E-Book, Deutsch, 212 Seiten
Kleinert Operation Lazarus
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-945216-42-2
Verlag: Thurm Wissenschaftsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 212 Seiten
ISBN: 978-3-945216-42-2
Verlag: Thurm Wissenschaftsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Drei spannende Kurzgeschichten über den Mut, der Menschen über sich hinauswachsen lässt. OPERATION LAZARUS: Paul und Bianca erkennen, dass sie Teil eines monströsen Projekts sind. DER SAMOANER: Ein Mann fühlt sich im Berlin der Kaiserzeit zurückversetzt in die Steinzeit. ZWISCHEN ZWEI WELTEN: Der Kampf zweier Menschen um ihre Liebe im geteilten Berlin.
Horst Kleinert, promovierter Wirtschaftswissenschaftler, lebt als Autor in Berlin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
OPERATION LAZARUS Jesus aber sprach: Lazarus, komm
heraus aus deinem Grab! Und der
Verstorbene kam heraus und ging
davon. Johannes 11, 1-45 I Als der Kerl meine Autowerkstatt betrat, sah ich sofort, dass es einer dieser üblen Burschen war, mit denen es immer Ärger gibt. Große Klappe und auf Krawall gebürstet. Ich kannte diese Typen. In zwei Jahren Knast hatte ich gelernt, die Angeber von den wirklich gefährlichen Jungs zu unterscheiden. Der, der jetzt vor mir stand, gehörte mit seinen gegelten Haaren, dem Pferdeschwänzchen und dem dümmlicharroganten Gesichtsausdruck zu den Blendern. Notgedrungen beendete ich meine Frühstückspause. Auf meinem Laptop hatte ich mir gerade einen Bericht über die Krönung von Prinz Charles zum König von England angesehen. Was für eine Show! Ich klappte den PC zu, blickte den Besucher an und fragte, was ich für ihn tun könne. „Marco würde gern deine Hilfe in Anspruch nehmen, Chef“, sagte er und ließ dabei sein goldenes Dunhill-Feuerzeug auf- und zuschnappen. „Schön. Und wer soll dieser Marco sein?“ Natürlich wusste ich, wer Marco war. Er hatte mich damals im Duschraum von Block sieben vor einer Attacke der Zwillinge bewahrt, eines Pärchens, das immer auf der Suche nach Frischfleisch war, wie man in Tegel zu sagen pflegt. Ich hätte keine Chance gehabt. Ich bin zwar nicht gerade klein, aber eher ein Leichtgewicht. Wir wurden sogar so etwas wie Buddies. Ich aus Dankbarkeit, er wohl eher aus Berechnung. Im Knast muss jede Gefälligkeit früher oder später bezahlt werden, und Marco gefiel es, wenn jemand in seiner Schuld stand. Das war drei Jahre her. Kurz danach wurde ich auf Bewährung entlassen; Marco hatte noch zwei Jahre mehr abzusitzen. Er war einer von den gefährlichen Jungs. Bewaffneter Raubüberfall, sieben Jahre. Es machte keinen Sinn, weiter den Ahnungslosen zu spielen. „Meinen Sie Marco, den Kroaten? Ist der frei?“ Ich bemühte mich, höflich zu sein. „Ja, du Schlauberger. Sonst wäre ich ja nicht hier.“ Marco wusste, dass ich ein exzellenter Autofahrer bin, denn mir war es gelungen, die Polizei vor meiner Verhaftung bei der Verfolgungsjagd quer durch Brandenburg abzuschütteln. Erst vor Dessau musste ich aufgeben; mein Tank war leer. Obwohl ich lediglich ein Kurier war, und das nur einmal, bekam ich drei Jahre aufgebrummt. Das Gericht nahm mir nicht ab, dass ich mit der Tat selbst, Anabolikaschmuggel im großen Stil, nichts zu tun hatte. Nach zwei Jahren wurde ich vorzeitig entlassen – mit der Auflage, mich jede Woche bei Stefan Kling, meinem Bewährungshelfer, zu melden. Stefan war ungefähr in meinem Alter, und ich verstand mich mit ihm auf Anhieb gut. Er vertraute mir und räumte für mich so manchen bürokratischen Stein aus dem Weg. Auch nachdem meine Bewährungszeit abgelaufen war, blieb Stefan mir freundschaftlich verbunden. Sicher nicht nur, weil ich seinen Oldtimer, er fuhr eine dreißig Jahre alte Corvette, immer wieder zum Laufen bringen konnte. Ich ahnte, was Marco von mir wollte. Er brauchte für irgendeinen Coup einen zuverlässigen Fahrer. Der Kerl nahm das gerahmte Bild, das auf meinem Schreibtisch stand, in seine Hände und lächelte. Es war ein Foto von unserem Campingurlaub im letzten Jahr auf Rügen. Mein Lieblingsbild. Steffi, meine Tochter, sah darauf aus wie ein blondgelockter Engel. Und Bianca wie ihre große Schwester. Zierlich und sanft. Dabei war sie von uns beiden die Taffere. „Hübsch, deine Frau. Wie alt ist das Mädchen, acht?