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E-Book

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

Kuchenbuch Globalismen

Geschichte und Gegenwart des globalen Bewusstseins
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-86854-485-5
Verlag: Hamburger Edition HIS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Geschichte und Gegenwart des globalen Bewusstseins

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

ISBN: 978-3-86854-485-5
Verlag: Hamburger Edition HIS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gestörte Lieferketten, Flucht und Migration, Kritik an »kosmopolitischen Eliten«: Auseinandersetzungen über Globalisierung und neuerdings auch Deglobalisierung haben Konjunktur. Tatsächlich wird über Wohl und Wehe der weltweiten Verflechtungen seit mehr als 150 Jahren diskutiert. Mal gewannen euphorische, mal pessimistische Sichtweisen die Oberhand. Dabei ist in jüngster Zeit das Wort »Globalismus« zu einem Kampfbegriff geworden. David Kuchenbuch entschärft diese Debatten. Er erfasst »Globalismen« als Ausdruck eines globalen Bewusstseins, das auch die Kritik an der Globalisierung beinhaltet. In seinem Buch erzählt Kuchenbuch zum ersten Mal die wechselhafte Geschichte des globalen Denkens in der transatlantischen Moderne. Er rekonstruiert die sozialen Milieus, die kulturellen Konstellationen und die politischen Mobilisierungsprozesse, aus denen heraus Globalismen entstanden. Es geht um Phänomene wie die utopischen Hoffnungen, die sich Ende des Zweiten Weltkriegs auf eine friedliche »One World« richteten, oder um die in den 1970er Jahren verbreitete Sorge angesichts »globaler Interdependenzen«. So zeigt dieses konzise und anschaulich geschriebene Buch, wie stark historische Erfahrungen in gegenwärtigen Debatten fortwirken.

David Kuchenbuch, PD Dr., ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Gießen.
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Autoren/Hrsg.


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2 Die Welt der ersten Globalisierung


Die Welt, 1882


Historiker lieben es, sich mit einzelnen Jahren zu beschäftigen. Mal werden diese als Zeiträume interpretiert, in denen sich bestimmte Ereignisse akkumulieren, bis sie fundamentale Umwälzungen herbeiführen. Dann wieder sollen Einzeljahre eher Schlaglichter auf den historischen Prozess werfen, also kulturelle, soziale, ökonomische Strukturen aufblitzen lassen. Mit 1882 geht beides. Blickt man in die Wikipedia, stößt man auf eine Vielzahl von Ereignissen, die sich als Wendemarken in der Geschichte der Globalisierung interpretieren lassen, aber auch auf solche, die die erreichte »Globalität« des späten 19. Jahrhunderts verdeutlichen. Zum Beispiel gründet John Rockefeller in diesem Jahr das Standard Oil Trust. Er konsolidiert damit sein Monopol bei der Raffinierung jenes Materials, das die Kohle als Triebkraft der Weltwirtschaft abzulösen beginnt. Darauf werden wenig später die ersten Antitrust-Gesetze der USA reagieren, die zur Gründung einiger der noch heute dominierenden Ölunternehmen führen. Im Frühjahr 1882 geben sich die USA mit dem Chinese Exklusion Act ihr erstes rassistisches Einwanderungsgesetz, während in Russland die Maigesetze die Freizügigkeit der Juden einschränken. Im Juli beschießt die britische Flotte Alexandria und erringt die Kontrolle über den Suezkanal, wenige Monate später wird ganz Ägypten zum britischen Protektorat. Bis heute wird über den Suezkanal ein erheblicher Teil des Welthandels abgewickelt, seit seiner Eröffnung 1859 vollzieht sich über ihn aber auch die lessepssche Migration: die Zuwanderung invasiver Arten aus dem Roten Meer ins Mittelmeer. Dazu passt, dass 1882 das erste Internationale Polarjahr (IPY) war, in dem sich die Regierungen von zwölf Staaten verpflichten, die Erforschung der letzten unerforschten Gebiete der Erde koordiniert anzugehen. Das bildet eine Voraussetzung für den internationalen wissenschaftlichen Austausch, der auch im so konfliktreichen 20. Jahrhundert nie zum Erliegen kommt. Zugleich legt die im Rahmen des IPY verabredete Standardisierung und Integration von meteorologischen Daten den Grund für die neue Konzeption des »Weltklimas«. Auch die Idee eines »Weltumweltschutzes« wird in den 1880er Jahren begrifflich fassbar. Schließlich ist 1882 das Jahr, in dem der Historiker Ernest Renan an der Pariser Sorbonne die Vision einer supranationalen europäischen Gemeinschaft entwirft. Sein Vortrag »Was ist eine Nation?« wird für seine »konstruktivistisch« informierten Nachfolger der 1990er Jahre zur zentralen Referenz, wenn sie nach Forschungsperspektiven jenseits des Nationalstaats fragen.

