Koch | Das neue Manifest | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 286 Seiten

Koch Das neue Manifest


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-944359-40-3
Verlag: Schruf & Stipetic
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 286 Seiten

ISBN: 978-3-944359-40-3
Verlag: Schruf & Stipetic
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Als Win vom Tod ihres Vaters erfährt, kehrt sie nach Deutschland zurück. Noch immer wird sie hier als Terroristin gesucht, denn damals, im geteilten Deutschland, spielte sie unter anderem Namen ein gefährliches Spiel. Oder wurde es mit ihr gespielt? Sie erfährt, dass ihr Vater Ur-Gesellschaften erforschte und ein brisantes Manifest verfasst hat. Niemand weiß genau, was darin steht, und doch scheint das Interesse daran groß. Win sucht alte Weggefährten aus Ost und West auf. Doch nach der Wende haben sich alle neu positioniert und sie weiß nicht mehr, wem sie noch vertrauen kann.

Achim Koch arbeitete in der Bildung, im Theater und in der Entwicklungshilfe, auf dem Balkan und in Afrika, zuletzt in Kamerun und im Tschad. Vor allem ist er aber Schriftsteller und bildender Künstler, mit fließendem Übergang. Parallel zum Autor setzt sich in Kochs Romanen ein bildender Künstler mit dem Thema auseinander. Dieser Dialog zwischen Kunst und Literatur zieht sich durch sein gesamtes Werk.
Koch Das neue Manifest jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1


Dies kleine Leben umfasst ein Schlaf

All die letzten Jahre hatte ich mit einem schwarzen Loch in meiner Vergangenheit gelebt. Manchmal wusste ich nicht einmal mehr, um welche Zeitspanne in meinem Leben es sich eigentlich handelte. Über Jahre hin hatte ich keinen richtigen Zugriff mehr auf meine Erinnerungen. Als hätte man alle Daten auf einer Festplatte unwiederbringlich zerstört.

Zugleich wusste ich, dass noch irgendwo Sicherungskopien lagern mussten. Eine dieser Kopien lag in mir verborgen.

Zwei Tage vor meinem falschen Geburtstag kam unerwartet alles in Gang.

Es war am 4. Mai 2002. Wir hatten viele Monate lang hart gearbeitet. Im Frühling und im Herbst fallen die meisten Arbeiten an. Im Frühling wollen die Kunden alles für den Sommer vorbereitet haben. Gartentische und Bänke müssen gereinigt und aufgestellt werden. Zäune sind zu streichen. In den Gärten wird gesät und gepflanzt. In den Häusern hatten wir es nur mit Gardinen und Tapeten zu tun. Niemals im Jahr fallen so viele Malerarbeiten an wie in diesen Wochen.

Im Mai war wie üblich fast alles beendet. Ich schrieb meine Rechnungen. Jeden Abend saß ich am Computer. Meine kleine Büroecke hatte ich in unserem Wohnzimmer eingerichtet. Laptop, Drucker, alte Schachteln mit Disketten und CDs, Papier, Kartuschen, Ordner in den Regalen – alles in meiner kleinen Ecke.

Mein Notizbuch, in das ich alle ausgeführten Arbeiten, die Arbeitsstunden, das Material, die Namen und Adressen, die Termine eintrug, lag vor mir. Ich war dabei, eine fünftägige Reinigungs- und Malerarbeit, die wir vor drei Wochen ausgeführt hatten, zu berechnen, die Steuern dazuzurechnen und auf einen Preis zu kommen, der dem Angebot entsprach. Conny schlief auf der Couch, die mitten in unserem großen Wohnraum stand. Der Ton des Fernsehers war leise eingestellt, ich hörte nur Fetzen. Oben aus dem Zimmer von Ruby tönte eine Mischung aus Hip Hop und Asian-Techno. Sie konnte sich mit ihren fast zehn Jahren noch nicht recht entscheiden, was sie eigentlich besser fand.

Plötzlich sprach der Reporter den Namen aus: Dr. Bal Oonka.

