Kramer DSA 5: Thalionmels Opfer
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86889-638-1
Verlag: Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Schwarze Auge Roman Nr. 5
E-Book, Deutsch, Band 5, 313 Seiten
Reihe: Das Schwarze Auge
ISBN: 978-3-86889-638-1
Verlag: Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ina Kramer ist eine Autorin, die 'Das Schwarze Auge' von Anfang an besonders stark mit ihren Werken geprägt hat. Etliche Karten und Grafiken stammen von ihr. In ihrer Wohngemeinschaft entstand das Schwarze Auge. Anfangs war sie vom Verhalten der Spieler der ersten Stunde abgestoßen, dies änderte sich mit dem Dazustoßen der ersten Spielerinnen. Bis 2001 war sie zusammen mit Britta Herz verantwortlich in der DSA-Redaktion.
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1. Kapitel
Ein kalter Wind blies von Efferd her. Die bleigrauen Regenwolken, die seit Tagen den Himmel verdunkelt hatten, hatte er inzwischen vertrieben, aber auch jetzt, um die dritte Stunde nach Mittag, war es ihm noch immer nicht gelungen, den fahlen Dunstschleier von Praios‘ winterlich blassem Antlitz zu ziehen.
Der Junge und das Mädchen saßen auf einem aus Treibholz mehr schlecht als recht gezimmerten Bänkchen, die Rücken an das Mauerwerk des verfallenden Zollhäuschens gelehnt und die Gesichter dem Meer zugewandt, das nur wenige Meilen vor der Stadt gegen die steinige Küste brandete. Zum Schutz gegen die Kälte hatten sie ihre dürftigen Kleider fest um die Körper geschlungen.
Seit einer halben Stunde hatten die beiden kein Wort mehr miteinander gewechselt und blickten nur mit finster zusammengezogenen Brauen starr nach Südwesten, wo irgendwo in weiter Ferne die endlose graue Wasserfläche mit dem Himmel verschmolz.
»Wann bist du das letzte Mal im Tempel gewesen?«
ergriff der Junge unvermittelt das Wort, nicht ohne sich zuvor zu räuspern, wie er es jedesmal tat, wenn er nach einer längeren Pause zu sprechen begann, denn seine Stimme war knabenhaft rauh und noch nicht recht gefestigt.
»Es geht dich zwar nichts an«, erwiderte seine Gefährtin schroff, »aber ich kann es dir genau sagen: Das war vor acht Tagen, und anläßlich dieses seltenen Ereignisses habe ich Mutter Rovena sieben Kreuzer in ihre hölzerne Schale gelegt.«
»Ich spreche nicht vom Perainetempel«, sagte der Junge, »und das weißt du auch...« Er hielt inne, als er aus den Augenwinkeln sah, daß sich die Miene des Mädchens noch mehr verfinsterte. »Ach Thalionmel, ich will doch nicht mit dir streiten«, fuhr er leise fort und streckte die Rechte nach der mageren weißen Hand des Mädchens aus, doch sie schob sie in einer raschen, wie zufälligen Bewegung unter ihren Umhang, bevor er sie berühren konnte.
»Ich weiß, du meinst es gut mit mir, machst dir Sorgen um mich wie eine Mutter und denkst beständig an mein Seelenheil.« Das Mädchen hatte so viel beißende Schärfe in ihre Worte gelegt, daß sie nun, da sie den Satz gesprochen hatte, fast bestürzt war über den häßlichen Klang ihrer Stimme. Aber es gab dem Gesagten nichts hinzuzufügen, und vor Ärger über sich selbst, über ihr unnützes Leben und den kalten Wind preßte sie die blassen Lippen fest aufeinander und verengte die Augen zu so schmalen Schlitzen, daß kaum mehr als die dunklen Wimpern zu sehen waren.
