E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Koch Anton und ich
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-5394-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Tierschutzreise, die ans Herz geht
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-8192-5394-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Koch, Jahrgang 1958, ist seit vielen Jahren als ehrenamtlicher Helfer im Tierschutz tätig und lebt in der Nähe von Bonn. Dies ist sein zweites Buch.
Autoren/Hrsg.
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Das alte Zuhause
Ich habe seit meinem 20. Lebensjahr in Bonn gewohnt, bin dort mindestens fünfzehnmal umgezogen und habe dabei so manchen, wenn auch nicht jeden Stadtteil kennengelernt. Die Gründe für diese Umzüge waren unterschiedliche, aber die meisten würden ein eigenes Buch füllen, das allerdings höchstens einige auf Misophonie spezialisierte Psychologen interessieren dürfte.
Meine letzte Station war die Bonner Südstadt, in der ich die für meine Verhältnisse unfassbar lange Zeit von 10 Jahren gewohnt habe. Die Bonner Südstadt ist nicht nur der schönste, sondern auch der elitärste und teuerste Stadtteil von Bonn. Dort eine Wohnung zu bekommen, ist selbst für finanziell sehr gut gestellte Personen ein absoluter Glücksfall. Ich war finanziell recht gut gestellt und hatte sehr großes Glück. Und so fand ich 2007 eine schöne, geräumige, sehr gut geschnittene und bezahlbare Wohnung im zweiten Stock eines malerischen Gründerzeithauses in der Goethestraße. Es gibt zweifellos noch schönere Straßen als die Goethestraße, doch liegt dies eigentlich nur daran, dass es keine alten, hochgewachsenen Bäume gibt wie in fast allen anderen Straßen dieses relativ überschaubaren Stadtteils. Was die Häuser betrifft, so steht die Goethestraße in Sachen Schönheit ihren Kolleginnen jedoch in nichts nach.
In den großzügigen Wohnungen der Altbauten wohnen meist betuchte Familien mit Kindern, und in den schlecht isolierten Dachgeschosswohnungen frösteln im Winter und schmoren in den Sommermonaten auch hier und da Studenten der Bonner Universität.
Bei meinem Einzug in die neue Wohnung in der Goethestraße erwarteten mich im Haus drei Nachbarn. Im Erdgeschoss wohnten Paul und Ina, ein sehr nettes Pärchen, zu dem ich auch heute noch, wenn auch leider viel zu selten, Kontakt habe. Paul und Ina entsprechen übrigens nicht dem Klischee der Südstadtbewohner, auf das ich später noch näher eingehen werde. Sie sind erfrischend bodenständig und authentisch. In der ersten Etage des Hauses hatte eine Psychotherapeutin, Frau von Wyrow, ihre Praxis. Das hatte nicht zu unterschätzende Vorteile. Hat man keine Nachbarn über sich und unter sich, ist eine Belästigung durch irgendeine Form von intimen Geräuschen oder gar Lärm so gut wie ausgeschlossen. Und dann gab es noch Norbert, Norbert das Schattenwesen. Er wohnte auf halber Höhe zwischen Erdgeschoss und erstem Stock. Ich habe ihn in 10 Jahren nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Norbert ist der Sohn der Vermieter und hatte den offiziellen Status eines Studenten. Doch scheint er den Großteil seiner Zeit mit anderen Dingen als dem Studium verbracht zu haben. Die Tür zu Norberts ungefähr 15 Quadratmeter großen Zimmer war entweder geschlossen oder nur leicht angelehnt. Ein kleines Badezimmer mit Toilette und Waschbecken befand sich direkt neben diesem Zimmer im Treppenhaus. Im Keller des Hauses, genauer gesagt in der Waschküche, hatte man eine Dusche für ihn eingebaut. Norbert war wie eine Art Geist. Man sah ihn nicht, man hörte ihn selten, aber man wusste dennoch, dass er da war. Als er einmal die Unvorsichtigkeit begangen hatte, die Tür zu seinem kleinen Reich halb offenstehen zu lassen, bestaunte ich Regale, die bis unter die Decke vollgestopft waren mit Kartons, CDs, Büchern und anderen Artikeln. Das ganze Zimmer muss voll mit diesem Zeug gewesen sein und höchstens noch Platz für ein Bett und einen PC gelassen haben. Denn unter Norberts Zimmer befand sich eine Art Büro von Paul, und dort konnte man mit leichtem Unbehagen betrachten, wie sich die Decke bereits deutlich nach unten wölbte und feinste Risse zu erkennen gab. Auch Norberts Kellerräume (er hatte mehrere) waren vollgestellt mit diesen eigentümlichen Konsumgütern, die es jeweils in mindestens fünf identischen Ausfertigungen gab. Zudem wurden die Kellerräume der anderen Mieter schleichend und fast unbemerkt immer weiter von ihm okkupiert. Ein paar Monate, bevor er irgendwann ausziehen musste, schien sich seine Passion auf Zimmerbrunnen fokussiert zu haben. In allen Zugängen zu den einzelnen Kellerräumen stapelten sich diese Zimmerbrunnen bis zu einer Höhe von fast zwei Metern. Sie entsprachen nicht ganz meinen ästhetischen Vorstellungen, man könnte auch sagen, sie waren grottenhässlich. Dennoch mussten sie ein kleines Vermögen gekostet haben. Ich habe erst allmählich begriffen, dass Norbert unter einer schweren Form von Oniomanie litt, und das sehr zum Leidwesen seiner Eltern, zu denen er schon seit längerer Zeit den Kontakt völlig abgebrochen hatte. Er war damals eine wirklich tragische Existenz, die ihr Dasein nur in diesem kleinen, völlig überfüllten Raum fristete und offensichtlich ausschließlich damit beschäftigt war, neue Ware an Land zu ziehen. Woher er das Geld für seine Kaufsucht nahm, wussten wir alle nicht. Wahrscheinlich hatte er bereits einen riesigen Schuldenberg angehäuft. Irgendwann haben Norberts Eltern aufgrund der Zustände vor allem im Keller zu einem letzten, verzweifelten Mittel gegriffen und ihn juristisch dazu gezwungen, sein kleines Reich aufzugeben und das Haus zu verlassen. Es muss sehr schlimm für Eltern sein, wenn sie zu einer so drastischen Maßnahme greifen müssen. Da ich ein paarmal persönlich mit ihnen über die Problematik gesprochen habe, wusste ich, dass sie das Ganze sehr mitgenommen hat und sie in Bezug auf ihren Sohn völlig entmutigt waren.
