E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Kortewille / Boger Traumasensible Begleitung bei Aggressionen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7799-9305-6
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Praxiswissen für die pädagogische und therapeutische Arbeit mit Kindern
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-7799-9305-6
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ralph Kortewille, Diplom-Psychologe, ist seit 2007 im Bereich der ambulanten und stationären Kinder- und Jugend-psychiatrie und -psychotherapie tätig und hat seit 2021 die Leitung der Interdisziplinären Trauma-Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie Elmshorn inne. Er ist Therapeut, Supervisor, Autor und Experte für Traumatherapie und Kinderschutz.
Autoren/Hrsg.
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2.Prä-, perinatale und frühe Traumatisierungen
Ein Arbeitsfeld mit besonderen Herausforderungen
In unseren sehr unterschiedlichen Arbeitskontexten behandeln wir Kinder und Jugendliche, die wegen der Folgen pränataler Erkrankungen, schwieriger Geburtsverläufe, pränataler oder sehr früher Gewalterfahrungen oder kumulierenden Erfahrungen von Unsicherheit und Beziehungsabbrüchen vorgestellt werden. Der Zeitraum zwischen der Zeugung und dem Ende des zweiten Lebensjahres ist für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern die prägendste Phase (Roth/Strüber 2016). Es ist eine Zeit einer enormen Neuroplastizität. Unter neuronaler Plastizität versteht man die Fähigkeit von Nervenzellen und -verbindungen, sich nutzungs- und erfahrungsabhängig in ihrer Anatomie, Funktion und in Bezug auf den Grad der Vernetzung zu verändern. Die Formbarkeit von Synapsen, Neuronen und ihren Schaltkreisen in Abhängigkeit der Nutzung oder den gemachten Erfahrungen ermöglicht eine Anpassung an die Umwelt und steigert damit die Effizienz des Gehirns. Die Anzahl der neuronalen Verknüpfungen im Gehirn vervielfacht sich in den ersten drei Lebensjahren (Roth/Strüber 2016). Es entwickelt sich in rasanter Geschwindigkeit, zwischen Geburt und dem Ende des zweiten Lebensjahres verdoppelt sich das Gehirnvolumen. Niemals lernen Kinder mehr und schneller als in diesem Zeitraum. Kinder in diesen ersten Jahren beobachten und begleiten zu dürfen, ist wunderbar.
Sind Kinder in dieser Zeit jedoch Ereignissen mit traumatisierendem Potenzial ausgesetzt, wirken sich diese auf die gesamte Gehirnentwicklung aus, auf ihre Stressregulation, ihre Selbstwahrnehmung und die der anderen Menschen und damit auf sämtliche Verhaltensweisen und Interaktionen zwischen dem Individuum und seinem Umfeld im weiteren Lebensverlauf. Die Folgen können sowohl für die Betroffenen als auch die Mitmenschen höchst belastend sein. Solche Erlebnisse können so schwere Folgen haben, dass daraus für die Kinder später ein Bedarf an intensiver pädagogischer Unterstützung und gleichzeitig ein Bedarf an längerfristiger psychotherapeutischer und/oder psychiatrischer Behandlung entsteht.
Frau Freundlich kam mit ihrem fünfmonatigen Sohn in die Praxis. Nach einer Geburt, die die Mutter als traumatisch erlebt hatte, weinte der Sohn sehr viel, ließ sich von ihr schwer beruhigen und wachte im Stundenrhythmus nachts auf und musste gestillt werden. Es war für Frau Freundlich kaum möglich, den Sohn abzulegen, ständig musste er getragen werden. Mutter und Kind waren mit ihren Nerven am Ende. Der Vater fühlte sich oft nutzlos, da er kaum Tätigkeiten übernehmen konnte, obwohl er dies gerne wollte, sich aktiv bemühte und anbot.
Für die therapeutische und pädagogische Arbeit mit Kindern mit Belastungserlebnissen ist es von größter Bedeutung, Klarheit darüber zu haben, ob trauma-wertige Erlebnisse vorliegen oder ob das Kind Stressbelastungen ausgesetzt war, die noch innerhalb des Toleranzbereichs lagen. Nicht alle negativen Erlebnisse führen zu einer Traumatisierung, nicht jede Traumatisierung ist schwer oder komplex. Eine Verallgemeinerung oder Bagatellisierung des Traumabegriffs muss unbedingt vermieden werden, weil es den Betroffenen schadet, wenn weniger schwere Erlebnisse als schweres Trauma dargestellt werden.
