E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Kloeble Durch das Raue zu den Sternen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-608-12459-0
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-608-12459-0
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christopher Kloeble ist ein vielfach ausgezeichneter Autor von vier Romanen, die in zehn Sprachen übersetzt worden. Er verfasst auch Drehbücher und war Gastprofessor in Cambridge, Hongkong sowie an diversen Universitäten in den USA. Sein letzter Roman, »Das Museum der Welt«, erschien 2020 bei dtv. In den 1980-90er Jahren sang er in einem Knabenchor.
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Die ganze Welt wird immer besser
Ich heiße Arkadia Fink, meine Augenfarbe ist grau und ich wurde am 1. Januar 1979 geboren. Das steht jedenfalls in meinem Perso. Aber die meisten Leute nennen mich Moll, meine Augenfarbe ist manchmal auch blau und ich wurde erst richtig geboren, als meine Mutter kurz weggegangen ist.
Das ist jetzt acht Monate, drei Wochen und sechs Tage her. Es macht mir nichts aus, ich komme gut ohne sie klar und schlafe tief. So tief, als würde sie mich jeden Abend in den Schlaf singen. (Ja, ich bin dreizehn und lasse mich noch von meiner Mutter in den Schlaf singen. Wer das komisch findet, hat bestimmt keine Mutter, die ihn in den Schlaf singt.) Meine absolute innere Ruhe kommt daher, dass ich nicht daran denke, was passiert ist. Ich bin sehr beliebt im Dorf und habe eine Menge Freunde. Sie wollen dauernd meine Stimme hören. Eines Tages werde ich zu den überragenden Persönlichkeiten der Musikgeschichte zählen. Das wissen die nicht, aber irgendwie wissen sie es doch. Sobald ich singe, haben alle Tränen in den Augen. Selbst die Jungs mit den geschwollenen Kehlköpfen. Es stimmt nicht, dass sie mich neulich gezwungen haben, das Kleid meiner Mutter auszuziehen, was ich am liebsten trage, und fast nackt über die Hauptstraße zu rennen und dabei die Bayernhymne zu singen. Das ist nur eine Geschichte, über die ich selbst gut lachen kann, weil sie unrealistisch ist.
Mein Vater kommt mit der Abwesenheit meiner Mutter nicht so gut klar wie ich. Das weiß ich, weil ich ihn gefragt habe, wie er damit klarkommt, und er hat geantwortet: »Gut.« Mein Vater sagt dauernd, ich darf ruhig traurig sein. Damit will er sagen, dass ich traurig sein soll. Er sieht mich dann an, als würde ich ihn enttäuschen, weil ich nicht flenne. Er geht zum Weinen in seine Schreinerei. Wenn er die Kreissäge anschmeißt, zerteilt er nicht Holz, sondern sein Schluchzen. Ich habe das heimlich durch eines der vielen staubigen Fenster beobachtet. Das Weinen ist wie eine Krankheit, es überfällt ihn in Schüben. Am meisten weint er mit seinen Händen. Das Zittern kann so stark werden, dass er seine Gabel, den Hammer oder die Zahnbürste weglegen und die Hände in seine Hosentaschen stecken muss, damit sie sich beruhigen. Er hat seit acht Monaten, drei Wochen und sechs Tagen nichts mehr geschreinert. Ich weiß nicht, wie lange unser Gespartes reichen wird. Für den Klingelbeutel nimmt er sonntags nur noch Münzen mit, und auf der Kommode in unserem Flur stapeln sich Rechnungen. Aber wenn ich meinen Vater frage, ob wir Geld brauchen, sagt er: »Nein.«
Dass er nicht mehr schreinert, ist besonders schlimm für seine Hände. Sie sind für Holz gemacht. Und ich glaube auch, dass Holz für seine Hände gemacht ist. Er hat unser Haus gebaut und die meisten Möbel darin. Natürlich hatte er dabei Hilfe, doch es gibt kein Teil, über das er nicht mitentschieden hat. Wenn er Holz prüft, sieht er nicht nur mit den Augen genau hin, er lässt auch seine Hände darübergleiten. Das Holz spricht zu ihm, wie eine Melodie zu mir spricht. Sitzen wir beim Abendbrot in der Stube, schimmern die Narben auf seinen Händen im Licht der Deckenlampe. Sein Blut ist in dem Holz um uns herum. Ich frage mich, ob er Holz so sehr mag, dass ihm die Verletzungen nichts ausmachen, oder ob er das Holz wegen der Verletzungen mag.