Die Beispiele sind so ausgewählt, dass sie eine Vielzahl Themen berühren, die wir heute durch die Globalisierungsbrille betrachten: ökonomische und infrastrukturelle Verflechtungen und die Macht multinationaler Unternehmen; transkontinentale Migration und der Versuch, sie zu unterbinden; die Zerstörung der Erde durch den Menschen; die Suche nach postnationalen Konstellationen. Meine Auswahl macht zugleich das Kernproblem der Jahreszahlbücher deutlich, die »Jahre am Rande der Zeit« identifizieren,1 in denen also etwas zu Ende ging und etwas anderes begann: Die Zeitgenossen selbst thematisierten meist nicht dieselben Vorgänge, die Historikerinnen als entscheidende ausmachen; globaler Umweltschutz und europäische Identität zum Beispiel waren keine zentralen Themen der »langen Jahrhundertwende« (ca. 1880–1918), um die es im Folgenden geht. Schließlich ist das Gefühl, in einer Umbruchsituation zu leben, der eine offene Zukunft folgt, mit guten Gründen als Standarderfahrung moderner Menschen herausgearbeitet worden.2 Und dennoch: Es spricht einiges dafür, dass es in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts für eine präzedenzlos große Zahl von Menschen zur Selbstverständlichkeit wurde, die Welt als politischen, ökonomischen, sozialen und naturräumlichen Gesamtzusammenhang zu betrachten.

Die ganze Welt in Thüringen


1882 lancierte Hermann Berghaus eine Weltkarte, die diesen Gesamtzusammenhang visualisierte (siehe die Abbildung in der vorderen Buchklappe). Das Werk ist eine virtuose Mischung aus topografischer und thematischer Karte. Die Erdoberfläche wird durch Schummerungen der Höhenunterschiede dargestellt, Gewässer, Wüsten, sogar das Packeis ist farblich markiert. Visualisiert werden darüber hinaus Meerestiefen sowie Strömungen und ihre Geschwindigkeiten. Was jedoch als Erstes ins Auge fällt, ist die große Aufmerksamkeit, die der Kartengestalter den Verkehrs- und Kommunikationsinfrastrukturen hat zuteilwerden lassen, den »regelmäßigen Dampfschifffahrts-Linien und Ueberland-Routen« und den »grossen Land- und Untersee-Telegraphen«. Wollte man Berghaus’ Karte aus sich selbst heraus interpretieren, wären ihre Themen die Beherrschbarkeit der Welt und die Bedeutung von Kommunikation. Sie wäre ein Medium, das zugleich andere Medien(kanäle) zeigt, deren Zuverlässigkeit durch die Detailtreue der Karte selbst verbürgt wird. Denn irgendwie müssen die geografischen Informationen, die an Messpunkten auf der ganzen Welt erhoben wurden, schließlich am Standort des Kartografen zusammengeführt worden sein.

