Koch | Fluchtland | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 330 Seiten

Reihe: Europa

Koch Fluchtland

Eine Satire
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-944359-14-4
Verlag: Schruf & Stipetic
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine Satire

E-Book, Deutsch, 330 Seiten

Reihe: Europa

ISBN: 978-3-944359-14-4
Verlag: Schruf & Stipetic
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Erst ist es Sole aus dem Tschad, dann Rana aus Syrien. Als auch noch Soles Frau und Kinder Zuflucht in der genossenschaftlichen Wohnanlage Heimbau eG finden, ist es vorbei mit Kai Hinrichsens Ruhe. Dabei hat der Journalist und Stilkritiker eigentlich genug zu tun mit den Recherchen zu Johannes Eisenbach, einem Nachkriegsschriftsteller, der zwar mit den literarischen Größen seiner Zeit verkehrt hat, von dem es aber keinerlei literarische Hinterlassenschaft zu geben scheint. Als immer mehr Menschen, die illegal in Deutschland leben, den Mitmachgarten der Wohnanlage bevölkern, regt sich unter den Bewohnern Widerstand und schließlich tritt auch die Staatsmacht auf den Plan. Ausgerechnet Kai soll zwischen den Parteien vermitteln.

Achim Koch arbeitete in der Bildung, im Theater und in der Entwicklungshilfe, auf dem Balkan und in Afrika, zuletzt in Kamerun und im Tschad. Vor allem ist er aber Schriftsteller und bildender Künstler, mit fließendem Übergang. Der Dialog zwischen Kunst und Literatur zieht sich durch sein gesamtes Werk.
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2.


der trügerische Zustand der Schwebe

Morgens ein Anruf von Mareike. Aus Mali oder Manila. Oder irgendetwas anderes mit M.
»Wieso lässt du diese zwei Leute bei euch schlafen? Ihr kennt die doch gar nicht.« Vorwurfsvoll.
Ida hatte noch in der Nacht mit ihr geskypt.
Ich versuchte sie zu beruhigen, obwohl es sie eigentlich nichts anging. Die beiden seien sehr erschöpft gewesen. Ich konnte sie doch nicht draußen lassen. Herbst, dunkel, kalt.
»Aber du kennst die doch gar nicht, Kai. Weißt du, was die bei euch alles anstellen können?«

Das Hotel war in Malé. Malé auf den Malediven. Bei ihr war es fünfzehn Uhr. Kai frühstückte noch und surfte nebenher im Internet. Ich hatte Mama nicht nachts, sondern morgens um sieben angeskypt. Meine erste Vorlesung begann um acht Uhr. Mathematische Modellierungen versicherter Risiken. Die beiden von letzter Nacht schliefen noch.

