Kraning | »Christsein heißt, in Querverbindungen leben« | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

Kraning »Christsein heißt, in Querverbindungen leben«

Ein DDR-Pfarrer erzählt.
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-1598-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein DDR-Pfarrer erzählt.

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

ISBN: 978-3-7597-1598-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Willi Kraning blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Als Heranwachsender erlebt er die Nazi-Diktatur mit, steht am Tag nach der Pogromnacht von 1938 mit seinem Vater vor der zerstörten, noch rauchenden Synagoge in Hagen. Auch die furchtbaren Bombennächte, die er als Kind miterlebte, hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Kurz vor Ende seines Theologiestudiums in Paderborn meldet sich Kraning freiwillig für den Dienst in der DDR. 1956 wird er in Magdeburg zum Priester geweiht. Für das DDR-Regime wird er schnell zu einem unbequemen Gegenüber, doch einschüchtern lässt er sich nicht. Als er einen Antrag für ein Reisevisum stellt, wird ihm klargemacht: Wenn er ausreist, darf er nicht mehr in die DDR zurück - er entscheidet sich ganz bewusst dafür zu bleiben und sieht seine Heimat Hagen siebzehn Jahre lang nicht. Während der Revolutionszeit im Herbst ´89 lebt und arbeitet Pfarrer Kraning in Genthin und ist maßgeblich an der Organisation der Friedensgebete beteiligt. Trotz der Anwesenheit der Stasi in der Kirche und den bereitstehenden Wasserwerfern in der Stadt bleibt alles friedlich. Dass die DDR ohne Blutvergießen untergeht, ist nicht allein den mutigen Menschen zu verdanken, meint der Autor, hier hatte auch Gott seine Hand im Spiel.

Pfarrer Willi Kraning, Jahrgang 1931, ist mit den Erfahrungen aus beiden Diktaturen auf deutschem Boden ein wichtiger Zeitzeuge. Lebendiger kann Geschichte nicht sein!
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Autoren/Hrsg.


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Meine familiären Wurzeln


Geboren wurde ich am 24. April 1931 in meinem Elternhaus in Hengstey, einem kleinen Dorf mit ungefähr dreihundert Einwohnern. Seit 1929 gehörte Hengstey zur kreisfreien Stadt Hagen (heute Nordrhein-Westfalen), sodass ich sagen kann, in einem Dorf, aber gleichzeitig in einer Stadt geboren worden zu sein.

Meine Familie lebte in einem Ziegelsteinhaus, das mein Großvater väterlicherseits gebaut hatte. Er hieß Wilhelm, diesen Namen gab er dann an meinen Vater (Jahrgang 1903) und auch an mich weiter. Um Verwechselungen zu vermeiden, wurde mein Vater von allen Willi gerufen, ich hingegen war das »Williken«. Als ich vierzehn Jahre alt wurde, schaffte ich diesen Namen ab und protestierte immer sofort, wenn es trotzdem irgendjemand wagte, mich so anzusprechen. Schließlich war ich doch kein Kind mehr!

Unser Haus war groß genug für vier Parteien: Meine Großeltern hatten eine separate Wohnung, in einer weiteren wohnte ich mit meinen Eltern und meinen drei jüngeren Schwestern: Elisabeth, die den Vornamen meiner Mutter erhielt, kam 1934 zur Welt, Hildegard 1937 und Gabriele 1944, als ich schon dreizehn Jahre alt war. Außerdem wohnten noch zwei fremde Familien mit im Haus: Eine hieß Robert, der Nachname der anderen Familie ist mir nicht mehr geläufig.

Wir hatten einige Morgen Land, was aber im Wesentlichen Pachtland war, und meine Großeltern hatten auch noch drei Kühe gehabt. Als ich zur Welt kam, war gerade die letzte Kuh abgeschafft worden, da wir unser Weideland verloren hatten. Grund dafür war der Bau des Hengsteysees, für den die Großeltern das Pachtland abgeben mussten. Die Bauarbeiten für diesen Stausee und die über den See führende Straßenbrücke begannen 1926, die Fertigstellung erfolgte 1929. Zwar bekamen meine Großeltern zunächst Ersatz für die abgegebenen Flächen, aber als diese dann doch wieder anderweitig beansprucht wurden, schaffte meine Familie das Großvieh endgültig ab. Während meiner Kindheit hatten wir allerdings immer Schweine, Ziegen und Hühner.

