E-Book, Deutsch, 303 Seiten
Reihe: True Life Stories
Kofmehl Der Dealer
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7751-7142-7
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Geschichte des Ricco Sotelo
E-Book, Deutsch, 303 Seiten
Reihe: True Life Stories
ISBN: 978-3-7751-7142-7
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Damaris Kofmehl ist Bestsellerautorin und erzählt wahre Begebenheiten als True-Life-Thriller, Fantasy und Biografien. Ihre Buchrecherchen führten sie unter anderem nach Brasilien, Pakistan, Guatemala, Chile, Peru, Australien und in die USA. Sie lebte lange unter Straßenkindern in Brasilien und heute wieder in ihrem Heimatland, der Schweiz. www.damariskofmehl.ch
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2 Judy
September 1963
Es war Liebe auf den ersten Blick. Und das an Riccos erstem Schultag an der neuen Highschool in Morgan Hill, Kalifornien! Dabei war er alles andere als ein Romantiker. Er war tough, so wie es sich für einen echten Mexikaner gehörte. Außerdem wirkte er allein schon wegen seiner Größe und seines kräftigen Körperbaus wie einer, der sich nicht so leicht einschüchtern ließ. Doch als er sich kurz vor Beginn seiner ersten Englischstunde ausgerechnet hinter dieses blondhaarige Mädchen setzte, es sich völlig überraschend zu ihm umdrehte und ihn mit großen blauen Augen anstrahlte, war’s um ihn geschehen.
»Hi«, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich bin Judy. Judy Tiger.«
Sie lächelte ihn freundlich an. Es war das bezauberndste Lächeln, das Ricco je gesehen hatte, und er fühlte sich, als würden schlagartig tausend Feuerfunken in seinem Herzen sprühen.
»Ricardo Sotelo«, stellte sich der Siebzehnjährige vor und schüttelte ihre Hand, ohne seinen Blick von ihr abzuwenden. »Aber alle nennen mich Ricco.«
»Hi, Ricco«, sagte Judy fröhlich. »Willkommen an der Live Oak Highschool. Wenn du irgendetwas brauchst, ich helfe dir gerne.«
»Danke«, nuschelte Ricco verlegen.
Judy drehte sich wieder nach vorne. Ricco starrte von hinten auf ihre goldblonden Haare, während die Schmetterlinge ordentlich in seinem Bauch tanzten.
Judy …
Irgendetwas war anders an ihr. Ricco hätte es nicht benennen können. Aber da war etwas in ihren Augen, als sie ihn angesehen hatte, das ihn völlig verzauberte. Ja, noch mehr als das. Es entwaffnete ihn. Und das war ihm noch nie passiert. Er war es gewohnt, die Kontrolle zu haben. Er war derjenige, der den anderen sagte, wo’s langging, und nicht umgekehrt. Dem letzten Kerl, der ihm sein Mädchen ausgespannt hatte, hatte er mitten auf dem Pausenhof eine ordentliche Abreibung verpasst. Dass er damals seine Freundin verloren hatte, fand er weniger tragisch, als dass er sein Gesicht und damit seine Würde als Mann verloren hatte. Mut, Tapferkeit, Ehre, Männlichkeit – das waren Worte, die in der mexikanischen Kultur großgeschrieben wurden. Ein Mann weinte nicht. Ein Mann zeigte keine Gefühle. Jemandem zu sagen, dass man ihn liebte, galt als Zeichen von Schwäche. Und da tauchte dieses Mädchen auf und brachte mit einem einzigen Lächeln seine gesamte Machofassade zum Bröckeln. Ricco erkannte sich selbst kaum wieder.
Was zum Geier ist nur los mit mir? Woher kommen all diese Empfindungen für Judy? Ich kenne sie doch gar nicht! Was soll das?
Die Englischlehrerin betrat den Raum, und der Unterricht begann. Nach der Stunde verabschiedete sich Judy von Ricco, und bevor er die Gelegenheit hatte, nochmals mit ihr zu reden, war sie weg.