Ich sah vom Monitor hoch und über Conny hinweg zum Bildschirm des Fernsehgeräts. Der Reporter stand vor einem alten Haus, einem Mietshaus. Unwillkürlich kam mir ein Name in den Sinn: Feuerbachstraße. Eine alte Straße mit wogendem, glänzendem Kopfsteinpflaster, hohen, fast uneinnehmbaren Kantsteinen. Gleich daneben die dicken Stämme weit ausladender Bäume. Der breite Gehweg, den diese Bäume mit ihren dickledrigen Blättern säumten, war bedeckt mit toter Masse, sodass dort kein Grashalm wachsen wollte. Der Belag bestand aus kleinen grauen Kieseln, aus Asche und Bauschutt von zerstörten Häusern.

Dies ist der letzte Aufenthaltsort Bal Oonkas gewesen, hörte ich die Stimme des Reporters. In diesem Haus ist er gestorben.

Ganz langsam stand ich auf und ging näher an die Couch heran. Conny schlief fest.

Das Haus, seit dem Krieg immer noch schwarz vom Brand anderer Häuser, war niemals renoviert worden. Die breite Durchfahrt zum Hinterhof. Dünne Fensterscheiben, beschlagen von der Feuchtigkeit in den Räumen. Bröckelnder Stuck.

Schnitt. Das Grab. Trostlos.

Schnitt. Der Grabstein, ganz schlicht, ohne Kreuz. 1925 -1999.

Kein Tag, kein Monat. Nur der Name und die Jahreszahlen.

Am 15. August hatte er Geburtstag. Das habe ich niemals vergessen.

Der Reporter strich mit der Hand über den Grabstein und sprach in die Kamera: Die Frau des Verstorbenen war schon vor langen Jahren ausgereist.

Schnitt. Ein kleines Foto von der Familie. Die Köpfe dicht beieinander.

Woher hatten sie es bekommen? Es hatte früher auf seinem Schreibtisch gestanden.

Ich hörte wieder die Reporterstimme: Das gemeinsame Kind, eine Tochter, Kandake, hatte damals, zusammen mit der Mutter, das Land verlassen, den Vater aber immer wieder besucht. Seit vielen Jahren schon gilt sie als vermisst.

Schnitt. Ankunft der Familie, Vater, Mutter, Tochter. Flughafen. Das Empfangskomitee an der Gangway. Ein Blumenstrauß. Küsse für Bal Oonka. Lächelnde Menschen. Fotografen. Kinder mit weißen Hemden und blauen Halstüchern.

Wieder die Stimme: Als Dr. Bal Oonka 1972 aus den USA einreiste, wurde er mit großen Ehren begrüßt. Sein Kommen wurde von einer Propaganda begleitet, wie wir sie nur aus den Zeiten des Kalten Krieges kennen. Sein Tod jedoch wurde von niemandem erwähnt. Und auch nicht die Umstände, die zu diesem Tod geführt hatten. Wie und wodurch starb Bal Oonka?

Schnitt. Berlin. Sommer. Junge Menschen laufen an der Kamera vorbei. Skater, Inliner im Hintergrund.

Der Reporter steht vor einem Universitätsgebäude: Am Institut für Zeitgeschichte bestehen heute Zweifel daran, dass Dr. Bal Oonka eines natürlichen Todes gestorben ist. Vielmehr verdichten sich die Hinweise, dass seine vermisste Tochter an seinem Tod beteiligt war.

Absurd!

Schnitt. Werbung.

Ich hatte mich nicht weiter bewegt, stand immer noch starr vor der Couch. Conny hielt die Fernbedienung locker in der vom Schlaf kraftlosen Hand. Ich beugte mich vor und drückte auf den roten Ausknopf. Rubys Musik war noch zu hören. So laut wie zuvor und doch ganz weit entfernt.

In meinem Kopf fand eine nicht zu unterbrechende Bewegung, ein Transport statt.

