E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Labisch / Scherm JENSEITS DER TRAUMGRENZE
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95765-795-4
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anthologie
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-95765-795-4
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marianne Labisch wurde 1959 in München geboren. Aufgewachsen ist sie in NRW. Seit 2002 lebst sie in Süddeutschland. In ihrer Freizeit schreibt sie Kurzgeschichten und Romane und malt Bilder und Illustrationen. Gerd Scherm, 1950 in Fürth geboren, lebt in einem alten Fachwerkgehöft auf der Frankenhöhe. Er ist als Schriftsteller und bildender Künstler tätig. Als Autor hat er eine Vielzahl von Dramen, Lyrik, Erzählungen und Romanen veröffentlicht, außerdem ist er als Herausgeber aktiv. Bekannt wurde er auch durch seinen ironischen Roman 'Der Nomadengott' und seine Satiren. Außerdem schreibt er Texte für Musik, die von mehreren Komponisten vertont wurden - Songs, Chansons, Liederzyklen bis zu Oper und Oratorium. Gerd Scherm wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, dem Deutschen Phantastik Preis und zuletzt 2020 mit dem Gregor Calendar Award of Excellence für 'Traditionelle Druckkunst'. Seine Grafiken und Illustrationen wurden in Ausstellungen in 33 Ländern gezeigt - von Europa bis Neuseeland, von Kanada bis Japan.
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Jol Rosenberg: Auf Abwegen
Lora starrte in den Schneesturm vor dem Fenster und nippte an ihrem Tee. Die Blechwände des Containers dämpften das Toben und Fauchen kaum, es übertönte fast die Stimme des Radiosprechers.
»… Forschende interpretieren dies als erste Hinweise auf Versuche der Kontaktaufnahme einer außerirdischen Spezies. Allerdings ist es bislang nicht gelungen, die Quelle der Signale ausfindig zu machen …«
Lora schaute ungläubig das Radio an und schluckte, bevor ihr der Tee aus dem offenen Mund rann. Bislang hatte sie den Sender für seriös gehalten. Aber vielleicht war es egal. Das meiste, was draußen in der Welt passierte, war egal. Abgesehen vom Klimawandel, der die Gletscher abschmelzen ließ und dafür sorgte, dass ihr kleines Paradies schneller unter ihrem Hintern wegschmolz, als sie denken konnte. Aber darum scherte sich da draußen niemand, außer einer Handvoll Jugendlicher, denen niemand zuhörte. Missmutig nahm Lora einen weiteren Schluck aus der angeschlagenen Tasse. Wenn es Außerirdische gäbe, kämen die sicher nicht hierher, zu ihrer abgelegenen Station in Grönland. Niemand kam hierher, von den gelegentlichen Versorgungshubschraubern einmal abgesehen. Und nicht einmal die landeten hier, sondern in Zackenberg, von wo aus sie alles mit dem Motorschlitten herüberholte. Wenn genug Schnee lag.
Immer wieder sagten die Leute dort, dass es Unsinn sei, ihren Außenposten aufrechtzuerhalten. So besonders waren Loras Wetterdaten nicht. Und selbst wenn man ihre Messstation erhalten wollte, konnte man von Zackenberg herüberfahren – wenn es gelang, den Rest zu automatisieren, sodass nur alle paar Wochen eine Wartung nötig wäre. Lora hielt nichts vom Automatisieren. Sie belud stets stur ihr Fahrzeug und fuhr wieder weg.
Es reichte ihr völlig, alle drei Wochen jemanden zu sehen. Solange die Position ihren Lebensunterhalt sicherte, war sie zufrieden. Sie und die Wetterstation, mehr brauchte sie nicht.
Das war nicht immer so gewesen.
Nach Banus Tod hatte sie sich zunächst in Kontakte geworfen. Partys, Dates, Konzerte – alles nur, um nicht allein zu sein. Dann zog sie sich zurück. Erfand Ausreden, um niemanden treffen zu müssen. Ihre Freunde bemühten sich um sie. Redeten ihr gut zu, luden sie immer wieder ein. Immer mit diesem mitfühlenden Blick, der Lora an Banu erinnerte. An die, die fehlte. Als habe ihr Tod ein schwarzes Loch in Loras Leben gerissen, das die Blicke der Freunde einsaugte, bevor sie Lora erreichen konnten. Banus Tod hatte ein Loch in Loras Leben gerissen. Sie wollte nur nicht ständig daran erinnert werden.
