass Gott so ist? Dass er uns die, die wir lieben, bewahrt, wenn wir die Dinge tun, die wir tun sollten, aber Unglück über uns und über die bringt, die wir lieben, wenn wir unsere Pflichten vernachlässigen?«
»Ich habe das Gefühl, dass Sie vielleicht öfter im Alten Testament lesen sollten.«
»Vielleicht haben Sie recht. Ich ziehe jedoch das Neue vor.«
»Bis auf die Sprüche und die verzweifelten Psalmen?«
Er lächelte. »Und jenes andere Buch, das hier nicht mehr genannt werden soll.«
Plötzlich wurde Daniel bewusst, dass die Gemeinde stand. Rasch erhob er sich ebenfalls, froh, von der harten Bank aufstehen zu können. Er spürte, wie er in der Erinnerung lächelte – ein etwas unangebrachtes Lächeln angesichts der ernsten Segensworte, die der Pfarrer gerade sprach.
In dieser Nacht träumte Charlotte, dass Dr. Webb wieder einmal dem Herzschlag ihrer Mutter lauschte. Wie in ihrer Erinnerung...