Erst in der Mittagspause begegneten sich die beiden wieder. Judy saß draußen auf einer Bank und las in einem Buch. Ricco lief absichtlich so langsam an ihr vorbei, dass sie ihn unweigerlich bemerken musste.
»Oh, hi, Ricco«, sagte sie.
»Hi, Judy«, antwortete Ricco und blieb stehen, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Eine Hitzewelle jagte durch seinen ganzen Körper. Er ertappte sich sogar bei dem Gedanken, dass er sich neben Judy setzen, sie einfach in den Arm nehmen und küssen könnte.
»Und, die ersten Stunden gut überstanden?«, fragte sie.
»Wie?«
Judy lächelte. »Ob du den Morgen gut überstanden hast.«
»Ach so, ja«, stammelte Ricco. »Ja, alles bestens soweit.«
»Von welcher Schule aus Morgan Hill kommst du eigentlich?«, wollte Judy wissen.
»Von keiner. Wir sind vor einer Woche aus San José hergezogen.«
»Wow, du kommst aus der Großstadt. Hab gehört, es wäre ganz schön brutal an den Schulen dort. Viel Gewalt und Drogen und all so was.«
»Deswegen sind wir auch umgezogen«, erklärte Ricco. »Mein Vater war der Ansicht, die Schule habe einen schlechten Einfluss auf mich und meinen Bruder.«
»Und hatte er recht?«
»Was meinen Bruder angeht auf jeden Fall. Fredo hat sich immer mehr in einen Bandido verwandelt und gründete seine eigene kleine Gang, lief bewaffnet rum und so.«
»Und du?«
»Ich bin kein Gangster, wenn es das ist, was du wissen möchtest. Ich will später mal Polizist werden.«
Judy zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Polizist? Im Ernst?«
»Wieso denn nicht? Ich will was erreichen im Leben, verstehst du?« Ricco spürte, wie die anfängliche Nervosität Judy gegenüber ein wenig nachließ. Langsam wurde er wieder ganz der Alte. »Mein Vater war früher Plantagenpflücker. Mein Bruder und ich mussten ihm jeden Sommer dabei helfen. Ist furchtbar ätzend, das kannst du mir glauben. Erstens schwitzt du wie ein Schwein, wenn du in der sengenden Sonne Aprikosen, Pfirsiche und Walnüsse pflückst. Und der Lohn ist erbärmlich. Also, wenn es etwas gibt, das ich bestimmt nicht werden möchte, dann Plantagenpflücker.«
»Kann ich gut nachvollziehen«, meinte Judy. »Und warum Polizist?«
Ricco nahm die Hände aus den Hosentaschen und begann zu strahlen. »Ich will Cop werden, seit ich denken kann. Ich meine, was kann es Besseres geben? Türen eintreten, mit Blaulicht durch die Straßen rasen, die bösen Jungs jagen, ihnen Handschellen anlegen. Du hast jede Menge Action und wirst auch noch dafür bezahlt.«
Judy schüttelte lachend den Kopf. »Na ja, mein Ding wäre das nicht. Aber ich find’s ehrlich toll, dass du das machen willst. Weißt du, die meisten Mexikaner an unserer Schule schummeln sich gerade so durch und stecken sich keine Ziele im Leben. Schon gar nicht das Ziel, Polizist zu werden. Siehst du die Jungs da drüben?« Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf eine Clique Mexikaner, die über das Schulgelände schlenderten. »Das ist Sanchos Bande. Die sind ständig in irgendwelche Ladendiebstähle verwickelt. Manchmal klauen sie auch Autos. Von denen hältst du dich besser fern. Oder du stehst schneller auf der falschen Seite, als dir lieb ist.«
Ricco zwinkerte dem Mädchen verschmitzt zu. »Keine Sorge. Ich sag dir doch, ich bin einer von den Guten. Aber danke für den Tipp.«
»Gern geschehen«, sagte Judy und lächelte.
