Kummer | Von schlechten Eltern | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Kummer Von schlechten Eltern

Roman
Die Auflage entspricht der aktuellen Auflage der Print-Ausgabe zum Zeitpunkt des E-Book-Kaufes.
ISBN: 978-3-608-11582-6
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-608-11582-6
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Mann kommt mit seinem Sohn zurück. Er hat seine Frau verloren und eines seiner Kinder in Los Angeles zurückgelassen. Nachts fährt er als Chauffeur durch sein Heimatland, das ihm Himmel und Hölle zugleich ist, auf der Suche nach einem neuen Leben. Der Erzähler Tom arbeitet als VIP-Fahrer, holt hohe Angestellte von Pharmaunternehmen und Diplomaten vom Flughafen ab und bringt sie nach Zürich oder Bern. Unterwegs durch die Nacht entspinnen sich Dialoge, die von großer Fremdheit und unheimlicher Intimität sind. Währenddessen führen die Gedanken des Fahrers immer auch weg von der Straße, hin zu den Wanderungen mit seinem Vater zum schwarzen Mönch, noch öfter hin zu Nina, seiner verstorbenen Frau. Sie ist Gast auf jeder Fahrt, flüstert ihm ein, zieht ihn hin zu den Narben der Landschaft. Orte, an denen schwere Unfälle geschehen sind, Flugzeugabstürze und andere Machtproben des Schicksals. Morgens nach der Arbeit setzt er sich ans Bett seines schlafenden Sohnes, legt die Hand auf seine Haut, versucht, eine Zukunft zu sehen. Auf dunstverhangenen Straßen nähert sich Tom Kummer auf eindringliche Weise der großen Unbekannten des Lebens: dem Tod.

Tom Kummer, geboren 1961 in Bern, ist ein Schweizer Autor. Als Journalist löste er im Jahr 2000 wegen fiktiver Interviews einen Medienskandal aus. Nach mehreren Jahren in Los Angeles mit seiner Familie, lebt er wieder in Bern. Er schrieb u.a. »Good Morning, Los Angeles - Die tägliche Jagd nach der Wirklichkeit« (1997) und »Blow Up« (2007). Seine Romane »Nina & Tom« (2017) und »Von Schlechten Eltern« (Shortlist Schweizer Buchpreis 2020) wurden von der Kritik gefeiert.
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1


01:30. Landstraße, Fahrtrichtung Osten. Kein Gegenverkehr. Tote Dörfer, als gäbe es eine Ausgangssperre. Ich streichle das Lenkrad, das Leder der Handschuhe knirscht leise. Mein Fahrgast diktiert das Reiseziel. Im Kopf fahre ich, wohin ich will.

Auf gerader Strecke nahe Lausanne. Die Straße schimmert matt wie von Asche überzogen. Ich schalte alle Lichter aus, nehme beide Hände vom Steuer und gleite in die Dunkelheit, bis ein Wunder geschieht: Auf der Windschutzscheibe erscheint ein Gesicht – männliche Nase, volle Lippen, blaue Augen.

Mehr als fünf Sekunden Geisterfahrt schaffe ich selten. Auf den Armaturen leuchten jetzt die Warnsignale des Intelligent Driving Systems. Ich schalte die Abblendlichter wieder ein, schiebe die rechte Hand zwischen meine Beine und werfe einen Blick in den Rückspiegel. Mein Passagier schläft.

Ich habe ihn vor der Genfer Hauptzentrale der Banque Nationale de Paris abgeholt. Er sei Geschäftsmann aus Dakar-Senegal, informierte die Zentrale. VIP-Status. Er spreche Französisch. Reiseziel: Hotel Bellevue, Bern.

Ich schlucke die rote Tablette. Sie soll mich wachhalten. Drücke meine Hand tiefer in den Schoß. Fühlt sich an, als ob sich elektrisch geladene Fäden von den Fingerspitzen durch den ganzen Körper spinnen würden. Bei Vevey gleite ich auf die Autobahn, weiter östlich erscheinen Umrisse, wie Ruinen einer verbrannten Stadt: Montreux. Mein Blick fällt auf das Foto am Armaturenbrett. Es zeigt Vincent und Frank mit ihrer Mutter. Ich starre sie an, als seien sie mir eine Antwort schuldig.

Irgendwann erwacht mein Passagier. Er hustet. Ich blicke in den Rückspiegel. Er schaltet sein iPad ein. Ein kräftiger Afrikaner, Anfang vierzig, im viel zu engen Nadelstreifenanzug, mit roter Krawatte, Siegelring am Mittelfinger, ein Silberzahn glänzt im halboffenen Mund.

