E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Reihe: Elfenblüte
Knoll Nachtschwarz (Elfenblüte, Spin-off)
1. Auflage, Digital Original 2016
ISBN: 978-3-646-60195-4
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Reihe: Elfenblüte
ISBN: 978-3-646-60195-4
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Julia Kathrin Knoll ist im Großraum München geboren und aufgewachsen. Sie hat in Regensburg Germanistik, Italianistik und Pädagogik studiert und arbeitet heute als freiberufliche Museumspädagogin. Mit dem Schreiben begann sie schon mit dreizehn Jahren, am liebsten mag sie Fantasy und Historisches. »Elfenblüte« ist ihr Debütroman.
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL 1
EIN WIEDERSEHEN
London, 1815
Das Wasser war schwarz und eiskalt. Unbarmherzig peitschten ihm die Wellen ins Gesicht, Salz brannte in seinen Augen und auf der Zunge. Verzweifelt versuchte er, gegen den Sog der Tiefe anzukämpfen, doch er spürte bereits, wie die Kälte jedes Quantum Kraft aus seinem Körper saugte, die Muskeln lähmte und sein Bewusstsein der Finsternis entgegentrieb.
Schäumende Gischt schlug über ihm zusammen, presste ihm den Atem aus den Lungen und zog ihn mit grausamer Gewalt unter Wasser. Silbrige Bläschen tanzten über ihm empor, dann wurden seine Augen blind, er vermochte nicht mehr zu sagen, wo der Ozean endete und der Himmel begann. Schmerzhaft krampften seine Lungen sich zusammen, schrien nach Sauerstoff und atmeten doch nur Wasser – salziges, eiskaltes Wasser, das ihn in einer tödlichen Umarmung empfing, ihn langsam erstickte und seine Gedanken für immer auszulöschen drohte …
Lord Shawn Dunsney, jüngster Sohn des Marquess of Haysburry, schlug mit einem keuchenden Schrei die Augen auf. Nur widerwillig zogen sich die Klauen des Albtraums zurück und es dauerte einen schauderhaften Moment lang, bis die tödliche Unterwasserwelt, emporgeschwappt aus den Tiefen seiner Erinnerungen, sich wandelte in die sichere Umgebung seines vertrauten Schlafzimmers.
Luft bekam er jedoch noch immer nicht und ein heftiger Hustenkrampf schüttelte ihn wild. Ächzend krümmte er sich unter der Bettdecke zusammen und presste die Lippen angstvoll gegen das Kissen, aus Furcht, man könnte ihn hören. Verdammte Erkältung! Würde er sich denn nie davon erholen?
Als der Anfall endlich vorüberging, ließ er sich – gierig nach Luft schnappend, mit wild klopfendem Herzen und brennendem Schweiß auf der Stirn in sein Kissen zurücksinken. Die kunstvollen Eichenholzschnitzereien an der Decke, angeblich noch aus dem 16. Jahrhundert, verschwammen sekundenlang vor seinen Augen.
Doch verbissen kämpfte Shawn sowohl gegen die Schwäche als auch gegen den Husten an und war noch damit beschäftigt, als sich die Tapetentür neben dem Bett öffnete und Francis mit dem Frühstück eintrat.
»Guten Morgen, my Lord.« Der alte Kammerdiener neigte respektvoll das Haupt, stellte das Silbertablett mit duftendem Gebäck und einer dampfenden Teetasse auf dem Tisch ab und öffnete schwungvoll die schweren Brokatvorhänge, um das goldene Sonnenlicht hereinzulassen.
Shawn blinzelte gegen die Helligkeit, presste die Hand vor die Stirn, um seine Benommenheit zu vertreiben, und richtete sich, als Francis sich umdrehte, hastig im Bett auf, eine Munterkeit vortäuschend, die er ganz und gar nicht empfand.
»Wie fühlen Sie sich heute Morgen, mein Lord?«, erkundigte sich der Kammerdiener scheinbar beiläufig, doch mit einem Ausdruck von Sorge in den Augen, der Shawn gerührt hätte, wäre er nicht so eifrig darum bemüht gewesen, seinen desolaten Zustand zu verbergen.
