E-Book, Deutsch, Band 2, 263 Seiten
Kohl Kommissar Trempe - Grabtanz
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-036-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman | Ein Fall für das LKA Düsseldorf 2
E-Book, Deutsch, Band 2, 263 Seiten
Reihe: Ein Fall für das LKA Düsseldorf
ISBN: 978-3-98952-036-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Erwin Kohl wurde 1961 in Alpen am Niederrhein geboren und wohnt noch heute mit seiner Frau in der herrlichen Tiefebene am Niederrhein. Neben der Produktion diverser Hörfunkbeiträge schreibt Kohl als freier Journalist für die NRZ / WAZ und die Rheinische Post. Grundlage seiner bislang 15 Kriminalromane und zahlreichen Kurzgeschichten sind zumeist reale Begebenheiten sowie die Soziologie der Niederrheiner und ihre vielschichtigen Charaktere. Die Website des Autors: www.erwinkohl.de/ Bei dotbooks veröffentlichte Erwin Kohl seine humorvolle Krimireihe um »Grimm & Sohn« mit den Bänden: »Grimm & Sohn - Das kopflose Skelett« »Grimm & Sohn - Der Tote im Heidesee« »Grimm & Sohn - Das Hornveilchen-Indiz« »Grimm & Sohn - Der tote Schornsteinfeger« Die ersten drei Fälle sind auch als Sammelband erschienen. Auch bei dotbooks erscheint seine »Kommissar Trempe«-Reihe: »Kommissar Trempe - Zugzwang« »Kommissar Trempe - Grabtanz« »Kommissar Trempe - Flatline« »Kommissar Trempe - Willenlos«
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Kapitel 9
Krefeld. Kalle sah auf die Uhr und fluchte verärgert nach einem Blick auf den Hauptweg. 5 Uhr 40, die Veranstaltung hatte gerade erst begonnen, da erschienen auch schon die ersten Journalisten. Lautstark debattierten sie mit den uniformierten Kollegen, die ihnen den Durchgang zu diesem Teil des Krefelder Friedhofes verweigerten. Exhumierungen fanden unter anderem deshalb morgens in aller Frühe statt, um ungestört zu sein und nicht das Interesse der Öffentlichkeit zu erregen. Diesmal hatte es noch einen weiteren Hintergrund. Angelo war es gelungen, Doktor Schneider zu überreden, noch in den frühen Morgenstunden mit der Obduktion zu beginnen. Glücklicherweise gab es keine Verwandten, die der Exhumierung hätten beiwohnen wollen. Interessiert beobachtete Kalle die leitende Staatsanwältin, Viola Lubjuhn. Sie war vor einer Minute abgehetzt hinzugekommen. Es war ihre Premiere. Äußerlich war ihr nicht die geringste Unsicherheit anzumerken, von einer leichten Blässe abgesehen. Als Doktor Schneider den Sarg öffnete und sie heranwinkte, verabschiedete die Staatsanwältin sich aber eiligst mit einem stummen Kopfschütteln und zugehaltenem Mund in Richtung der Friedhofstoiletten. Angelo und Kalle betrachteten den Toten. Es wirkte beinahe so, als sei Jürgen Winkler friedlich eingeschlafen. Mit leichten Zweifeln fuhren sie zum Präsidium.
Wortlos betrachteten Kalle und Angelo die E-Mail, die ihre Dienststelle vor wenigen Sekunden erreicht hatte. Das Fahndungsfoto der Bochumer Kollegen zeigte eine Frau um die Vierzig, möglicherweise jünger. Sie trug ein dunkelrotes Kleid. Ihr Blick wirkte warm, aber seltsam fremd. Darunter ein Foto, das ein Grab zeigte. Es war von Fußspuren übersät. Als sollte dieses groteske Bild einen Rahmen haben, lagen an seinen Rändern frische Blumengebinde und Kränze. Sie erkannten das Muster sofort. Es war fast identisch mit ihrem. Sie sahen sich für eine Sekunde in die Augen. Kalle reagierte als Erster.
»Das gibt es doch gar nicht, was hat das zu bedeuten?«
Angelo schnappte sich das Telefon und tippte hektisch eine Nummer ein. Nach einer Minute war das Gespräch beendet.