Ricco lächelte zurück. Eine peinliche Pause trat ein, und Ricco merkte, wie die Schmetterlinge wieder in seinem Bauch zu tanzen begannen.
»Also dann«, sagte er rasch und wandte sich zum Gehen. »War nett mit dir zu plaudern, Judy. Man sieht sich.«
»Ja, bis dann, Ricco.«
Vielleicht war es etwas voreilig von Ricco gewesen, zu behaupten, er sei einer von den Guten. Der Nachmittag war noch nicht vorüber, als ihn Sancho, ein großer Bursche mit einem Totenkopf-Tattoo am Hals, im Schulflur ansprach und ihm nahelegte, sich seiner Gang anzuschließen.
»Ich weiß ja nicht, wie es an deiner alten Schule lief. Aber hier kümmern wir uns um unsere Leute«, war Sanchos banale Begründung. »Außerdem siehst du nicht aus, als wärst du auf den Kopf gefallen. Leute wie dich können wir gebrauchen. Was meinst du? Interessiert, bei uns einzusteigen?«
Ricco zögerte. Er hatte nicht vergessen, was Judy ihm über Sancho und seine Jungs erzählt hatte. Es war definitiv nicht sein Plan, in Häuser einzusteigen oder Autos zu klauen. Aber er wusste auch, dass man einem Kerl wie Sancho nicht einfach so eine Absage erteilte, es sei denn, man wollte bis zum Ende der Schulzeit ein Opfer sein. Nicht dass Ricco ein Schwächling war. Rein körperlich hätte er es locker mit Sancho aufnehmen können. Doch sich mit einer ganzen Horde mexikanischer Jungs anzulegen, hielt Ricco für keine gute Idee. Schon gar nicht an seinem ersten Schultag.
»Bin dabei«, sagte er, da ihm keine andere Lösung einfiel. »Wir Mexikaner müssen schließlich zusammenhalten, richtig?«
Sancho grinste und versetzte ihm einen kameradschaftlichen Boxhieb zwischen die Rippen. »Du gefällst mir, Mann. Hör zu, nach der Schule hängen wir für gewöhnlich bei dem Maschendrahtzaun neben dem Baseballfeld ab. Schau einfach vorbei. Dann können wir in aller Ruhe quatschen.«
»Geht in Ordnung.«
Als Ricco nach Schulschluss bei dem vereinbarten Treffpunkt auftauchte, löste sich Sancho sofort aus der Gruppe und trabte mit einem breiten Grinsen auf ihn zu.
»Hey, Ricco! Super, dass du gekommen bist.« Er legte Ricco den rechten Arm um die Schulter und streckte ihm eine Haschischzigarette entgegen. »Magst du einen Zug?«
Ricco schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Verzichte.«
»Du rauchst nicht?«
»Ist nicht mein Ding«, sagte Ricco. »Weder rauchen noch trinken. Ich hab da meine Prinzipien.«
»Ein Mann mit Grundsätzen«, meinte Sancho und zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Trifft man heutzutage selten. Find ich stark.«
Dass seine Haltung herzlich wenig mit Stärke zu tun hatte, verschwieg Ricco wohlweislich. Der Grund, warum er tatsächlich noch nie in seinem Leben einen Joint geraucht hatte, war seine Mutter. Früher, als er noch klein gewesen war, hatte sie ihm immer eingeschärft, sich von den Marihuanos fernzuhalten. Ricco hatte damals keine Ahnung gehabt, wovon sie redete. Jedenfalls hörte es sich ziemlich ernst an. Was auch immer Marihuanos waren, Ricco war fest entschlossen, sich nie mit ihnen einzulassen. Eines Tages – Ricco war bereits 16 Jahre alt – war er auf dem Pausenhof ein paar älteren Schülern begegnet, die ihm eine Zigarette angeboten hatten.
»Willst du mal dran ziehen?«
»Was ist das?«, fragte Ricco.
Die Kerle lachten. »Das ist Marihuana, du Dummkopf.«
Das Wort ging wie ein elektrischer Schlag durch Riccos Körper....