Ich sah mich plötzlich im Keller in der Feuerbachstraße. Durch eine Luke wurde Kohle von außen hereingeschüttet und glitt auf einer Holzrutsche auf den Boden. Ich habe nie gesehen, wer sie hineinwarf. Mein Vater ging mit dem Kohlenkasten in den Keller, griff die große Kohlenschaufel und schippte die Brocken in den Kasten. Er nahm den Holzgriff und trug den Kohlenkasten in die Wohnung, öffnete den Ofen und kippte laut Kohlen ins Feuer. Anschließend öffnete er die untere Ofenklappe, rüttelte am Ascherost, zog den Aschkasten heraus, trug ihn nach draußen und schüttete die Asche unten im Hinterhof um den einsamen Baum herum. Glutsteme stoben funkelnd auf wie Glühwürmchen und starben. Der Wind trug den leichten Aschestaub davon, und nur unverbrannte Stücke blieben liegen. Wenn es regnete, verflog die Asche nicht. Die ersten Tropfen verzischten noch, dann mischte sich der Regen mit der Asche zu einer schmierigen Masse.

Ich weckte Conny.

Schlaf nicht so lang. Es ist noch früh am Abend.

Conny rekelte sich, rollte geschickt von der Couch herunter, landete mit dem Rücken auf dem weichen Teppich und blickte mich etwas verstört an: Ist was mit Dir? Hab ich etwas falsch gemacht?

Lasst uns bitte essen, unterbrach ich.

Wir drei müssen nachher zusammen sprechen. Lasst uns also zu Abend essen, sagte ich.

Ein Familienrat? Planen wir wieder einen Urlaub?

Conny, bitte!

Wir saßen in der Küche. Ich hatte keinen Hunger und auch Conny und Ruby aßen kaum etwas. Beide waren sehr gespannt. Ruby hatte sich umgezogen und trug ein neues, weißes Hemd zu sauberen Jeans. Sie liebte Familienratsgespräche über alles und zog auch gern die anderen Mitglieder hinzu: Helena, unsere schneeweiße Katze, die tagsüber schlief, konnte dem Gespräch nichts abgewinnen. Claus, unser Mischlingshund, war wie immer nervös. Sein Blick ruhte nie. Familiengespräche mussten für Claus eine besondere Qual sein. Dennoch bestand Ruby auf seiner Anwesenheit.

Ich muss verreisen, begann ich leise das Gespräch.

Verreisen? Brauchst Du Urlaub?

Ruby sah streng zu Conny hinüber.

Ich muss etwas in Europa erledigen, fuhr ich fort. Und ich muss sehr bald abfahren.

Ruby zog sofort praktische Schlüsse: Wir werden hier gut zurechtkommen. Wir frühstücken zusammen. Ich gehe dann in die Schule. Con zur Arbeit. Ich versorge die Tiere und übernehme Abwasch und Wäsche. Con kauft ein, kocht und kümmert sich um den Müll. Ich mache oben sauber und Con unten. Wann willst Du fahren?

So schnell wie möglich.

Aber warum? fragte Conny.

Ich muss etwas erledigen, antwortete ich.

Aber was? Warum willst Du es uns nicht sagen?

Ihr werdet es ja erfahren, versuchte ich zu beruhigen. Nur jetzt kann ich es selbst noch nicht ganz verstehen. Später!

Später? Was heißt später? fragte Conny. Wie lange willst Du fortbleiben? Und wohin in Europa willst Du reisen?

Helena verabschiedete sich leise.

Vier Wochen. Schätze ich. Mehr nicht. Und ich muss nach Deutschland, erwiderte ich.

Nach Deutschland? rief Ruby überrascht. Nach Deutschland? Wie willst Du von hier nach Deutschland kommen und …

Man könnte es zum Beispiel mit einem Flugzeug probieren, unterbrach Conny liebevoll.

Aber der nächste internationale Flughafen von hier liegt hinter der Grenze, widersprach Ruby.

Na und? meinte Conny. Warum nicht Quebec oder Halifax? Das könnte eine technisch versierte, moderne junge Frau schnell aus dem Computer erfahren.

Ruby sprang auf und verschwand im Wohnzimmer.

Du willst mir wirklich nicht mehr sagen? begann Conny wieder.

Ich schwieg lange.

Ich habe irgendwie das Gefühl, dass es so besser ist. Dass es so richtig ist. Kannst Du Dich darauf einlassen, Conny?

Auf Dein Gefühl? … Gut, Win.

Also? fragte ich.

Conny nickte.

Und es gibt ja auch noch Telefon, Fax und E-Mail, versuchte ich zu beruhigen.

Claus kam in...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.