“ „Sieben“, sagte ich. Im selben Moment ärgerte ich mich, dass ich ihm spontan geantwortet hatte. Bianca und Steffi waren für mich das Wichtigste in meinem Leben. Meine Frau hatte dem Druck ihrer Eltern widerstanden, sich von mir scheiden zu lassen, als ich verurteilt worden war. Für ihren Vater, einem hohen Tier im Wirtschaftsministerium, war es unerträglich, seine Tochter mit einem Kriminellen verheiratet zu sehen. Seitdem herrschte Funkstille zwischen Bianca und ihren Eltern. Bis heute verstehe ich es selbst nicht, wie ich mich dazu hinreißen lassen konnte, den Fahrer für die Anabolikamafia zu spielen. Manchmal konnte ich ziemlich naiv sein, und Nein zu sagen, fiel mir schon immer schwer. Natürlich hatte ich auch dringend Geld gebraucht. Als es mit der letzten Welle der Coronapandemie losging, verlor ich meinen Job als Fuhrparkleiter einer Messegesellschaft. Danach fuhr ich eine Zeitlang Taxe, aber das brachte wenig ein. Ich wollte nicht, dass unsere junge Familie – Steffi war noch ein Baby – allein von Biancas schmalem Gehalt als Chemielobarantin leben musste, und so war ich in die Sache reingerutscht. Bianca hatte davon nichts gewusst und fiel aus allen Wolken. Dass sie dennoch zu mir gehalten hat, rettete mein Leben. Ich glaube, ich wäre sonst endgültig unter die Räder gekommen. „Sei heute abend um sieben im Belmont. Ich rate dir, Marco nicht warten zu lassen“, sagte der Kerl, stellte das Foto zurück und verschwand. Mir war klar, dass ich das Treffen besser nicht platzen lassen sollte. Das Belmont ist ein sündhaft teures Restaurant in der Berliner City; Promis aus Kultur, Wirtschaft und Politik gehen dort ein und aus. Nicht gerade ein Treffpunkt für ehemalige Knastis, dachte ich. Ich fuhr nach Hause, um meine ölbeschmierten Werkstattklamotten loszuwerden, und war froh, dass Bianca heute länger arbeiten wollte. Auf diese Weise entging ich unangenehmen Fragen. Im Belmont herrschte Hochbetrieb. Marco saß an einem kleinen Tisch und genoss den Rest von seinem Cordon bleu, der Spezialität des Lokals. Er wischte sich mit der Serviette den Mund ab und blickte mich lächelnd an. „Schön, dich zu sehen. Paul. Du hast etwas zugenommen. Steht dir gut.“ „Danke Marco“, sagte ich in einem Ton, der reserviert klingen sollte. Ich setzte mich zu ihm und ließ mir vom Ober ein Bier bringen. Marco trug einen dunklen Anzug mit Krawatte. Er hatte wohl zu viele Travolta-Filme gesehen und mimte jetzt den Edelgangster „Du solltest auch das Cordon bleu bestellen, Paul. Es ist exzellent. Ich esse es hier jeden Freitag.“ Dieser Angeber. Dabei konnte er noch nicht einmal richtig mit Messer und Gabel umgehen. „Meine Preisklasse sind eher Currywürste. Dass meine Werkstatt keine Goldgrube ist, hast du ja sicher schon herausgefunden.“ „Genau darüber möchte ich mit dir sprechen, Paul.“ Marco kostete seinen Rotwein und blickte das Glas mit Kennermine wohlgefällig an. „Komm zur Sache, Marco. Was willst du von mir?“ „Was ich von dir will? Nun, du weißt, dass du deinem alten Kumpel noch einen Gefallen schuldest. Deine Aufgabe ist einfach. Ich will es kurz machen: Wir stellen dir ab und zu eine Limousine in die Werkstatt, du spritzt sie um, montierst neue Kennzeichen, und dann fährst du das Auto nach Frankfurt. Frankfurt an der Oder. Dort parkst du es in der Tiefgarage am Rathausplatz. Das ist alles.“ Marco war anzumerken, dass er keinen Widerspruch duldete. Für jeden Wagen würde ich eintausend Euro und für die Überführung noch einmal tausend bekommen. Eigentlich nicht schlecht für einen Tag Arbeit und eine Spazierfahrt nach Frankfurt, insbesondere wenn man sich wie ich von Monat zu Monat finanziell durchhangeln musste. Die Hinterhofwerkstatt hatte ich nach meiner Entlassung sehr günstig angeboten bekommen und sofort zugegriffen. Bianca war damit einverstanden, und Stefan Kling hatte dafür gesorgt, dass ich einen Gründungskredit bekam. Ohne seinen guten Bekannten, der bei einer Bank arbeitete, hätte das niemals geklappt. Gott sei Dank hatte ich das Darlehen tilgen können. Knapp bei Kasse war ich aber immer noch. Doch mit Autoschieberei wollte ich nichts zu tun haben; die zwei Jahre in der Zelle hatten mir gereicht. Bevor ich ablehnen konnte, sagte Marco etwas, was mir einen Stich versetzte: „Auch deine Frau würde sich sicher über ein wenig mehr Geld in eurer Haushaltskasse freuen. Töchter sind heutzutage teuer.“ Marco wusste wahrscheinlich gar nicht, wie recht er damit hatte. Steffi litt seit ihrer Geburt an Asthma, das wir statt mit Kortison jetzt mit Mitteln der alternativen Medizin zu bekämpfen versuchten. Die Therapie schien zu wirken – die Schübe wurden seltener –, verschlang aber jeden Monat einen dreistelligen Betrag. Marcos Bemerkung klang in meinen Ohren wie eine Drohung und in mir stieg Panik hoch. Ich musste unbedingt meine Familie schützen. Und so beging ich den Fehler, ihm nicht sofort abzusagen. Was hätte er denn schon machen können? Etwa Bianca oder Steffi etwas antun? So dumm wäre Marco sicher nicht. Er würde sich einfach einen anderen Komplizen suchen und mir schlimmstenfalls eine Abreibung verpassen lassen. Aber das ging mir erst hinterher durch den Kopf. Ich befand mich in einer Zwickmühle. Willigte ich ein, könnte mir wieder der Knast blühen. Weigerte ich mich, würde er meine Familie bedrohen. Wie sollte ich da aus der Geschichte herauskommen? Marco nahm wieder einen Schluck aus seinem...