Er fragt jetzt, wie lange die Fahrt noch dauere.

Nicht mehr so lange, sage ich.

Er nickt und schaut durch das Seitenfenster. Auf dem Pannenstreifen stoßen Straßenarbeiter schwerbeladene Schubkarren Richtung Norden.

Was ist das für eine Gegend?, fragt er.

Greyerz. Hier wird Käse hergestellt.

Dieser berühmte Käse mit den großen Löchern?

Nein, kleine Löcher.

Er starrt wieder auf sein iPad, dann kurz in meinen Rückspiegel.

Ein See taucht in der Dunkelheit auf, die Oberfläche glänzt wie Glas.

Lac de la Gruyère, sage ich. Das ist der längste Speichersee der Schweiz.

Er starrt in die Schwärze.

In diesen Gewässern trieb ich als Kind. In einem Ruderboot. Vater fischte Forellen. Mittendrin liegt eine Insel, öde und gottverlassen. Bäume säumen das Ufer, die sich in der Düsternis wie Knochen abzeichnen.

Woher kommen Sie?, fragt mein Fahrgast.

Bern.

Sie sprechen Französisch mit englischem Akzent.

Ich nicke in den Rückspiegel und ziehe die Hand zwischen meinen Beinen hervor.

Hab lange in den USA gelebt.

Ich schalte das Radio ein, auf SRF 2 läuft klassische Musik. Der Gegenverkehr nimmt zu. Bei Freiburg verlasse ich die Autobahn.

Was gefällt Ihnen an der Schweiz?

Ich richte den Rückspiegel.

Die Nacht. Sie beruhigt mich.

Die Nacht? Das ist alles?

Tagsüber schlafe ich.

Er starrt jetzt auf das Foto am Armaturenbrett.

Ist das Ihre Familie?

Ja.

Nieselregen. Verschmierte Windschutzscheibe.

Intelligent Driving System meldet sich zurück. Scheibenwischer einschalten.

Blick in den Rückspiegel. Er lässt nicht locker.

Und Ihre Frau ist bei den Kindern, während Sie arbeiten?

Nein. Sie ist tot.

Der Afrikaner schaut zur Seite, lockert seinen Krawattenknoten.

Das tut mir leid.

Für einen Moment sehe ich ihn an seiner Krawatte von einem Baum hängen. Vielleicht ist es die Langeweile.

Sie sind alleinerziehender Vater?

Ja.

Keine Frau in Aussicht?

Er spielt weiter mit seiner Krawatte.

Ich bin nicht allein, sage ich und studiere die roten Muster auf dem zu breiten Ding.

Ich halte mir eine Schweizer Hausangestellte, die ich übers Internet buche.

Stille. Der Senegalese hustet, als ob er sich verschluckt hätte.

Dann beugt er sich vor, Schweiß auf seiner Stirn, er legt die Hand auf meine Rückenlehne.

A Swiss maid, really?

Ja, sieht sogar aus wie meine verstorbene Frau. Ein Avatar.

Er blinzelt.

Ein Avatar?

Ja.

Und wie sind Schweizer Hausangestellte, die man im Internet buchen kann?

Er hat Feuer gefangen.

Die sind total verrückt nach Senegalesen, antworte ich und grinse.

Mein Fahrgast starrt reglos in den Rückspiegel. Dann lässt er sich in seinen Sitz zurückfallen und klatscht amüsiert in die Hände.

Mon dieux, Sie machen mir vielleicht Spaß! Fast hätte ich Ihnen geglaubt. Schweizer Haushälterinnen? Das gibt es doch nicht.

Er blickt wieder auf das Foto.

Stille.

Meine Frau ist vor drei Jahren in Dakar gestorben. An Gelbfieber, sagt er.

Er schaut in die Schweizer Nacht.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich blicke in den Rückspiegel.

Daran glaube ich nicht, Monsieur.

Wieso glauben Sie nicht daran?

Menschen sind biologische Maschinen. Wir funktionieren. Nach dem Tod verrotten wir. Das ist alles.

Das glauben Sie?

Ich lüge ihn an. Ich lüge sie alle an.

Der Senegalese beugt sich wieder vor.

Glauben Sie nicht, dass wir göttliche Wesen sind, mit einer unsterblichen Seele und einem ewigen Geist?

