E-Book, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
Kohl Leben, was du fühlst
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-943416-10-7
Verlag: Scorpio Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von der Freiheit glücklich zu sein: Der Weg der Versöhnung
E-Book, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
ISBN: 978-3-943416-10-7
Verlag: Scorpio Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Walter Kohl, geboren 1963, ist Volkswirt und Historiker. Nach seiner Ausbildung in den USA, Frankreich und Österreich arbeitete er 15 Jahre lang als Investmentbanker in New York und als leitender Angestellter bei deutschen Großunternehmen. 2005 machten seine Frau und er sich mit einem Zulieferunternehmen für die Automobilindustrie selbstständig. Durch eine existenzielle Lebenskrise entdeckte er für sich den Weg der Versöhnung, dem er letztlich seinen neuen Lebensstart verdankt. Es ist ihm ein Herzensanliegen, seine Erfahrungen mit vielen Menschen zu teilen und den Weg der Versöhnung zu verbreiten.
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Wer frei sein will, muss sich die Freiheit nehmen
Wer leben will, statt gelebt zu werden, der sollte die Quellen seines Denkens, Fühlens und Urteilens sorgfältig und kritisch erkunden. Das heißt, die in ihn eingepflanzten Glaubensstrukturen erforschen und deren innerpsychische »Geheimagenten« enttarnen, indem er seine eigenen, unausgesprochenen Glaubenssätze versprachlicht. Das ist der entscheidende Schritt vom automatischen zum aktiven Denken, denn es befreit unsere gedanklichen Gestaltungsmöglichkeiten. Es wird in der Regel übersehen, dass wir erst lernen müssen, unsere Gedanken zu »gestalten«, eben aktiv zu denken und nicht rein assoziativ. Nur wer seine Gedanken gestaltet, wer aktiv denkt, der kann auch sein Leben gestalten und die Rolle des passiven Opfers abwerfen. Ich würde sagen, in der Gestaltung unserer Gedankenwelt liegt unsere erste Freiheit. Die erste Freiheit des Menschen ist immer eine innere Freiheit, und ohne sie kann es keine wirkliche äußere Freiheit geben. Man wird sich sonst selbst immer wieder als Opfer irgendwelcher Umstände »erdenken«.
So können wir uns auch und gerade in der Krise neu (er-) finden. Wir werden offen dafür, zu erfahren, dass es immer und auf alles eine Antwort gibt. Auf diesem Weg nach innen, quasi auf der Expedition zu uns selbst, genießen wir zunehmend die Freiheit, jederzeit neu und immer angemessener unsere Gedanken, Gefühle und Bilder in Bezug auf unsere Mitmenschen und uns selbst zu gestalten. Nein, wir sind vom Leben keineswegs dazu verurteilt, in einem selbst gemachten inneren Gefängnis vor uns hin zu leiden! Es liegt an uns, den entscheidenden Schritt in die Bewusstheit zu gehen und uns selbst und die Welt so zu sehen und zu fühlen, wie es das Geburtsrecht – und die Verpflichtung – eines Menschen ist: innerlich und äußerlich frei.
Doch was hält uns zurück? Im Grunde wissen wir ja nur zu oft, was wir zu tun hätten – es ist vor allem unsere Angst, die uns daran hindert. Und diese Angst hat viele Namen: Gefühle von Scham und Peinlichkeit. Gefühle der Schwäche und des Ungenügens. Der Vergleich mit anderen. Hinter Letzterem steckt die Angst, nicht gut genug zu sein, möglicherweise sogar das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit.
Ängste blockieren uns, sobald wir denken: Wenn ich über meine verletzten Gefühle, über meine Momente der Schwäche spreche, dann mache ich mich doch nur lächerlich, dann werde ich nicht mehr respektiert, dann bemitleiden mich die anderen, dann werde ich nicht mehr geliebt, nicht mehr anerkannt – möchte ich womöglich sogar gefürchtet werden? Denn wer liebt oder respektiert schon Schwächlinge und Verlierer? An diesem Punkt entscheidet sich sehr oft, ob wir den Mut aufbringen, ins eigene Gefühl zu gehen. Haben wir den Mut, jetzt über den Tellerrand zu schauen, über die alten Muster hinauszuwachsen? Oder verfallen wir wieder in die überkommenen Routinen des Verdrängens, der Flucht und des Weglaufens?