Dieser Standort, und das macht die Karte nicht nur zum Symbol, sondern auch zum Produkt von Globalisierung, war das thüringische Gotha, genauer die kartografische Anstalt des Verlagsbuchhändlers Wilhelm Perthes, an der Hermann Berghaus 1863 eine erste Version der Karte entwarf. Der 1828 geborene Kartograf hatte bei Perthes die Aufgabe, Kartenwerke zu aktualisieren. Berghaus, der in seinem Leben kaum weiter gereist ist als von seinem westfälischen Geburtsort Herford nach Thüringen, saß an einem peripheren Ort, an dem dennoch erkennbar wurde, was sich in der Welt veränderte, wie sie zusammenwuchs. Umso wichtiger ist, dass die Karte englisch beschriftet und betitelt ist, was auf die Existenz eines länderübergreifenden Marktes für die thüringischen Verlagsprodukte hinweist. Tatsächlich war einer der Verwendungszwecke die Nutzung als Kontorkarte durch Reedereien, die mit ihrer Hilfe einzelne Schiffe auf ihrer Route tracken konnten, wie wir heute sagen. Womöglich lag der unique selling point der Karte allerdings in dem Effekt, der sich bei ihrer Betrachtung aus gewissem Abstand ergibt. Dann nämlich verschwimmt das »Geflecht sich überkreuzender und überlappender Linienbündel«3 – die kartografische Entscheidung, jede damals regelmäßig befahrene Schifffahrtslinie in durchbrochenen Linien auf der Karte zu verzeichnen, lässt einen Gesamteindruck menschengemachter Globalität entstehen. Die natürliche Geografie der Erde bleibt erkennbar, wird aber überschrieben durch ein Netz aus menschlicher Aktivität.

Und so kann man sich vorstellen, wie die Zeitgenossen die Verbindungen dieses Netzes mit dem Finger abreisten in einer Phase massenhafter Migration insbesondere aus Europa nach Amerika. Gut möglich, dass Menschen auch der Route der nach Südamerika ausgewanderten Verwandtschaft folgten, wenn sich nicht gar eigene Auswanderungsträume an der Karte entzündeten. Karten schaffen Möglichkeitsräume; sie sind Imaginationshilfen, die zur Veränderung der Realität einladen.4 Daher überrascht nicht, dass die Berghaus-Karte immer wieder mit den literarischen wie realen Weltreisen ihrer Zeit in Verbindung gebracht wird, mit der Weltumrundung des George Francis Train im Jahr 1870 oder mit der Postkarte, die eine Tageszeitung 1888 als publicity stunt auf eine siebzigtägige Reise um die Welt sendete.5 Sie war damit sogar zehn Tage schneller als der britische Gentleman Phileas Fogg, den der Schriftsteller Jules Verne bereits 1873 auf seine fiktionale Reise geschickt hatte – eine Reise, die sich nicht nur als Abenteuer, sondern auch als Wette auf die Genauigkeit der Kursbücher der Reedereien, auf die Konnektivität ihrer Zeit verstehen lässt.6 Tatsächlich neigten Historiker zuletzt zu der Überzeugung, »dass das, was seit Ende des letzten [20., D.K.] Jahrhunderts als Globalisierung bezeichnet wird, eine in ihrer Grundform recht dauerhafte Bewusstseinsfigur darstellt«.7 Realentwicklungen des 19. Jahrhunderts bilden das latente Erfahrungsreservoir für das Globalitätsdenken, mit dem wir seitdem operieren.

Die erste Globalisierung


Als Ende der 1990er Jahre die Globalisierungsdebatte einen ersten Höchststand erreichte, sahen sich auch Historiker herausgefordert, mitzudiskutieren. Gerade Wirtschaftshistoriker sind zu wichtigen Einsichten gelangt, indem sie etwa die These von der präzedenzlosen Globalisierung des späten 20. Jahrhunderts hinterfragten. Wenn wir heute von Phasen oder Wellen der Globalisierung sprechen, dann liegt das an quantifizierend arbeitenden Forschern wie Kevin O’Rourke und Jeffrey G. Williamson oder Cornelius Torp, die die Jahre ab ca....



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