Mein Elternhaus

Diese Tiere sowie der große Nutzgarten dienten jedoch nur zur Selbstversorgung der Familie – Landwirte im eigentlichen Sinne waren wir nicht: Mein Großvater war Stellwerksmeister von Beruf, mein Vater hatte das Schlosserhandwerk gelernt, war Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre allerdings lange arbeitslos. Beide, Vater und Großvater, waren die Hausschlächter des Dorfes, und schon als kleiner, fünfjähriger Junge bin ich immer hinter ihnen hergezogen. Schnell kannte ich die Häuser, in denen sie die Schweine schlachteten.

Aber ich musste immer ein wenig warten, nachdem die beiden losgegangen waren, denn das Töten der Tiere sollte ich nicht mitbekommen. Also wartete ich zu Hause unter dem Tisch, bis meine Mutter kam und zu mir sagte: »Jetzt hat das Schwein gequiekt.« Dies war ihre pädagogische Umschreibung des Schlachtvorgangs, und mit diesen Worten gab sie mir außerdem zu verstehen, dass ich losgehen durfte. Für mich war es immer eine große Freude, die Schocken ziehen zu dürfen. So nannten wir die festen Hornhäute unten an den Schweinepfoten. Später kam ich dahinter, dass mein Vater die Schocken schon vorgelockert hatte, damit sein kleiner Sohn, wenn er beim Schlachten auftauchte, ein Erfolgserlebnis hatte.

Mein Elternhaus war tief katholisch geprägt – ich würde fast so weit gehen und sagen: Christlicher kann man sich ein Familienleben kaum vorstellen. So wurde bei uns vor jeder Mahlzeit ein Tischgebet gesprochen, der Kirchgang am Sonntag sowie zu jedem kirchlichen Feiertag gehörte für uns ganz selbstverständlich dazu.

Die Bevölkerung von Hagen war zu zwei Dritteln evangelisch, und auch in meiner Familie gab es eine ökumenische Nuance, da meine Großmutter väterlicherseits aus einer sogenannten »Mischehe« stammte – ihre Mutter war katholisch und ihr Vater evangelisch gewesen. Bis 1917 galt in Deutschland kirchenrechtlich Folgendes: Bei »Mischehen« wurden, wenn der Vater katholisch war, die Söhne katholisch getauft, und die Töchter der evangelischen Mütter evangelisch. Entsprechend im umgekehrten Fall: War die Mutter katholisch, wurden die Töchter katholisch getauft und die Söhne des evangelischen Vaters evangelisch. Evangelische Taufen waren im Falle einer katholisch geschlossenen »Mischehe« also ganz normal und legitim. So war das bei meinen Urgroßeltern.

Ab 1917 änderte die katholische Kirche jedoch das Kirchenrecht: Danach war eine evangelische Taufe in einer katholisch geschlossenen Ehe ein Exkommunikationsgrund. In der Anfangszeit meines pastoralen Dienstes musste ich immer sehr genau darauf achten, wann eine Ehe geschlossen worden war – also vor 1917 oder danach. Familiäre Erfahrungen und späteres Nachdenken führten sehr früh zu einer gewissen Skepsis gegenüber dem Kirchenrecht und römischen Anweisungen.

Trotz der katholischen Prägung herrschte bei meinen Eltern eine gewisse Offenheit. Diese haben sie an ihre Kinder weitergegeben. Vermutlich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg schlossen sie sich einem Vortragswerk in der Hildegardis-Schule in Hagen an. Einmal im Monat gingen sie an einem Sonntagnachmittag dorthin. Ein Pater aus Dortmund hatte diese Familienfortbildung für die Stadt Hagen ins Leben gerufen. Er muss sehr fortschrittliche Ansichten vertreten haben, ich selbst lernte ihn aber nie persönlich kennen. Erst als ich später Theologie studierte, fragte ich mich oft, woher meine Eltern – und besonders meine Mutter – ihre für damalige Zeiten modernen Sichtweisen hatten, und kam zu dem Schluss, dass das unter anderem mit diesen Familientreffen zusammenhängen musste.