»Morgen wirst du vierzehn«, fuhr der Junge ungerührt fort; er schien an den Sarkasmus und die Schroffheit seiner Gefährtin gewöhnt zu sein, »und ich finde, allmählich wird es Zeit, daß du eine Entscheidung triffst über den weiteren Verlauf deines Lebens. Wenn du deinen Oheim...«
»Woher weißt du, wann mein Tsafest ist und wie alt ich bin?« Überrascht wandte das Mädchen den Kopf und blickte ihren Begleiter aus großen hellen Augen fragend an. Ihre blonden, nicht eben sauberen Locken, die ihr der Wind zuvor aus der Stirn gepustet hatte, flatterten nun um Stirn und Nase, und ärgerlich fuhr sie mit der Hand dazwischen.
»Ich merke mir, was du mir erzählst, und ich kann rechnen, auch wenn ich nur ein fortgelaufener Schreiberlehrling und Praiosschüler bin.« Der Junge lachte rauh und ohne Freude. Er war etwa einen halben Spann kleiner als Thalionmel, schmal und zartgliedrig, und trug das schlichte Haar von der Farbe winterlichen Laubes in der Mitte gescheitelt und mit einem ledernen Stirnband gehalten. Diese Haartracht, der schlanke Wuchs und nicht zuletzt das schmale blasse Gesicht mit den hohen Wangenknochen, der recht kurzen Nase und den leicht schräggestellten hellbraunen Augen verliehen seinem Aussehen auf den ersten Blick etwas Elfisches, ein Eindruck, der beim zweiten Hinschauen durch die Unzahl kleiner Sommersprossen, die bei Elfen niemals vorkommen, sogleich wieder zerstört wurde. Dennoch hatte Thalionmel in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft -oder vielmehr neuerlichen Bekanntschaft -der Versuchung nicht widerstehen können, bei jedem Windstoß den Kopf des Jungen scharf zu beobachten, um zu sehen, welche Art von Ohren wohl unter dem Haar verborgen waren.
»Sie sind rund«, hatte der Junge am dritten oder vierten Tag gemeint und sich lachend das Haar hinter die Ohren gestrichen, »rechte Rosenohren, wenn auch ein wenig abstehend. Und es fließt kein Tropfen Elfenblut in meinen Adern, und die Gabe besitze ich auch nicht.« Bei diesen Worten hatte das Mädchen sich seltsam ertappt gefühlt, und ihr war bewußt geworden, daß sie schon einmal, vor langer, langer Zeit, geglaubt hatte, Pagol könne ihre Gedanken lesen.
Pagol war nicht der wirkliche Name des Jungen, aber den richtigen wollte er nicht verraten, sondern hatte nur gescherzt, als Thalionmel ihn danach gefragt hatte. »Vielleicht heiße ich Boronian«, hatte er gesagt und sie mit strengem Blick gemustert, »oder Bärbeiß.« Er hatte das Kinn vorgeschoben und die Mundwinkel nach unten gezogen. »Oder Buckelbert.« Wobei er den Kopf zwischen die gerundeten Schultern gezogen hatte. »Oder gar Borbarad.« Und bei diesem Namen hatte er furchteinflößend mit den Augen gerollt. »Ach, laß uns bei Pagol bleiben, denn von allen Namen, die ich bisher getragen habe, gefällt mir der mir einst von dir verliehene am besten.« Pagols Geheimnis hatte Thalionmel einen Tag lang beschäftigt, dann hatte sie das Interesse daran verloren, und inzwischen glaubte sie, den Jungen beim rechten Namen zu nennen, wenn sie ihn Pagol rief.
»Du solltest wirklich wieder einmal in den Tempel gehen«, nahm er gerade das etwas einseitige und einsilbige Gespräch wieder auf.