Viele Jahre habe ich mich in diesem Teufelskreis bewegt, bin ich vor meinen Gefühlen und nicht geklärten Problemthemen davongelaufen. Ich bin vor dem langen Schatten meines Vaters in die USA geflohen, habe sehr hart daran gearbeitet, Amerikaner zu werden und als eine Art Walter from Wisconsin durchzugehen, denn dort gibt es viele Deutschstämmige und tatsächlich sogar eine bekannte Kaufhauskette namens Kohl’s Departmentstore … 1990 war ich nur Millimeter davon entfernt, dort drüben mein Lebensglück zu finden, so glaubte ich es jedenfalls. Aber ich musste einsehen: Man kann dem eigenen Schatten nicht entkommen, bevor man nicht Licht in seine Vergangenheit gebracht hat. Sonst holt er einen erbarmungslos ein, selbst auf der anderen Seite des Atlantiks.
Lange, sehr lange vermied ich es, wo es nur ging, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Erst der schier unerträgliche Schmerz meiner größten persönlichen Krise zwang mich dazu, eine finale Entscheidung über die einzig noch mögliche Alternative zu treffen: weiter so bis in den Abgrund – oder Aufbruch, Neuanfang auf neuen Wegen. Erst die Macht der Verzweiflung gab mir den Mut – oder vielleicht sollte ich besser sagen, die Freiheit –, meine verletzten Gefühle anzuschauen und anzunehmen, mit ihnen in Kontakt zu treten, »ins eigene Gefühl zu kommen«.
Doch das war nur ein erster Schritt. Ich musste lernen, über meine Gefühle zu sprechen. Ich muss zugeben, gerade für mich als Mann keine leichte Aufgabe. Welch riskante Expedition in gänzlich unerforschtes Territorium! Nur weil ein Weiter-wie-bisher nicht mehr infrage kam, wagte ich mich Schritt für Schritt voran. Ein Marsch durch Zentralgrönland im Winter wäre mir wohl zunächst leichter gefallen als die Herausforderung anzunehmen, in Gegenwart anderer Menschen Gefühle zuzulassen. Aber mit jedem Schritt schien der Boden unter meinen Füßen fester und fester zu werden.
Ich begann mich zu öffnen, ich begann zu spüren, dass ich nur sehr selten auf Kopfschütteln und viel öfter auf ein unerwartetes Maß an Verständnis und Wohlwollen stieß. Und auf neugieriges Interesse. Ich spürte zwar auch, dass sich da bisweilen noch eine Spur spöttelnder Skepsis einschlich – aber war es etwa anders zu erwarten? Auch hier entdeckte ich rasch, dass damit eigentlich nicht ich selbst gemeint war, dass es gar nicht um eine noch ungewohnte, vielleicht wirklich etwas befremdliche Manifestation meiner Individualität ging. Vielmehr spielte auch jetzt wieder ein altbekanntes Thema hinein! Ich begann nun, mich nicht mehr daran zu stören.
Das Wichtigste war, dass ich mir die Freiheit nahm, nicht nur zu lesen, zu denken und zu reden, sondern wirklich etwas zu tun – und dies auch nach außen hin erkennbar zu machen. Denn der wundeste Punkt meiner persönlichen Lebensgeschichte liegt, ich sagte es bereits, an der Schnittstelle zwischen öffentlichem und privatem Leben. Dieses spezielle Schicksal trage ich durch mein gesamtes Leben. Da kann ich machen, was ich will.
Leid und Schmerz müssen auf derselben Bühne geheilt werden, wo sie entstanden sind.