»Besser«, log er und zwang seine ausgetrockneten Lippen zu einem faden Lächeln, während er sich fahrig das schweißverklebte Haar aus der Stirn strich. »Viel besser.«
»Soll ich einen Arzt rufen lassen?«, entgegnete Francis mit hochgezogenen Brauen, als hätte Shawn exakt das Gegenteil behauptet.
»Nein.« Diesmal war das Lächeln fast echt. »Es geht mir gut. Ich glaube sogar, das Fieber ist gesunken.«
»Das freut mich zu hören.« Der Kammerdiener verneigte sich behutsam.
Shawn fühlte eine Woge von Erleichterung in seinem Inneren aufsteigen. Bloß keinen Arzt! Er hatte keine Lust, sich in irgendein grässliches Sanatorium schicken zu lassen oder zur Kur nach Bath, zusammen mit scheußlich langweiligen, alten Damen und schwindsüchtigen Jungfrauen. Es war eine Erkältung. Nur eine dumme, kleine Erkältung, hartnäckig und lästig, aber nichts weiter. Er würde sich nicht den Sommer davon verderben lassen!
»Und Ihren Besucher wird es gewiss auch freuen«, bemerkte Francis, an seine Worte von vorhin anknüpfend.
»Besucher?« Shawn schlüpfte vorsichtig aus dem Bett, ließ sich von Francis in den Morgenmantel helfen und wandte sich dankbar der zierlichen Teetasse zu, das Gebäck bewusst ignorierend. Er hatte keinen Appetit, aber die Wärme der Flüssigkeit tat ihm gut, streichelte seine wunde Kehle und vertrieb den metallischen Geschmack von Blut auf der Zunge. Woher das Blut kam, wusste er nicht. Er wollte es auch lieber gar nicht wissen.
»Ja, ein junger Gentleman, Offizier der Kavallerie, so wie es aussieht.« Francis' Tonfall drückte äußerste Missbilligung aus und die Tatsache, dass er den Namen des Gentlemans nicht in den Mund nehmen wollte, konnte eigentlich nur eines bedeuten:
»Morgan!« Der Ausruf entschlüpfte Shawn, bevor er es verhindern konnte. Morgan war zurückgekehrt!
Mit einem Mal in höchster Aufregung stellte er klappernd die Teetasse ab. Womöglich würde das doch kein so langweiliger Sommer werden …
»Wieso hast du das nicht gleich gesagt?«, schnurrte er, von einer jähen Eile erfasst, beinahe als drängte es ihn zu einem Rendezvous.
Der Kammerdiener überging diese unangemessene Reaktion geflissentlich, zog stattdessen erneut die Brauen hoch und bemerkte kühl: »Er wartet im Salon auf Sie, my Lord. Soll ich Ihnen einen Anzug bereitlegen?«
»Natürlich!« Shawn hastete ins Ankleidezimmer. »Aber beeil dich, bitte!«
***
Ungeduldig spielte Morgan mit dem Degengriff an seiner Seite, während er wartete. Dabei richtete er den Blick auf das Porträt des alten Marquess of Haysburry an der gegenüberliegenden Wand und studierte es eingehend – nur um nicht das Bild von dessen Frau ansehen zu müssen, das direkt daneben hing. Ja, sie war eine ausnehmende Schönheit gewesen und Shawn war seiner Mutter geradezu aus dem Gesicht geschnitten, wie sich Morgan sehr wohl erinnerte. Das jedoch war nicht die Erinnerung, die er verzweifelt zu meiden suchte.
Shawns Mutter war Irin gewesen, mit den Zügen einer Fee, den dunklen Augen eines Raubtiers und dem leuchtend roten Haar einer Zauberin. Selbst auf dem Bild sah sie märchenhaft aus, sogar für jemanden wie Morgan, der an Wunder mehr als nur gewöhnt war.