Unsere Eltern Elisabeth und Wilhelm

Und so wurden wir Kinder zwar katholisch erzogen, aber nicht in sklavischem Gehorsam gegenüber kirchlichen Anweisungen. So erinnere ich mich beispielsweise noch gut an den Tag, als meine Schwester Hildegard weinend nach Hause kam. Sie erhielt außerhalb der Schule Englischunterricht, und weil an diesem Tag der Unterricht etwas länger gedauert hatte, war sie zu spät zur Kinderbeichte gekommen.

Alle vier Wochen gingen wir zum Beichten, wobei der Ablauf genau geregelt war: Zuerst kamen die Kinder und dann die Erwachsenen dran. Als Hildegard nach dem Englischunterricht in der Kirche erschien, war die Beichtzeit für die Kinder gerade vorbei, eigentlich wären nun also die Erwachsenen an der Reihe gewesen. Nachdem sich meine Schwester in die Bank gesetzt hatte, bemerkte sie, dass kein Erwachsener in den Beichtstuhl ging. Also ging sie – der Beichtpriester aber riss sie aus dem Beichtstuhl. »Du kannst jetzt nicht mehr beichten, die Erwachsenen sind dran«, herrschte er sie an.

Wir gehörten zur Kirchengemeinde in Hagen-Boele

Weinend lief Hildegard nach Hause, doch anstatt mit ihr zu schimpfen, weil sie zu spät gewesen war, tröstete unsere Mutter sie: »Kind, du musst dir keine Gedanken machen – du hast gebeichtet. Gott ist größer als der Pfarrer.« Erstaunliche Worte für die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts, aber das war unsere Mutter! Für sie bedeutete Frömmigkeit eben nicht blinder Gehorsam gegenüber dem Klerus, im Gegenteil – sie nahm sich die Freiheit, nach ihrem gesunden Menschenverstand zu urteilen, und zwar besonders, wenn es um uns Kinder ging. Auch dass wir in einem Abstand von drei Jahren geboren wurden, lässt auf freiheitliche Entscheidungen schließen.

Unsere Mutter war Jahrgang 1904 und stammte, wie mein Vater, aus Hengstey, wo sie mit drei Geschwistern aufgewachsen war. Mutters Eltern lebten am anderen Ende des Dorfes, aber es gab nur wenig Kontakt zu ihnen. Heute würde ich sogar so weit gehen und sagen, dass man ihren Vater, meinen Großvater mütterlicherseits, bewusst von uns Kindern fernhielt. Ich habe ihn als zufriedenen Mann kennengelernt, der Holz hackte. In meinem Leben spielte er nur eine geringe Rolle. Als er schon verstorben war, hieß es – aber immer noch hinter vorgehaltener Hand –, dass er mit dem Alkohol nicht zurechtkam. Wahrscheinlich hat man ihn deshalb nicht zu nah an uns Kinder herankommen lassen, damit wir nicht mitbekamen, dass einer unserer Großväter Alkoholiker war, wobei wir diese Bezeichnung noch gar nicht kannten.

Zu meiner Großmutter mütterlicherseits hatte ich wenig Kontakt. Erst als sie später bei ihrer Tochter, meiner Tante Maria, in Wuppertal lebte, besuchte ich sie manchmal und lernte von ihr eine wichtige Lebensweisheit. Dazu muss man wissen, dass meine Oma zu dieser Zeit eine Krankheit mit wechselnden Symptomen hatte: Mal konnte sie nicht sehen, mal nicht hören – am Ende war sie bettlägerig und völlig erblindet, also sehr krank. Trotzdem antwortete sie auf meine Frage, wie es ihr denn gehe, stets mit demselben Satz: »Ach, Junge, es hätte alles noch schlimmer kommen können!« Schon in jungen Jahren dachte ich: »Wenn ich so weise wäre wie sie, dann ginge es mir sehr gut.« Obwohl sie doch ganz offensichtlich schwer krank war, strahlte meine Oma Zufriedenheit aus – nie habe...



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