»Hier gibt es keinen Tempel, ich müßte also zuvor einen bauen, um hineingehen zu können, falls ich das wollte, denn offen gestanden weiß ich nicht, was ich mit der Göttin zu besprechen hätte, und Sie Ihrerseits wird sich nicht gerade nach meiner Aufwartung sehnen.«
»Sprich nicht so, so...« Pagol hatte einen eigroßen Feuerstein vom Boden geklaubt, und während er nach den rechten Worten suchte, drehte er ihn gedankenverloren zwischen den klammen Fingern. »Es paßt nicht zu dir, es macht dich häßlich...«
Thalionmel wußte, daß ihr Freund die Wahrheit sprach - ihre Rede war häßlich, und ihre Seele war es nicht minder -, und eben darum trafen seine Worte sie ins Herz. Mit welchem Recht mengte Pagol sich immer wieder in ihr Leben, gab ihr unerwünschte Ratschläge und sagte ihr Wahrheiten, die sie nicht hören wollte? Zornig ballte sie die Hände unter ihrem Umhang zu Fäusten, zog die Füße auf die Bank, umschlang die Beine mit den Armen und preßte ihren dünnen Körper fest gegen das Mauerwerk. Dabei bohrten sich die scharfen Kanten der halbierten Flintsteindrusen, aus denen das Zollhaus errichtet war, schmerzhaft in ihren Rücken.
Ja, Feuerstein ist hart und scharf, ging es ihr durch den Kopf, man kann Funken damit schlagen und Speerspitzen daraus fertigen... Ihr fiel ein, wie verwundert sie gewesen war, als sie das Stadttor von Eldoret zum ersten Mal passiert und, eine ganze Stadt aus Feuerstein erbaut vorgefunden hatte. Grau – das war ihr erster Eindruck gewesen, und er hatte zu dem trüben Tag und ihrer Stimmung gepaßt. Zwar hatte sie im Verlauf der folgenden Wochen und Monde durchaus die Unterschiede wahrgenommen (die Häuser, zu deren Bau man unversehrte Kiesel verwendet hatte, waren heller, und ihr milchiger Ton spielte bisweilen ins Bläuliche, und bei denen, die aus aufgeschlagenen Drusen errichtet waren, mengte sich Ocker in das Grau, und sie glitzerten schwach, wenn die Sonne darauf traf), doch das änderte nichts an Thalionmels Einschätzung: Eldoret war eine graue Stadt. Ob es sich wohl lohnte, mit Flintsteinen Handel zu treiben? fragte sie sich. Vermutlich nicht, denn sonst hätten die Bürger dieses ärmlichen Ortes gewiß längst damit begonnen, anstatt fluchend die faust- oder kindskopfgroßen Steine, die in den Äckern ringsum zu wachsen schienen, zu immer höheren Mauern aufzuschichten. Und dennoch, dachte sie, vielleicht gibt es irgendwo am anderen Ende der Welt ein Land, dessen Bewohner bereit wären, Feuersteine mit Gold aufzuwiegen, weil dort das edle Metall in dicken Klumpen im Boden läge, sie aber nichts besäßen, um Feuer damit zu machen...
»Warum gehst du nicht fort, was hält dich hier?« riß Pagols Stimme das Mädchen aus den müßigen Überlegungen.
Nichts, gar nichts hält mich an diesem elenden, stinkenden Ort, hätte sie antworten sollen, statt dessen sagte sie: »Du, mein Herzallerliebster. Es bräche mir das Herz, dich zu verlassen.«
»Gibt es einen besonderen Grund für deine üble Laune? Ist ein Gast dir nahegetreten, hat dich auf den Hintern geschlagen oder dir ins Mieder gegriffen?«
»Das soll nur einer wagen – der wird mich kennenlernen! Außerdem trage ich kein Mieder, wie du weißt.« Thalionmel funkelte ihren Gefährten zornig an, als hätte er sich einen solchen Übergriff zuschulden kommen lassen, und schnaubte durch die geblähten Nüstern. Tatsächlich hätte sie nicht gewußt, wie sie sich in einem solchen Fall, der zum Glück bisher nicht eingetreten war, verhalten sollte. Einen Gast verprügeln oder fordern, das ginge wohl nicht an, und ›Nehmt Eure Hände von meinem Hinterteil, werter Herr!‹ könnte sie auch schlecht sagen. In den letzten Wochen, seit sie im...