»Der Doktor kommt gleich. Er möchte uns gerne persönlich von seiner Arbeit berichten.«
»Das ging aber schnell.«
Kalle atmete tief durch. Eines dürfte sicher sein: Falls es sich um keinen natürlichen Todesfall handelte, bräuchten sie jetzt wohl die Unterstützung des LKA. Gut möglich, dass ihre Staatsanwaltschaft mit den Ermittlungen beauftragt würde. Kalle hoffte inständig, dass es nicht so sein würde. Ihn beschlich jedoch eine dunkle Ahnung. Per Tastendruck beendete er den Bildschirmschoner und loggte sich in die interne Datenbank ein. Für einen kurzen Augenblick erkannte er sein Spiegelbild. Er fuhr sich mit der flachen Hand über die Wangen. Eine Rasur war mal wieder überfällig und der kleine Fleck Magerquark auf seinem karierten Hemd hielt sich auch beharrlich, Kalle schenkte ihm aber kein gesondertes Interesse. Nach zwei Minuten hatte er gefunden, wonach er suchte. Mit versteinertem Gesichtsausdruck blickte er auf den Monitor. Seine Suche galt Straftaten nach Paragraf 164 StGB. Die Kripo Wesel behandelte einen solchen Fall. Angelo stand mittlerweile dicht hinter ihm und las gebannt mit. Eine Frau in einem durchsichtigen, dunkelroten Kleid mit langen, schwarzen Haaren tanzte in der Nacht von Freitag auf Samstag auf dem Grab des 69-jährig verstorbenen Alfons Gehrke. Gehrke starb am 3. Juni gegen 5 Uhr an Herzversagen.
Kalle schluckte. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Eine perverse Frau, die gerne auf frischen Gräbern tanzt, versuchte er sich zu beruhigen. Es gelang ihm nicht mal ansatzweise. Drei frische Gräber, verwüstet von einer ominösen Tänzerin.
Der Duft von Angelos zuckersüßem Rasierwasser stieg ihm ins Gehirn und schien seine Gedanken zu verkleben. Die Toten, mit einem Ruck befreite er sich wieder, zumindest Winkler und dieser Gehrke waren im gleichen Alter. Neben der Suche nach der Dame im roten Kleid würde es wichtig sein, Gemeinsamkeiten zwischen den Opfern zu finden. Bei dem Gedanken schreckte er auf. Gab es überhaupt Opfer?
Durch die angelehnte Bürotür trat der Gerichtsmediziner Doktor Schneider ein. Ohne ein Wort zu sagen, lediglich mit einer Armbewegung bot Kalle ihm den Besucherstuhl an. Sein Blick fiel auf die fast zwei Meter lange Trikolore, die die Wand hinter Angelo verzierte. Doktor Schneider trug einen maßgeschneiderten, hellgrauen Anzug, dazu eine dunkelrote Fliege über einem blütenweißen Hemd. Allem Anschein nach stand ihm ein Gerichtstermin bevor. Er warf eine fingerdicke Kladde auf den Tisch und kam direkt zur Sache.
»Glückwunsch, meine Herren. Das war ein Volltreffer. Der alte Herr ist zwar, wie auf dem Totenschein so pauschal vermerkt, an Herzversagen gestorben, aber … «
Kalle seufzte vernehmlich und blickte flehend zur Zimmerdecke, als würde er auf himmlischen Beistand hoffen. Insgeheim hatte er es erwartet, seine Hoffnung aber beschrieb einen anderen Weg. Doktor Schneider sah ihn zunächst leicht irritiert an, bevor er fortfuhr.
»Das Herzversagen wurde herbeigeführt durch eine große Menge von Digitalisglykosiden. Die Vergiftung führt zunächst zu starkem Blutdruckanstieg, anschließend zu einem ebenso raschen Abfall des Blutdrucks. Der Tod tritt schließlich durch Kammerflimmern ein.«
»Moment, das habe ich doch schon mal gehört, dieses Digi … Digi … «
»Digitalispräparate werden in der Medizin bei Herzinsuffizienz, also Herzschwäche, eingesetzt. Gewonnen werden sie zum Beispiel aus dem Fingerhut oder, wie in unserem Fall, aus Maiglöckchen.«
Kalle zog seine Stirn nachdenklich in Falten.
»Sie meinen, der Tote hat Maiglöckchen gegessen?«
»Ja, aber nicht pur sozusagen. Wir fanden in seinem Magen etwa zu gleichen Teilen Reste von Maiglöckchen und Bärlauch. Nicht allzu ungewöhnlich übrigens. Die Blätter der beiden Pflanzen sehen sich täuschend ähnlich. Diese Vergiftungen kommen jedes Jahr hundertfach vor. Die Notaufnahmen im Süden der Republik können ein Lied davon singen. Für einen erwachsenen Mann in mittlerem Alter und guter körperlicher Verfassung auch nicht unbedingt tödlich. Aber bei der Mischung.«
»Gibt es denn Hinweise auf Fremdverschulden?«
Der Mediziner hob langsam und bedeutungsvoll die Schultern, bevor er sich doch zu einer eindeutigen Aussage entschied.