Wie auch immer, mein Vater ist zurzeit jedenfalls nicht richtig mein Vater. Selbst wenn wir wüssten, wo meine Mutter ist, könnte er sie nicht zurückholen. Sie würde ihn wahrscheinlich fragen: Wer bist du denn? Und er würde antworten: Ich weiß es nicht, wenn du nicht da bist. Und dann würde sie sagen: Ich kann erst wieder da sein, wenn du wieder du bist. Und dann würde er wahrscheinlich weinen.
Wenigstens ist meine beste Freundin immer noch sie selbst. Sie heißt Bernhardina. (Ihre Eltern hielten das für eine gute Idee.) Früher war sie Musiklehrerin in Namibia oder, wie sie das nennt, im guten, alten Südwestafrika. Heute lebt sie im SENIORENDOMIZIL PHOENIX. (Ihre Kinder hielten das für eine gute Idee.) Meine Mutter und ich haben Bernhardina bei einem Konzert im Kurhaus von Bad Loss kennengelernt. Sie bezeichnet Bernhardina als ihre Apothekerin, denn bei ihr kauft meine Mutter ihre Medizin. Manchmal begleite ich sie dabei. Nachdem sie Geld gegen Tabletten getauscht haben, trinken sie immer eine Kanne Kaffee und unterhalten sich darüber, wie unmusikalisch viele Menschen sind. Meine Mutter sagt, sie ist so dankbar, dass es Bernhardina gibt. Sie teilt ihre Medikamente mit meiner Mutter, weil der einzige Arzt in unserem Landkreis ihr kein solches Rezept geben will. Er behauptet, sie sei nicht krank. Meine Mutter sagt aber, die Medizin rette ihr das Leben. Ich weiß nicht, ob sie ohne die Tabletten wirklich sterben würde, aber es stimmt, dass sie ihr helfen. Wenn die Luft an einem rauen Februartag schwer über dem Dorf hängt, liegt meine Mutter nur im Bett, riecht nach Stall und kann stundenlang nicht aufstehen. Doch sobald sie ihre Medizin schluckt, spielt sie nachts Chopin, bis unsere Nachbarn damit drohen, die Polizei zu rufen, weil sie so viel Schönheit nicht ertragen können.
Ich muss Bernhardina jeden Tag um achtzehn Uhr anrufen. Sie will nicht erst nach Wochen tot in ihrem Zimmer aufgefunden werden, sagt sie. Es kommen doch ständig Pfleger vorbei, sage ich. »Die behandeln mich«, antwortet sie dann, »als wäre ich schon tot. Wie sollen die den Unterschied kennen?«
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass sie Gesellschaft braucht – wie die alten Männer bei den Gemeindeversammlungen, zu denen ich immer gehe, um über alle Neuigkeiten im Dorf informiert zu sein (die Versammlungen sind sehr kurz). Diese Männer melden sich zu Beginn jeder Fragerunde und sagen: Ich habe keine Fragen, bloß einen langen Kommentar, der ganz viel mit mir zu tun hat und niemanden von euch wirklich interessiert, aber was könnt ihr schon tun, ich habe bereits angefangen zu reden, und wenn ich erstmal in Schwung gerate, hält mich keiner so schnell auf, und es fühlt sich richtig gut an, gehört zu werden, heutzutage wollen ja alle nur noch reden und niemand will mehr zuhören, das war früher so viel besser, da mussten alle still sein, wenn ich etwas zu sagen hatte, und was schon immer so war, hat seine Richtigkeit, sonst wäre es ja nicht schon immer so gewesen, darum kapier ich auch nicht, warum es Moll stört, wenn ich sie in die Wange kneife und sie ein fesches Weibsbild nenne, das ist doch ein Kompliment, es ist total hysterisch, dass sie mich deshalb angeschrien hat, da war es doch nur logisch, sie zu watschen, denn so behandelt man alte Menschen nicht, die so viel für dieses Land getan haben, und natürlich verwende ich diese Worte nicht, wenn ich bei der Gemeindeversammlung etwas nicht-frage, diese Worte sind von Moll, aber für alle, die gut hinhören, sage ich genau das.