Malé eben. Es war eines der Hotels für die Crews. Im Kleinbus vom Airport herübergefahren standen sie immer gemeinsam und noch in Uniformen an der Rezeption herum. Mareike mit den meisten Goldstreifen am Ärmel. Vier, glaube ich. Kapitän, Schiff, Flughafen.
Jeder mit einem teuren Rollkoffer. Alle übermüdet. Niemand wusste mehr die genaue Uhrzeit. Hier oder zu Hause. Sie fuhren zu ihren Zimmern hinauf, öffneten die Türen mit ihren Schlüsselkarten. Ein dunkler Raum, obwohl draußen die Sonne schien und die Menschen in Malé, also wahrscheinlich die Malediver, wach den Tag erlebten. Die Vorhänge waren zugezogen. Die Klimaanlage surrte leise. Zu kalt. Ein breites Bett. Aufgeschlagene Decke. Schrank, Schreibtisch, Stuhl, Kofferablage. Das Bad frisch geputzt, Handtücher, Tuben mit Shampoo, Seife, Conditioner. Das Toilettenpapier an den Enden eingefaltet. Überall auf der Welt die gleichen Zimmer, praktisch, sauber, unpersönlich. Sie dienten nur dem Schlaf. Schlafen, nicht wenn man wollte, sondern wenn geschlafen werden musste. Die Vergeltung für die Vergütung, der Preis, den sie für den Beruf zahlen mussten. Lebensrhythmus, Lebenszeit als Gegenwert. Ein extrem hoher Preis. Und wenn der Schlaf eingelöst worden war, falls noch Zeit blieb, bis der Kleinbus wieder vorfuhr, waren viele ratlos. Wie verbringt man Zeit? Aber vor allem, wie verbringt man Zeit sinnvoll? Mareike skypte. Sie wollte uns in wenigen, nein, schon in zwei Tagen besuchen kommen. Am nächsten Tag würde sie nach Deutschland zurückfliegen. Sie hatte einige Tage frei. Ein Neustart.
»Ich habe online bei euch um die Ecke ein tolles Appartement gemietet. Bei dir ist ja alles belegt, Kai.«
Pause.
»Hör mal, Mareike, ich hab die beiden heute Nacht reingelassen, weil sie keine Unterkunft hatten. Aber das ist natürlich kein Dauerzustand. Wir haben hier Platz. Du kannst doch bei uns wohnen.«
Ich hatte »uns« zu sehr betont. Ironisches Lachen in Malé.
»Warum lachst du jetzt so?«
»Was meinst du?«
»Du lachst immer so … so…«
Pause.
»Lass mal, Kai. Ist ein schönes Appartement. Ich habe die Fotos hier auf dem Rechner. Alles sauber und aufgeräumt. Ganz ruhig und sogar eine Dachterrasse. Du hast doch eh wenig Zeit. Hast du nicht gerade einen neuen Auftrag erhalten? Ida hat sowas erwähnt.«
Ach, die Eisenbach-Sache.
Nie wieder hatte Mareike bei uns übernachtet, seitdem sie damals ausgezogen war. Eigentlich war sie nie ausgezogen. Sie war nur einfach nicht mehr zurückgekommen, nie wieder bei uns gelandet[19]. So sah es wirklich aus. Ein Abbruch, keine Unterbrechung. Ohne Erklärung eigentlich. Ich hatte mich immer schon um Ida gekümmert (Masern, Ernährung, Kleidung, Kopfläuse, Reiten, Elternabend, Abitur, Bewerbung, Jobs), soweit ich das als alleinerziehender Vater konnte. Zu einigen der Mädchenthemen hatte ich keinen Zugang. Einige allerdings hätte ich niemals allein entdeckt, und ich schrieb darüber (Beispiele: »Warum es heute wieder Tanzstunden gibt«, »Achtung! Bügelperlenfieber!«, »Die allerbeste Freundin«) Ich kümmerte mich um Ida und die Wohnung. Ich war Idas Vater. Ich war verantwortlich. Ich war dageblieben.

Es war schwer, mit einem Vater wie Kai zu leben. Da war immer so eine Unklarheit in unserer Vater-Tochter-Beziehung, und wohl deswegen hatte ich auch den Wunsch gehabt, sehr schnell erwachsen zu werden. Wie jeder andere Jugendliche.

Ich begleitete Ida beim Erwachsenwerden, kümmerte mich um alles, kaufte ein, räumte auf. Alles hatte seinen Platz, den ich kannte, aber Ida nie. Dabei war es so einfach. Man stellte und legte alles wieder dort hin, wo man es vorgefunden hatte. Eine sehr einfache Regel. Wie konnte es daran Zweifel geben? Und es war sauber bei uns. Ich putzte regelmäßig. Auch die große Scheibe zum Garten. Auch noch in der Nacht, nachdem das Blut darüber verteilt worden war.
Der Mann sah mir in die Augen. Aber in seinen konnte ich nichts entdecken. Keine Gefahr, keine Wut, keinen Schmerz, kein Bitten oder Flehen, keine Freude, nicht einmal Angst. Es verwirrte mich. Er stand einfach nur dicht vor mir und sah mir durch die verschmierte Scheibe unbeirrt in die Augen.
Er ist anders, dachte ich. Er ist so anders, dass wir uns nicht einmal mit Blicken verständigen können.
Ich kannte das. Vor Jahren war ich mit Mareike und Ida nach Bali geflogen. Nach Denpasar. Ein Freiflug natürlich. Star Alliance. Unerträglich lang. Dann, mit einem Mal, waren wir in einer anderen Welt gelandet. Nusa Dua Beach. Doch nicht das Klima, die Natur, der Luxus faszinierten mich. Es waren die Menschen, denen ich nicht mehr ansehen konnte, was in ihnen vorging. Angst, Überraschung, Ärger, Ekel, Verachtung, Freude, Scham, Schuld, Interesse oder Liebe unterschieden sich nicht mehr. Die Menschen sahen immer unverändert freundlich aus. Bedeutungslose Nettigkeit. Die Grenzen zwischen den Gefühlsausdrücken war unkenntlich. Bei Männern wie Frauen. Ich wusste nicht, wie ich ihnen begegnen sollte. Und Mareike war amüsiert, war welterfahren, erklärte mich zum Provinz-Ei[20], zum Opfer eines tief verwurzelten und selbst verantworteten Kulturschocks.
Ich starrte den Mann hinter der Scheibe eine Zeit lang an, bis Ida mich unterbrach: »Lass ihn doch rein.«
Ich blickte an ihm hinunter. Seine Hose war an den Knien aufgerissen, die Schuhe sauber. Er trug einen offenen Parka mit Deutschlandfahnen auf dem oberen Ärmel, fast neu, doch mit Blutflecken. Blut von der Stirn. Dort sah ich eine Wunde in der dunklen Haut.
Eigenartig, in dunkler Haut sieht eine offene Wunde viel weniger gefährlich aus.