Einer der vielen Nachbarn, die ich während meiner Zeit in der Goethestraße persönlich kennenlernte, stand in meiner Gunst besonders weit oben. Ein großer, schwerer getigerter Kater namens Socke. Ich habe nie einen Kater kennengelernt, der über ein solches Maß an Gelassenheit verfügte und dermaßen gechillt war wie Socke. Er kam stets freundlich miauend angetrabt, wenn man ihn im Vorgarten oder auf dem Bürgersteig traf. Socke wohnte zwei Häuser weiter, verbrachte aber die meiste Zeit draußen und hatte ein relativ großes Revier. Der Kater neigte dazu, sich recht exotische Schlaf- und Ruheplätze auszusuchen. So lag er sehr oft mitten auf dem Bürgersteig, lang ausgestreckt und fest schlafend. Vorbeigehende Passanten mussten über ihn hinwegsteigen, und die seltenen Frauen mit Kinderwagen sahen sich gezwungen, auf die Straße ausweichen, um ihn zu umfahren. Beides schien er gar nicht mitzubekommen. Selbst von Hunden ließ Socke sich in keiner Weise beeindrucken.
Wenn sich hin und wieder mal ein Hund seinem Schlafplatz näherte, wurde er zwar wach und beäugte diesen aufmerksam, er dachte aber nicht im Traum daran, seinen Platz zu räumen und vertraute wohl auf die Besitzer der Hunde, die schon dafür sorgen würden, dass diese ihm nicht zu nahekommen würden.
Und wäre das doch einmal passiert, so hätte sich dieser stattliche Kater durchaus zu wehren gewusst. Oft lag Socke auch zusammengerollt auf der Fußmatte vor unserer Haustür. Ich habe ihn dann hin und wieder eingeladen, mit mir nach oben zu kommen, wo immer ein paar Leckerlis für ihn bereitstanden und ich mit ihm gespielt habe. Wenn er keine Lust mehr hatte, schlenderte er einfach zur Wohnungstür und gab leise miauend bekannt, dass er den Besuch als beendet betrachtete. Ein wirklich bemerkenswerter Kater, der in der gesamten Nachbarschaft bekannt und außerordentlich beliebt war. So auch bei Paul und Ina. Einmal musste ich Tränen lachen, als Paul im Vorgarten Unkraut zupfte und Socke dabei auf seinem Rücken saß. Die beiden hatten ein besonders inniges Verhältnis.
Kommen wir nun von den unmittelbaren Nachbarn im Haus zu den Menschen in der Umgebung meines damaligen Domizils. Bei den Bewohnern der Südstadt handelt es sich um eine ganz eigene Spezies. Ich wäre noch heute in der Lage, aus einer Reihe von 50 willkürlich ausgesuchten, mir unbekannten und in einer Reihe aufgestellten Personen zielsicher herausfinden, wer von ihnen in der Bonner Südstadt wohnt. Es ist ein ganz bestimmtes, nur äußerst schwer zu beschreibendes Flair, das einen Südstädter umgibt, eine Art Aura, die sich keinesfalls nur auf das Äußere beschränkt. Ein Großteil dieser ganz besonderen Bonner ist latent alternativ ausgerichtet und deutlich ökologisch orientiert. Man kauft seine Lebensmittel gern auch mal in Bioläden. Man lebt weitgehend sorgenfrei. Man bewegt sich dicht an der Grenze zur Saturiertheit. Die Nachbarn in einer Straße sind freundlich miteinander, kennen sich meist gut und grüßen sich überschwänglich herzlich. Und es gehört zum guten Ton, sich ohne komplizierte vorherige Absprachen zu duzen. Auch die Geselligkeit des Südstädters ist außerordentlich ausgeprägt. Man hat in der Regel einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, und es wird häufig Besuch eingeladen, mit dem man auf malerischen Balkonen oder in verwunschenen, lampiongeschmückten Gärten hinter den Häusern den frühen und oft auch späten Abend verbringt. Auch veranstaltet man gerne private Vernissagen, Lesungen oder Konzerte und dokumentiert damit seine ausgeprägte Affinität zu Bildung, Kunst und Kultur. Die Besitzer von Socke zum Beispiel luden...