Diese Stelle war ihr wie eine Rettung vorgekommen: Niemand, der etwas von ihr wollte. Keine Verlockungen. Keine Erinnerungen. Nur sie und die Natur, die hier draußen riesig erschien. Die Natur würde sie heilen, davon war Lora überzeugt.
Vor dem Fenster peitschte der Wind die Flocken fast horizontal vorbei. Sie musste da raus, den kurzen Tag nutzen. Kein angenehmer Ausflug bei einer Sichtweite von nur wenigen Metern. In letzter Zeit funktionierte die Wetterstation öfter mal nicht und zeichnete Werte auf, die beim besten Willen nicht stimmen konnten. Lora hoffte bloß, die Geräte hielten noch eine Weile durch. Jeder Cent, den das Institut für die Station ausgeben musste, führte nur wieder zu der Überlegung, ob man sie nicht besser aufgeben sollte.
Lora nahm den dicken Daunenanorak vom Haken und schnürte die Schneestiefel. Sie überprüfte, ob der Rucksack alles enthielt, was sie brauchte – eine reine Routinesache. Sie hatte die Sachen seit dem letzten Check nicht ausgepackt. Aber bei dem Wetter konnte sie es sich nicht leisten, etwas zu vergessen. Nun noch Schneebrille und Gesichtsmaske zurechtrücken. Dann trat sie vom Vorraum hinaus ins Freie.
Sofort griff der Wind nach ihr. Schneeflocken wehten auf die Brille. Lora stemmte sich gegen die Tür, drückte sie in den Rahmen und prüfte, ob sie wirklich geschlossen war. Sie hatte keine Lust auf Schnee im Haus. Ums Abschließen musste sie sich nicht kümmern, niemand kam hier vorbei. Und wenn doch, konnte ein offenes Haus über Leben und Tod entscheiden. Aber richtig geschlossen musste die Tür sein. Lora rüttelte daran, nickte zufrieden und stapfte los.
Sie kannte den Weg gut. Fünfzehn orangerote Stangen, die ihr den Weg wiesen und dann die Station, ein winziges brusthohes Häuschen mit einer Antenne. Selbst bei dem Wetter war es kein langer Ausflug. Sie streifte die Handschuhe ab, öffnete mit klammen Fingern das Gehäuse und entnahm die Aufzeichnungskartusche. Eine zähflüssige, hellbraune Pampe klebte daran. Bei der Kälte war normalerweise alles gefroren. Das, was da an ihren Fingern klebte, war es nicht. Es fühlte sich nicht einmal kalt an. Loras Nackenhaare stellten sich auf. Mit zitternden Fingern wechselte sie die Kartusche und schraubte alles wieder zu. Sie führte die Hände vor die Brille, aber die wirbelnden Flocken ließen sie nichts erkennen außer dem, was sie schon wusste: braune Pampe. Kurz entschlossen steckte sie die Hände in den frisch gefallenen Schnee und rieb sie kräftig gegeneinander. Dann streifte sie die Fäustlinge über und marschierte zurück zum schützenden Container. Ihre Hände prickelten.
Loras Zuhause war winzig: Ein einzelner Raum, der gleichzeitig als Küche, Schlafraum und Labor diente. Davor der Windfang mit der kleinen Nasszelle, in der es nie wirklich warm wurde. Sich zu waschen, wurde eindeutig überbewertet. Lora tat es vor ihren Ausflügen nach Zackenberg, tendierte aber sonst dazu, nur die nötigsten Stellen zu benetzen.
Als sie sich aus ihrer Kleidung geschält und diese zum Trocknen aufgehängt hatte, betrachtete sie ihre Hände. Der normale Ockerton schien etwas rötlicher als normal, ansonsten sahen sie aus wie immer. Was auch immer sie da draußen gesehen hatte, jetzt war es weg. Lora ging zur Nasszelle und wusch sich sorgfältig; sicher war sicher. Dann setzte sie sich an die Analyse der Wetterdaten.