Bernhardina redet nicht viel. Wenn ich sie anrufe und sie den Hörer abnimmt, sagt sie normalerweise: »Wird auch Zeit.« Manchmal sagt sie auch: »Hölle hier.« Und frage ich sie dann, wie es ihr geht, sagt sie: »Lebe noch.«
Es kommt so gut wie nie vor, dass ich vergesse, mich bei ihr zu melden. Ich habe einen perfekten inneren Takt. Zu jeder Tageszeit weiß ich, wie viel Uhr es ist. Nur Musik kann dazwischenkommen. Höre ich die 9. Sinfonie bei voller Lautstärke, sodass die Grünlilie vor der Stereoanlage mitzittert und ich ein bisschen schwebe, verhält sich die Zeit unzuverlässig, macht Sprünge und rennt mir davon. Da kann es vorkommen, dass Bernhardina mich später anruft und mir vorhält, wie mühsam es war, all die Zahlen ins Telefon zu drücken, und dass sie längst im Verwesungsstadium sein könnte.
Bei jedem unserer Gespräche verlangt sie, dass ich ihr etwas erzähle. Ich muss das sehr laut machen. Bernhardina hört nicht mehr gut. Gleichzeitig ist kaum jemand so gut im Zuhören wie sie. Meine Mutter sagt immer, es gibt einen Grund dafür, dass wir zwei Ohren und nur einen Mund haben. (Das Zitat hat sie einem alten Griechen geklaut.) Vielleicht hört Bernhardina so gut zu, weil ihre Ohren nicht mehr so gut funktionieren. Ich erzähle ihr, dass ich Schweinebraten mit Semmelknödeln gegessen und nicht von meiner Mutter geträumt habe und dass mein Vater wenig weint. Sie hört raus, dass ich fertigen Kuchenboden aus dem Supermarkt gegessen und von den Händen meiner Mutter auf Klaviertasten geträumt habe und dass mein Vater zu viel weint. Bernhardina verlangt dann, dass wir zusammen hören. Sie liebt Mozart. Das liegt daran, sagt sie, dass er sie daran erinnert, warum sie Musiklehrerin geworden ist. Sie wollte Kindern beibringen, dass Musik die größte unerforschte Kraft der Welt ist. Jeder kennt und fast jeder hört Musik und trotzdem weiß so gut wie niemand, wie sie funktioniert. Die meisten Menschen können nicht einmal Noten lesen. Das ist so, als würden wir alle am Meer leben und nicht schwimmen können. Bernhardina hat Generationen von Kindern in Musik unterrichtet. Mozart war immer bei ihr. Einmal, als sie ein paar Kirschlikörpralinen zu viel genascht hatte, hat sie mir erzählt, dass sie an vielen Abenden in Swakopmund dort saß, wo die Wüste direkt ins Meer übergeht, und die kleine Nachtmusik auf ihrem Walkman hörte. Dann war die Welt in perfekter Harmonie, sagte sie.
Ich war noch nie in Namibia und liebe Mozart nicht, aber ich weiß, was sie meint. Wenn ich beim Hören mit ihr die Wahl habe, entscheide ich mich meistens für die größte Tondichterin aller Zeiten. Wir sind beide Fans. (Auch wenn Bernhardina noch immer darauf besteht, dass Beethoven ein Mann war.) Bernhardina sagt, die Musik gibt ihr das Gefühl, dass ihr Körper funktioniert. Als ich sie einmal besucht habe, hat sie getanzt....