Frau Freundlich berichtete weiter, sie habe in ihrer Kindheit unter Gewalt durch ihre schwer alkoholkranke Mutter gelitten. Ständig habe die Mutter sie im Suff beschimpft und entwertet. Gleichzeitig habe sie den Alkoholismus der Mutter decken und ab der Schulkindzeit sogar den Haushalt machen müssen, aus Angst, ins Heim zu kommen. Sie sei dann früh, mit 16 Jahren, ausgezogen. Der damalige Freund habe sie psychisch und körperlich schlecht behandelt, sei krankhaft eifersüchtig gewesen. In ihrer jetzigen Beziehung zum Vater des Kindes sei sie glücklich. Gewalt komme nicht vor. Massiv belastend habe sie die Geburt erlebt, die sich hingezogen habe und schließlich zum Stillstand gekommen sei. Sie habe sich zuvor in jeder erdenklicher Art vorbereitet, aber alles sei „ganz anders gelaufen“, als sie gehofft hatte. Die Ärzte hätten zum Kaiserschnitt gedrängt und ihr Angst gemacht. In diesem Augenblick sei sie vollständig von Panik ergriffen worden, habe sich überfordert und entscheidungsunfähig gefühlt. Ab diesem Moment habe sie alle weiteren medizinischen Prozeduren als überwältigend und sich selbst als völlig machtlos erlebt. Als die Anästhesistin ihr die Maske für den Notkaiserschnitt aufgelegt habe, habe sie Erstickungsgefühle und Todesangst bekommen.
Eine differenzierende Diagnostik ist unverzichtbar, um trauma-wertige Ereignisse von weniger gravierenden zu unterscheiden. Die erforderlichen Diagnosen dürfen ausschließlich von Fachpersonen gestellt werden. Dies ist in der Regel ein:e Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:in oder ein:e Kinder- und Jugendpsychiater:in mit zusätzlicher Ausbildung (DeGPT, EMDRIA usw.). Auch wenn die Erlaubnis, Diagnosen stellen und Kinder behandeln zu dürfen, den Berufsgruppen mit Approbation vorbehalten ist, besitzen speziell geschulte (z.?B. DeGPT, FVTP) und andere sehr erfahrene pädagogische Fachkräfte auf jeden Fall auch die Expertise, eine Traumatisierung erkennen und beschreiben zu können. Wir treten für einen Dialog auf Augenhöhe ein, arbeiten für die gemeinsame Verantwortungsübernahme und erkennen aber auch die unterschiedlichen Aufgabenstellungen an.
Das eindeutig größte Problem zurzeit ist jedoch, dass Traumatisierungen bei Kindern und Jugendlichen, speziell komplexe Traumafolgestörungen, zu häufig nicht korrekt erfasst werden. Das Problem besteht in einer Unterdiagnostizierung, nicht in einer Überdiagnostizierung, da in den bisherigen diagnostischen Manualen die Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen nur teilweise berücksichtigt wurden (Eilers et. al 2024, S. 410). Das gilt auch für prä- und perinatale Traumatisierungen und sehr frühe Gewalterfahrungen. Immer noch geistert die Behauptung herum: „Kleine Kinder vergessen sowas!“. Daher setzen wir in diesem Buch einen besonderen Fokus auf die frühen Belastungserlebnisse.
Nachdem Frau Freundlich sich in drei Sitzungen als Bezugsperson stabilisieren konnte, brachte sie ihren inzwischen sechs Monate alten Sohn mit und bat um eine Behandlung für ihn. Als sie dem Sohn die Geschichte seiner Geburt zum ersten Mal vollständig erzählte, zeigte er extreme Unruhe und schrie. Als die Geschichte zum guten Ende kam und die Therapeutin ergänzte, dass Mutter und Kind schließlich wohlauf waren, gelangte der Sohn in einen Zustand von erstaunlicher Ruhe und Entspannung. Beim nächsten Termin eine Woche später berichtete Frau Freundlich, dass die Nächte inzwischen deutlich besser geworden seien. Der Sohn strahlte und schaute interessiert und entspannt um sich. Es schien, als ob ein anderes Kind gekommen wäre.
Die Fachwelt wartet ungeduldig darauf, dass das neue Manual ICD-11 in Deutschland endlich zur Anwendung kommt. Die Hoffnung ist, dass mit der Freigabe der Missstand der Unterdiagnostizierung endlich behoben wird. In der ICD-11 wird die Diagnose „Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung“ eingeführt, die sich nach der bisherigen klinischen Erfahrung als besonders gut geeignet zeigt, um die Symptome von Kindern und Jugendlichen zu beschreiben, die schwere und chronische Misshandlungen erlebt haben (vgl. Vasileva/Petermann 2020). Die Folgen negativer Kindheitserlebnisse sind inzwischen gut untersucht und müssen nun auch...