Der Sturm heulte die ganze Nacht hindurch. Lora lag im Bett unter den dicken Decken und schaute in die Dunkelheit, die nur vom Schein einiger LEDs punktiert wurde. Sie hatte das Satellitentelefon nicht aufgeladen. Ihr Vater würde schimpfen, weil er vergeblich versuchte, sie zu erreichen. Aber bei dem Wetter war die Verbindung ohnehin zu schlecht, um sich zu unterhalten. Gleich morgen früh würde sie sich darum kümmern.
Lora erwachte im Dunkeln. Die Heizung hatte sich eingeschaltet; die Hand, die sie vorsichtig unter den Daunen hervorstreckte, fror nicht sofort. Lora schlug die Decken beiseite und tappte zum Lichtschalter. Sie steckte den Akku des Telefons in die Ladestation. Dann zog sie sich die Jacke über und machte Frühstück: Wasser aufsetzen, die Marmelade ins Warme holen, den Tisch decken. Krümel zogen sich in Schlangenlinien über die Kunststoffplatte des Tisches.
Lora nahm den Lappen und setzte zum Wischen an, dann hielt sie inne. Sie war sich sicher, den Tisch nicht schmutzig hinterlassen zu haben. Und schon gar nicht hatte sie Muster aus Brötchenkrümeln erzeugt. Die Krümel waren in Wellenlinien arrangiert. Lora legte den Kopf schief. Sinuskurven, das waren sie. Konnten die durch Vibrationen entstanden sein? Sie atmete langsam ein und noch langsamer wieder aus. Hier vibrierte nichts. Außer dem Dieselaggregat draußen, aber davon war drinnen nichts zu spüren. Und es gab keine Mäuse. Es gab auch keine Insekten. Mit dem Zeigefinger schob sie vorsichtig einen der Krümel nach oben. Sie holte die Kamera und machte ein Foto. Danach taute sie ein Brötchen auf und aß im Stehen.
Etwas später hatte sie Messgeräte mit dem Tisch verbunden. Vielleicht übertrugen sich die Schwingungen des Aggregats doch in ihren Wohncontainer. Wenn das so wäre, wollte sie wissen, was sich verändert hatte. Eigentlich sollte sie andere Schwingungen messen. Und sie musste dem Gletscher einen Besuch abstatten.
Am Abend lagen die Brötchenkrümel wieder in zwei perfekten Sinuskurven. Mit zitternden Fingern machte Lora ein Foto. Dann klingelte das Telefon.
»Lora, Mädchen, geht es dir gut?« Die Stimme ihres Vaters drang klar an ihre Ohren. Als stünde er neben ihr. Lora empfand das nicht als Vorteil.
»Ja«, behauptete sie. Wenn sie ihm von den merkwürdigen Krümeln erzählte, würde er ihr nur wieder Vorhaltungen machen, warum sie allein da draußen blieb und wie gefährlich das sei und blabla.
»Du klingst aber nicht so.«
»Nicht?«
»Du klingst besorgt.«
»Ich bin nicht …« Doch, sie war besorgt. Und sie würde ihn nicht vom Gegenteil überzeugen können. Egal, was sie sagte. Ihr Vater hatte ein Gespür für ihre Stimmungen, auch wenn er nie wirklich auf sie einging. »Es gibt hier eine Kleinigkeit, die mich etwas irritiert«, gab Lora zu.
»Schmelzen die Gletscher wieder stärker ab?«
»Nein. Also ja, das tun sie, aber das ist nicht neu.«
Ihr Vater entgegnete nichts. Er wartete. Wie eine Spinne im Netz. Und sie tapste mit traumwandlerischer Sicherheit hinein.
»Da sind merkwürdige Krümel auf dem Tisch.«
»Krümel …«
Sie hörte sich dabei zu, wie sie ihm alles erzählte.
»Kind, du bist zu viel allein«, sagte er, als sie fertig war. »Ich werde dem Institut Bescheid geben. Die müssten dich da rausholen!«
»Nein!« Wie alt musste sie werden, um ihm gegenüber zu schweigen? »Das! Wirst! Du! Nicht! Tun!«
Als habe er sie nicht gehört, wechselte ihr Vater das Thema. Er habe gestern eine Ausstellung über den frühen Beuys besucht und die … Lora war so wütend, dass sie ihm nicht zuhörte. Sie sah hinüber auf die Sinuskurven. Erst jetzt fiel ihr die...