Doch sie erinnerte ihn mit so schmerzhafter Heftigkeit an Sarah, dass er den Anblick kaum ertragen konnte.
Das war die Erinnerung, vor der er sich so sehr fürchtete.
Er hätte einfach nicht zurück nach England gehen sollen. Alles hier erinnerte ihn an sie. Eigentlich hätte er dieses Land hassen müssen, doch das Gegenteil war der Fall: Er schaffte es nie, lange zu bleiben – aber er schaffte es auch nie, lange fortzubleiben. Ein paar Monate, manchmal sogar einige Jahre, dann zog es ihn unweigerlich wieder hierher zurück. Zurück zu dem Ort, an dem er geboren war, zurück zu dem Ort, der ihn einst glauben ließ ein Mensch zu sein.
Schlurfende Schritte kündigten die Ankunft des Kammerdieners an, bevor die Melancholie in Morgans Innerem zu quälend werden konnte.
»Sir, Lord Dunsney erwartet Sie nun«, teilte Francis ihm mit kühlem Blick und frostiger Miene mit.
Morgan wusste, was er dachte. Ein dahergelaufener Soldat mit zweifelhafter Abstammung und dem finsteren Aussehen eines Raubritters war wohl kaum der richtige Umgang für einen jungen Adeligen wie Shawn. Dummerweise schien Lord Shawn Dunsney gerade wegen Morgans unkonventioneller Art einen Narren an ihm gefressen zu haben.
Morgan unterdrückte ein selbstgefälliges Grinsen.
»Wollen Sie nicht Ihren Mantel ablegen?«, fragte der Diener prompt. »Oder wenigstens den Degen?«
Da reichte ihm Morgan großzügig den schlammbespritzten Umhang, den Degen jedoch behielt er. Er passte einfach zu gut zu der Uniform …
Francis' linke Augenbraue rutschte ein beeindruckendes Stück nach oben, Morgan jedoch ignorierte es und trat an dem Kammerdiener vorbei die Treppe hinauf, um sich selbst in Shawns Privaträume einzulassen.
Der Junge zeigte keinerlei Überraschung über dieses ungehörige Benehmen. Mit leuchtenden Augen sprang er von seinem Sessel auf, als Morgan durch die Tür schlüpfte.
Der Döckalfar nutzte die wenigen Sekunden, die Shawn brauchte, um den Raum zu durchqueren, und musterte den Jungen verstohlen. Unmerklich schreckte er zusammen, als ihm klar wurde, wie sehr sich der Freund während der letzten Monate, die sie einander nicht gesehen hatten, verändert hatte. Natürlich: Shawns Erscheinungsbild war noch immer so tadellos, als hätte man ihn soeben erst in Stein gemeißelt. Das kastanienbraune Haar war, der aktuellen Mode entsprechend, in leichte Wellen gelegt. Eine davon fiel, kecke Nachlässigkeit vortäuschend, verwegen in die alabasterfarbene Stirn. Sein Rock war aus edelstem Tuch gefertigt und von jener schlichten, sonderbar unaufdringlichen Eleganz, wie sie in letzter Zeit nur noch der ehrwürdigste Adel Londons besaß. Kein Stäubchen verunzierte den dunklen Stoff, keine Falte trübte den matten Seidenschimmer des blütenweißen Hemdes.
Trotzdem konnten jene nach Perfektion strebenden Äußerlichkeiten nicht über die Spuren von Erschöpfung hinwegtäuschen, die das Gesicht des Jungen zeichneten. Die nobel geschwungenen Wangenknochen traten stärker hervor, als Morgan es in Erinnerung hatte, die sinnlichen Lippen, erschaffen, um jungen Damen den Verstand zu rauben, waren blutleer und rissig vom Fieber. Unter den schönen Augen, grün wie die Hügel an Irlands Küsten, lagen tiefe, dunkle Schatten.
Und doch war der Junge noch immer der attraktivste Sterbliche, den Morgan je gesehen hatte.
»Morgan, mein Freund!« Kurz hielt Shawn abwägend inne, die...