Nein, das glaube ich nicht.

Ich schon. Wir können in ein vergangenes Leben zurückkehren und dort mit unseren Toten sprechen.

Er deutet auf das Foto. Ich reagiere nicht.

Andere Fahrer montieren hier ein Kreuz. Oder Bilder von Haustieren. Obwohl uns die Zentrale verboten hat, Persönliches im Wagen auszustellen. Wenn ich mein Foto lange genug anschaue, schießen die Stromschläge bis zum Hals.

Sie spannt Fäden in mir. Manchmal spüre ich ihren Würgegriff, so fest, dass mir die Luft wegbleibt. Natürlich kennt der Senegalese die Wahrheit: Die Toten kehren zurück. Sie kontrollieren dein Leben. Aus Rache. Vielleicht will sie mich umbringen.

02:55. Wir nähern uns der Stadt. Der Turm der Verbrennungsanlage glimmt im roten Kunstlicht, sie gleicht einem riesigen Schiff aus Beton. Mein Passagier kann nichts erkennen. Er ist wieder in sein iPad vertieft. Er sieht nicht die Kolonnen von alten Menschen. Klein und gebeugt bewegen sie sich, gestützt auf ihre schwarzen Stöcke, zur Verbrennungsanlage. Dann der lange Boulevard Richtung Stadtzentrum.

Bern ist eine Geisterstadt, kalt und trostlos. Ich sehe Obdachlose, die beim Weltpostdenkmal um ein Feuer stehen und beten. Asche schwebt über dem Asphalt. Schwärme von Krähen säumen die Bundesgasse. Streunende Hunde trotten Richtung Hauptbahnhof. Hinter den Regierungsgebäuden leuchten die Alpen im Mondlicht. Dann sind wir am Ziel: Hotel Bellevue. Ein Nachtportier steht bereit. Ich steige aus. Der Senegalese umarmt mich wie einen alten Freund.

Swiss Maids, flüstert er in mein Ohr. Er klopft mir grinsend auf die Schulter.

Sie sind ein großer Spaßvogel, mon vieux!

Er will mir zwanzig Franken Trinkgeld geben. Ich lehne ab.

Als ich das Kinderzimmer betrete, liegt Vincent auf dem Bett, mit ausgebreiteten Armen, wie ein Engel. Draußen, über dem Haus, kreisen die Krähen. Sie sind mir bis in den Ostring gefolgt. Ich ziehe mich aus, die Handschuhe zuletzt, und lege mich neben meinen Sohn. Wie immer, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Ich lausche seinem Atem, streichle seine Stirn, dann die nackte Brust. Betrachte die Form seines Bauchnabels. Dann küsse ich seinen zarten Hals. Irgendwann sucht Vincents Hand mein Gesicht. Sie tastet sich von meinem Hals zum Mund vor. Sanft berührt sie meine Augenbrauen, so sanft, als sei meinem zwölfjährigen Sohn längst klar geworden, dass ich ihn mehr brauche als er mich. Erst als es draußen hell wird, werde ich müde. Ich sollte das Frühstück vorbereiten. Ein neuer Schultag beginnt. Vor dem Kinderzimmerfenster treiben Rauchschleier vorbei. Weiter südlich leuchten Eiger, Mönch und Jungfrau in der Morgensonne. Ich küsse seine Stirn und lege meinen Kopf an seinen. Ein schutzloses Baby, das seine Eltern braucht. Manchmal zucken seine geschlossenen Augenlider. Es hat Nächte gegeben, da habe ich zu weinen begonnen, während ich sein schlafendes Gesicht...


Kummer, Tom
Tom Kummer, geboren 1961 in Bern, löste als Journalist im Jahr 2000 wegen fiktiver Interviews einen Medienskandal aus. Nach mehreren Jahren in Los Angeles, lebt er als Autor wieder in Bern. Seine Trilogie, bestehend aus Nina & Tom, Von schlechten Eltern (Shortlist Schweizer Buchpreis 2020) und Unter Strom, wurde von der Kritik gefeiert.

Tom Kummer, geboren 1961 in Bern, löste als Journalist im Jahr 2000 wegen fiktiver Interviews einen Medienskandal aus. Nach mehreren Jahren in Los Angeles, lebt er als Autor wieder in Bern. Seine Trilogie, bestehend aus Nina & Tom, Von schlechten Eltern (Shortlist Schweizer Buchpreis 2020) und Unter Strom, wurde von der Kritik gefeiert.



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