»Nein. Es kann ein Unfall gewesen sein. Möglicherweise auch Selbstmord. Wie das Gift in seinen Mund gelangte, kann ich nicht sagen. Spuren von Gewalt waren nicht nachzuweisen. Allerdings kann es sich ja auch um psychische Gewalt gehandelt haben.«
Kalle ging zur Fensterbank und holte die Kaffeekanne. Der Doktor winkte ab. Kalle schaufelte ein halbes Dutzend Löffel Zucker in seine Tasse und dachte laut nach.
»Merkt man das nicht beim Essen?«
Der Gerichtsmediziner lehnte sich entspannt zurück und kratzte sich am Ohr.
»Habe ich mich zunächst auch gefragt. Maiglöckchen sollen tatsächlich einen eigentümlichen Geschmack haben. Allerdings wird Bärlauch nach vielen Rezepten mit einem Knoblauchdressing verfeinert, das könnte den Geschmack der Maiglöckchen übertüncht haben. Im Magen befanden sich tatsächlich erhebliche Mengen Knoblauch. Letztendlich würde nur ein Versuch Klarheit verschaffen, wovon ich allerdings abrate. Noch etwas: Vielleicht hilft es irgendwann weiter. Der Bärlauch war von erlesener Qualität. Wir haben unzerkaute Spuren davon in den Zähnen entdeckt. Zwar mikroskopisch klein, aber garantiert biologisch angebaut. Die genaue Analyse befindet sich in dem Bericht.«
Der Mediziner verabschiedete sich mit dem Hinweis auf einen Gerichtstermin, man hatte ihn als Gutachter geladen.
Kalle knallte frustriert den Kugelschreiber vor sich hin. Angelo schürzte die Lippen. Einen kurzen Augenblick zögerte er und überlegte, ob sie das Ergebnis der Obduktion freuen sollte oder nicht. Immerhin war die natürliche Todesursache nun vom Tisch.
Doktor Schneider war noch keine Minute fort, als die Frau Staatsanwältin ihre Aufwartung machte. Sie hatte bereits bei ihrer Vorstellung durchklingen lassen, dass sie bei laufenden Ermittlungen immer auf dem neuesten Stand sein wollte. Das waren sie von ihrem Vorgänger gewohnt, nur kam der dafür nicht zu ihnen ins Büro. Sie trug eine dünne, mintfarbene Bluse. Kalle überlegte, ob sie ihre Kleidung bewusst etwas enger wählte, um ihre Figur zu betonen. Detailliert berichtete er ihr von den Ergebnissen des noch sehr jungen Tages. Ihre Augen strahlten an diesem Morgen nicht den für sie so typischen Frohsinn aus. Ihr Make-up, ansonsten kaum wahrnehmbar, war sofort zu erkennen. Kalle dachte darüber nach, ob die morgendliche Exhumierung der Grund dafür war.
»Ich habe gestern Abend noch eine Zeugin befragt«, Kalle hob die Augenbrauen. Von einer Staatsanwältin, die sich aktiv in die Ermittlungen einschaltet, hatte er bislang noch nichts gehört, »die Dame hatte Spätschicht in Düsseldorf. Ich habe mich gegen Mitternacht in einer Kneipe am Bahnhof mit ihr getroffen.«
»Soso!«
Angelos Kommentar brachte sie aus dem Konzept. Ihre Augenlider klimperten, ein Zeichen von Unsicherheit.
»Ähem, ich möchte nicht Ihren Job machen. Es ist nur … die Dame ist eine Bekannte von mir. Wir sind im selben Tanzclub.«
Angelo winkte lässig ab und bat sie weiterzureden. Als wolle sie seinen Blicken ausweichen, wandte sie sich Kalle zu.
»Nun ja, sie wohnt in der Nachbarschaft von Winkler und hat ihn am Abend vor seinem Tod in Begleitung einer Dame gesehen. Sie spazierten in Richtung Nord wall. Die Dame trug ein dunkelrotes Kleid.«
»Scheint ihre Lieblingsgarderobe zu sein«,...