Als ich dieser an sich einfachen psychologischen Grundregel begegnete, ging mir der sprichwörtliche Kronleuchter auf. Ja, ich musste in irgendeiner Form an die Öffentlichkeit gehen. Nicht aus Ehrgeiz, Geltungsbedürfnis oder materiellen Erwägungen, sondern um die verlorene psychische Energie genau auf der Ebene heimzuholen, auf der ich sie verloren hatte. Mein Leben ist immer irgendwie »öffentlich« gewesen – und wird es bleiben. Und zwar aus einer vermeintlich untergeordneten Position heraus: als eines großen Mannes Sohn, der ich immer sein werde. Das ist und bleibt meine erste Herausforderung.
Und es wirkte! Indem ich mich zu meiner eigenen, ganz speziellen Entwicklungsaufgabe bekannte, nämlich die Haltung des vermeintlichen Opfers in die eines freien, fröhlichen Menschens zu wandeln, lernte ich Menschen kennen, die mit ganz ähnlichen Herausforderungen rangen. Aus einem ersten Schritt wurde mit der Zeit ein ganz neuer Weg. Ich spürte zunehmend, dass dort, wo der alte Schmerz saß, auch die heilenden Antworten für meine neue Zukunft liegen würden. Es wurde ein langer und manchmal steiniger Weg, voller Momente der freudigen Erkenntnis, aber auch immer wieder unterbrochen von Augenblicken des Zweifels, der Unsicherheit und der Enttäuschung. Gleichwohl: Mit der Zeit wurde mir immer deutlicher, es würde nur diesen einen Weg für mich geben.
Der Weg zu uns selbst ist mit den ersten Schritten eines Kleinkinds zu vergleichen. Wir lernen eine neue Art der Fortbewegung. Wie lange wir den Gebrauch der uns mitgegebenen, aber bisher unbenutzten Fortbewegungsmittel trainieren, wie oft wir es immer wieder versuchen müssen, unsicher und schwankend, wissen wir vorher nicht. Immer wieder fallen wir hin, schlagen uns die Knie auf. Doch der Wille zum aufrechten Gang setzt sich unweigerlich durch. Mit jedem noch so wackeligen Schritt wächst die Lust auf den nächsten!
Schließlich begann ich, nach langem Zögern und von einer gehörigen Portion Selbstzweifel geplagt, auch nicht ohne bei der Vorbereitung gehörig ins Schwitzen gekommen zu sein, erste Vorträge zum Thema Versöhnung zu halten. Freunde hatten mich immer wieder darum gebeten, und schließlich hatte ich zugesagt. Mein erster Vortrag erschien mir wie eine fast nicht zu bewältigende Prüfung für meine Gedanken über Versöhnung und inneren Frieden. Wer etwas erzählt, der muss es verstanden haben, der muss glaubwürdig und klar sein. Konnte ich das? Ich, ein Mensch, der doch selbst noch auf dem Weg war? Das Erlebnis des ersten Vortrags wirkte wie ein kleines Wunder auf mich. Ich war gezwungen, meine tief sitzende innere Sprachlosigkeit nach und nach zu überwinden. Während dieses Abends spürte ich eine neue Kraft – ja, ich konnte vor fremden Menschen das aussprechen und mit ihnen diskutieren, was mich so lange in mein »Opferland« gezwungen hatte.
Am meisten verblüffte mich die Reaktion meiner Zuhörer. Ich wusste, ich musste lernen, über meine Gefühle zu sprechen. Selbstbestimmte Lebensgestaltung ist wie Auswandern aus einem alten Leben. Ich musste lernen, mich dessen nicht zu schämen. Zu meinen Gedanken zu stehen und sie den Reaktionen, auch der Kritik anderer Menschen auszusetzen. Ich hatte mit entschiedenem Widerspruch und harter Kontroverse gerechnet, gar mit Gelächter, Spott und Hohn. Das Gegenteil trat ein. Man begegnete mir mit Interesse, man hörte mir mit hoher Konzentration zu. Und ich erntete viel Zuspruch und Gemeinschaft. Diese Bestätigung schenkte weitere Kraft und Zuversicht, den mir noch so fremden neuen Weg weiterzugehen. Der Aufbruch war geschafft, nun galt es, Schritt für Schritt in ein freieres, glücklicheres Lebensgefühl...