»Lass ihn doch rein«, wiederholte Ida.
Aber er schmiert mir hier alles voll, war mein nächster Gedanke. Warum hat er sich gerade unsere Terrassentür ausgesucht? So spät noch. Warum geht er nicht weg? Er vermasselt uns den schönen Abend.
Plötzlich stand Ida neben mir und schob die Tür auf. Jetzt trennte uns nichts Materielles mehr, unsere Gesichter waren viel zu dicht beieinander.
»Was ist mit Ihnen passiert?«, fragte Ida, doch der Mann reagierte nicht, stierte mich weiter an, begaffte mich.
»Wie heißen Sie?«, brach ich unseren wortlosen Nahkontakt ab. Keine Antwort. Der gleiche beharrliche Blick. Nicht erschrocken, nicht ängstlich, nicht irgendwas.
»Fott is jooor neem?«, fragte der Verwalter des Anglizismenindexes.
Ohne eine Antwort abzuwarten, zog Ida den Mann herein, schob die Tür zu, streifte ihm den Parka ab und legte ihn auf einen Stuhl, drehte den Körper des Mannes, drückte ihn auf einen anderen Stuhl und betrachtete seine Wunde. Er wehrte sich nicht. Ich vergewisserte mich, dass der Parka keine Blutflecken auf dem Stuhl hinterließ und hockte mich neben den Mann. Im Licht sah die Wunde doch bedenklicher aus als zuvor. Ein tiefer Riss mit weißem Grund, ein Spalt im Fleisch, aufgeplatzte Haut, die sich an den Rändern nach außen wölbte. Eine Anklage, ein Protest, später der immerwährende Beweis für Gewalt, die ihm angetan worden war. So ist es mir damals ergangen. So hat man mich zugerichtet. So sind sie. Nehmt euch in Acht.
»Das muss genäht werden«, sagte Ida zu dem Mann. Sehr fachmännisch[21]. Immer noch keine Reaktion. Er sah nur mich an. Warum eigentlich? Mit den Händen machte ich die Bewegung des Nähens und wies auf seine Stirn. Langsam schüttelte er den Kopf. Ida ging ins Bad und kehrte mit einem Desinfektionsmittel, Watte, Mull und Tape zurück. Sie begann vorsichtig, zunächst das Gesicht und dann die Haut um die klaffende Wunde von Blut zu reinigen, doch ich zog ihre Hand behutsam zurück.
»Was soll das?« Sie sah mich erstaunt an.
»Ida, wenn der Mann nun vielleicht krank ist …«
Sie schüttelte langsam und etwas entgeistert den Kopf.
»Du glaubst, er hat vielleicht AIDS, weil er aus Afrika kommt? Was ist denn das für'n Blödsinn?«
»Ida, in jedem Verbandskasten liegen Handschuhe. Warum wohl? Weil wir immer Afrikaner verarzten? Ich hol dir schnell welche aus dem Medizinschrank.«
Sie schob ihre Finger in die engen, widerspenstigen Plastikhandschuhe, reinigte und desinfizierte die Wunde, bis die Blutung nachließ, legte dann eine kleine Mullpackung darauf und tapte den Mull fest. Eine weiße Insel, die wie etwas Fremdes auf der dunklen Stirn lag....



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